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Vittorio Magnago Lampugnani

Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum

Berlin 2019, Wagenbach, 188 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-8031-3687-9
Rezensiert von Burkhart Lauterbach
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.08.2020

Der Architekt, Direktor des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main, Professor für Städtebaugeschichte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), wissenschaftlicher Berater der Internationalen Bauausstellung Berlin und vielseitige Autor Vittorio Magnago Lampugnani hat mit der hier anzuzeigenden Publikation ausnahmsweise einmal keine doppelbändige Historie der Stadt im 20. Jahrhundert oder eine umfangreiche Geschichte urbaner Entwürfe in Europa und Nordamerika oder einen Aufsatzband vorgelegt [1], sondern er hat sich im Stadtraum umgesehen und dabei eine ganz bestimmte materielle Ausstattung oder Einrichtung registriert, die er sich peu à peu vornimmt. Stadtraum, dieses Gebilde könnte man auch als öffentlichen Raum bezeichnen, welcher Straßen, Fußgängerzonen, Stadtplätze, Marktplätze und Parks umfasst, Raum also zwischen Bebauungen, Raum, der geordnet und gestaltet wird und Richtlinien und Auflagen unterliegt. Er ist frei zugänglich für alle, ohne finanziellen Aufwand, und stellt damit ein bauliches, technisches, ökonomisches, politisches, soziales und kulturelles Gebilde dar.

Magnago Lampugnani geht es jedoch weniger um die Straßen, Plätze und ähnliches mehr, sondern um das, was man en passant wahrnehmen kann, gleich ob in Paris oder London, Berlin oder Lissabon, Rom oder Zürich, München oder Regensburg, Moskau oder Dessau: Er hat sogenannte „kleine Dinge im Stadtraum“ (8) erkundet; diese bezeichnet er als „Fragmente, Indizien, an denen man die Entwicklung der Stadt als Ganzes exemplarisch ablesen kann“ (11). Und zu just diesen kleinen Dingen hat er Forschungen unternommen, zu diesen, wie er augenzwinkernd anmerkt, kleine Geschichten geschrieben, die nun in Form eines veritablen kleinen Buches vorliegen.

Der registrierte Objektbestand wird in drei verschiedene Kategorien unterteilt. Da geht es zunächst um Mikroarchitekturen, sodann um Objekte, schließlich um Elemente. Mikroarchitekturen: Darunter versteht der Autor Kioske, Trinkhallen (Wasserhäuschen etc.), öffentliche Toiletten, Telefonzellen, Haltestellen sowie Metroeingänge. Objekte: Dazu gehören Denkmäler und Brunnen, Bänke, Poller und Abfallkörbe, die Stadtbeleuchtung und die Stadtuhr, Straßen- und Hausnummernschilder, Ampeln sowie jegliche Reklame. Elemente: Hier behandelt er Schaufenster, Einfriedungen, Bodenbeläge, Bürgersteige sowie Schachtdeckel. Die einzelnen kleinen Dinge, welche bisweilen einen recht umfangreichen Platz im Stadtraum einnehmen, etwa die Stadtbeleuchtung, verfügen über völlig unterschiedliche Entstehungszusammenhänge sowie Geschichtsverläufe. Manche, etwa Brunnen und Bänke, lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen; andere wiederum sind im Zuge der Industrialisierung entstanden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie überall auf der Welt anzutreffen sind, dass sie seriell hergestellt werden, bestimmte Funktionen erfüllen, einen gewissen ästhetischen Anspruch vertreten und zu den festen Bestandteilen der Ausstattung und Einrichtung von städtischem Raum zählen.

Die einzelnen Kapitel sind so aufgebaut, dass Vorgeschichte und Geschichte der jeweiligen kleinen Dinge einerseits überblicksartig behandelt werden, dies angereichert nicht nur mit ausführlicher Bebilderung, sondern ebenso mit exemplarischen, auch vergleichenden, Beschreibungen, Analysen und Ausdeutungen ausgesuchter Objekte sowie einschlägiger Diskurse, bei denen es, wenn auch nicht zentral, immer wieder zum Einbezug alltagskultureller Aspekte kommt, vor allem zu den Bereichen der Nutzungsgeschichte, der Umgangsweisen der Menschen mit den konkreten kleinen Dingen sowie der Wirkungen, welche von den Letztgenannten ausgingen und ausgehen. Auch wenn man bisweilen gern etwas mehr an Informationen über die genaueren kulturtransferiellen Vorgänge erfahren würde, lässt sich fazitartig feststellen: Insgesamt wird wohl formuliert und schlüssig demonstriert, dass und inwiefern es sich bei den, selbstverständlich subjektiv zusammengestellten, kleinen Dingen im Stadtraum keineswegs um Belanglosigkeiten handelt, sondern vielmehr um durchgängig interessante, zivilisatorisch ausgesprochen komplexe Gegenstände, was auf jeden Fall zu weiteren – multidisziplinären – Forschungen einlädt.

Anmerkung

[1] Vittorio Magnago Lampugnani: Die Stadt im 20. Jahrhundert. Visionen, Entwürfe, Gebautes. Berlin 2010; Ders.: Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert. Urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika. Berlin 2017; Ders.: Die Modernität des Dauerhaften. Essays zu Stadt, Architektur und Design. Berlin 1996.