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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Martina E. Becker

Begegnung – Erkundung – Erlebnis. Kulturwissenschaftliche Perspektiven zum deutsch-polnischen Schüleraustausch als Erfahrungsfeld von Lehrkräften

Münster/New York 2019, Waxmann, 430 Seiten mit 7 Tabellen, ISBN 978-3-8309-4011-1
Rezensiert von Birgit Brajdic
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 31.07.2020

Eine neue Sprache kennen lernen oder eine bekannte vertiefen, neue Freunde finden, tief in andere kulturelle Zusammenhänge eintauchen und interkulturelle Kompetenzen erwerben – die Gründe für einen Schüleraustausch sind so vielfältig wie die Teilnehmenden. Hier eröffnet sich ein breites Forschungsfeld, das von Seiten der Volkskunde/Europäischen Ethnologie bisher noch zu wenig beachtet wurde. Zwar gibt es im Fach eine Vielzahl an Studien zu deutsch-polnischen Beziehungen innerhalb der Migrationsforschung (15), doch dem Thema Schüler*innenaustausch wurde bislang nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt (17).

Martina E. Becker füllt mit ihrer am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster entstandenen Dissertation diese Lücke, indem sie die teilnehmenden Lehrkräfte und ihre Motivationen sowie die Austauschprozesse zwischen ihnen in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung stellt (9). Die Basis ihrer Arbeit bilden 37 Interviews, die sie mit 41 polnischen und deutschen Lehrkräften führte. Zwei dieser Interviews fanden als Gruppeninterviews statt (29). Die Analyse wurde durch Ego-Dokumente einiger Interviewpartner*innen, wie Fotos oder Qualifikationsarbeiten, und schriftliches Material der Schulen und des Deutschen Poleninstitutes in Darmstadt ergänzt (34).

Nach der Ausführung der theoretischen und methodischen Grundlagen stellt Becker kurz die Geschichte des deutsch-polnischen Schüleraustausches im internationalen Kontext dar. Erst richtet sich ihr Blick auf die Austauschaktivitäten bis zum Zweiten Weltkrieg, der eine Zäsur darstellt, dann auf die Zeit danach bis in die Gegenwart (56 ff.). Es folgt die Vorstellung der an der Studie beteiligten 25 Schulen mit ihren jeweiligen Internetauftritten zum Austausch (78–89) und der biografischen Hintergründe der Lehrkräfte des Samples (89 ff.). Leider erfolgt die Darstellung der Schulen nahezu ausschließlich bezogen auf die jeweiligen Austauschaktivitäten. Einerseits erläutert Becker ausführlich, dass es sich bei den teilnehmenden Schulen vornehmlich um Gymnasien bzw. Lyzeen handelt und dass andere Schularten deutlich unterrepräsentiert sind. Andererseits wären aber eine intensivere Beleuchtung der schulischen Besonderheiten, der individuellen Schulkulturen und auch eine Beschreibung des vorherrschenden Milieus unter den Schüler*innen interessant gewesen.

Die Studie selbst gliedert Becker chronologisch nach den einzelnen Stationen eines Schüleraustausches (97 ff.): beginnend mit der Akquise der Teilnehmenden über Reisevorbereitungen, Begrüßungserlebnisse, das Wohnen und Programm vor Ort bis hin zum Abschied und der Kontaktpflege nach dem Ende des Austausches. Mit dieser Herangehensweise nimmt Becker die Leser*innen quasi mit auf die Reise und lässt sie intensiv am Erleben der Akteur*innen teilhaben. Deren Perspektive erscheint auch regelmäßig ganz unmittelbar durch die eingefügten Interviewauszüge.

In ihrer Analyse kommt die Autorin den vom kulturellen Kontext geprägten handlungsleitenden Narrativen der Akteur*innen auf die Spur und identifiziert wirksame Stereotype sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf deutscher und polnischer Seite. Dabei spielen die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche der letzten Jahrzehnte für alle Beteiligten eine wesentliche Rolle im Deutungsprozess des Geschehens (376 f.). So verstehen sich die Lehrkräfte auf beiden Seiten „als Repräsentanten einer staatlichen Bildungsinstitution“ (377), die „einen Beitrag zu völkerverbindenden, friedensstiftenden Aktivitäten“ (377) leisten. Da die jeweilige nationale Erinnerungskultur sich aber doch erheblich unterscheidet und auf das Selbstverständnis der Beteiligten einwirkt, kommt es trotz ähnlicher Motivationen zu teils ausgeprägten Irritationen zwischen den deutschen und den polnischen Lehrkräften (378). Eine besondere Rolle kommt hier den reziproken Schenkprozessen zu, die einerseits schon im Vorfeld für ein wohlgesonnenes Miteinander sorgen sollen, andererseits aber häufig Anlass für eben genannte Irritationen bieten (197–249). Becker arbeitet zusätzlich die Bedeutung der Verbindung von materiellen mit immateriellen Tauschprozessen heraus, die sich nicht nur auf individueller oder schulischer Ebene abspielen, sondern die auch auf politischer Ebene stattfinden (379 ff.).

Insgesamt bietet die Monografie einen sehr guten Einblick in die Perspektive der am deutsch-polnischen Schüler*innenaustausch beteiligten Lehrkräfte. Die Analyse ihrer Wahrnehmungen und Handlungsstrategien – insbesondere in schwierigen Situationen – kann dazu beitragen, ähnliche Austauschprogramme zwischen Schülerinnen und Schülern in Zukunft noch mehr an den Bedürfnissen der Beteiligten auszurichten.