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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Doris Bachmann-Medick/Jens Kugele (Hg.)

Migration. Changing Concepts, Critical Approaches

(Concepts for the Study of Culture, Vol. 7), Berlin/Boston 2018, de Gruyter, VIII, 304 Seiten mit 4 Abbildungen
Rezensiert von David Johannes Berchem
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 02.09.2019

Ohne Zweifel wird das Phänomen Migration im „verspäteten“ Einwanderungsland Deutschland in Medien, Politik und Gesellschaft nahezu alltäglich heterogen diskutiert. In den Social-Media-Kanälen und den Debatten der um Effekthascherei bemühten medialen Aufmerksamkeitsindustrie finden sich tagein tagaus mehr oder weniger sachliche Meinungen, Kommentare, Ansichten und „alternative“ Wahrheiten, deren geistige Väter und Mütter nicht an einer wertfreien Debatte interessiert sind, sondern eine Dramatisierung und Überskandalisierung des Phänomens Migration bestärken.

Auch wenn Einwanderung, die Integration des Fremden und das kontinuierliche Neben- und Miteinander von ‚Einheimischen‘ und ‚Zugezogenen‘ angesichts multipler Migrationsdynamiken seit 1945 in Deutschland und Europa keine unbedingt neuen Sachverhalte darstellen, haben doch der so genannte ‚Long summer of Migration‘ im Jahr 2015 und die unmittelbar damit in Verbindung stehenden Aushandlungsprozesse und Folgeerscheinungen sowohl neue Auseinandersetzungen ausgelöst als auch zu einer Neukonstellation innerhalb der politischen Landschaft vieler europäischer Länder geführt. Migration, globale kulturelle Flüsse, Deterritorialisierung, weitreichende transnationale Verflechtungen und identitäre Pluralisierungsvorgänge führen unweigerlich zu Umbrüchen, Diskontinuitäten, dem Erodieren überlieferter Ordnungen und identitären Pluralisierungsvorgängen, die als komplexe Transformationen jedoch nicht mit monokausalen Erklärungsansätzen beschreibbar und analysierbar sind.

Die um theoretische Konzepte und analytische Rahmungen zum Thema Migration bemühte Publikation „Migration. Changing Concepts, Critical Approaches” gründet auf einer Vortragsreihe am International Graduate Centre for the Study of Culture der Universität Göttingen. Als das Thema Migration im Zuge der Fluchtbewegungen ab dem Jahr 2015 eine neue Dimension erhielt, kontaktierten Doris Bachmann-Medick und Jens Kugele weitere Wissenschaftler*innen aus einem breiten interdisziplinären Feld, um aktuelle Forschungserkenntnisse in den Diskurs einzubringen. In der Einführung in den Sammelband erfährt die Leserschaft, dass die hier vereinten Beiträge im Fahrwasser des ‚mobility turn‘ und der ‚reflexiven Wende der Migrationsforschung‘ dem methodologischen Nationalismus und der ‚ethnischen Brille‘ eine Absage erteilen, um mit einer distanzierten, kritischen und analytischen Perspektive das Phänomen Migration zu betrachten.

Im Zuge des konzeptuellen Ansatzes wird Migration nicht als ein Phänomen betrachtet, das in einem luftleeren Raum existiert. Vielmehr wird es als ein multiples Aushandlungskonzept aufgefasst, das durch öffentliche Diskurse, Grenzregime, normative Bilder und Narrative, verfestigte Stereotype, politische Entscheidungen, kollektive Erinnerungen sowie soziale, religiöse und kulturelle Bedeutungswelten, Sinnallianzen, Erfahrungsmuster und identitäre Verortungspraxen eingerahmt wird.

Diese unterschiedlichen Muster und Rahmungen des Phänomens Migration zu dokumentieren und zu analysieren, sei deshalb wichtig, weil durch eine kulturanalytische Beforschung von Migration Erkenntnisse zutage gefördert werden können, die Wissensressourcen über das Zustandekommen, die Dynamiken und die Verfasstheit dieser Einrahmungen zur Verfügung stellen. Diese konzeptionellen Einfassungen innerhalb der Migrationsdiskurse führen oft zu deterministischen Festschreibungen und holzschnittartigen Standpunkten, die einer trennscharfen Kategorisierung zwischen „dem Eigenen“ und „dem Fremden“ das Wort reden.

Diese hier vorgenommene kreative und reflexive Fokussierung auf theoretische und analytische Konzepte und deren Weiterentwicklung verbleibt jedoch nicht nur auf einer gesellschaftlichen Makro- und Metaebene, sondern bezieht auch die konkreten Alltags- und Lebenserfahrungen sowie die vielschichtigen subjektiven Aushandlungsprozesse der Handlungsprotagonist*innen in Mikroräumen mit ein. Auch wenn die Aufsatzsammlung einen interdisziplinären Dialog vertritt, sind es doch insbesondere die Beiträge von den Vertreter*innen der Ethno- und Kulturwissenschaft (Bischoff, Friese, Schiffauer, Hess, Karagiannis und Randeria), die in ihren Argumentationssträngen immer wieder ethnografisch generierte und auf qualitativen empirischen Daten gründende Erkenntnisse aus alltagsweltlichen Lebenswirklichkeiten integrieren, deren Akteur*innen von Migration und Mobilität geprägt sind.

Dabei wird in den versammelten Aufsätzen ein vielfältiges Spektrum abgedeckt. So finden sich Beiträge über die visuelle Repräsentation von Migration in den Medien, die Errichtung und Sicherung von Grenzregimes in Europa, die Flucht von Menschen aus der Türkei in der unmittelbaren Gegenwart und die Verwendung spezifischer Kulturkonzepte im Diskurs über Einwanderung ebenso wie über internetgestützte Verortungspraktiken in transnationalen sozialen Feldern.

Im Mittelpunkt der Überlegungen der Europäischen Ethnologin Christine Bischoff steht die Frage, inwiefern visualisierte Repräsentationen von bzw. über Migration in der Medienberichterstattung zur Herausbildung und Verfestigung von performativen „visual regimes“ (25) führen. Dieser mittels Bildern, Symbolen, Metaphern und Narrativen konstruierte und inszenierte Diskurs und die dabei zum Vorschein kommenden Blickregime werden im Folgenden mit dem Konzept ‚Otherness‘ analysiert. Über den instrumentalisierenden Einsatz von stereotyp aufgeladenen Bildern werden im Diskurs kulturelle Differenz und ethnische Andersartigkeit erzeugt. Die Visualisierung des Anderen bzw. des Fremden (Kopftuch, Konvertit*innen, Kufiya) folgt einer essentialisierenden, determinierenden und homogenisierenden Identitätspolitik, die mittels symbolischer Identitätsmarker sowohl eine Abgrenzung als auch eine Selbstaufwertung ermöglicht.

Unter Bezugnahme auf die Erkenntnisse aus ihrer Dissertation kann Christine Bischoff herausarbeiten, dass die binäre Praxis der Visualisierung von Migration dem Wir-Kollektiv symbolisch und emotional-affektiv aufgeladene Botschaften sendet, so dass einerseits die Vergewisserung der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe und andererseits die Abgrenzung gegenüber den Anderen ermöglicht wird. Die hier analysierten Blickregime besitzen eine strukturierende, kategorisierende und ethnisierende Kraft, die normative und ideologische Wissensressourcen über das Phänomen Migration erzeugt und gesellschaftliche Schließungsprozesse befördert.

Der Ethnologe und Migrationsforscher Werner Schiffauer befasst sich in seinem Beitrag mit den subjektiven Entscheidungsprozessen potentieller Migrant*innen und entwickelt dabei in Anlehnung an den kulturwissenschaftlichen Globalisierungstheoretiker Arjun Appadurai den Terminus „imaginary opportunity space“ (63). Bei seinen Ausführungen werden sowohl die objektiven Möglichkeiten und Potentiale als auch die subjektiv-emotionalen Imaginationen thematisiert, die in Kombination dazu führen, dass Menschen aus unterschiedlichsten Beweggründen Migration als eine Gelegenheit zur Verbesserung ihrer Lebenssituation wählen. Menschen mit erfolgreichen Migrationsverläufen, die bei ihrer temporären Rückkehr in den Herkunftskontext ihre soziale Aufwärtsmobilität mit Konsumgütern bezeugen können, motivieren neue Migrationsdynamiken. Die Abwägung dieser Potentiale der Migration und deren lokale Aushandlungen verdeutlicht Schiffauer anhand seiner Forschung in der Türkei in den 1980er Jahren.

Auch im Zuge der Herausbildung von transnationalen Verflechtungen, mittels derer Migrant*innen detaillierte Wissensressourcen über potentielle Lebenswelten in der Ferne einholen können, kommt es immer wieder zu einem „status paradox“ (70), der das Resultat einer identitären Hybridisierung infolge der Migration ist. So werden Ghanaer*innen nach ihrer Rückkehr aus Deutschland in der Heimat als „Burger“ und Türkeistämmige in ihrem Herkunftsland als „Alamanci“ tituliert (71). Migration und das Leben als Mitglied einer transnational vernetzten Diaspora – so zeigt Schiffauer an unterschiedlichen Beispielen – erzeugt bei Menschen spezifische Loyalitäten und Bekenntnisse emotionaler, politischer, finanzieller und kultureller Natur.

In einem letzten Gedankengang widmet sich der Autor den Entscheidungsprozessen von Geflüchteten, die vor dem Aufbrechen in Richtung Europa idealisierte Imaginationen mit diesem Kontinent in Verbindung bringen. Die Lebensumstände in Europa – hier beschrieben am Beispiel der inhumanen und irregulären Beschäftigungsbedingungen der Geflüchteten in den Gewächshäusern im südspanischen Almeria – haben meist nur wenig gemeinsam mit den idealisierten Erzählungen der Migrant*innen. Narrative, Imagination und Sehnsüchte tragen zur Konstruktion der „imaginary opportunity space“ bei.

Sabine Hess, Professorin am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen, stellt zu Beginn ihrer Ausführungen die These vom zunehmenden Bedeutungsverlust nationaler Grenzen sowie sozialer, ethnischer und kultureller Grenzziehungen in Zeiten von Globalisierung und Transnationalismus infrage. Auch wenn in der kulturwissenschaftlichen Forschungsliteratur zum Thema Migration inflationär die Rede sei von Hybridität, Transkulturalität, Fluidität, Multilokalität, globalen kulturellen Flüssen und einer ortspolygamen Involviertheit des Kulturwesens Mensch in mehrere Nationalstaaten übergreifenden Lebenskontexten, sei die ursprünglich angestrebte „borderless world“ (84) eine Utopie. Ganz im Gegenteil lasse sich in Europa (und darüber hinaus) ein ganzes Panoptikum an nationalen sowie supranationalen Initiativen, Organisationen und Praktiken zur Errichtung und Sicherung von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen erkennen.

Aus der Perspektive der kulturwissenschaftlichen Grenzregimeforschung versteht die Autorin Grenzen als Barrieren zur Exklusion, als ordnende und strukturierende Demarkationslinien zur Differenzkonstruktion zwischen außen und innen sowie als asymmetrisch fungierendes Machterhaltungsinstrument. Darüber hinaus charakterisiert Sabine Hess Grenzen aber auch als „institution of mobility“ (87), weil an diesen Transitzonen über den Zugang oder die Abweisung von Menschen auf der Grundlage spezifischer Grenzregime entschieden werde. Besonders deutlich wird diese Praxis der Inklusion und Exklusion beim Grenzmanagement der Europäischen Union. Am Ende ihres Beitrags plädiert die Verfasserin aus methodologischer Sicht einerseits für die Etablierung einer „ethnographic border regime analysis“ (93). Andererseits legt sie Wert auf die Anerkennung der Autonomie der Migration, ein Forschungsstandpunkt, der eine mannigfaltige und genuine Produktion von Wissen über Migration abseits der ausgetretenen und gut erschlossenen Pfade der Wissenschaft ermöglicht.

Im letzten Beitrag, der hier gesondert Erwähnung finden soll, widmen sich Evangelos Karagiannis und Shalini Randeria kulturalistisch ausgetragenen Konfliktfeldern und Aushandlungspraktiken in der Migrationsdebatte und den dabei zur Anwendung kommenden Kulturkonzepten. Die rezenten Fluchtdynamiken haben in den deutschsprachigen Ländern zu kontroversen Auseinandersetzungen über divergierende und dichotome Bewertungsmaßstäbe, Werte, Glaubensvorstellungen, Konventionen und Verhaltensmuster zwischen der Hegemonialgesellschaft und den Migrant*innen aus zumeist muslimisch geprägten Ländern geführt. Im Rahmen dieser Diskurse – so zeigen Karagiannis und Randeria am Beispiel eines im Internet viral gegangenen Videos eines österreichischen Politikers – fühlen sich zahlreiche Protagonist*innen berufen, sendungsbewusst und appellativ eine Integration an einen wie auch immer gearteten leitkulturellen Verhaltenskanon zu fordern.

Im Fokus der Analyse steht das bei den Repräsentationen von Migration verwendete Kulturkonzept, das nicht nur seinen Ursprung in der Fachgeschichte der Ethnologie hat (Herder, Boas, Frobenius et cetera), sondern als essentialisierendes und homogenisierendes Werkzeug Differenzen erzeugt und neorassistische Narrative von Trennung, Separation und Abspaltung ermöglicht. Im Rahmen kulturalisierender Mediendiskurse wird – durchaus in huntingtonscher Manier – von einer „fundamental incompatibility of cultures“ (237) ausgegangen. Das diskursiv und performativ hergestellte Oppositionspaar besteht aus der vorgeblich liberalen, toleranten und aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft in Europa und jenen „undesirable others“ (241) aus muslimischen Ländern, deren Kultur in den medialen Wissensordnungen über Migration stets als autoritär, patriarchal, reaktionär, dogmatisch und intolerant präsentiert wird. Auch hier fungiert die xenophobe Orientalisierung des Anderen in erster Linie zur Erzeugung von Alterität und zur Selbstaffirmation. Polarisierende und stereotype Eigenkennzeichnungen und Fremdzuweisungen zwischen diesen als homogen konstruierten Kollektiven materialisieren sich in erster Linie in Genderthematiken und der Sexualität. Aus einer ethnologischen Warte können Karagiannis und Randeria anhand der analytischen Betrachtung der medialen, politischen und gesellschaftlichen Diskurse über Migration aufzeigen, dass Kultur als differenzerzeugendes, stigmatisierendes und exkludierendes Instrument verwendet wird, um hegemonial kondensierte und akzeptierte kulturelle Repräsentationen von Menschen mit muslimsicher Herkunft zu entwerfen.

Das Fazit lautet: Doris Bachmann-Medick und Jens Kugele legen mit „Migration. Changing Concepts, Critical Approaches“ ein sehr lesenswertes und perspektivenreiches Buch vor, das innerhalb der interdisziplinär aufgestellten Migrationsforschung zur Pflichtlektüre werden sollte. Positiv hervorzuheben ist die kontinuierliche Argumentation mit theoretischen Begriffen, Konzepten und Modellen, die ihre Deutungskraft jedoch nur dann hinreichend entfalten können, wenn diese induktiv aus empirischen Datenkonvoluten abgeleitet werden.

Erfreulich ist der Stellenwert der ethnologisch-kulturwissenschaftlich vorgehenden Wissenschaftler*innen im Rahmen dieser Publikation. Die oft zu findenden Plädoyers für den „actor oriented view“ (274) sowie die Wertschätzung der kulturellen Selbstkonstruktion der Migrationsprotagonist*innen bei gleichzeitiger Wahrung eines „distancing analytical standpoint“ (2) sind voll und ganz vereinbar mit dem viel beschworenen „ethnologischen Blick“. Erfrischend und weitere Forschungen in diesem gesellschaftlich hoch relevanten Themenspektrum anregend wirken auch die Überlegungen von Doris Bachmann-Medick am Ende des Buches. Die mit dem Phänomen Migration einhergehenden Praxen, Interaktionen, Prozesse, Kontexte, Wissensordnungen und Bedeutungsgewebe sollen in der Zukunft theoretisch und methodisch mit dem Konzept der „Übersetzung“ erforscht werden, weil es in vielfältiger Weise diesen globalen Dynamiken immanent ist. Migrant*innen werden nicht nur als „mediators and active agents of translation“ (275) charakterisiert, sondern die Menschen ‚on the move‘ können als transkulturelle Brückenbauer asymmetrische und bipolare Gesellschaftsentwürfe hinterfragen und zu kultursensitiven und inklusiveren Lebensverhältnissen beitragen.

Dem vorliegenden Buch ist eine breite Leserschaft auch außerhalb der akademischen Kreise zu wünschen, weil es imstande ist, eine distanzierte, nüchterne, kritische, kulturanalytische und dekonstruktivistische Betrachtung von Migration vorzunehmen. Dieses Gütekriterium tut in letzter Zeit not.