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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Rolf Wörsdörfer

Vom „Westfälischen Slowenen“ zum „Gastarbeiter“. Slowenische Deutschland-Migrationen im 19. und 20. Jahrhundert

(Studien zur historischen Migrationsforschung 33), Paderborn 2017, Schöningh, 491 Seiten mit Abbildungen, 11 Tabellen
Rezensiert von Karolina Novinšćak Kölker
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 16.09.2019

Dank des Buches von Rolf Wörsdörfer wissen wir es nun ganz genau: Zuwanderungen aus Slowenien in das sich industrialisierende Deutschland des 19. Jahrhunderts setzten sich auch im 20. Jahrhundert — trotz der Unterbrechungen durch zwei Weltkriege — fort, mündeten oft in Niederlassungen, aber auch Remigrationen und beförderten nachhaltig gesellschaftliche Verflechtungen zwischen dem südöstlichen und dem mittleren Teil Europas. Wörsdörfer untersucht Migrations- und Niederlassungsvorgänge slowenischsprachiger Migranten verschiedener Epochen im Kontext politischer Transformationen, Systemwechsel und Grenzverschiebungen in den Herkunfts- und Zuwanderungsstaaten. Der Titel „Vom ‚Westfälischen Slowenen‘ zum ‚Gastarbeiter‘“ des fast 500 Seiten starken Werkes kündigt es bereits an: Nah an der Geschichte der migrierenden Menschen — den slowenischen Bergleuten und Landwirten aus der Habsburger Monarchie und den Arbeitsmigranten aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien und ihrer damaligen Teilrepublik Slowenien — lernt der/die LeserIn die Akteursperspektive, migrantische transnationale soziale und kulturelle Praktiken und die jeweiligen Migrationsregime vor Ort und in ihrer Zeit kennen, ebenso wie die verschiedenen Kollektivbezeichnungen und die infolge von Migration entstandenen Vergesellschaftungsprozesse in den Niederlassungsgebieten.

Die Langzeitstudie rückt die slowenischsprachigen ZuwandererInnen und ihre Familien aus verschiedenen Herkunftsregionen (Krain, Steiermark und das Murgebiet) in zwei vorwiegend deutschsprachigen Zielgebieten (Ruhrgebiet und Bayern) in unterschiedlichen Migrationsphasen in den Mittelpunkt der Betrachtung, ohne die multiethnischen Kontexte in den Zuwanderungsgebieten und die migrantischen Rückbezüge zur Herkunftsgesellschaft aus den Augen zu verlieren. Untersucht werden Grenzen überschreitende freiwillige und unfreiwillige Wanderungen aus der Habsburger Monarchie in das Deutsche Reich, aus dem jugoslawischen Königreich in die Weimarer Republik, während der NS-Diktatur und Okkupationszeit sowie aus dem sozialistischen Jugoslawien in die Bundesrepublik Deutschland und Bayern. Dabei liegt der Fokus auf den migrierenden Menschen, auf ihren sozialen Gruppen in der neuen Umgebung und ihren Partizipationsmöglichkeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, zum Beispiel bei der Arbeit, in der Gewerkschaft, in der Wohnsiedlung, in der Kirchengemeinde und im Vereinswesen.

Wörsdörfer ist damit eine beindruckende slowenisch-deutsche Migrationsgeschichte jenseits des nationalen Paradigmas gelungen, wenngleich die Frage nach der Bedeutung der slowenischen Ethnizität im Migrationsverlauf und bei Vergesellschaftungen eine forschungsleitende ist. Jedoch wird eine slowenische Ethnizität oder nationale Identität im Gepäck der MigrantenInnen — anders als in zahlreichen Diasporastudien — nicht „per se“ angenommen, auch wird die „aufnehmende“ Gesellschaft nicht als ein national-homogenes Kollektiv verstanden. Den Historiker, Nationalismus- und Südosteuropa-Experten Wörsdörfer interessiert vielmehr, ob und wenn ja wie slowenische Ethnizität im Ruhrgebiet und im mittelbayerischen Donaugebiet im multiethnischen Kontext konstituiert, perpetuiert und gegebenenfalls auch wieder bedeutungslos wurde (24 f.).

Auch wenn die Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und Slowenien hauptsächlich aus ökonomischen Gründen im Zuge von Anwerbemaßnahmen erfolgten, werden im Buch auch irreguläre Migrationsformen vorgestellt. So schließt Wörsdörfers Studie die Bergarbeitermigration seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis 1941, politische Fluchtmigrationen aus dem sozialistischen Jugoslawien in das Nachkriegsdeutschland, reguläre und irreguläre ökonomische Migration und Leiharbeit, die „Gastarbeiter“-Migration infolge des deutsch-jugoslawischen Anwerbeabkommens von 1968 sowie den Familiennachzug ein. Quellenfundiert wird der politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Status der Zuwanderer in Deutschland, am Beispiel des Ruhrgebiets und Bayerns, nachgezeichnet und in seinem Wandel im Verlauf eines Jahrhunderts dargelegt. Das Aufspüren sozialer Wirklichkeiten und Verflechtungsbeziehungen im pluri-lokalen transnationalen Sozialraum der slowenischen Migranten lässt somit die niederrheinische Bergarbeitersiedlung oder das Arbeiterviertel Ingolstadts nicht einfach als „deutsch“ oder „bayerisch“, sondern vielmehr als multikulturelle Lebensorte aufscheinen.

Trotzdem bleibt nationalstaatliche Migrationspolitik in den Vergesellschaftungsprozessen wirkungsmächtig. Wörsdörfer kann beispielsweise zeigen, dass die jugoslawischen und slowenischen Vereine der Arbeitsmigranten in Ingolstadt aus einem gewachsenen Selbstbewusstsein im Laufe des Integrationsprozesses der Zuwanderer entstanden sind, jedoch mit der Verfassungsänderung von 1974 in Jugoslawien und einer sich verstärkenden Betreuung der Vereine durch Institutionen der slowenischen Teilrepublik in ihrer Ausrichtung immer „slowenischer“ wurden (400). Mit zunehmender Föderalisierung Jugoslawiens differenzierte sich auch das Vereinswesen der Zuwanderer aus Jugoslawien weiter aus, wobei Wörsdörfer deutlich machen kann, dass nicht allein eine fortschreitende Nationalisierung, sondern auch geschlechtsspezifische, soziale und kulturelle Faktoren die Ausdifferenzierung der Vereine jugoslawischer Staatsbürger in Ingolstadt beförderten.

Hervorzuheben ist die im Buch präsentierte Quellenvielfalt. Relevante Quellen wurden in Deutschland, Österreich, Italien und Slowenien identifiziert und ausgewertet; die Forschungsarbeit auf der Makro-, Meso- und Mikroebene führte den Autor in die Staatsarchive, in städtische Archive, in die Archive der Gewerkschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbände sowie zu den Akteuren der Migration selbst. Interviews mit Zeitzeugen, den Akteuren der Migration und ihren Nachkommen sowie die Auswertung migrantischer Periodika ergänzen die in den Archiven vorgefundene Perspektive von Politik und Verwaltung um die Perspektive der gewanderten Menschen, ihrer Familien und Vereine. Es ist ein besonderes Verdienst des Autors, dass mit der Erhebung von Zeitzeugen-Interviews neue Quellen zur Erforschung der Akteursperspektive geschaffen wurden. Wie knapp die Zeit für Oral History sein kann, erzählt das Vorwort, denn jene „Westfälischen Slowenen“ der zweiten Generation, die mit dem Autor in den Jahren zwischen 2005 bis 2007 sprachen, um das Leben ihrer Familien in den niederrheinischen Bergarbeitersiedlungen zu beschreiben, waren zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung (2017) nicht mehr unter den Lebenden.

Eine Geschichte der Migration im Zeitalter der Globalisierung in einem sich durch Migration immer enger verflechtenden Europa — so zeigt es Wörsdörfers Buch einmal mehr — ist nicht einfach zu haben. Sie ist komplex, denn heftet sich der/die ForscherIn an die Fersen der Migranten, so zieht es ihn/sie in den Herkunfts- sowie den Niederlassungsort, in die urbanen, multikulturellen und multiethnischen, aber auch pluri-lokalen Lebenswelten und transnationalen Orte der Vergesellschaftungen der Migranten, auf die innen- und außenpolitisch vereinbarte Migrationspolitiken einwirken. Rolf Wörsdörfers transnationale Forschungsperspektive, der zusammengetragene Quellenreichtum, die Detailgenauigkeit in der Auswertung sowie die daraus resultierenden lokalen Nahaufnahmen unter Einbindung des Makrokontextes sind die Zutaten, die es braucht, um der Komplexität der Migrationsvorgänge aus dem südöstlichen in den westlichen Teil Europas im Untersuchungszeitraum gerecht zu werden. Dem Autor gelingt die Zusammenschau am eindrücklichsten ganz konkret in den Arenen der Aushandlung von Migrations- und Niederlassungsvorgängen in den für die Migranten relevanten sozialen Orten — den Wohnorten, den Vereinen, am Arbeitsplatz, den Gewerkschaften und den Kirchengemeinden. Jedoch kommen die Sprünge zwischen der Mikro-, Meso- und Makroebene stellenweise unvermittelt, so dass Zusammenfassungen nach den einzelnen Kapiteln wünschenswert gewesen wären. Der Vergleich der verschiedenen Migrationsepochen zum Schluss des Buches schärft den Blick für migrationspolitische Kontinuitäten, den Wandel der Migrationsregime und für den Zusammenhang von Ethnizität als Gruppenmerkmal und Migrationspolitik im Migrations‑ und Einwanderungsprozess.

Rolf Wörsdörfers Buch eröffnet neue Perspektiven auf die Gesellschaften Südosteuropas und Deutschlands jenseits nationalstaatlicher Rahmung, die beide über Jahrhunderte hinweg im Austausch durch Migration miteinander standen und nach wie vor stehen. Es wird weiteren Forscherinnen und Forschern der europäischen Migrationsgeschichte als Anregung dienen und ist ebenso ein verdienstvoller Beitrag zur Geschichte des Nationalismus und des Transnationalismus in einem seit jeher von Migration geprägten Europa.