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Christian Schittich (Hg.)

Traditionelle Bauweisen. Ein Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten

Basel 2019, Birkhäuser, 383 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, meist farbig, ISBN 978-3-0356-1609-5
Rezensiert von Herbert May
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 04.09.2020

Es gibt Bücher mit magnetischer Wirkung, sofort anziehend durch das äußere Erscheinungsbild und die Haptik – so erlebbar bei dem „Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten“, herausgegeben von Christian Schittich, Architekt und langjähriger Chefredakteur der Architekturzeitschrift DETAIL. Kaum ausgepackt, ist ein Weglegen des Buches kaum mehr möglich, man will unverzüglich blättern und es nicht mehr aus der Hand geben. Und beim Blättern bestätigt sich der erste Eindruck: Die Qualität des ungestrichenen Papiers (Magno Natural) ist umwerfend, das Layout überzeugend, die Bildwiedergabe exzellent. Das sind schon mal treffliche Voraussetzungen, sich in ein Buch zu vertiefen.

Bereits die Buchidee verdient Anerkennung: Das bildreiche Nachschlagewerk will einen Überblick verschaffen über „traditionelle“, ländliche wie städtische Architektur in Europa, Asien, Ozeanien, Afrika und Amerika, wobei allein 22 der insgesamt 32 Aufsätze sich mit Europa und Asien befassen. Schittich hat ein illustres Team an namhaften Autorinnen und Autoren aus Architektur, Anthropologie und Hausforschung für sein Projekt gewinnen können. Während in der historischen Haus- und Bauforschung zunehmend ausgesprochen materialgesättigte, ermüdende Einzeluntersuchungen das Geschehen bestimmen und man dabei vor lauter Bäumen den Wald bzw. die großen Zusammenhänge oft nicht mehr erkennt, traut sich Christian Schittich auf einen ganz anderen Weg und spannt einen globalen Bogen, statt sich im Klein-Klein zu verlieren.

Die eingangs durch Christian Schittich vorgenommene Definition traditioneller Architektur erscheint allerdings recht unscharf: Von den „Wohnbauten der normalen Bevölkerung und einfachen Menschen“ ist da die Rede (7). Aber was ist „normal“ und was ist „einfach“? Diese Frage klärt sich auch nicht im anschließenden Überblicksbeitrag, in dem der Herausgeber über den Begriff „vernacular architecture“ räsoniert. Die ebenfalls im Vorwort artikulierte These, dass diese Gebäude „oftmals direkt von den Benutzern oder einer Dorfgemeinschaft ohne professionelle Hilfe bei der Planung“ (7) errichtet wurden, wird bereits in den ersten beiden Beiträgen zum Niederdeutschen Hallenhaus (Michael Schimek) und zu den Fachwerkhäusern in Süddeutschland (Konrad Bedal) widerlegt. Die von Bedal porträtierten süddeutschen Fachwerkhäuser wurden in der Regel von „spezialisierten Handwerkern“ mit mehrjähriger Ausbildung und „professionellen Arbeitstechniken“ aufgerichtet (53). Ab dem 15. Jahrhundert ist für größere Fachwerkgebäude bereits mit Planzeichnungen der Zimmerleute zu rechnen. Auch der Bau niederdeutscher Hallenhäuser lag ganz überwiegend in der Verantwortung hochqualifizierter Zimmermeister, die sich häufig auf den Spruchbalken der Giebel verewigt haben (47). Und auch außerhalb Europas haben beispielsweise Baumeister aus Aleppo die in weiten Teilen Syriens verbreitete Form der Kuppelhäuser gebaut (133).

Konstruktion und Materialität der Gebäude stehen im Fokus der einzelnen Beiträge: Gefüge und konstruktive Details werden teilweise in bestechend eindrucksvollen Zeichnungen dargelegt, so zum Beispiel im Beitrag über die tibetischen Bauernhäuser (Peter Herrle und Anna Wozniak). Aber auch Raumstruktur und Nutzungsgefüge der Häuser sind ein Thema. Anders als heute, wo das Wohnhaus mit einer verheerenden Energiebilanz vom Jugendzimmer unterm Dach bis zum Hobbyraum im Keller beheizt wird, war das traditionelle Haus früher ein klimatisch fein austarierter Mikrokosmos. Das Haus erscheint in vielen vorgestellten Beispielen als in sich geschlossenes, durchdachtes Klimasystem, bei dem zwischen warmen, temperierten und kalten bzw. zugigen Zonen im Haus unterschieden wurde. Auch die windgeschützte Lage kann eine Rolle für die Verortung des Gebäudes spielen, andererseits nutzen die sogenannten Windtürme in den klimatisch heißen arabischen Ländern und im Iran gerade den Luftzug zur Abkühlung.

Die Beiträge fallen in Umfang und Gehalt recht unterschiedlich aus, so hätte man beispielsweise über die Kolonialarchitektur in Südamerika gerne noch viel mehr erfahren, hier muss man mit einem wenig ergiebigen sechsseitigen Beitrag zu Kolumbien Vorlieb nehmen (Gx Samper und Ximena Samper), wie überhaupt der amerikanische Kontinent mit nur drei Aufsätzen reichlich unterbelichtet ist. Dagegen sind die Beiträge zu den traditionell gebauten Häusern in den islamischen Ländern deutlich tiefschürfender und ertragreicher, was vielleicht auch dem besseren Forschungsstand geschuldet ist: Bereits vor Jahrzehnten haben hier Dorothée Sack, Johannes Cramer, Eugen Wirth und andere wichtige Grundlagen gelegt und das Thema an den Universitäten implementiert. Wehmut könnte allerdings aufkommen, denn durch die politisch prekäre Lage wird man die Lehmhäuser im Jemen oder die Kuppelbauten in Syrien auf längere Sicht nicht in Augenschein nehmen können.

Das mit einem Glossar versehene wunderschöne Buch vermittelt eine faszinierende Welt traditioneller Architektur. Man kann es gewissermaßen als Bildhandbuch bezeichnen: Die teils großformatigen Fotografien und die filigranen Zeichnungen machen das Werk zu einem Erlebnis – und zwar keineswegs nur für ein Fachpublikum. Und dem Haus- und Bauforscher zeigt das Buch auf, dass es hinter dem eigenen, bisweilen engen fachlichen Horizont durchaus weitergeht.