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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Victoria Hegner

Hexen der Großstadt. Urbanität und neureligiöse Praxis in Berlin

(Urban Studies), Bielefeld 2019, transcript, 327 Seiten mit 20 Farbabbildungen, ISBN 978-3-8376-4369-5
Rezensiert von Marion Näser-Lather
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 03.07.2020

Die Religion der „neuen Hexen“ stellt ein ebenso faszinierendes wie auch hermetisches Forschungsfeld dar. Hexen beziehen sich meist auf eine Göttin und ihren Gefährten, den Gott, feiern Jahreskreisfeste und sind der Überzeugung, durch Magie auf (intra)psychische wie materielle Zustände einwirken zu können.

Victoria Hegner gelingt es, spannende Einblicke in diese neuheidnische Strömung zu vermitteln, die in der kulturwissenschaftlichen Religiositätsforschung noch immer ein unterbelichtetes Feld darstellt. Sie hat nicht nur Quellen zu und wissenschaftliche Debatten um Hexen ausgewertet, sondern auch mehrere Hexengruppen (v. a. die „Reclaimer*innen“ und die „Mondfrauen“) und Einzelpersonen aus Berlin mittels Interviews und teilnehmender Beobachtungen an mehr als 50 Ritualen untersucht. Durch Beschreibungen der Wohnungen von Hexen als Ausdruck (religiöser) Selbstrepräsentation und der in ihnen vorfindbaren (Ritual-)Gegenstände und -Gewänder, sowie von Kultorten im Berliner Stadtraum erläutert sie Charakteristika magischer und kultischer Handlungen und diesbezügliche Aushandlungsprozesse.

Hegner bettet ihre stadtreligiösen Forschungen ein in eine kenntnisreiche Darstellung der Entstehung der Hexenreligion im 19. Jahrhundert; unter anderem beleuchtet sie geistesgeschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen wie das Aufkommen von okkulten Geheimgesellschaften und von Theorien über eine prähistorische Hexenreligion. Sie stellt die Vielschichtigkeit der Rezeption dieser Einflüsse durch die heutigen Hexen und die Auffächerung der Hexen in unterschiedliche Gruppierungen dar und beschreibt Charakteristika der Hexenreligion, wie die Vielfalt und Kreativität von Ritualen und Festen sowie die gleichzeitig existierenden formalen Elemente und Traditionen.

Die Autorin nähert sich ihrem Forschungsgegenstand – den Berliner Hexengruppen – anhand der lokalen Entwicklungen ab den 1980er Jahren, indem sie zunächst Gruppierungen und Diskurse in den Blick nimmt, die sich allgemein auf Hexen als Identifikationsfiguren beziehen, unter anderem, um so den Einfluss des Feminismus auf die heutigen Berliner Hexengruppen nachzuzeichnen. Sie analysiert unterschiedliche Gruppen und Strömungen innerhalb der aktuellen Berliner neuheidnischen Szene und ihre Ausrichtungen und Konflikte. So schildert sie facettenreich die Kontroversen um historische Rekonstruktionen germanischer Göttersagen, um Bezüge auf eine nationale Vergangenheit und den Umgang mit NS-Erbe und rechtsgerichtetem Neuheidentum. Ein Schwerpunkt ihrer Analyse liegt auf der Selbstrepräsentation der Hexengruppen gegenüber der Öffentlichkeit, die einerseits durch das Bemühen gekennzeichnet ist, unsichtbar zu bleiben und andererseits durch den Impetus, öffentliche Anerkennung und Teilhabe zu erlangen. Diese Ambivalenz wird anschaulich anhand der Rituale im Berliner Stadtraum, die teils im Verborgenen stattfinden, teils sichtbare Spuren hinterlassen, etwa in Form von aus Steinen gelegten Kreisen, oder auch als öffentliche Interventionen inszeniert werden, wie ein Runentanz in der Walpurgisnacht auf dem Berliner Teufelsberg.

Hegner leistet einen wichtigen Beitrag zu konzeptuellen und fachinternen Debatten, indem sie beispielsweise die umstrittene Abgrenzung der Begriffe Religion und Spiritualität und die Zentriertheit der Religionsforschung auf christliche Religionen und tagsüber stattfindende Rituale hinterfragt. Das zentrale Verdienst ihrer Monografie besteht darin, durch die detaillierte Beschreibung der (religiösen) Lebenswelt ihrer Feldpartner*innen zu zeigen, auf welche Art und Weise die Stadt Berlin mit ihren historischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen auf spezifische Art und Weise „Stadthexen“, deren symbolische Repräsentationen, Rituale und alltagsweltlichen Praxen hervorbringt.

Die These der Autorin, die Großstadt ermögliche die Religion der Hexen, kann in ihrer Absolutheit jedoch angezweifelt werden. Hegner argumentiert, die urbane Kultur würde nicht nur „Rituale und andere religionsgebundene Handlungen und Ideen der neuheidnischen Hexen prägen“ (9), wie dies auf jede Umgebung und jede alltagskulturelle Praxis zutrifft, sondern die kulturelle und religiöse Vielfalt und spirituelle Kreativität von Großstädten im Allgemeinen und Berlins im Besonderen stelle darüber hinaus die Voraussetzung für das Entstehen von Hexengruppen dar. Diese spezifisch urbanen Bedingungen ermöglichten sowohl den Kontakt zu Gleichgesinnten als auch bestimmte Ausprägungen der urbanen Hexe. Freilich lässt sich eine größere Wahrscheinlichkeit und Erleichterung von Face-to-Face-Kontakten und eine höhere Toleranz in städtischen Umgebungen konstatieren, es kann jedoch gefragt werden, ob Hegners Argumentation in Zeiten von Online-Vergemeinschaftung vollständig zutrifft. Hegner bezieht sich auf Hans-Joachim Höhns (GegenMythen, 31996) These, City-Religionen seien von Anti-Institutionalismus, Dogmenfeindlichkeit und Synkretismus geprägt. Ebenso sehr dürfte jedoch die Verortung der Hexenreligion in der Postmoderne prägend für dementsprechende Konzeptualisierungen sein. Dafür spricht, dass eine starke Diversität und Individualität auch bei Hexengruppen in Kleinstädten und ihrem Umland vorfindbar sind, wie ich im Rahmen meiner eigenen Forschungen in Marburg und Umgebung feststellen konnte. Zudem ist die Offenheit hinsichtlich theologischer Fragen und der Ausgestaltung von Ritualen nicht allen Hexengruppen eigen: Wicca erfüllt diese Kriterien meist nicht. Einige Berliner Erfahrungen werden, dieser Argumentation folgend, verabsolutiert, so die Aussagen, die Hexenreligion würde sich in Deutschland topografisch an ein bestimmtes Territorium binden oder dass Hexenstammtische als klandestine Vorstufen von Ritualgruppen bedeutend seien.

Die Monografie besticht durch Vignetten aus Hegners Forschung, in denen sie dichte Beschreibungen von Wohnungen und Ritualsituationen präsentiert. Der dafür gewählte Feldzugang ermöglicht Erkenntnisse, zu denen sonst nicht hätte gelangt werden können, wirft allerdings auch methodologische Fragen auf. Hegner folgt dem Konzept der „sensory ethnography“ (Sarah Pink) in Form einer gänzlichen mentalen, emotionalen und körperlichen Involviertheit während der teilnehmenden Beobachtung. Deren Ziel ist es, durch ein bewusstes going native einen holistischen Nachvollzug der fremden Lebenswelt zu erreichen, mittels einer Verbindung von Teilnahme und einer „Übernahme bestimmter neuheidnischer Vorstellungen“ (30). Dies ist eine nicht unumstrittene Entscheidung (vgl. auch die Diskussionen zu „engaged anthropology“). Hegner stellt sie als ihr vom Feld aufgezwungene Voraussetzung für den Zugang zu Ritualen dar. Nun lassen zwar in der Tat einige Hexengruppen Außenstehende zu Ritualen nicht zu, bei anderen ist dies jedoch durchaus möglich. Zudem stellt Hegner die These auf, dies sei der einzig adäquate Feldzugang für eine „wissenschaftlich-ethnographisch[e]“ Erforschung der Hexenreligion (27). Sicherlich bieten sich jedoch je nach Fokus der Untersuchung auch andere Methoden an.

Zwar praktiziert Hegner die Aushandlung von Immersion und Distanz sehr wohl, indem sie ihre eigene Position im Feld detailliert reflektiert und beispielsweise zwischen den Sinneswahrnehmungen während eines Rituals und deren Deutungen differenziert. Sie kritisiert jedoch die von der Ethnologie propagierte Grenze des Einfühlens und die Forderung nach Distanz und argumentiert, die Warnung vor dem „Zuviel an Nähe“ lasse „durch die Hintertür“ wieder die unhaltbare Idee der Objektivität hinein (33). Nun kann zweifelsohne nicht hinter die Erkenntnis der Situiertheit und des immer nur vorläufigen Charakters von Wissen zurückgegangen werden – das Ideal einer möglichst adäquaten, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung und Analyse von Gegenständen bleibt jedoch und dementsprechend ebenso die zumindest heuristische Trennung von Analyse- und Positionierungsebene. Einen Ausweg bietet die Unterscheidung zwischen Empathie als Methode des verstehenden Nachvollziehens und Sympathie als emotionaler Positionierung, wie sie etwa Douglas Hollan und Jason Throop in ihrer „Anthropology of Empathy“ (2011) vornehmen. In der Gesamtschau ist Hegners Monografie über die Berliner Hexen jedoch außerordentlich lesenswert und stellt einen wichtigen Beitrag zur Religiositätsforschung dar.