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Pia Fruth

Record.Play.Stop. – Die Ära der Kompaktkassette. Eine medienkulturelle Betrachtung

(Edition Medienwissenschaft 50), Bielefeld 2018, transcript, 352 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-4220-9
Rezensiert von Armin Griebel
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 03.07.2020

Die Studie, welche die „Ära der Kompaktkassette“ als Einzeluntersuchung in den Blick nimmt [1], entstand als Dissertation am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. Pia Fruth, die als Hörfunkjournalistin arbeitet, lehrt dort praktischen Journalismus. Das Kassettenthema ist ihr als ‚Kassettensozialisierter‘, aber auch als Rundfunkreporterin vertraut. Die Autorin präsentiert ihre „medienkulturelle Betrachtung“ (25) im flotten Stil einer Reportage, bei der gute Lesbarkeit manchmal mit reißerischer Sprache und der Neigung zu pointierter Erzählweise einhergeht. Das verwendete historische Präsens irritiert dort, wo sich aus dem Kontext nicht gleich erschließt, ob Vergangenes oder die Gegenwart beschrieben ist. Hilfreich sind die zahlreichen Zwischenüberschriften, über die man interessante Unterthemen wie den Streit um urheberrechtliche Fragen mit Plattenindustrie und GEMA ansteuern kann (128 ff.).

Die Autorin fordert eine interdisziplinäre Herangehensweise. Methodisch beruft sie sich auf die Cultural Studies und das Modell des „Circuit of Culture“, die im gleichen Forschungsfeld schon den Analyserahmen für die Geschichte des „Walkman“ boten [2]. Unter der Zwischenüberschrift „Quellen und der Umgang damit“ erfährt man eher Generelles zu den primären Quellen. Ein eigenes Quellenverzeichnis, in das auch die als Primärquellen genutzten Szene-Publikationen und feuilletonistischen Beiträge (28) getrennt von der Fachliteratur hätten aufgenommen werden können, gib es nicht. Die acht Zeitzeugen, mit denen Fruth narrative Interviews geführt hat, werden in nur wenigen Sätzen vorgestellt. Ihre Äußerungen hätte man gern zusammenhängend in einem Quellenanhang gelesen. Die Autorin hat sie als Zitate so in ihren Text eingearbeitet, dass sie als O-Töne für Authentizität stehen und ihre Argumentation bestärken. Die vorzüglichen Illustrationen, meist Werbefotografien, stammen fast ausschließlich aus einem Konvolut mit Werbematerial, Pressefotos und Dokumenten, das die Firma Philips zur Verfügung stellte und das die Autorin etwas großspurig als „Archiv Philips“ apostrophiert.

Um das Medium Kompaktkassette und die Entstehung einer „Kassettenkultur“ adäquat darstellen zu können, hält die Autorin eine genaue Beschreibung für unabdingbar. Untersuchungsraum ist vor allem Westdeutschland, die DDR kommt in Bezug auf widerständige Kassettenpraxen kurz in den Blick. Schließlich erhofft sich Fruth aus der multiperspektivisch angelegten „Beschreibung von Kulturpraktiken im Umgang mit Kassetten“ (26) Erkenntnisse, die auf heutige Medienphänomene wie das Smartphone übertragbar sind.

Die Arbeit ist in drei Abschnitte gegliedert, die aufeinander aufbauen. Im ersten Abschnitt „Technische Entwicklungen auf dem Weg zur Kompaktkassette“ wird kompakt die technische Seite der Speichermedien (Schallplatten, Magnetband) behandelt. Dabei konzentriert sich die Autorin auf Entwicklungen, die zu alltags- und massentauglichen Geräten, letztlich zu den Kassettenrekordern hinführten, bei denen einfache Handhabung, mobile Verwendbarkeit und niedriger Preis zunächst wichtiger waren als die Qualität des Klangs. Den ersten Kassettenrekorder, der dann auch die Kassetten-Norm bestimmte, hatte 1963 die Firma Philips auf den Markt gebracht. 1976 wurden weltweit 140 Millionen Kassetten verkauft, mehr als LPs. 1979 brachte Sony mit dem „Walkman“ ein HiFi-fähiges Miniaturgerät auf den Markt, das nach anfänglich massiver Kritik bei Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen akzeptiert war. Im Zwischenresümee kommt Fruth zu dem Schluss, dass mit der Kassettentechnologie akustisches Speichern und Kommunizieren „erstmals zu einer Art ‚Volkstechnologie‘“ wurde, die Mehrheit der Menschen hatte Zugang dazu, jeder konnte „speichern und über gespeicherte Inhalte verfügen, sie bearbeiten und unautorisiert weiterverbreiten“ (110).

Im zweiten Abschnitt, „Versuch einer Sozialgeschichte der Kassette“, geht es um die Mediennutzung, die zunehmend normaler Bestandteil des Alltags wurde und um Praktiken, die im Umgang mit dem „Kassettensystem“ entstanden. Fruth stellt Nutzergruppen vor und beschreibt, „in welchem Kontext sie Kassetten benutzen, was sie damit ausdrücken und welche Bedürfnisse sie damit befriedigen“ (113). In den Beispielen, die die Autorin ausgewählt und recherchiert hat und als kleine Mediengeschichten erzählt, verarbeitet sie neben der Fachliteratur meinungsstarke „pop-feuilletonistische“ Beiträge, konfrontiert sie mit den Erlebnissen der Gewährsleute und ihren heutigen Meinungen (Kassetten als Unterhaltungsmedien, Kinderkassetten, Mixtapes, alternative Kassettenlabels, illegale Mitschnitte, Verbreitung von subversiven Informationen und Musik via Kassette u. a.). Indem sie Kassettenkultur „unter der Perspektive von Mobilität und Individualisierung, Freizeitkultur, Jugend-, Sub- und Protestkultur“ beschreibt (121), lässt sie kulturelle und gesellschaftliche Prozesse (Mobilität, Wertewandel, Individualisierung von Lebensstilen, Freizeitverhalten) sichtbar werden.

Den kreativen Beitrag der Kassetten zur populären Kultur zeigt Fruth im dritten Abschnitt „Kassettenkultur als Kommunikationskultur“ am Beispiel unterschiedlicher Szenen (Punk, Neue Deutsche Welle, regionale Kassettenszenen). Das „Mixtape“, mit individuell zusammengestellten Aufnahmen Signum kreativer Einstellung zur Kassette, vermag auch nach dem Abgang des „mixtapens“ als Kulturpraxis Wirkung zu entfalten: Als „Hochleistungsspeicher“ von Emotionen, der in der Lage ist, mit dem Abspielen der Kassetten noch nach vielen Jahren detaillierte Erinnerungen wachzurufen (286 f.). Die stark wachsende Mediennutzung durch Kinder zeigt das Beispiel der Kinderkassette. Mit den Kindern erschloss sich dem Medium ein bedeutender Nutzerkreis, während das Radio als Unterhaltungsmedium für diese Gruppe an Bedeutung verlor. 1985 wurden rund vierzig Millionen Kinderhörspiele und -lieder verkauft und um die besonders in Deutschland beliebten Kinderhörspiele bildeten sich Fanclubs. Die Hörspielproduzentin Heikedine Körting, Fruths Gewährsperson für dieses Thema, ist am Boom mit über 1 200 Hörspielproduktionen (Guinness-Buch der Rekorde) inhaltlich und wirtschaftlich beteiligt.

Für die negative Wirkung des ubiquitären Kassettenmediums zitiert Fruth ein exotisches Beispiel: Kassettenaufnahmen prominenter indonesischer Gamelan-Musiker beeinflussen das musikalische Verhalten dörflicher Musikensembles, die sich nicht mehr an der lokalen Tradition, sondern an den medialen Vorbildern orientieren (270). In ihrer Schlussbetrachtung konstatiert Pia Fruth: „Kassettenkultur hat den Umgang mit Medien und damit die Gesellschaft vielleicht tiefgreifender verändert, als man auf den ersten Blick vermuten würde.“ (336) Ein Satz, dem man nach der Lektüre der Studie zustimmen kann.

 

Anmerkungen

[1] Die Spezifika der Kassettenkultur als ein Fallbeispiel der Entwicklung mobiler Musik-, Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräte in Wechselwirkung zwischen Produzenten und Nutzern bis in die 1980er Jahre untersucht hat bereits Heike Weber: Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy. Bielefeld 2008. Die Produkt- und Aneignungsgeschichte der Kassettentechnik im Kontext der „langen Sechzigerjahre“ beschrieben hat Monika Röther: The Sound of Distiction. Phonogeräte in der Bundesrepublik Deutschland (1957–1973). Eine Objektgeschichte. Marburg 2012.

[2] Paul du Gay, Stuart Hall, Linda Janes, Hugh Mackay u. Keith Negus: Doing Cultural Studies. The Story of the Sony Walkman. London 1997.