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Nikola Langreiter/Klara Löffler (Hg.)

Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself“

(Edition Kulturwissenschaft 90), Bielefeld 2017, transcript, 350 Seiten mit Abbildungen
Rezensiert von Anja Fröhlich
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 19.08.2019

Der Band „Selber Machen. Diskurse und Praktiken des ‚Do it yourself‘“ versammelt 15 Beiträge, die sich der Erforschung der Praktiken des Selbermachens widmen. Er ist im Anschluss an die im Frühjahr 2015 veranstaltete Tagung „Do it! Yourself? Fragen zu (Forschungs-)Praktiken des Selbermachens“ in Wien entstanden und setzt sich aus den Vorträgen der Tagung und ergänzenden Texten zusammen. Die Tagung hatte das Ziel, „Fragen und Perspektiven, Methoden und Theorien zu erweitern“ (7), der vorliegende Band möchte daran anknüpfen und neben einer Bestandsaufnahme der aktuellen Diskurse durch systematisches Nach- und Hinterfragen diese erweitern und auf bislang vernachlässigte Aspekte hinweisen.

Die Autor*innen kommen dabei aus unterschiedlichen Disziplinen und bieten so ein breites Spektrum an Zugangsarten und Perspektivierungen zu dem Thema. Während einige den Fokus auf die Methoden der Erforschung des Selbermachens, deren Evaluierung, Weiterentwicklung und auch Grenzen sowie Probleme legen, wie Oliver Stickel, Konstantin Aal, Marén Schorch, Dominik Hornung, Alexander Boden, Volker Wulf und Volkmar Pipek in ihrem gemeinsam verfassten Diskussionsbeitrag über „Computerclubs und Flüchtlingslager“, wenden sich andere von bisher gängigen Bewertungsschemata ihrer Disziplin ab und versuchen, neue Perspektiven zu schaffen, so beispielsweise Peter F. N. Hörz. Ebenso divers ist die Art der Präsentation in den jeweiligen Aufsätzen, die einmal sogar die Form eines „Tutorials“ annimmt.

Die Herausgeberinnen haben nur eine grobe Ordnung vorgegeben und wollen damit auch ein Bewusstsein für Mehrdeutigkeiten, Trennungen sowie Zusammenhänge schaffen. Unter dem Motto „Zeitpunkte und –linien“ kommen mit Reinhild Kreis und Jonathan Voges zuerst zwei Historiker*innen mit Studien zu Wort, die sich den Entwicklungen des Selbermachens im 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre und den Neu- und Umdeutungen dieser Praktiken im politisch-gesellschaftlichen Kontext dieses Zeitraums widmen.

Im zweiten Abschnitt „Handarbeits-/Techniken“ versuchen sechs Beiträge anhand bestimmter beispielhaft ausgewählter Techniken die Wechselbeziehungen zwischen Handarbeit und Technologien vor ihrem gesellschaftspolitischen und pädagogischen Hintergrund auszuloten. Eingeleitet mit einer historischen Betrachtung der sogenannten „Wiener-Handarbeit“ als nationales Leitbild von Lisbeth Freiß wird der Bogen von dem Einsatz unterschiedlicher (Medien-)Formate zur Etablierung und Verfestigung bestimmter Narrative zu Praktiken der Selbstdarstellung (Bernhard Fuchs) gespannt. Selbstermächtigung und Partizipation (Ines Peper, Benjamin Eugster und Richard Schwarz) beziehungsweise deren Scheitern (Christian Schönholz) werden ebenso thematisiert wie die Möglichkeiten und Grenzen der Erforschung derselben (Oliver Stickel und andere).

Die fünf Beiträge des Abschnitts „Nischen-/Ökonomien“ beleuchten die Abhängigkeit der Intentionen, Handlungsmuster und Praktiken von ökonomischen, ökologischen, räumlichen und professionellen Zusammenhängen, um damit das gängige Bild vom Selbermachen als subversive Gegenkultur zu hinterfragen. Dabei spielen Milieus – politisch aktiv, urban, privilegiert oder eben das genaue Gegenteil –, in denen die Akteur*innen angesiedelt sind, eine ebenso wichtige Rolle in den Praktiken und (Selbst-)Narrativen (Peter F. N. Hörz, Michaela Fenske, Sebastian Hackenschmidt) wie eine ökonomische Nutzbarmachung oder deren Ablehnung des Selbermachens (Konrad Kuhn und Werner Bellwald, Sonja Windmüller).

Zwei unter der Überschrift „Perspektivierungen“ zusammengefasste Studien der beiden Herausgeberinnen schließen den Band ab. Klara Löffler befasst sich mit der Abhängigkeit des Selbermachens von sozialen Konstellationen und individuellen Möglichkeiten und den Grenzen des Narrativs der Selbstermächtigung in diesem Kontext, Nikola Langreiter mit der politischen Vereinnahmung weiblicher Handarbeit in aktuellen feministischen Debatten um dahinterstehende Genderkonzepte.

Jeder Beitrag des vorliegenden Sammelbandes gibt in seiner Kürze sehr gut Schwierigkeiten und Möglichkeiten seines jeweiligen Feldes wieder und lässt auf weitere Forschungen in diesen Bereichen hoffen. Hervorgehoben werden sollen hier zwei Aufsätze, die durch Themenwahl beziehungsweise Form aus der Reihe zu fallen scheinen. Zum einen handelt es sich um den Beitrag von Oliver Stickel und anderen, die ihr Forschungsprojekt in einem palästinensischen Flüchtlingslager einer Revision unterziehen und sich mit Grenzen der Forschungs- und Bildungsarbeit in derart sensiblen Kontexten beschäftigen. Diese Fragen sind durchaus von Bedeutung für das weitere Vorgehen der Forscher*innengruppe und auch allgemein für die Forschungscommunity; im Zusammenhang dieses Sammlungsbandes wäre ein Fokus auf die Ergebnisse der Forschungsarbeit aber ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger gewesen. Zum anderen geht es um das Tutorial von Benjamin Eugster und Richard Schwarz, wie man eine LED per Website aus- und einschalten kann. Der Vortrag auf der Tagung scheint seine Wirkmächtigkeit vor allem durch die Live-Präsentation und die Interaktion des Publikums mit der gebauten Vorrichtung entfaltet zu haben. Dies in einer überzeugenden Weise in die Form eines schriftlichen Sammelbandbeitrages zu transformieren ist sehr schwer und kann deshalb nur auf der Ebene des Allgemeinplatzes, dass etwas Selbstgemachtes eben etwas Besonderes ist, bleiben.

Der Sammelband gibt wichtige Anstöße und Anregungen für die weitere differenzierte Erforschung des Phänomens Selbermachen aus unterschiedlichen Perspektiven und durch unterschiedliche Disziplinen. Leider fehlt ihm naturgemäß das, was eine Tagung ausmacht: das In-Kontakt-Treten und gemeinsame Diskutieren der unterschiedlichen Disziplinen, um zu neuen Fragen oder Lösungen zu kommen. Ganz konkret: Zu welchen Synergieeffekten führte es, auf dieser Tagung die unterschiedlichen Disziplinen und Herangehensweisen zusammenzubringen? Ein einordnendes und zusammenfassendes Nachwort – auch zu den Ergebnissen der Tagung, denn Letztere ist mehr als die Aneinanderreihung von Vorträgen, sie lebt von der Interaktion und dem Austausch der Akteur*innen – hätte den Band abrunden können. Dies wird gerade dort besonders deutlich, wo sich zwei Beiträge klar widersprechen, wie bei der Bewertung des Projekts „Hartz IV Moebel.com“ in den Aufsätzen von Sebastian Hackenschmidt und Sonja Windmüller.

Trotz dieser stellenweisen Schwächen eignet sich der Sammelband „Selber machen. Diskurse und Praktiken des ‚Do it yourself‘“ für Neueinsteiger in dieses spannende Forschungsgebiet, die eine erste Übersicht über die wichtigsten Frage- und Problemstellungen erhalten möchten. Aber auch Personen mit einem tieferen Einblick in die Thematik können von der Diversität der Beiträge profitieren und Anstöße für weitere Arbeiten in diesem Feld finden.