Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


David W. Montgomery (ed.)

Everyday Life in the Balkans

Bloomington, IN, 2019, Indiana University Press, XIV, 401 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-0-253-03817-3
Rezensiert von Klaus Roth
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 07.08.2020

„Everyday Life in the Balkans“ vereint die Arbeit ausgewiesener Kennerinnen und Kenner der Region vor allem aus den Kulturwissenschaften für einen umfassenden Überblick über die Alltagskultur der südosteuropäischen Länder Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien und der Türkei. Vom Ersten Weltkrieg über die Jugoslawienkriege bis hin zum heutigen Zustrom von Flüchtlingen oder den Problemen der EU-Erweiterung ist diese Region in den westlichen Medien primär als Ort der Instabilität und der politischen Unruhen bekannt. Die in diesem Band vereinigten 35 Artikel sollen über diese Bilder von Krieg, Unruhe und Stagnation hinausgehen und sich auf die gelebten Erfahrungen der Menschen in diesen Ländern konzentrieren. Sie gehen, so die Absicht des Herausgebers David W. Montgomery in seinem einleitenden Text „Seeing Everyday Life in the Balkans“, nicht aus von den großen politischen Ereignissen und der Kultur der Eliten, sondern von den „stories of the everyday“ der großen Mehrheit der Bewohner*innen jener Region, die meist unter dem unscharfen Begriff „Balkan“ zusammengefasst wird. Hauptziel des bisher durch seine Publikationen über den Islam [1] und die Alltagskultur Zentralasiens [2] bekannten Herausgebers ist es, dass die Beiträge pragmatisch vermitteln sollen, wie das Alltagsleben jener großen Mehrheit aussieht, „who understand their home as being within the Balkans“ (2); die Menschen tun dies, obwohl die ganze Region meist mit Fragmentierung und Feindschaft verbunden wird – was jedoch eine unglückliche und ungenaue Darstellung der dort lebenden Menschen sei und wohl mehr Aussage über diejenigen, die diesen Begriff benutzen.

Die Palette der von den Autor*innen der 35 Beiträge behandelten Themen ist breit. Der Herausgeber hat sie gegliedert in sechs thematische Sektionen: (1) The (Historical) Context of Everyday Life, (2) The Home(s) of Everyday Life, (3) The Livelihoods of Everyday Life, (4) The Politics of Everyday Life, (5) The Religion(s) of Everyday Life und (6) The Art of Everyday Life. Angesichts der thematischen Fülle der 35 Artikel auf den 400 engbedruckten Seiten ist es in einer Besprechung nicht möglich, auf diese Beiträge im Einzelnen einzugehen. Daher möchte ich paradigmatisch zwei Themenbereiche ein wenig näher betrachten, nämlich zuerst den zweiten mit seinen sechs Beiträgen, um die thematische Breite deutlich zu machen.

Im ersten Text geht es um „Kinship and Safety Nets in Croatia and Kosovo“, geschrieben von Carolin Leutloff-Grandits (Europa-Universität Viadrina), in dem die Unterschiede in den Familienstrukturen zwischen Kroatien und dem Kosovo ebenso deutlich werden wie jene zwischen den Dynamiken der Fürsorge in der Familie. Larisa Jašarević (Universität Chicago) behandelt im zweiten Text „‚This Much We Know‘: Domestic Remedies and Quotidian Tricks since Tito’s Bosnia“ die verschiedenen Mittel der Hausmedizin und die Alltagstricks in Bosnien seit Titos Zeit und interpretiert sie. Im dritten Text von Elissa Helms (Central European University Budapest) über „Femininity, Fashion, and Feminism: Women’s Activists in Bosnia-Herzegovina“ geht es um ein sehr aktuelles und viel diskutiertes Thema, das ebenso aktuell und heikel ist wie jenes im vierten Text „That Black Cloud upon Our Family: Everyday Life of Gays and Lesbians in Slovenia“ von Roman Kuhar (Universität Ljubljana). Ohne jeden Zweifel aktuell und brisant ist auch der fünfte Text von Monika Palmberger (Universitäten Leuven und Wien): „Between Past and Future: Young People’s Strategies for Living a ‚Normal Life‘ in Post-war Bosnia-Herzegovina“. Und ein nicht nur für Bosnien schwieriges Thema packt auch Azra Hromadžić (Syracuse University) an in ihrem Beitrag „‚But Where Else Could They Go?‘ The State, Family, and Private Care in a Bosnian Town“. Zum andern möchte ich kurz die Sektion IV: „The Politics of Everyday Life“ erwähnen. In dem Aufsatz von Nataša Gregorič Bon „Neither the Balkans nor Europe: The ‚Where‘ and ‚When‘ in Present-Day Albania“ geht es um das heutige Albanien in seiner empfundenen Position zwischen „Europa“ und dem Balkan und seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu „Europa“ bzw. der EU, während es bei Jelena Džankić in „Growing Up in Montenegro: A Story of Transformation and Resistance“ um das Erleben der Schaffung des neuen Staates Montenegro geht. Über die Probleme der Schaffung des neuen Staates Mazedonien, heute Nord-Mazedonien, handelt auch der Beitrag „War Criminals, National Heroes, and Transitional Justice in Macedonia“ von Vasiliki P. Neofotistos. In dem spannenden Text „A Lively Border“ von Čarna Brković und Stef Jansen geht es um den Unterlauf des wichtigen Flusses Drina, der die Grenze zwischen Bosnien und Serbien in verwirrender Weise markiert. Eine populäre Meinung, die wohl in ganz Südosteuropa verbreitet ist, wird von Emilia Zankina am Beispiel Bulgariens behandelt: „‚Politicians Are All Crooks!‘ Everyday Politics in Bulgaria“, und Ilká Thiessen verfolgt in ihrem Beitrag „Life among Statues in Skopje“ die konkreten Folgen der Verderbtheit nationalistischer Politiker am Beispiel der zahllosen neu errichteten Denkmäler des Projekts „Skopje 2014“.

Erkennbar wird in dem Band, dass die Autor*innen eine überaus breite Palette von Themen abdecken, neben Religion, Kino, Mode und Politik auch Themen wie Familiendynamik, Wohnungsausstattungen, Verwandtschaft, Kriegserinnerungen und Pop-Folk. In anderen Worten: Der Band gibt auf seinen etwa 400 Seiten ohne Zweifel ein sehr breites Spektrum der heutigen Alltagskultur wider, das zudem von sehr kompetenten Autor*innen behandelt wird. Nicht zu übersehen ist allerdings, dass der Fokus deutlich auf jenen südosteuropäischen Ländern liegt, die seit den späten 1980er Jahren in sehr starkem Maße von Kriegen, Umbrüchen und Migrationen betroffen waren und sind, also vor allem auf dem ehemaligen, zerfallenen Jugoslawien. Von den 35 Beiträgen sind nur drei Bulgarien, drei Albanien, einer Rumänien und einer Griechenland gewidmet, Ländern also mit anderer Entwicklung in vielen Bereichen, die gerade auch das Alltagsleben betreffen. In drei der Länder war es vor allem die starke Prägung gerade des Alltagslebens durch die oftmals problematische postsozialistische Transformation; sie wird allein von dem kritischen Beitrag von Deema Kaneff über „Neoliberal Spaces of Immorality: The Creation of a Bulgarian Land Market and ‚Land-Grabbing‘ Foreign Investors“ offen angesprochen, einer der wohl schlimmsten Erscheinungsformen des westlichen neoliberalen Kapitalismus. Die auf dem Buchumschlag erwähnte Türkei kommt lediglich im historischen Teil I in Form des Osmanischen Reiches vor im Beitrag von İpek K. Yosmaoğlu „Crimes and Misdemeanors: Scenes of Everyday Life among the Gendarmerie in Ottoman Macedonia, ca. 1900“.

Nicht zu übersehen sind bei dem starken Fokus des Bandes auf die modernen Aspekte der Alltagskultur zudem andere, aktuelle Entwicklungen in allen Balkanländern. Während etliche Beiträge recht deutlich westlich-moderne Entwicklungen und Tendenzen behandeln und auch präferieren, wird der seit mehr als einem Jahrzehnt in allen betroffenen Ländern stark wachsende Patriotismus und der damit einhergehende Fokus auf das „Eigene“, die eigene traditionelle Kultur und Geschichte und deren zunehmende Bedeutung auch im Alltag kaum behandelt. Der auf dem Bucheinband geäußerte Anspruch des Herausgebers, dass der Band mit seinen Beispielen den „erforderlichen Hintergrund-Kontext für ein aufgeklärtes Gespräch über Politik, Wirtschaft und Kultur der Region bietet“, wäre durch die Einbeziehung dieser wichtigen, im Westen zumeist als problematisch empfundenen Entwicklungen wohl noch besser erfüllt.

Anmerkungen

[1] Bücher von David W. Montgomery: Practicing Islam: Knowledge, Experience, and Social Navigation in Kyrgyzstan. Pittsburgh 2016; Ders., Adam B. Seligman u. Rahel R. Wasserfall: Living with Difference: How to Build Community in a Divided World. Oakland, Cal. 2015.

[2] Vgl. David W. Montgomery: ‚Namaz‘, Wishing Trees, and Vodka: The Diversity of Everyday Religious Life in Central Asia. In: Jeff Sahadeo u. Russell G. Zanca (eds.): Everyday Life in Central Asia: Past and Present. Bloomington 2007, S. 355–370.