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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Moritz Ege/Lukas Rödder/Julian Schmitzberger/Leonie Thal (Hg.)

Die Popkultur und der Staat. Kulturanalytische Einblicke

(Münchner ethnographische Schriften 27), München 2018, Utz, 166 Seiten mit 5 Abbildungen,  ISBN 978-3-8316-4701-9
Rezensiert von Christian Elster
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 30.06.2020

Der kleine Band aus der Münchener Institutsreihe ist das Produkt eines Studienprojekts im Master-Studiengang Volkskunde/Europäische Ethnologie (so die damalige Bezeichnung) an der Ludwig-Maximilians-Universität München, unter der Leitung von Moritz Ege. Die Beiträge thematisieren in Form empirisch-kulturanalytischer Fallstudien Verhältnisse zwischen Popkultur und Staat. War Pop seit den 1950er Jahren eine kulturelle Formation, die sich zumindest in der idealtypischen Wahrnehmung vieler Zeitgenoss*innen „außerhalb der staatlichen Kultur- und Bildungspolitik [befand] – oder von dieser aktiv bekämpft wurde“ (8), so lässt sich längst konstatieren, dass staatliche und quasi-staatliche Einrichtungen Popkultur nicht mehr nur überwachen und regulieren, sondern auf vielfältige Weise auch gezielt fördern. Diese auf den ersten Blick widersprüchlichen Haltungen und Handlungen markieren auch die Pole in wissenschaftlichen wie popkulturellen Reflexionen, die das Verhältnis von Pop und Staat, verkürzt gesprochen, entweder als ein antagonistisches verklären oder die beiden Felder als sich flankierende oder gar stützende Bereiche erachten. Diese holzschnittartigen Positionen im Blick, fragen die Autor*innen des Bandes in ihren Forschungsarbeiten danach, „wie das Verhältnis von Popkultur und Staat in verschiedenen Fällen und Situationen tatsächlich beschaffen ist – und was an den Berührungs- und Reibungspunkten, an den Schnittstellen zwischen Popkultur und Staat, zwischen Akteur:innen auf unterschiedlichen Seiten, im Einzelnen geschieht“ (9).

Eingangs nimmt Moritz Ege einige Begriffsklärungen vor und spannt den theoretischen Referenzrahmen auf, an dem sich die einzelnen Forschungen grundlegend orientieren. Er skizziert anhand wissenschaftlicher Diskursstränge das weitreichende Begriffsfeld um Populäre Kultur, Popularkultur, Volkskultur, Massenkultur usw., um schließlich Popkultur, angelehnt an Diedrich Diederichsen, als eigenen, für den vorliegenden Band zentralen Gegenstandsbereich zu definieren. Stuart Halls Studie „Popular Culture and the State“ (2006) dient Ege im Folgenden dazu, wechselseitige Einflüsse von populärer Kultur auf den Staat (und umgekehrt) in ihrer historischen Dimension zu exemplifizieren und diese Überlegungen schließlich auf aktuelle Fachdebatten zur „anthropology of the state“ zu lenken. Hier stehen Thesen von einem „grundlegenden Strukturwandel des Regierens in spätmodernen Gesellschaften im Vordergrund“ (26). Wie diese sich wiederum mit dem Feld der Popkultur verbinden ist Gegenstand des Bandes. In diesem aufschlussreichen, einleitenden Kapitel benennt Ege zentrale Bestandteile des „kulturtheoretischen Werkzeugkastens“, aus dem sich die Teilnehmer*innen des Studienprojekts „undogmatisch-pragmatisch“ (10) bedient haben, um ihre empirischen Kulturanalysen anhand ganz konkreter Fallbeispiele zu entwickeln.

So stehen im Zentrum von Nico Sedlatscheks Beitrag „Pop and the City. Kommunale Popkulturförderung als Form spätmodernen Regierens“ die sogenannten Popkulturbeauftragten der Städte München, Augsburg und Regensburg. Nach einer historischen Übersicht zur Popkulturförderung in Deutschland, deren Anfänge in die späten 1970er Jahre zurückreichen, gibt der Autor Einblick in die gegenwärtige Arbeit der Akteur*innen, die als Bindeglied zwischen lokalen Musikszenen und staatlichen Stellen fungieren. Methodisch setzt Sedlatschek auf Interviews und informelle Gespräche sowie teilnehmende Beobachtungen. Es gelingt dem Autor, lokale Differenzierungen zwischen den Standorten herauszuarbeiten und unter Berücksichtigung biografischer Faktoren der Akteur*innen ein Spannungsfeld nachzuzeichnen, das sich zwischen spätmodernen Formen des Regierens einerseits (häufig mit dem Ziel der Ausschöpfung wirtschaftlicher Potenziale), und dem „sub- und popkulturellen Ethos“ (37) der Popkulturbeauftragten andererseits entfaltet.

Welche Einflüsse auswärtige Kulturförderung auf die ägyptische Musikszene nimmt, zeigt Leonie Thal in ihrem Aufsatz „Der Ton macht die Musik? Musikförderung als Teil auswärtiger Kulturpolitik in Ägypten.“ Quasi-staatliche Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut identifiziert Thal als zentrale Akteure der dortigen Popmusikszene. Da diese finanziell weder von ägyptischer Kulturpolitik bedacht wird, noch auf funktionierende marktförmige kulturindustrielle Infrastrukturen zurückgreifen kann, ist die Abhängigkeit weiter Teile der Szene von ausländischen Förderungen frappierend. Basierend auf Interviews, informellen Gesprächen und teilnehmenden Beobachtungen in Kairo und Alexandria sowie Dokumentenanalysen (u. a. außenpolitischer Strategiepapiere), analysiert Thal facettenreich die vielschichtigen Motivationen und Auswirkungen quasi-staatlicher Kulturförderung, die einerseits außenpolitische Agenden verfolgt und gleichzeitig komplexen lokalen Problematiken unterworfen ist bzw. diese erzeugt. An konkreten Beispielen illustriert Thal die ökonomischen und symbolischen Abhängigkeiten, die dabei für Musikschaffende entstehen und schließt eine grundlegende Problematisierung politischer Einflussnahme durch cultural diplomacy an.

Julian Schmitzberger lässt die Leser*innen in seinem Text „Planvolles Feiern, coole Kontrolle. Eine Ethnografie von staatlichen Kampagnen zur Förderung von Sicherheit in Münchens Nachtleben“ an einem ethnografischen Ausflug ins Münchner Nachtleben teilhaben. Sensibilisiert durch Medienberichte über vermeintliche Gefahrenzonen im Bereich einer ‚Feiermeile‘ in der Münchner Innenstadt begleitete Schmitzberger zunächst Sozialarbeiter*innen auf ihren nächtlichen Touren. „Tatsächlich“, schreibt er, „sollten sich mir weniger die Umstände der Gewaltausübung erschließen, als vielmehr die Art und Weise, in der versucht wird, das Nachtleben unter Kontrolle zu bringen“ (106). Basierend auf Interviews mit Vertreter*innen von Polizei und Verwaltungsbehörden, Sozialarbeiter*innen, Szenegänger*innen und Clubbetreiber*innen sowie umfangreichen Dokumenten- und Medienanalysen beleuchtet Schmitzberger Netzwerke zwischen diesen vermeintlich heterogenen Akteur*innen, die aus verschiedenen Antrieben heraus für ein „Feiern ohne Risiko und Gewalt“ eintreten. Mithilfe Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität erkennt er in diesen Kooperationen staatlicher und popkultureller Akteur*innen einen Paradigmenwechsel des Regierens von repressiven hin zu policy getriebenen Maßnahmen.

Mit „‚Things are different Today‘. Konsum, Pop, Politik und die Gewerkschaft“ bereichert Lukas Rödder den Band schließlich um eine historische Perspektive. Er analysiert Ausgaben des in den 1970er Jahren neu aufgelegten Jugendmagazins „‘ran“, das vom Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegeben wurde. Das Magazin strebte nach Aussage des damaligen Chefredakteurs ein „aggressives Mixtum aus Pop und Politik“ an und lässt sich, so Rödder, in die Konsumkritik der linksalternativen Szene der späten 1960er und 1970er Jahre einordnen. Auch wenn Gewerkschaften de jure explizit gerade keine staatlichen Akteure sind, nimmt er sie als „Teil der Legitimationsapparatur eines Staates“ (143) in den Blick und veranschaulicht, wie Pop vom DGB für sozialkritische Forderungen vereinnahmt wurde. Sein Resümee: „Wenn die Jugend der späten 1960er und frühen 1970er Jahre ein Resultat aus der geistigen Paarung von Marx und Coca-Cola war, dann lässt sich ‘ran als Marx’ Anwalt begreifen, der versuchte, in der Sprache der Kinder die Werte der Arbeiter:innenbewegung zu vermitteln und in deren Sinne zu instrumentalisieren.“ (161)

Trotz der überschaubaren Zahl an Beiträgen gewinnen Leser*innen aufschlussreiche und teils überraschende Einblicke in Verhältnisse zwischen Popkultur und Staat. Insbesondere hinsichtlich der Tatsache, dass es sich beim vorliegenden Band um das Produkt eines Studienprojektes handelt, beeindrucken die Texte durch ihre Materialdichte. Die Herausgeber*innen weisen eingangs darauf hin, dass weit mehr Beiträge geplant waren, als schließlich abgeschlossen bzw. zur Veröffentlichungsreife gebracht werden konnten, verursacht auch durch einen Arbeitsstellenwechsel des Projektleiters. Die dort skizzierten Themen u. a. zu Zensur oder zu staatlichen Förderpolitiken in der Gaming-Industrie hätten die Sammlung sicher um interessante Dimensionen erweitert. Doch vielleicht gerade aufgrund dieser ‚Lücken‘ öffnet die Publikation ein Feld, das noch viel Raum für weitere Forschungen lässt und zur Themensuche inspiriert. Auch wenn hier und da ein wenig redaktioneller Feinschliff gut getan hätte, erfüllt sich die Hoffnung der Herausgeber*innen deshalb absolut, „dass die Lektüre dieses kleinen Buchs sich für Leser:innen mit verschiedenen – popkulturellen, kulturpolitischen, ethnologisch-kulturwissenschaftlichen – Interessenschwerpunkten lohnt“ (30).