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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Thomas Thiemeyer/Jackie Feldman/Tanja Seider (Hg.)

Erinnerungspraxis zwischen gestern und morgen. Wie wir uns heute an NS-Zeit und Shoah erinnern. Ein deutsch-israelisches Studienprojekt

Tübingen 2018, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 226 Seiten mit Abbildungen, zum Teil farbig
Rezensiert von Lena Möller
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2019

Der vorliegende Sammelband ist das Resultat eines drei- und eines zweisemestrigen Studienprojektes, in dessen Rahmen Studierende des Ludwig-Uhland-Instituts in Tübingen und aus dem Rabb Centre for Holocaust Studies der Ben Gurion University of the Negev in Israel gemeinsam der Frage nachgingen, welche Veränderungen sich aktuell in der deutschen und israelischen Erinnerungskultur bezüglich der NS-Zeit und der Shoah abzeichnen. Besondere Berücksichtigung fand dabei die Frage, „wie NutzerInnen und AkteurInnen sich heute die Geschichte der NS-Zeit und ihrer Massenverbrechen aneignen beziehungsweise wie sie diese vermitteln“ (7). Projektleiter Thomas Thiemeyer betont in seiner Einleitung, dass sich in Wissenschaft, Kunst und politischen Bildungsinstitutionen ein Perspektivwechsel zeige, der den Blick nicht mehr ausschließlich auf die NS-Vergangenheit, sondern verstärkt auf den heutigen Umgang mit dieser Zeit richtet. So gäbe es ein neues Interesse an der gelebten Geschichtskultur der vermittelnden Institutionen, ihren BesucherInnen und an den sozialen Praktiken, die in der Erinnerungskultur wirken (9).

Der Band vereint elf Beiträge von Studierenden und Dozierenden, die sich anhand exemplarischer Felder aktuellen sozialen Praxen des Erinnerns widmen und die Frage verhandeln, auf welche Weise eine zukünftige Erinnerungskultur gestaltet werden kann. Immerhin vermerkte der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba bereits im Jahr 2005, dass die Beschaffenheit des Geschichtswissens maßgeblich von den kleinen Konzepten der alltäglichen Gedenkpraxis beeinflusst wird. Aktuelle Herausforderungen wie der Tod der letzten Zeitzeugen und eine Symbolsprache des Gedenkens, die von einer jüngeren Generation nicht mehr verstanden wird, erfordern deshalb neue ästhetische und emotionale Zugänge.[1] Deren Erprobung wird im Rahmen der Aufsätze auf eine sehr anschauliche Weise vermittelt, wobei sich die Beispiele eng am aktuellen Zeitgeschehen orientieren. Dabei erfolgt sowohl eine deutsche als auch eine israelische Perspektivierung. Beschrieben wird eine Erinnerungskultur beider Länder, die auf Konzepten einer „analogen“ Zeit beruht, aber Impulse aus einer neuen Generation benötigt, was sich bereits durch den Titel „Erinnerungspraxis zwischen gestern und morgen“ ankündigt. Gleichzeitig signalisieren die Aufsätze, „dass der Umbau unserer Erinnerung an die NS-Zeit und an die Shoah in eine ,performative Erinnerungskultur‘ führen könnte“ (18), in welcher die aktive Teilhabe in Gedenkinitiativen und eine individuelle Aneignung durch zeit- und ortsunabhängige Vermittlungsformen eine maßgebliche Rolle spielen. Daraus resultieren auch neue Wege, die einen stärkeren dialogischen Fokus setzen sowie diskursiv und interaktiv angelegt sind (19).

Zunächst jedoch gewährt Jackie Feldman, Associate Professor in Sociology and Anthropology an der Ben Gurion University of the Negev, in seinem Aufsatz „Re-Presenting the Shoah and the Nazi Past“ einen reflektierten Einblick in den Projektverlauf. Anhand einschlägiger Interviewaussagen israelischer und deutscher Studierender während der internationalen Zusammenarbeit wird deutlich, wie unterschiedlich mitunter ihre ästhetischen und ethischen Ansätze sind, wenn es um eine angemessene Repräsentation des Holocaust geht. So resümiert Feldman, dass das Projekt ohne Zweifel zu einer Relativierung der nationalkulturellen Perspektiven beitrug, indem man sich mit den jeweils anderen Strategien der Vergangenheitsbewältigung auseinandersetzte (44).

Der erste Abschnitt des Sammelbandes thematisiert die ortsbezogene Erinnerungsarbeit, insbesondere an den Museen und Gedenkstätten, aber auch im privaten Raum. Maria Blenich und Sarah Ullrich eröffnen das Kapitel mit einem Aufsatz über den Generationswandel an den KZ-Gedenkstätten Hailfingen-Tailfingen und Bisingen, wo Fragen einer Nachfolgerschaft im Raum stehen. Hier fordert eine nachwachsende Generation im Rahmen der Besucherführungen verstärkt die Hinwendung zu einer „auratisierenden“ Vermittlungspraxis. Der Ort an sich sei es, der zukünftig über sensorische und emotionale Eindrücke Nähe zum einstigen Geschehen schaffen soll (73). Valery Cordoval und Ella Banyan thematisieren in ihrem Aufsatz „Personalizing the Narrative in the 21st Century“ die informellen Gedenkveranstaltungen im privaten Raum, wie sie seit einigen Jahren am offiziellen israelischen Gedenktag an die Shoah im heimischen Wohnzimmer abgehalten werden. Das Erinnern ist hier nicht an eine konkrete Örtlichkeit gebunden. Vielmehr stehen beim „Zikaron BaSalon“ die Erzählungen von ZeitzeugInnen im Mittelpunkt, wobei jeder Gast ein persönliches Erinnerungsstück mit Bezug zur Shoah mitbringt. Diese Form der Erinnerungspraxis wird von den Autorinnen als Alternative zu staatlichen Gedenkveranstaltungen beschrieben, bei der die Erinnerung wieder verstärkt mit Emotionen verknüpft wird (84). Marlene Kirschbaum und Rosalie Möller beschäftigen sich schließlich in ihrem Beitrag „Erinnerung im öffentlichen Raum“ mit den Herausforderungen dezentraler Gedenkorte am Beispiel der App „Orte der NS-Zeit in Reutlingen 1933–1945“ und der „Stolperstein-Initiative Tübingen“. Dabei stellen sie fest, dass die Gedenkinitiativen digitale Ansätze für das Erreichen jüngerer Zielgruppen verwenden, jedoch noch nicht ausreichend mit den Sprachregeln und Darstellungsformen vertraut sind, die diese Generation bereits verinnerlicht hat. Auch städtische Interessen und Beschränkungen sowie die Schwierigkeit, Schülerinnen und Schüler in die Projekte einzubinden, werden im Artikel angesprochen (105 f.).

Mit dem Abschnitt „Medien“ vollzieht der Band einen Wechsel von den Orten des Erinnerns hin zu ihrer medialen Verhandlung. Besonders im Fokus stehen die virtuellen Räume der digitalen und sozialen Medien. Während Tanja Seider unter dem Titel „Inszenierungen in den Filmen Austerlitz und #uploading_holocaust“ die Praktiken des Shoah-Gedenkens anhand zweier Dokumentarfilme analysiert und dabei die Erzeugung starker Emotionen als ein zentrales Charakteristikum der israelischen Gedenkkultur herausarbeitet (126), nimmt Berit Zimmerling die „Gästebücher in Gedenkstätten“ als Emotionsträger und Kommunikationshilfen in den Blick. Dabei entwickelt Zimmerling die These, dass Gästebücher in den 1990er Jahren, als die Trauerarbeit in den Hintergrund und die Informationsarbeit in den Vordergrund rückte, ihr Potential als Kommunikationsmedien entfalteten. So böten sie BesucherInnen die Möglichkeit, sich kritisch zu den Konzepten zu äußern, dabei wiederkehrende Wortmuster aufzugreifen und ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen (142). Einer anderen Form der emotionalen Verarbeitung eines Gedenkstättenbesuchs widmet sich Oksana Hinka in ihrem Aufsatz „Im Fokus“ über die Gedenkstättenfotos in sozialen Netzwerken. Anhand einschlägiger Fotografien, die NutzerInnen von ihrem Besuch einer Gedenkstätte auf der Online-Plattform „Instagram“ hochgeladen haben, greift sie wiederkehrende Motive auf und stellt Bezüge zwischen Bild und Text her. Mike Nienhaus schließt das Kapitel mit dem praxeologischen Aufsatz „Ein Erinnerungsobjekt zwischen Kunst und Souvenir“ über die Terrakottafiguren des Künstlers Jochen Meyder, welche 10 654 Opfer der ehemaligen NS-Tötungsanstalt Grafeneck repräsentieren. Da die Besucher die Figuren als Andenken mit nach Hause nehmen können, dokumentierte Nienhaus, welche Aneignung der Objekte erfolgt und mit welchen Bedeutungen die Figuren aufgeladen werden.

Der letzte Abschnitt des Buches widmet sich unter dem Schlagwort „Menschen“ den AkteurInnen selbst, welche die Erinnerungen und das Gedenken an den Holocaust gestalten. Genannt sei zunächst der israelisch perspektivierte Aufsatz „Mediating the Discourse“ von Eliza Frenkel, die Gästeführer im Jerusalemer Yad Vashem Museum begleitet hat. Verglichen werden die differenten Führungsstile zweier Guides aus unterschiedlichen Generationen, die im Rahmen der Dauerausstellung jeweils ganz eigene Rollen verkörpern und damit verschiedene Emotionen und Zielgruppen ansprechen. Hannah Gröner legt ihren Fokus hingegen auf das Konzept der „Jugendguides“ in ihrem gleichnamigen Aufsatz über die neuen Ansätze im Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb. Dieser informiert über die Durchführung der Ausbildungsprogramme in Baden-Württemberg und die Hoffnungen, die mit diesem Ansatz verknüpft sind, der sich am Ideal der freien, selbstgesteuerten Aneignung von Geschichte orientiert (203). Im Beitrag „Shoah Education in a Diverse Society“ beschäftigen sich Anna Lichinitzer und Daniel Yeshua mit der Frage, wie das Gedenken an die Shoah durch „Bedouin Arab History Teachers“ vermittelt wird. So heißt es: „The concept of Shoah remembrance as a national achievement makes it a model worthy of learning and copying for other peoples who have experienced trauma.“ (187) Da die SchülerInnen mehrheitlich einen palästinensischen Hintergrund besitzen, wird die Shoah hier nicht speziell in Bezug auf das jüdische Leid, sondern vor dem Hintergrund von Flucht und Vertreibung von PalästinenserInnen als exemplarischer Fall menschlichen Leids vermittelt.

Durch die unterschiedlichen Forschungsperspektiven in den Kategorien „Orte“, „Medien“ und „Menschen“ findet der/die interessierte LeserIn im vorgestellten Sammelband sowohl eine akteurszentrierte, ortsbezogene als auch mediale Perspektivierung vor. Dabei zeigt sich deutlich, dass es neben der Herausforderung, dass jede Generation ihren eigenen Blick auf die Vergangenheit besitzt und andere Zugänge fordert, vor allem die Emotionen in der Gedenkpraxis sind, die in den Beiträgen wiederholt ihren thematischen Niederschlag finden. Der Transfer von den konkreten, „analogen“ Örtlichkeiten und Gegenständen des Erinnerns zu den Aushandlungen in „virtuellen“ Räumen greift die Forderungen nach neuen Zugängen und Vermittlungsformen auf, um den veränderten Bedürfnissen einer nachwachsenden Generation gerecht zu werden. Als besonders gewinnbringend erweist sich die israelisch-deutsche Zusammenarbeit, da sie einer engen nationalen Perspektivierung entgegenwirkt und ein selbstreflexives Forschen befördert. So gelingt ein transnationaler Blick, der sich praxisorientiert mit den Herausforderungen einer zukünftigen Gedenk- und Erinnerungspraxis auseinandersetzt. Insgesamt bietet der Sammelband viele mögliche Anknüpfungspunkte für kulturwissenschaftliche Vertiefungen und leistet einen gelungenen Beitrag für die Kultur- und Geschichtsvermittlung in Museen, Schulen und Gedenkstätten und die aktuellen universitären Diskurse rund um eine lebendige zukünftige Erinnerungslandschaft.

Anmerkung

[1] Vgl. Wolfgang Kaschuba: Gedächtnislandschaften und Generationen. In: Petra Fank u. Stefan Hördler (Hgg.): Der Nationalsozialismus im Spiegel des öffentlichen Gedächtnisses. Formen der Aufarbeitung und des Gedenkens. Festschrift für Sigrid Jacobeit. Berlin 2005, S. 183–196, hier S. 193–196.