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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Arnošt Muka, aus dem Obersorbischen übersetzt und herausgegeben von Robert Lorenz

Statistik der Lausitzer Sorben

Bautzen 2019, Domowina, 532 Seiten mit 1 Abbildung, Tabellen, 1 Karte, ISBN 978-3-7420-2587-6
Rezensiert von Sönke Friedreich
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 30.06.2020

Dass die Statistik neben der frühen Sprachwissenschaft und der Landes- und Volkskunde zu den Grundpfeilern der modernen Nationalbewegungen zählt, gehört zu den Allgemeinplätzen der wissenschaftsgeschichtlichen Forschung. Die in diesem Zusammenhang erhobenen Quellen sind – bei allen methodologischen Einschränkungen – bis heute wichtige Informationsträger der Wissenschafts- und Wissensgeschichte. Nicht in jedem Fall haben sie jedoch einen größeren Bekanntheitsgrad erlangt, was insbesondere für nationale Minderheiten und ihre frühen Zeugnisse gilt. Die durch den sorbischen Lehrer und Slawisten Arnošt Muka (Ernst Mucke; 1854–1932) in den Jahren 1884 bis 1886 in drei Abteilungen veröffentlichte „Statistika łužiskich Serbow“ ist hierfür ein Beispiel. Muka hat im sorbischen nationalen Selbstbewusstsein ebenso wie in der Sorabistik eine nachhaltige Wirkung gehabt und zählt, vor allem dank seines „Wörterbuchs der niederwendischen Sprache und ihrer Dialekte“, zu den bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten im sorbischen Nationaldiskurs des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Doch seine „Statistika“ wurde jenseits dieses Diskurses kaum rezipiert. 133 Jahre nach der Erstpublikation ist sie nunmehr in deutscher Übersetzung erschienen, ein Verdienst des Herausgebers Robert Lorenz, der die Übertragung des Muka’schen Werkes im Rahmen des ESF-Forschungsprojektes „Sorbenwissen“ (Institut für Slawistik der TU Dresden und Sorbisches Institut) erarbeitet hat. Hierdurch eröffnet sich nicht nur die Möglichkeit, Mukas Rolle als „Geburtshelfer zum Aufbau eines modernen sorbischen Selbstverständnisses“ (15) besser einzuordnen, es wird zudem eine wichtige volkskundliche Quelle für ein breites, des Sorbischen nicht mächtiges Publikum erschlossen.

Die Übersetzung folgt der ursprünglichen Dreiteilung des Werkes in der Zeitschrift der Maćica Serbska, wobei der erste Teil die Statistik der Niederlausitzer Sorben, der zweite Teil jene der Oberlausitzer Sorben in Preußen und der dritte Teil jene der Sorben im Königreich Sachsen umfasst [1]. Die einzelnen Teile sind wiederum in die Beschreibungen einzelner Kirchspiele unterteilt, unter denen jeweils die einzelnen sorbischen Gemeinden auffindbar sind. Die Ausführungen enthalten nicht allein statistisches Material zur ober- und niedersorbischen Bevölkerung am Ende des 19. Jahrhunderts. Es finden sich vielmehr umfassende, wenn auch mitunter wenig systematisch erhobene Ortsbeschreibungen sowie Angaben ethnografischen Inhalts, beispielsweise zur Tracht, zu Erzählformen oder zum Dialekt, ebenso wie Informationen über wirtschaftliche Verhältnisse, den Zustand der Landgemeinden und den Einfluss der Industrialisierung auf ländliche Lebenswelten. Nicht zuletzt beinhaltet die Statistik eine kritische Sichtung der Sprachentwicklung in der Lausitz und der kaum zu überschätzenden Rolle von Kirche und Schule. Denn die sprachliche Differenz entschied für Muka die sorbische Identität der Dörfer und der in ihnen lebenden Menschen – Sorbisch zu sein war keine Frage der nationalen Selbstzuschreibung, sondern des Sprachgebrauchs. Dem nationalistischen Diskurs der Zeit entsprechend argumentierte er gegen die Vermischung der Sprachen und suchte nach ‚Reinformen‘ der sorbischen Kultur, ein Vorhaben, das zugleich den volkskundlichen Rettungsgedanken der Zeit spiegelte. Das Leitthema und eine Art Messlatte der Ortsbeschreibungen ist daher das Ausmaß der ‚Verdeutschung‘. Es entsprach Mukas Selbstverständnis als Hüter nationaler Traditionen und Sprache, dass er dabei keineswegs in ein Lamento über die Tendenzen zur ‚Verdeutschung‘ verfiel: Seine „Statistik“ ist eher ein Zeugnis sorbischen Selbstbewusstseins, das sich gerade gegen die von der offiziellen Statistik zu niedrig angesetzten Zahlen der sorbischsprachigen Bevölkerung der Lausitz wandte.

Zugleich bedingte diese Haltung eine kritische, kulturkonservative Wertung der industriellen Moderne. So finden sich polemische Ausführungen über den schädlichen Einfluss der Industrialisierung und der damit einhergehenden Landflucht, in denen Muka eine Bedrohung der sorbischen Identität sah. Insbesondere der erste Teil mit den Angaben zur Niederlausitz ist hiervon geprägt. Wenn er beispielsweise in der Beschreibung der Gemeinde Groß Luja (Kreis Spremberg) davon spricht, „dass sich im Volk [...] die traurige und für sein Seelenheil schädliche Idee regt, dass die Muttersprache, die Volksfrömmigkeit und die nationale Sitte etwas Übles, Schlechtes seien“ (91), so beklagte er damit die umfassende gesellschaftliche Transformation seiner Zeit, gegen die die Sorben sich zu wehren hatten. Gerade jene Institutionen wie die Kirche und die Schule, die als ‚Identitätswahrer‘ auftreten sollten, zogen Mukas Zorn auf sich, sobald er in ihnen Einfallstore der deutschen Sprache wahrnahm. Es kann daher kein Zweifel bestehen, dass er seine Schrift als ein Instrument zur nationalen Selbstbehauptung in einem sich rapide wandelnden Umfeld ansah.

Die „Statistik der Lausitzer Sorben“ steht insofern in einer wissenschaftsgeschichtlichen Traditionslinie, als die Statistiken und Länderkunden des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts gleichfalls ethnografische Informationen enthalten hatten und somit als Vorläufer der späteren Wissenschaftsdisziplin Volkskunde anzusehen sind [2]. Wenn Robert Lorenz in seinem Vorwort zu Recht darauf hinweist, dass sich Muka mit seinem Vorhaben in der Nachfolge Wilhelm Heinrich Riehls befand, so ist zu bemerken, dass Riehl seinerseits volkskundliches Wissen zunächst als Bestandteil der Statistik und Staatenkunde ansah. Eine Gemeinsamkeit mit Riehl lässt sich außerdem darin erkennen, dass auch Muka das Wandern als Methode propagierte, denn der persönliche, unmittelbare Kontakt mit ‚Land und Leuten‘ diente ihm dazu, zahlreiche Informationen vor Ort bis hin zu biografischen Angaben von Pfarrern usw. zu sammeln. Dies gilt zumindest für den ersten Band zur Niederlausitz. Selbstverständlich ist die dabei suggerierte Präzision, insbesondere der Zahlenangaben, in Zweifel zu ziehen. In weiten Teilen berief Muka sich auf nach zeitgenössischem Verständnis ‚zuverlässige‘ Gewährspersonen, die als Lehrer oder Pfarrer vor Ort wirkten und über deren Informationsquellen in aller Regel nichts bekannt ist. Ein erklärtes Ziel Mukas war es, in statistischer Hinsicht die vorherrschende Wahrnehmung einer bedrängten, im Absterben befindlichen sorbischen Sprachidentität, wie sie etwa durch Richard Andrees „Wendische Wanderstudien“ (1874) in Umlauf gebracht worden waren, in Frage zu stellen. Präzision war dem quasi außerberuflich tätigen Volkskundler und Slawisten Muka daher nicht nur empirisch unmöglich, sie ordnete sich auch dem höheren Ideal der lebendigen sorbischen Identität unter. Das gleiche gilt auch für die dem Band als Faksimile beigegebene zeitgenössische Karte, auf der Muka das Siedlungs- und Sprachgebiet der Lausitzer Sorb*innen kennzeichnete und die bis heute die Imagination einer stabilen räumlichen Verortung beeinflusst.

An welche Interessent*innen richtet sich die deutsche Übersetzung und Neuherausgabe von Mukas Werk? Neben dem offensichtlichen Rezipient*innen- und Spezialist*innenkreis in der Sorabistik, der Volkskunde/Europäischen Ethnologie und Geschichtswissenschaft benennt der Herausgeber vor allem Heimatforscher*innen und Ortschronist*innen, die in der Tat in dem Band eine Fundgrube für ihre Arbeiten finden werden. Doch auch in einem allgemeineren Sinne bilden die Lausitz und ihre Bewohner*innen selbst das Zielpublikum. Nicht allein der sorbische Bevölkerungsanteil, sondern die Lausitz insgesamt befindet sich gegenwärtig in einem krisenhaften Umbruch, in dem die Selbstverständigung über die Geschichte, über das bikulturelle Zusammenleben, aber auch die bis heute andauernden regionalen Konflikte eine wichtige Rolle spielen können. Zu dieser Selbstverständigung in einer historischen Vertiefung beizutragen, ist ein weiteres, nicht gering zu schätzendes Verdienst des vorliegenden Bandes.

Anmerkungen

[1] Die drei Teile erschienen in: Časopis Maćicy Serbskeje 37 (1884), S. 129–159; 38 (1885), S. 3–120; 39 (1886), S. 3–241.

[2] Zusammenfassend beschrieben hat dies Helmut Möller: Volkskunde, Statistik, Völkerkunde 1787. In: Zeitschrift für Volkskunde 60 (1964), S. 218–233.