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Tobias Schweiger

Die kulturelle Textur des Innviertels. Zur Konturierung einer Region

(Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien 45), Wien 2018, Verlag des Instituts für Europäische Ethnologie, 272 Seiten, ISBN 978-3-902029-30-0
Rezensiert von Florian Grafl
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 17.07.2020

Kurz vor seinem Tod im Juni 2018 gab der Schweizer Europäische Ethnologe Thomas Hengartner der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview zum Wiederaufleben ländlicher Traditionen als Reaktion auf die Globalisierung. Den Grund für diese Entwicklung fasste er in folgender Metapher pointiert zusammen: „Die Menschen hängen sich das Lokale fast wie ein Bleigewicht an ihren global geprägten Lebensalltag, um sich gleichsam in Anbetracht der Globalisierung zu erden.“ Wie dieser von Hengartner sehr bildhaft beschriebene Prozess konkret vonstattengeht, beschreibt Tobias Schweiger sehr anschaulich in seiner Studie zur lokalen Identitätsbildung im „Innviertel“. Welches Gebiet diese Bezeichnung umfasst und wie dieses historisch gewachsen ist, skizziert er im zweiten Kapitel seines Buches. So ist unter dem „Innviertel“ der westliche Teil Oberösterreichs zu verstehen, der geografisch im Westen von den Flüssen Salzach und dem namensgebenden Inn und im Norden von der Donau begrenzt wird, während es im Osten und Süden keine klare natürliche Grenze gibt. Die Vierteleinteilung des Landes geht auf die Schaffung entsprechender Organisationseinheiten in der Frühen Neuzeit zurück und wurde 1779, als das bis dahin dem Königreich Bayern zugehörige Gebiet durch den Frieden von Teschen an Österreich fiel, auch auf dieses übertragen. Mit der Einführung der Bezirksstruktur im Jahr 1868 verlor der Begriff des „Innviertels“ auf der Verwaltungsebene stark an Bedeutung, doch bleibt er bis heute auf kultureller Ebene präsent, etwa durch den Eishockey-Verein „Innviertel Penguins“ oder die Volksmusikgruppe „Innviertler Wirtshausmusi“ (24).

Wie Schweiger sich dieser Region, in der er selbst aufgewachsen ist, methodisch nähern möchte, erläutert er in der dem Kapitel vorangehenden Einleitung. Dieser zufolge möchte er in seiner Arbeit die „kulturelle Textur“ des Innviertels untersuchen und bezieht sich damit auf einen Begriff, den Rolf Lindner in Anlehnung an Gerald D. Suttles geprägt hat. Dass diese Analysekategorie, die Lindner in der ethnografischen Stadtforschung etabliert hat, nicht nur dort – wie etwa von Christiane Schwab am Beispiel von Sevilla überzeugend dargelegt – von Relevanz ist, sondern auch auf ländliche Regionen übertragen werden kann, möchte Schweiger am Beispiel des Innviertels demonstrieren. Konkret verfolgt er dabei das Ziel, „einige Grundpfeiler gängiger kultureller Repräsentationen und Imaginationen des Innviertels und seiner Bewohner*innen […] freizulegen und nachzuzeichnen, durch welche Medien die entsprechenden Repräsentationen und Imaginationen in Umlauf gebracht wurden bzw. in Umlauf gehalten werden“ (8).

Nachdem im zweiten Kapitel das Innviertel geografisch verortet und seine Geschichte sowie die Tradierung des Namens nachgezeichnet werden, mag es für den Leser bzw. die Leserin etwas irritierend erscheinen, dass sich diesen sehr konkreten Ausführungen im dritten Kapitel ein allgemeiner fachhistorischer Überblick und eine Erläuterung der Positionen der Volkskunde bzw. Europäischen Ethnologie zum Thema Region, Regionalisierung und Raum anschließen. Schweiger rechtfertigt diesen in der Einleitung als „kurze Einführung“ angekündigten, tatsächlich aber doch recht umfangreich geratenen Exkurs damit, dass er die Bedeutung der Wissenschaften als „Agenturen der Regionalisierung“ herausstellt und in diesem Kontext auch Volkskundler wie etwa Ernst Burgstaller zu einer „kulturräumlichen Gliederung“ Oberösterreichs beigetragen hätten (27).

So beginnt Schweiger erst im vierten Kapitel damit, die Ergebnisse seiner sehr detaillierten und beeindruckenden Feldforschung voll zur Geltung zu bringen. Dabei veranschaulicht er zunächst anhand einzelner Fallstudien, wie das Innviertel als Region vermarktet wird. Im kulinarischen Bereich geschieht dies vor allem durch die Deklarierung des „Innviertler Surspecks“ zu einer kulinarischem Spezialität im Rahmen der 2005 ins Leben gerufenen österreichweiten Initiative „GENUSS REGION ÖSTERREICH“ und dem Interessenverband „Bierregion Innviertel“, einem Zusammenschluss von acht Brauereien zur besseren Vermarktung ihrer Produkte. Obwohl der Fremdenverkehr lange Zeit im Innviertel keine große Rolle spielte, kann auch der Tourismus dort als Motor für Regionalisierung betrachtet werden. Dies weist Schweiger durch die Analyse von Werbestrategien der lokalen Reisebranche nach und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass diese ganz gezielt bereits bekannte Regionsbezeichnungen in der Werbung einsetzt und zu etablieren versucht (83). Weitere regionale Interessenverbände, deren Intention es ist, das Innviertel zu einer Art „Marke“ zu entwickeln, verfolgen die Absicht, die Region als Wirtschaftsstandort attraktiv zu machen. Neben den vordergründig ökonomischen Interessen ist all den aufgeführten Beispielen – wie Schweiger überzeugend darlegt – die inflationäre Verwendung des Begriffs „Tradition“ gemein, der als eine Art Gütesiegel fungieren soll. Im anschließenden fünften Kapitel weist Schweiger nach, dass die in der Forschung unbestrittene Bedeutung, die Printmedien für die Konstituierung einer bestimmten Region haben, auch für das Innviertel geltend gemacht werden kann. Dies zeigt er konkret anhand einer ausführlichen Untersuchung von zwei der bedeutendsten Lokalzeitungen, die in der Region Innviertel herausgegeben werden, nämlich der „Rieder Rundschau“ – vormals Rieder Volkszeitung – und der Braunauer Wochenzeitung „Neue Warte am Inn“. Dabei kann er zeigen, dass das Innviertel in beiden Medien immer wieder als Bezugsrahmen genannt und somit zur Klammer der lokalen Berichterstattung wird, was den Effekt hat, dass dadurch für die Leser*innen einzelne Orte zu einer Region – ihrer Region – verschmelzen (107).

Im sechsten Kapitel nimmt Schweiger die lokale Heimatbewegung in den Blick und macht ihren Beitrag zur regionalen Bedeutungsproduktion deutlich. Im Gegensatz zu den in den beiden vorangegangenen Kapiteln untersuchten Multiplikatoren lokaler Identität ist diese vor allem historisch zu verorten. Eine besondere Rolle spielten dabei zunächst eine Reihe von Lokalhistorikern im 19. Jahrhundert. Diese deklarierten ihre Untersuchungsobjekte, die sie quellenkundlich zu erschließen versuchten, als „Innviertler“ Orte. Wie vielerorts erlangte die Heimatbewegung auch im Innviertel in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts besondere Popularität. Dabei führte die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem regional „Typischen“ – so die Argumentation Schweigers – zu einer „Verfestigung des Bewusstseins von bestimmten räumlichen Verfasstheiten und bestimmten räumlichen Zugehörigkeiten“ (160).

Im siebten und letzten großen Kapitel arbeitet Schweiger die seiner Meinung nach signifikantesten Elemente der „kumulativen Textur des Innviertels“ heraus. Was darunter zu verstehen ist, demonstriert er sehr einprägsam am „Zechen“. Dieser Begriff bezeichnet Zusammenschlüsse lediger junger Männer einer bestimmten Ortschaft zur gemeinsamen Gestaltung von Freizeitaktivitäten. Dabei kam auch der Ausübung von lokalen Bräuchen eine zentrale Bedeutung zu. So boten solche Zusammenkünfte zum Beispiel des Öfteren Anlass zur Darbietung des „Landlers“, eines einstudierten Gruppentanzes (178). Außerdem hebt Schweiger den Beitrag der lokalen (Mundart-)Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts und der „Innviertler Künstlergilde“ zur kumulativen Textur der Region hervor. Dabei mag es überraschen, dass er erst in diesem Zusammenhang und eher beiläufig auf den in Braunau am Inn und damit im Innviertel geborenen Adolf Hitler als „verhinderten Künstler“ zu sprechen kommt. Wie beispielsweise die anhaltende Diskussion um die Umgestaltung von dessen Geburtshaus verdeutlicht, hat auch dieser einen zweifellos sehr unrühmlichen aber eben trotzdem nicht zu vernachlässigenden Beitrag zur kulturellen Textur des Innviertels geleistet und es wäre sicherlich sehr lesenswert gewesen, wenn Schweiger diesen mit ähnlicher Akribie nachgezeichnet hätte wie die anderen von ihm in seinem Buch untersuchten Elemente.

Insgesamt ist es Tobias Schweiger trotz dieses Desiderats aber gelungen, die kulturelle Textur des Innviertels überzeugend offenzulegen und damit gezeigt zu haben, dass man Rolf Lindners für die ethnografische Stadtforschung entwickelte Begrifflichkeiten und Analysekategorien methodisch durchaus auch für die Erforschung von „Regionen“ nutzbar machen kann. Die Arbeit besticht durch akribische Recherche und dem daraus resultierenden großen und dabei äußerst facettenreichen Quellenbestand. Dessen umfangreicher Aufarbeitung dürfte geschuldet sein, dass die theoretisch-methodische Ebene insgesamt vielleicht etwas zu kurz kommt. So drängt sich bei der Lektüre die Frage auf, inwieweit man hier etwa Benedict Andersons Konzept der „imagined communities“ oder Pierre Noras „Erinnerungsorte“ zur Anwendung hätte bringen können. Auch hätten Bezüge zu der erwähnten Studie von Christiane Schwab zu den Texturen Sevillas oder anderen Werken mit ähnlichen Forschungsdesigns dazu beigetragen, Schweigers Buch in einen breiteren Forschungskontext einordnen zu können. So verbleibt diese Aufgabe den Leser*innen, die dafür aber zweifellos durch die Lektüre einer ansonsten faszinierenden Studie über das Innviertel trefflich entschädigt werden.