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Aktuelle Rezensionen


Ingrid Bertleff/Eckhard John/Natalia Svetozarova

Russlanddeutsche Lieder. Geschichte – Sammlung – Lebenswelten. Bd. 1: Liedgeschichten und Editionen, Bd. 2: Analysen und Quellen

(Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa 52), St. Petersburg/ Freiburg im Breisgau 2018, Institut für Russische Literatur (Puškinskij Dom) der Russischen Akademie der Wissenschaften/Albert-Ludwigs-Universität, 2018, Bd. 1: 533 Seiten mit Notenbeispielen, Bd. 2: 431 Seiten mit Abbildungen, Tabellen
Rezensiert von Hans-Werner Retterath
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 19.08.2019

Gegenstand des vorliegenden zweibändigen Werks ist „die Geschichte traditioneller Lieder in russlanddeutschen Lebenswelten“. Die im Jahre 2000 begonnenen Forschungen basieren auf der Sammlung traditioneller Lieder deutscher Siedler in Russland, die der sowjetische Sprachwissenschaftler Viktor Žirmunskij (1891–1971) in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre als Grundlage des „Deutschen Volksliedarchivs Leningrad“ zusammengetragen hatte. In Zeiten frostiger politischer Beziehungen muss hier besonders die langjährige und fruchtbare Kooperation zwischen WissenschaftlerInnen in Freiburg im Breisgau und St. Petersburg hervorgehoben werden, weshalb die beiden Bände auch als gemeinsame Publikation des Instituts für Russische Literatur, St. Petersburg, und der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg, erschienen sind.

Der erste Band beginnt mit einem einführenden Artikel über Lieder als kulturelles Gedächtnis (I, 21–42), in dem Eckhard John den Volksliedbegriff erörtert und das unterschiedliche Volksliedinteresse beleuchtet: zum einen zwecks Konstruktion einer Ethnie (z. B. bei Johannes Erbes und Peter Sinner) und zum anderen aus linguistischer Perspektive (z. B. bei Viktor Žirmunskij). Weiter erwähnt John im Gegensatz zu den Sammelnden die Geringschätzung des „Volksliedes“ durch die Singenden bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Abschließend geht er auf die kolonistischen Lieder „als die eigentlichen russlanddeutschen Popularlieder“ (I, 33) ein, die vor Ort und von den Russlanddeutschen geschaffen worden seien. Dazu skizziert er die zeitgenössischen Umstände und die dörfliche Lebenswelt, die die unterschiedlichen Liedinhalte prägten. Die Ausführungen enden mit Thesen zur differenten Verbreitung der Lieder.

Auf diese Einführung folgt die kommentierte Edition von 86 Liedern – nur selten mit Noten, teilweise mit Melodieangabe. Die allermeisten liedgeschichtlichen Darstellungen, die sich am Historisch-kritischen Liederlexikon (www.liederlexikon.de) orientieren, wurden von Ingrid Bertleff verfasst. Mit am eindrucksvollsten sind die Erläuterungen zum Wolhynienlied („Aus Wolhynien sind gezogen“; I, 132–147). Hier zeigt John unter anderem anhand von sechs Varianten, wie die ursprüngliche Fassung eines Liedes vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Ereignisse umgedichtet worden ist. Das wohl im St. Petersburger Gebiet 1917 entstandene Lied thematisiert die Deportation der grenznahen russlanddeutschen Bevölkerung nach Sibirien im Ersten Weltkrieg. Nach Angaben zur Entstehung, zu den Autoren und zur Quellenlage folgt eine ausführliche Liedinterpretation mit Literatur zum Lied. Weiter geht es mit der Tradierungsgeschichte und Varianten des Liedes, das in Zeiten des „Volkstumskampfes“ selbst von Wissenschaftlern (hier: Alfred Karasek u. Kurt Lück: Die deutschen Siedlungen in Wolhynien. Leipzig 1931, S. 64) entsprechend umgeschrieben wurde. Während des Zweiten Weltkriegs in den besetzten „Warthegau“ umgesiedelte Russlanddeutsche machten aus dem Lied nach ihrer Flucht vor der Roten Armee ein „Flüchtlingslied“, in dem sie sich als „heimatlose Flüchtlinge“ präsentierten, das Leid der aus ihren Häusern vertriebenen Polen jedoch mit keiner Silbe erwähnten. Vergleichend verweist John auch auf die Variante, die die Flucht aus einer nichtsowjetischen Region behandelt („Aus der Batschka mussten wandern“). In der Sowjetunion schwand der geografische Bezug zu Wolhynien vollends, was für die weite Verbreitung des ursprünglichen Liedes spricht. Nun wurden nach der stalinistischen Deportation von 1941 im Lied die leidvollen Erfahrungen der Zwangsarbeit in der Trud-Armee („Aus der Heimat mussten ziehen“) thematisiert. Ergänzend ist anzumerken, dass nach jeder Variante Quellenangabe und editorische Anmerkungen folgen.

Den ersten Band beschließt nach einem Nachwort zur Bearbeitung der russlanddeutschen Lieder ein Melodien-, Incipit- und Ortsverzeichnis zu den zuvor besprochenen Liedern. Leider finden sich zu den Liedvarianten, die in den Verzeichnissen aufgeführt sind, keine Seitenangaben, so dass eine umständliche Erschließung nur indirekt über die im Inhaltsverzeichnis aufgeführten Lieder möglich ist.

Im zweiten Band werden zunächst im ersten Teil Aspekte traditioneller Lieder der Russlanddeutschen erörtert. Er beginnt mit einem Beitrag von Eckhard John („Russlanddeutsches ‚Volkslied‘. Geschichte und Analyse seiner Konstruktion“; II, 9–29), der unter dem gleichnamigen Titel mit minimalen Änderungen bereits 2003 erschienen ist (vgl. Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture 48 [2003], S. 133–161). Nach der Diskussion des Volksliedbegriffs untersucht John das erstmals 1914 gedruckte Lied „Das Manifest der Kaiserin“ (Katharina II.), das vermutlich schon 40 Jahre früher aufgekommen ist. Weiter räumt er mit der Legende auf, dass die ab 1763 nach Russland Auswandernden viele deutsche „Volkslieder“ mitgenommen und über die Jahrhunderte bewahrt hätten. Besonders anhand der kolonistischen Lieder verdeutlicht John, dass sie lange nach der Einwanderung vor dem jeweiligen zeit- und ortsgeschichtlichen Hintergrund entstanden sind.

Danach legt der Osteuropahistoriker Dietmar Neutatz dar, wie sich „kolonistische Lieder als Spiegel der Lebenswelt“ (II, 31–50) interpretieren lassen. Hierzu untersucht er das Verhältnis der Kolonisten zum Militärdienst, der als aufgezwungene Last abgelehnt wurde. Die Zeit des Ersten Weltkriegs sei anfangs von Loyalität gegenüber dem Zarenreich und nach der bürgerlichen Revolution von Hoffnungen gezeichnet gewesen, aber ab Ende 1917 hätten sich viele Russlanddeutsche wegen Plünderungen, Erschießungen und Hungersnot vom bolschewistischen Staat abgewendet. Zur sprachlich-kulturellen Identität und Akkulturation verweist Neutatz auf die starke Abgrenzung unter den russlanddeutschen Konfessionen und ein erst infolge der Diskriminierung im Ersten Weltkrieg entstehendes ‚russlanddeutsches‘ Bewusstsein (dessen Entstehung Historiker wie Dittmar Dahlmann erst im Gefolge des Zweiten Weltkriegs ansetzen). Neutatz schließt mit den alltäglichen Beziehungen zwischen Kolonisten und der umwohnenden Bevölkerung, wobei er Überlegenheitsgefühle auf russlanddeutscher Seite und Konkurrenzneid etwa beim Landerwerb anführt. Im Resümee hebt er weitgehend oder ganz fehlende Liedgruppen hervor, so etwa Kritik an der Obrigkeit und der Schule sowie soziale Konflikte, und bietet teilweise Erklärungen dafür an.

Natalia Svetozarova, russische Germanistin und Phonetikerin sowie die systematische Bearbeiterin des Nachlasses von Žirmunskij in St. Petersburg, weist auf die zweisprachigen Lieder der Sammlung Žirmunskijs hin, die ansonsten von der traditionellen Volksliedforschung weitgehend ignoriert worden sind („Zweisprachige Lieder im Repertoire der russlanddeutschen Kolonisten“; II, 51–68). Die zweisprachigen Lieder belegen die entsprechenden Sprachkompetenzen ihrer Sängerinnen und Sänger und zeigen die Funktionsweise des Code-switchings, die formalen Muster dieser Lieder und Liedverschmelzungen auf. Svetozarova arbeitet dabei die Untergruppe der makkaronischen Lieder (zweisprachige Lieder humoristischen Inhalts) heraus, bei denen der Sprachwechsel nicht zwischen den Versen, Strophen oder Zeilen erfolgt – also nicht an den Grenzen der abgeschlossenen syntaktischen Strukturen –, sondern mitten im Satz. Gerade diese Untergruppe bezeugt die große polylinguale Kompetenz der Verfassenden und Singenden im ländlichen Milieu zur Zeit der Liedaufnahme in den 1920er-Jahren. Des Weiteren behandelt Svetozarova auch den Gebrauch russischer Lieder und Melodien (mit Vorliebe wurde die von „Sten’ka Rasin“ benutzt), auf die in deutscher Sprache gesungen wurde.

Ingrid Bertleff thematisiert in „Migration, Identität und Erinnerung“ (II, 69–82) das veränderte Fortleben russlanddeutscher Lieder in den USA. Der Beitrag ist eine fast wortgleiche, minimal gekürzte, um ein Foto ergänzte Abhandlung, die schon 2014 erschienen ist („We sing our history“. Lieder russlanddeutscher Immigranten in Amerika als Medien des Erinnerns. In: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture 59 [2014], S. 21–37). Bertleff verweist auf die zeitgeschichtlichen Randbedingungen, wie zum Beispiel den Rückgang deutschfeindlicher oder ‑kritischer Stimmen ab den 1950er-Jahren und den aufkommenden Ethnizitätsdiskurs Ende der 1960er-Jahre. Vor allem konstatiert sie gerade bei den Ereignisliedern einen selektiven Umgang. So wird besonders mit dieser Liedauswahl „über die narrative Konstruktion einer einheitlichen Geschichtsversion Identität [...] [und] Zusammengehörigkeit“ gestiftet (II, 79). Umdichtungen und Umdeutungen sowie divergierende Geschichtsbilder werden dabei ausgeklammert. Im Unterschied zu den von Žirmunskij gesammelten Liedern werden nur noch „alte“ Lieder erfasst und es entstehen keine neuen deutschsprachigen Lieder mehr. Insgesamt spiegelt sich in den Liedern eine Wandlung des Identitätskonzeptes: weg von der regionalen beziehungsweise dörflichen und vor allem konfessionellen Zugehörigkeit (wie noch in den Kolonistendörfern) hin zu einer ethnischen.

In einem weiteren Artikel behandelt Ingrid Bertleff den Aspekt des Sammelns („Zum Sammeln russlanddeutscher Lieder. Eine wissenschaftsgeschichtliche Kontextualisierung“; II, 83–106), wobei sie das Sammeln zum persönlichen Gebrauch, etwa in einem handschriftlichen Liederheft, bewusst nicht erörtert (II, 83, Anm. 3). Im Einzelnen untersucht sie die gedruckten Liederbücher von Johannes Erbes u. Peter Sinner: Volkslieder und Kinderreime aus den Wolgakolonien. Saratov 1914, und Georg Schünemann: Das Lied der deutschen Kolonisten in Russland. München 1923, sowie Sammlungen in der Sowjetunion der 1920er-Jahre (Deutsches Volksliedarchiv Leningrad, Georg und Emma Dinges), Sammlungen in der NS-Zeit (bes. Thomas Kopp) und Sammeln in der Nachkriegszeit (u. a. Alfred Cammann, dessen Nachlass sich seit Ende 2018 im Freiburger Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa befindet und weitere Angaben zu seinen Liedaufzeichnungen beinhaltet).

Mit Recht betont Bertleff die Notwendigkeit einer noch ausstehenden Würdigung der wissenschaftlichen Arbeit und Biografie von Emma Dinges. Bedauerlicherweise vermerkt Bertleff nur, dass ihre Lebensdaten nicht über eine Recherche in wissenschaftlichen Publikationen zu ermitteln gewesen seien (II, 94, Anm. 55). Meine kurze Nachfrage bei dem russlanddeutschen Historiker Viktor Krieger ergab, dass Dinges von 1936 bis 1941 im Gebiet Krasnodar/Nordkaukasus lebte und dann nach Kasachstan zwangsumgesiedelt wurde. Von 1948 bis zur Verrentung 1964 unterrichtete sie Deutsch in der Schule von Burnoje-Oktjabrskoje/Kasachstan, Gebiet Džambul. Zwischenzeitlich hatte sie wieder geheiratet und trug danach den Namen Eichhorn. Sie verstarb an besagtem Ort 79-jährig am 20. September 1974 (E-Mail von Krieger an den Rezensenten vom 1.2.2019; Emma Ehrlich: Emma Dinges-Eichhorn. In: Neues Leben vom 9. Oktober 1974, unpag.). Zudem sei noch auf ein Foto von 1928 in Viktor Krieger: Rotes deutsches Wolgaland. O. O. 2018, S. 29, hingewiesen, das Emma Dinges mit dem Komponisten Gottfried Schmieder (1902–1965) und acht weiteren Personen bei einer Liedaufzeichnung zeigt. Bertleff betont im Resümee die Selektivität der Sammlungen, die „Rettung“ einer eventuell verschwindenden musikalischen Praxis oder des Repertoires und die Transformation des gesammelten Materials. Für eine adäquate Erforschung der Lieder hält sie es für unumgänglich, bei den Sammlungen die je eigene Geschichte und inhaltliche Ausrichtung sowie die je eigenen Sammelschwerpunkte, Auslassungen und Leerstellen in den Blick zu nehmen.

Im zweiten Teil des zweiten Bandes („Forschungs- und Archivgeschichte“) wird Viktor Žirmunskij als Forscher und sein „Deutsches Volksliedarchiv Leningrad“ beleuchtet.

Natalia Svetozarova behandelt die wissenschaftliche Biografie Žirmunskijs (II, 109–113). Der Arztsohn Viktor Žirmunskij studierte beim Petrograder Philologen Aleksandr Veselovskij, besuchte 1912/13 Deutschland und war für einige Monate im Ersten Weltkrieg als Sanitäter tätig. Von 1917 bis 1919 lehrte er romanisch-germanische Philologie an der Saratover Universität und lernte dort Georg Dinges kennen, was sein Interesse an der „Sprachinsel“-Dialektologie entfachte. Von 1920 bis 1930 unterrichtete er an der Petrograder beziehungsweise Leningrader Universität. Nach seiner Dissertation (1921) und Habilitation (1924) nahm er neben der Literaturwissenschaft auch die Linguistik stärker in den Blick. In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre bereiste Žirmunskij mit seinem Team circa 70 deutsche Siedlungen, in denen er unter anderem fast 4 000 Volkslieder aufzeichnete. Auch unternahm er 1927 und 1929 zwei Deutschlandreisen, auf denen er auch das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg besuchte. 1934 wurde er Mitglied des Schriftstellerverbandes, 1935 Leiter der Westeuropäischen Abteilung des Instituts für Literatur der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und 1939 deren korrespondierendes Mitglied. Während der Belagerung Leningrads lehrte er in Taškent. Leider erfährt man nicht, warum trotz dreier Verhaftungen in dieser Zeit diese Karriere möglich war. Nach seiner Rückkehr nach Leningrad folgte 1948/49 die Anti-Kosmopoliten-Kampagne, weshalb er die Universität bis 1956 verlassen musste. 1965 wurde er als Leiter des Lehrstuhls für deutsche Philologie emeritiert. In dieser Zeit erhielt er im Ausland viele Ehrungen und wurde 1969 zum Vollmitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu [Ost-]Berlin gewählt.

Eckhard Johns Abhandlung zu „Viktor Žirmunskij als Volksliedforscher“ (II, 115–122) stellt eine gekürzte, leicht überarbeitete Fassung seines Artikels „Populäre Lieder der Russlanddeutschen“ (Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde 45 [2003], S. 104–118, ebenso in: Heike Müns [Hg.]: Musik und Migration in Ostmitteleuropa. München 2005, S. 299–311) dar. Darin geht John auf die Biografie Žirmunskijs und seine Verbundenheit mit John Meier ein und skizziert kurz das nach Jahrzehnten erfolgte Wiederaufgreifen von dessen Sammlung in den 1990er-Jahren. Dabei unterstreicht er, dass sich Žirmunskijs sozialgeschichtlich und kultursoziologisch orientierte Forschung von der „seinerzeit im Fache grassierenden Deutschtümelei und völkischen Ideologie“ (II, 120) abgehoben habe. Gleichwohl habe er das „Volkslied“ als von der bäuerlichen Bevölkerung gesungen und mündlich überliefert definiert und auch die „Sprachinselidee“ (in den „Sprachinseln“ seien noch die alten Volkslieder nachweisbar) geteilt (II, 119). Abschließend sieht John in den Verhaftungen von 1933, 1935 und 1941, die nie länger als drei Monate dauerten, sowie in der Kampagne 1948/49 einen wichtigen Grund für Žirmunskijs spätere Zurückhaltung gegenüber engeren Kontakten mit westdeutschen FachkollegInnen.

Natalia Svetozarova erläutert anschließend Geschichte, Inhalt und Struktur dieser vergessenen Sammlung (II, 123–143), macht Anmerkungen zu den Liedern, geht auf ältere und neuere Publikationen zum Archiv und im Anhang auf die einzelnen Forschungsreisen Žirmunskijs und seiner Mitarbeitenden zwischen 1926 und 1931 ein.

Konstantin Azadovskijs Artikel „Berufsverbot für einen ‚Kosmopoliten‘“ (II, 145–162) findet sich ebenfalls bereits an anderer Stelle (Geschichte der Germanistik 53/54 [2018], S. 124–142). Der Text des St. Petersburger Literaturhistorikers gibt die politische, antisemitisch geprägte Verfolgung Žirmunskijs und anderer Sprachwissenschaftler (u. a. auch des Vaters des Autors) 1948/49 wieder. Ihnen wurde vorgeworfen, sie seien Anhänger der Theorien des vorrevolutionären Literaturwissenschaftlers Alexander Veselovskij, weshalb ihnen mangelnder russischer Patriotismus attestiert wurde, was dann in die Amtsenthebung Žirmunskijs als Leiter des Lehrstuhls für westeuropäische Literatur mündete. Laut Azadovskij sei dies wohl das Schwerste gewesen, was er je hätte ertragen müssen, also auch schwerer als die drei Verhaftungen.

Nun folgen als „Quellentexte“ zwei Aufsätze Žirmunskijs zu seinem Volksliedarchiv von 1930 (damals im Jahrbuch für Volkskunde publiziert) und in deutscher Übersetzung zur mundartlichen und volkskundlichen Erforschung der deutschen Ansiedlungen von 1933 (damals in Sovetskaja Ėtnografija veröffentlicht). Gerade in letzterem Artikel zeigt er sich als wegweisender Forscher, indem er zwar auf die Erfahrungen beim „Atlas der deutschen Volkskunde“ verweist, diesem jedoch methodische Fehler und eine Missachtung der Unterschiede im sozialen Milieu bescheinigt (II, 199). Daran schließt sich eine Erinnerung an die Feldforschungen seiner Mitarbeiterin Tat‘jana Stroeva (Sokol`skaja) an. Eine wichtige Ergänzung bilden die folgenden 14 bio-bibliografischen Einzelporträts und ein Sammelporträt von weiteren Mitarbeitenden und anderen Sammelnden.

Den dritten Teil des zweiten Bandes bilden Verweise auf die Liedquellen (Findbuch des Leningrader Archivs, Liedsammlungen in anderen Archiven) sowie eine Bibliografie zum „Volkslied“ und seiner Erforschung bei den Russlanddeutschen. Wirklich arbeitserleichternd ist für die Nutzenden das höchst umfangreiche Liedregister (II, 295–430), das aus dem Bestand von Žirmunskijs Archiv sowie den bislang publizierten Lieder-Standardwerken (Erbes/Sinner, Schünemann, Kopp/Habenicht u. ä.) zu den dortigen Liedern Incipit, Quelle und deren Seiten- und Nummernangabe enthält. Ob das Liedregister jedoch als „allgemeines Gesamtregister der [Hervorh. H.-W.R.] russlanddeutschen Popularlieder vor dem Zweiten Weltkrieg“ (I, 16) angesprochen werden kann, muss bezweifelt werden, da die vorgenannten Quellen sicherlich nicht alle russlanddeutschen Popularlieder umfassen.

Insgesamt haben die Herausgebenden einen gut aufgebauten und lektorierten Doppelband vorgelegt. Ein Manko ist jedoch das fehlende Namensregister (nicht zu verwechseln mit dem zur Bibliografie gehörenden Autorenregister; II, 284 f.). Unbefriedigend ist auch die Tatsache, dass die AutorInnen bis auf die Periodika der American Historical Society of Germans from Russia fast nie russlanddeutsche Zeitschriften herangezogen haben. Denn es finden sich etwa in „Neues Leben“ (Moskau), „Volk auf dem Weg“ (Stuttgart), weniger in „Freundschaft“ (Zelinograd) laufend Lieder mit Noten, Berichte zur Singpraxis oder Beiträge von Liedforschern wie zum Beispiel von Victor Klein (Unser Volkslied. In: Neues Leben vom 10. Oktober 1973, S. 6 f.; in der Bibliografie zwar genannt, jedoch ohne Hinweis auf die zahlreichen Fortsetzungen). Kleins Ausführungen wurden in leicht veränderter Form im bundesdeutschen „Volk auf dem Weg“ in Fortsetzungen übernommen (Hochzeitslieder und Hochzeitsbräuche der Deutschen in der Sowjetunion. In: Volk auf dem Weg vom Juli 1976, S. 13 f., erster Beitrag einer Folge). Weiter kann man dort verbunden mit der „Repatriierung“ in die UdSSR ab 1945 von einer umgesungenen Variante von „Nach Sibirien muss ich abreisen“ sowie zu dem Lied „Im Wald in Archangelsk ein Mägdelein stand“ lesen (Fam. B.: Der Brief einer Heimkehrerin an Herrn Dr. K. Stumpp. In: Volk auf dem Weg vom April 1974, S. 8). In der „Freundschaft“ trifft man trotz ungleich weniger Angaben etwa auf Notizen über einen Liederabend in Karaganda mit Johann Windholz und dessen Sammelpraxis (Wir singen deutsche Lieder. In: Freundschaft vom 4. Juni 1976, S. 4). Auch findet sich so manche biografische Information (siehe zu Emma Dinges) oder Rezension, wie zum Beispiel die des Pastors Heinrich Roemmich zum Buch seines Jugendfreunds Hermann Bachmann: „Durch die deutschen Kolonien des Beresaner Gebiets“ (Volk auf dem Weg vom Dezember 1974, S. 8).

Trotz der Einwände sprechen die Herausgebenden zu Recht von einem neuen „Grundlagenwerk“ (I, 11), das zu weiteren Forschungen anregen soll und hoffentlich auch wird. Insofern ist die Verleihung des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg am 22. November 2018 an die EditorInnen nur folgerichtig. Nicht zuletzt hat der Preis damit eine Aufwertung erfahren, da nun auch WissenschaftlerInnen außerhalb der russlanddeutschen Community mit diesem beachtlichen Werk geehrt wurden. Über die Publikation dieses Handbuchs als einem wichtigen Aspekt russlanddeutscher Kultur hinaus hat eine Person aber eine ganz besondere Würdigung verdient, nämlich Natalia Svetozarova, die diese Forschungen über die letzten Jahrzehnte in St. Petersburg ermöglicht, den Žirmunskij-Nachlass systematisch erschlossen und wissenschaftlich mit erforscht sowie weitere russlanddeutsche Liedaufzeichnungen entdeckt hat.