Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Johannes Fried (Hg.)

Karl der Große. Wissenschaft und Kunst als Herausforderung

Beiträge des Kolloquiums vom 26. Februar 2014 in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Geistes- und sozialwissenschaftliche Klasse Jahrgang 2018, Nr. 1), Stuttgart 2018, Franz Steiner, 156 Seiten
Rezensiert von Adelheid Krah
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 02.10.2019

Der 1200. Jahrestag des Todes Karls des Großen vom 28. Januar 814 ließ das Interesse an dieser überragenden Herrschergestalt schon im Vorfeld reifen mit einer Reihe von Monographien; zum Jubiläum waren dann internationale Kolloquien angesagt mit unterschiedlichem Fokus. Der vorliegende Tagungsband hebt sich mit sechs profunden Beiträgen und einem Vorwort von Johannes Fried auf erfreuliche Weise von den gängigen Themen ab, die hier nicht behandelt sind. Stattdessen werden Wissenschaft und Kunst und deren Ausstrahlung und Wirkung auf das Reich vom Zentrum der Hofschule in Aachen ausgehend sowie die Begegnung Karls mit der Kultur der Stadt Rom bei seinen vier bedeutenden Aufenthalten in der frühchristlichen Metropole des Papsttums den Lesern detailreich nahegebracht. Zu Beginn verortet Franz Felten die Thematik nach Mainz und belebt die Frage nach der Präsenz Karls des Großen in und um die Bischofsstadt Mainz somit neu, wobei deren Attraktivität nach den Urkundenbelegen von den anderen Pfalzen der Region – Ingelheim, Frankfurt, Worm – zahlenmäßig übertroffen wurde; offenbar gab es in Mainz noch keine Pfalz, denn übernachtet wurde in Ingelheim.  Die Beiträge von Wolfgang Haubrichs, Glauben verstehen, Erinnerung bewahren: Anfänge deutscher Literatur unter Karl dem Großen (S. 25-44) und von Peter Orth, Karl der Große und die Dichter (S. 45-67), sind den lateinisch-deutschen Beispielen der Kerntexte der Katechese, der hermeneutischen Deutung der Trinität bei Isidor von Sevilla und deren althochdeutscher Übersetzung und dem glanzvollen Aufschwung der lateinischen Dichtung am Hofe Karls gewidmet. Er bot damals international berühmten Dichtern wie dem Westgoten Theodulf, dem Italiener Paulinus von Aquileia und dem Angelsachsen Alcuin ein attraktives Umfeld am Hof in Aachen, wurde von ihnen geliebt und unter dem Pseudonym „David“ in Versen gepriesen und verehrt. Man erfährt im Text von Peter Orth nicht nur, dass Karl seiner Hofschule die wichtigsten Werke der antiken Dichtung zugänglich machte, sondern auch, dass die Briefkunst als Medium damals eine Blüte erlebte; ferner entstanden Werke mit Moraldidaxe sowie für den Unterricht, etwa die von Smaragdus von St. Mihiel überarbeiteten lateinischen Grammatiken des Donatus.  Rainer Kahsnitz, Die Buchmalerei der Hofschule Karls des Großen (S. 69-119) illustrierte seine Abhandlung mit umfangreichem, ganzseitig gedrucktem farbigem Bildmaterial aus den bekannten illuminierten Codices, die während der Zeit Karls des Großen entstanden oder von ihm in Auftrag gegeben wurden (S. 87-119), was den Tagungsband enorm schmückt. Erinnert sei an die Studie von Florentine Mütherich in Bd. 3 des monumentalen Werkes „Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben (Düsseldorf 1965, S. 9-53)“ und an weitere Arbeiten der legendären Kunsthistorikerin und Mediävistin sowie die von Wolfgang Braunfels, welche Kahsnitz aufbauend verwendet hat.  Die beiden letzten Beiträge von Klaus Herbers, Geistige oder geistliche Führung? Karl der Große und das Papsttum (S. 121-136) und Sible de Blaauw, Karl der Große und das frühchristliche Rom (S. 137-153) sind dem Verhältnis Karls des Großen zu den Päpsten seiner Zeit als „Religionsführer“ gewidmet. Politik, Gelehrsamkeit und deren Nutzen bei Führungsfragen – etwa im Trinitätsstreit – waren im Denken des Eroberers fest verankert. Dennoch sind über lange Zeit eine Wechselbeziehung zwischen dem Papsttum und dem fränkischen König Karl zu erkennen, ferner seine Freundschaft mit Papst Hadrian, die Taufe des Karlssohnes Karlmann und dessen Namensänderung in Pippin, wobei Herbers abschließend das Widmungsgedichts des Dagulf-Psalters interpretiert, in dem für Karl das Bild des biblischen Königs David als Synonym seines Königtums imitiert wurde. Sehr spannend zu lesen sind die genauen Schilderungen von Karls Aufenthalten in Rom im Aufsatz von Sible de Blaauw. Karl besuchte im Frühjahr 774 erstmals Rom, um „ad limina apostolorum“ das Osterfest zu feiern. Im Liber Pontificalis 97 sind das Zeremoniell seiner Ankunft an der „Porta sancti Petri“ sowie die rituellen Stationsmessen des Papstes im Laufe der Osterfeierlichkeiten genau geschildert; nach der chronologischen Darstellung der vier Aufenthalte Karls in Rom werden abschließend die „Frühchristlichen Schlüsselstätten“ der Stadt – der Lateran und St. Peter – der Verwaltungssitz des Papstes und das Zentrum der abendländisch-katholischen Kirche mit dem Grab Petri, beschrieben. 

Der reich bebilderte, schöne Band ist eine erfreuliche Ergänzung zur anlässlich des Jubiläums entstandenen Literatur. In vielen Details – bekannten und bisher weniger bekannten – wird das Wissen des Lesers gewinnbringend bereichert; basierend auf den Vorträgen des Kolloquiums ist die Lektüre der Texte auch einem größeren Leserkreis möglich und die Literaturverzeichnisse zu jedem Beitrag laden ein zur weiteren Vertiefung in die Thematik.