Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Margot Hamm/Eva-Maria Brockhoff/Volker Bräu/Julia Lichtl/Ruth Wehning (Hg.)

Wald, Gebirg und Königstraum. Mythos Bayern. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2018 in der Benediktinerabtei Ettal

(Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 67), Augsburg 2018, Haus der Bayerischen Geschichte, 342 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, meist farbig
Rezensiert von Cornelia Oelwein
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 07.10.2019

Das landläufige Deutschland-Bild etwa des Durchschnitts-Amerikaners ist geprägt von Bayern, genauer gesagt: von Oberbayern. Wald, schöne Landschaften, Seen, teilweise sogar Berge, wenngleich nicht so hohe wie die Alpen, haben andere deutsche Landstriche auch. Also warum gerade Oberbayern? Was macht den Mythos aus, der sich im Laufe des 19. Jahrhunderts manifestierte? Diesen Fragen gingen die Ausstellungsmacher der in Kloster Ettal gezeigten Bayerischen Landesausstellung 2018 nach.

Um zunächst der Kritik, es sei wieder einmal nur Oberbayern (und in diesem Fall auch das Allgäu) berücksichtigt worden, während die Franken wieder einmal zu kurz kämen, die bereits der Ausstellung (und somit auch dem Katalog) entgegenbrandete, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Es war keine Gesamtschau Bayerns geplant. Man ging dem Mythos nach, dem Bild Bayerns (und in weiten Teilen damit auch dem Bild Deutschlands) in der Welt. Der Amerikaner denkt in Disneyland nicht an die Würzburger Residenz, sondern an Neuschwanstein und der Touristenort Leavenworth im Bundesstaat Washington erinnert mit seiner Alpenkulisse mehr an Garmisch als an ein fränkisches Weindorf. Die dortigen „Lüftlmalereien“ zeigen neben dem weiß-blauen Maibaum und der Sennhütte auch nicht den unbestritten kunsthistorisch weitaus bedeutenderen Bamberger Dom, sondern die Pfarrkirche von Rottach-Egern. Und wenn man in der großen weiten Welt von „deutschem Brauchtum“ spricht, kommt einem nicht etwa die Erlanger Bergkirchweih als erstes in den Sinn, sondern das mehr als ein halbes Jahrhundert jüngere Münchner Oktoberfest und das Hofbräuhaus. Doch warum ist dies so?

Am Anfang, gewissermaßen als Vorgeschichte zum späteren Mythos, steht der Wald, der dunkle, Furcht erregende Wald, bevölkert mit wilden Tieren, Geistern und Gesindel. Niemand wäre in früherer Zeit auf die Idee gekommen, in den Wald zu gehen, außer zum Jagen – sei es legal oder als im Nachhinein romantisch verklärter Wilderer –, zum Beeren- und Schwammerl-Suchen und zum Sammeln von Brennmaterial oder zum Schlagen von Holz. Deswegen geht der echte Bayer bis heute nicht in den Wald, sondern ins Holz. Man benötigte das Holz zum Bauen, aber auch zur Glasproduktion, zur Herstellung von Musikinstrumenten sowie Spielzeug und Kleinplastiken, die die Bauern an den langen Winterabenden, an denen es draußen sowieso kaum etwas zu tun gab, gewissermaßen zum Nebenerwerb herstellten. Und nun kommen wir langsam zum eigentlichen Thema: Die Herrgottschnitzer von Oberammergau etwa erlangten überregionalen Ruf und wurden ihrerseits im 19. Jahrhundert zu einem Mosaiksteinchen im großen Bild des Bayern-Mythos. Erst im 19. Jahrhundert verlor der Wald seinen Schrecken und wurde zu einem der großen Elemente, die den Mythos Bayern ausmachen. Dem Wald, der laut Richard Loibl von vorne herein bestimmend für die Ausstellung war (21) und mit dem ein Drittel der präsentierten Exponate im weitesten Sinne zusammenhängen, ist auch in den weiterführenden Katalogaufsätzen ein breiter Platz eingeräumt: Günter Biermayer beleuchtet den bayerischen Wald unter dem Gesichtspunkt „Naturschutz und Kulturschatz“, Lothar Schilling betrachtet unter der Überschrift „Ressourcenkonflikte im Alpenraum“ den Wald der Frühen Neuzeit und Christian Malzer und Klaus Pukall beschäftigen sich aus nahe liegenden Gründen speziell mit dem Waldbesitz und der Waldnutzung des Klostergerichts Ettal.

Ein weiteres Mythos-Element ist das Gebirge. Es bildet die imposante Kulisse zu idyllischen Landschaftsgemälden mit Wald, Seen und Bergen, gerne garniert mit einem Kircherl, einer Sennhütte und Bergbewohnern in Sonntagstracht. Nichts ist auf diesen Bildern der sogenannten Münchner Schule von der schweißtreibenden Arbeit der Holzarbeiter und der Armut der Hütebuben zu sehen. Solche Bilder, in gefälligem, wohnzimmertauglichem Format waren seit dem 19. Jahrhundert äußerst begehrt und boten Legionen von Landschaftsmalern Brot und Auskommen. Eine Karikatur, erschienen 1874 in „Über Land und Meer“, zeigt die „friedliche Belagerung“ von Frauenchiemsee durch unzählige Künstler. Und noch Lovis Corinth klagte, dass ihm seine Walchensee-Bilder von den Berlinern gewissermaßen von der Staffelei weggerissen wurden. Zwei Aufsätze vertiefen das durch die Begleittexte zu den Exponaten veranschaulichte Thema: Andreas Strobl untersucht „Die Entdeckung Bayerns“ in der Landschaftsmalerei seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und Christine Rettinger und Doris Kettner zeichnen anhand der Galerie Wimmer in München den Weg der bayerischen Landschaftsmalerei in die Welt nach.

Untrennbar verbunden mit dem Bayern-Mythos ist auch das Herrscherhaus der Wittelsbacher, die das Land mehr als 700 Jahre regierten. Sybe Wartena und Thomas Schindler zeigen den Zusammenhang zwischen den Wittelsbacher Königen und dem Entstehen eines Nationalgefühls auf. Die Tracht etwa war erst durch König Max II. und seine alpenbegeisterte Frau Marie, eine gebürtige Prinzessin von Preußen, salonfähig gemacht worden. Er selbst ließ sich in kurzer Lederhose mit Lodenjoppe abbilden, und ihm ist es zu verdanken, dass bis heute hierzulande bei offiziellen Anlässen nicht nur Abendgarderobe erlaubt ist, sondern auch Tracht. Die Tracht war jedoch nur ein Aspekt. Die Wittelsbacher waren in vielfacher Hinsicht an der Schaffung des Mythos beteiligt. König Ludwig II. setzte dann der ganzen Sache die Krone auf, mit seinem geheimnisumwitterten Leben und Sterben, seinen geplanten und vor allem seinen realisierten Königsschlössern, zu denen Michael Petzet unter dem Titel „Traumschlösser in der Alpenkulisse“ allgemein Bekanntes zusammenfasst.

Zum klischeehaften Bild des Bayern gehören natürlich auch der biertrinkende, schuhplattelnde Bursch in Tracht und das dazu passende fesche Dirndl. Hubert von Herkomer, aus der Gegend von Landsberg gebürtig, brachte dieses Bayern-Bild in seine neue Heimat England. Sein „Bavarian Dance“ zeigt den Schuhplattler noch als Paartanz in einem Wirtshaus, während die an den Tischen sitzenden ortsfremden Städter den Bayern gewissermaßen beim Bayer-Sein zusehen. Die Passionsspiele in Oberammergau, das auch mit seinen malerischen Häusern mit zum Teil äußerst kunstvollen Lüftlmalereien punkten konnte, Bauernbühnen in verschiedenen Orten und später Heimatfilme waren weitere Mosaiksteinchen des Bayern-Mythos. Die „anti-modernen Heimatromane“ eines Ludwig Ganghofer und anderer Autoren, mit denen sich Marita Krauss beschäftigt, taten ein Übriges. In Bayern scheint die Welt noch irgendwie in Ordnung. Oder wie es die Kuratorin der Ausstellung Margot Hamm zusammenfasst: „Der Mythos ist ein Sonntagsbild, das wir gut in die Welt hinaus verkaufen.“ Und wenn man schon das Bild in alle Welt getragen hatte, musste man den Touristen dieses auch vor Ort bieten. Deshalb wurde das Thema „von der Sommerfrische bis zum Tourismusboom“ nicht ausgespart, das Franziska Lobenhofer-Hirschbold untersuchte.

Abschließend stellt Manuel Trummer noch „Urviecher und Rebellen – Bayern als audiovisueller Mythos“ vor. Und im Katalogteil wurde zudem ein knapper, nur fünf Exponate umfassender Anhang zum Freistaat Bayern angefügt, gewissermaßen als „Schlussstein für den ‚Mythos Bayernʽ, zusammengesetzt aus grandioser Alpenkulisse, theatralischer Fiktion und wirtschaftlichem Erfolg, eingekleidet in Dirndl und Lederhose, propagiert in unzähligen Bildern“ (321). Dies war wohl vor allem der 100-jährigen Wiederkehr der Ausrufung des Freistaats am 8. November 1918 geschuldet.

Der äußerst lesenswerte und facettenreiche Katalog bietet viel Bekanntes, jedoch zum Teil aus einer ungewohnten Perspektive, daneben durchaus neue Aspekte und Informationen. Klischees und unterschiedlichste Erscheinungsformen des Bayernbildes wurden zusammengetragen, detailreich beschrieben und die einzelnen Themen durch Aufsätze vertieft und ergänzt. Da zudem sämtliche der meist aussagekräftigen Exponate nicht nur von nahezu 100 Fachleuten verschiedenster Disziplinen ausführlich erklärt wurden, sondern auch farbig abgebildet sind, lädt der Katalog (erneut oder auch zum ersten Mal) zu einem virtuellen „Ausstellungsbesuch“ ein.