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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Regina Franken-Wendelstorf/Sybille Greisinger/Christian Gries/Astrid Pellengahr (Hg.)

Das erweiterte Museum. Medien, Technologien und Internet

(MuseumsBausteine 19), Berlin/München 2019, Deutscher Kunstverlag/Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, 160 Seiten mit Farbabbildungen, ISBN 978-3-422-07436-1
Rezensiert von Oliver Freise
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 30.06.2020

Die Digitalisierung in den Museen war in den letzten Jahren, ist durch die gegenwärtige Covid-19-Pandemie und wird künftig noch stärker als bisher eines der bestimmenden Themen in der Museumslandschaft sein. Die Frage, die sich alle Verantwortlichen in den Museen und deren Träger stellen müssen, ist: In welcher Art und Weise kann die Digitalisierung jetzt und künftig sinnvoll und strukturiert in den Museen eingesetzt und betrieben werden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Innovation – in welcher Form auch immer – nicht nur der Innovation wegen ins Museum gehört. Dazu sind die finanziellen und personellen Ressourcen in den Kultureinrichtungen in der Regel zu knapp bemessen. Gleichwohl wird es in den Museen künftig darum gehen müssen, grundlegende digitale Kompetenzen der Mitarbeiter*innen und der Institution selbst weiterzuentwickeln.

Nach wie vor stehen jedoch im Zusammenhang mit der Digitalisierung viele, zum Teil noch offene, Fragen im Raum. Wo liegen Chancen und Grenzen der Digitalisierung in den und für die Museen? Welches ist der tatsächliche Mehrwert des Einsatzes digitaler Technologien? Vor allem letztere Frage stellt sich oft hinsichtlich der beiden klassischen Aktionsfelder der Museen – des Sammelns und des Ausstellens. Skeptiker und Kritiker der Digitalisierung und des Digitalen fragen in diesem Zusammenhang oft, ob das Museum als Ort des Ausstellens und Vermittelns nicht seine Bedeutung verliere. Der Bezug zur Einmaligkeit der Objekte, die nach Walter Benjamin von einem Kunstwerk ausgehende „Aura“, laufe Gefahr, durch die Auswirkungen der Digitalisierung verloren zu gehen. Auch die Interaktion im Museum zwischen Besucher*in und Objekt oder zwischen Besucher*in und Vermittler*in von Angesicht zu Angesicht sei nicht mehr möglich. Die Faszination, die Aura des Originals könne somit nicht mehr überzeugen.

Aber nicht nur die klassischen Aufgaben der Museen sind von der Digitalisierung betroffen. Sie greift ebenso eindringlich in die Formen der Kommunikation ein – wahrscheinlich der Bereich, in dem wir dies im Alltag am intensivsten erleben, egal ob im beruflichen oder privaten Zusammenhang. Dass die Digitalisierung (soziale) Interaktionen beeinflusst und verändert, ist unstrittig. Dass sie ein ebenso unaufhaltsamer wie unumkehrbarer Veränderungsprozess ist, daran besteht ebenfalls kein Zweifel mehr. Aus diesem Grund wird es in den Kultureinrichtungen notwendig sein, die Digitalisierung als eine Querschnittsaufgabe wahrzunehmen, sie zu begreifen und anzuerkennen. Die Frage ist nur, wie die Museen und andere Kultureinrichtungen diesen Prozess gestalten wollen und werden. Der beste Weg ist meiner Meinung nach, dass wir den Prozess der Digitalisierung aktiv und zielgerichtet mitgestalten. Dies gilt sowohl (oder insbesondere) für den digitalen Laien als auch für den digital Fortgeschrittenen.

Es wird darum gehen, das Digitale in allen Arbeitsfeldern und -prozessen der museologischen Praxis von Anfang an mitzudenken: in der Digitalisierung von Ausstellung und Sammlung, in der Kommunikation und Interaktion mit den Besucher*innen, aber auch in der Institution selbst. Dazu bedarf es einer Gesamtstrategie, die bei der Vielfältigkeit der Museumslandschaft nicht von der Stange zu haben ist, sondern die sich jedes Haus nach seinen Möglichkeiten und Voraussetzungen selbst erarbeiten muss.

An diesem Punkt setzt das Buch „Das erweiterte Museum. Medien, Technologien und Internet“ der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern an. Die als Band 19 in der Reihe „MuseumsBausteine“ erschienene Publikation hat sich zum Ziel gesetzt, den Museumskolleg*innen, sowohl den Einsteiger*innen als auch den digital Fortgeschrittenen, konkrete Hilfestellung im weiten Feld der Digitalisierung zu geben. Dabei erhebt dieses Werk keinesfalls den Anspruch, das gesamte Spektrum des Digitalen darstellen zu wollen. Die Herausgeber*innen verstehen ihr Buch – und diesen Anspruch erfüllt es durchaus – im besten Sinne des Wortes als Arbeitshilfe, „die das umfangreiche Thema ‚Museum und Digitales‘ beleuchtet und für die praktische Arbeit handhabbar macht“ (9). Fokussiert wird das Digitale und dessen Anwendungen dabei auf die drei musealen Arbeitsbereiche Dokumentation, Kommunikation und Vermittlung.

Verantwortlich für die Inhalte sind ausgewiesene Fachleute, die als Autorinnen und Autoren für die ausgewählten Themenbereiche gewonnen werden konnten. So geht es in den einzelnen Beiträgen u. a. um digitale Strategien, Medienstationen, Online-Sammlungen, Social Media und Storytelling. Ergänzt und erweitert wird die gedruckte Ausgabe durch ein entsprechendes E-Book sowie das „dynamische Projekt-Portal“ (https://dyps.bsb-muenchen.de/mb/reader/document/ [14.4.2020]) in Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek München. Hinter der Entscheidung für diese „dreigegliederte Publikation“ steckt die sehr überzeugende Sichtweise, zum einen das Thema Digitalisierung „laufend […] erweitern“ und damit ein großes Maß an Aktualität garantieren zu können, zum anderen im Sinne der „Vorbildfunktion [der Landesstelle] mit neuen Publikationsformaten voran[zu]gehen“ (10). Zudem unterstützen zahlreiche als Marginalien eingebrachte QR-Codes, die mit Best-Practice-Beispielen zum „Museum im digitalen Zeitalter“ (11) angereichert sind.

Der inhaltliche Aufbau der mit zahlreichen Abbildungen, Grafiken und QR-Codes versehenen Publikation gliedert sich in folgende thematische Teilbereiche: Das Kapitel 1 „Medien – Chancen für Kommunikation, Vermittlung und Sammlungsmanagement“ führt in Auszügen „in den Wandel in der Kulturvermittlung durch Medieneinsatz in Ausstellungen sowie in die […] Diskussion um Lerntheorien im Museum ein“ (11). Simone Mergen (Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) und Antje Schmidt (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg) berichten in ihren Beiträgen beispielhaft über ihre jeweiligen Erfahrungen in den beiden Museen. Das Kapitel 2 „Neue Medien in der Kommunikation des Museums“ beschäftigt sich mit der „gezielten Einbindung ‚neuer Medien‘ in die Kommunikation des Museums“ (11). Im Mittelpunkt steht dabei die Ausbildung einer digitalen Strategie, der Online-Kommunikation sowie der Nutzung der Sammlung im Open Access. Behandelt werden darüber hinaus die Themen: Webseite, E-Publishing und E-Mail-Marketing. Das dritte Kapitel „Soziale Medien – im offenen Dialog mit dem Publikum“ erläutert, welche Formen des Dialogs zwischen dem Museum und seinem Publikum im Digitalen möglich sind und wie er gelingen kann. Dabei geht es nicht nur einseitig um die Vorstellung verschiedener Kanäle wie Facebook, Instagram und Twitter, sondern auch um mögliche Kommunikationsmodelle und -formate.

In „Multimediale Elemente als Vermittlungsbausteine im Museum“, dem vierten Kapitel, werden die Vor- und Nachteile von Audio- und Multimediaguides, Apps, Located-based Services und Medienstationen als digitale Vermittlungselemente im Museum thematisiert. Etwas handfester geht es in Kapitel 5 „Multimediale Elemente: Planungsaufgaben, Einbau und Betrieb“ zur Sache. Planung, Einbau und Betrieb multimedialer Elemente im Museumsbau stehen im Mittelpunkt. Hier werden wichtige Hinweise für die Praxis gegeben, damit (unter Umständen teure) Fehler bereits im Vorfeld durch gute Planung vermieden werden können. Um „Inhalte digital vermitteln“, also darum, wie die Museen ihre Informationen didaktisch klar und lebendig an ihre potenzielle(n) Zielgruppe(n) vermitteln können, ist Inhalt des sechsten Kapitels. Dabei geht es u. a. um die Nutzerfreundlichkeit, das Design und das Storytelling. Und das siebte und letzte Kapitel widmet sich den „Erweiterten Darstellungsformen“ und ihrem möglichen Einsatz in den Museen. Beispielhaft sind zu nennen der Einsatz von Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR), von 3D-Darstellungen oder Künstlicher Intelligenz (KI). Beispiele aus der archäologischen Praxis geben Francesca Morandini (Accademia di Belle Arti Santa Giulia Brescia) und Christof Flügel (Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern).

Jedes dieser Kapitel ist einzeln les- und verstehbar und in sich abgeschlossen. Auf diese Weise kommt es auch denjenigen entgegen, die nur an einzelnen Themenbereichen interessiert sind. Zudem schließt fast jeder Teil mit „Fragen und Anregungen“. Die dort enthaltenen Informationen fassen das vorher Erwähnte noch einmal prägnant zusammen und können ebenso als Anreiz für das eigene praktische Tun verstanden werden.

Das Buch schließt mit einem Ausblick und einem weiterführenden Literaturverzeichnis. Dieses umfasst sowohl allgemeine Überblickspublikationen, aber auch Schriften zu speziellen Themen wie Ausstellungspraxis, digitale Vermittlung und Kommunikation sowie Gaming. Als besonders hilfreich stellt sich das umfangreiche Glossar der Fachbegriffe da. Dies dürfte nicht nur für Einsteiger eine große Hilfe sein, sondern ist sicherlich auch geeignet, Fortgeschrittene in der Kommunikation in und um das Digitale zu unterstützen.

Als Fazit ist zu konstatieren, dass das Buch, welches die Qualität eines Leitfadens aufweist, jeder und jedem Museumstätigen – egal ob analog oder digital – zur Verfügung stehen sollte. Es gibt nicht nur den Einsteiger*innen einen Zugang zum und Überblick über das Thema Digitalisierung, sondern kann auch den digital Fortgeschrittenen unterstützend dienen. Das Nachschlagewerk gibt hilfreiche Informationen zur digitalen Infrastruktur, zu Arbeitsprozessen, zu Angeboten für die Besucher*innen und zu strategischen Methoden, ohne dabei die Herausforderungen zu vergessen, mit denen sich die Museen konfrontiert sehen (sollten).

Dank qualitativ überzeugender und anregender Beiträge liegt hier ein weiterführendes Buch zum Digitalen im Museum vor. Es sei jeder und jedem zu empfehlen, die/der sich mit dem Thema Digitalisierung im Museumsbereich auseinandersetzen möchte. Insbesondere Einsteiger*innen sei diese Publikation zur Lektüre und zum Nachschlagen ans Herz gelegt.