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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Eveline Althaus

Sozialraum Hochhaus. Nachbarschaft und Wohnalltag in Schweizer Großwohnbauten

(Urban Studies), Bielefeld 2018, transcript, 460 Seiten mit 106 Abbildungen, teils farbig, 15 Tabellen, ISBN 978-3-8376-4296-4
Rezensiert von Matthias Möller
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.08.2020

Mit Großwohnanlagen rücken vermehrt Bauten an städtischen Peripherien ins Zentrum des Interesses der Zeit- und Architekturgeschichte. Sie stellen seit ihrer Boomphase in den 1960er und 1970er Jahren weithin sichtbare und schon bald auch heftig kritisierte Zeugnisse des standardisierten Massenwohnungsbaus dar. Doch angesichts des heutigen Mangels an günstigem Wohnraum scheint die Zeit für eine Neubewertung gekommen. Neben einigen Einzelveröffentlichungen der letzten Jahre spricht dafür auch eine umfassende Ausstellung des Architekturmuseums der Technischen Universität München, die sich in Zeiten von Gentrifizierung und Wohnungsnot „eine[r] sozialdemokratische[n] Utopie und ihre[n] Bauten“ widmete [1]. Diese Utopie bestand in so ziemlich jeder Hinsicht im Gegenteil heutiger Wohnungsmarktdynamiken: Nicht die individualisierte und kulturell aufgeladene Altbauromantik in Gentrifizierungsvierteln, sondern breite Angebote mit einheitlichen (und zur Entstehungszeit durchaus hohen) Standards zu günstigen Mietpreisen sollten durchschnittliche aber anständige, ordentliche und für die breite Masse erschwingliche Wohnverhältnisse schaffen. Angesichts dieses Interesses ist es erfreulich, dass in der zu besprechenden Studie neben den Bauten, den hinter ihnen stehenden Vorstellungen und Ideen und ihrer Bewertung auch „Nachbarschaft und Wohnalltag“ im „Sozialraum Hochhaus“ und damit die Bewohner*innen und ihre Praktiken den neuen Blick auf Großwohnbauten ergänzen.

Dazu begibt sich die Sozialanthropologin Eveline Althaus an zwei Orte, die besonders geeignet sind, den Aufbruch in die schweizerische Baumoderne zu beschreiben: ins Zürcher Quartier Affoltern, wo 1968/69 die Siedlung Unteraffoltern II für ca. 550 Menschen gebaut wurde, und an den Rand von Aarau, in dessen Siedlung Mittlere Telli zwischen 1972 und 1991 in mehreren Bauabschnitten Wohnraum für circa 2 400 Menschen entstand. Schon diese Auswahl bricht den gewohnten homogenisierenden Blick auf die gleichförmigen Bauten auf, indem kontrastierende Siedlungen vergleichend betrachtet werden, was in diesem Fall neben Größe, Lage und Umgebung auch Entstehungszeit, Eigentumsstrukturen und den Zustand der Gebäude umfasst. Dabei wird unter anderem deutlich, wie sehr auch der Bautypus Großwohnsiedlung zeitgenössischen Interpretationen und Anpassungen unterlag und welche Spuren bereits die erste Ölkrise 1973 und die zunehmende Kritik am „Problem Hochhaus“ (113) zu Beginn der 1970er Jahre bei späteren Entwürfen hinterließen.

Ausgehend von diesen unterschiedlichen Entstehungskontexten, wird die weitere Geschichte der Großwohnanlagen knapp und überzeugend als Problemgeschichte skizziert. Segregationsprozesse, Sanierungsrückstände, die Entstehung neuer Wohnbedürfnisse und gewandelte Wohnpräferenzen hinsichtlich Stadtzentren und Peripherien münden in einer Betrachtung des heute um die 50 Jahre alten Bauboom-Erbes als eines voller Schwierigkeiten und Herausforderungen. Diese kontextualisierende Einbettung des Typus Großwohnungsbau in gesellschaftliche Entwicklungen und Debatten sowie die dabei auf verschiedenen Ebenen wirksamen Veränderungen zeigen, dass auch funktionale, standardisierte und allzu oft als kalt und unwirtlich wahrgenommene Großbauten eine individuelle und spannungsgeladene Geschichte haben, die sich erzählen lässt.

Althausʼ Ziel ist dabei eine Synthese von Haus- und Nachbarschaftsforschung, indem erstere als Basis für letztere dient, um Nachbarschaften „im Zusammenhang mit den vielseitigen Geschichten der Bauten auch im Wandel der Zeit zu betrachten (12). Neben den Nachbarschaften selbst, deren Forschungsgeschichte in Kapitel I bündig und auf das eigene Thema hinführend dargelegt wird, baut die Autorin dazu auf den am ETH Wohnforum entwickelten Ansatz der Hausbiografie auf, der ebenfalls überzeugend aus dem breiteren Kontext der Hausforschung hergeleitet sowie bezüglich Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts diskutiert wird. Allerdings fehlt an dieser Stelle die Verknüpfung beider Herangehensweisen zu einem einheitlichen Vorgehen. Trotzdem leitet dieses als „theoretische Grundlagen“ bezeichnete Kapitel vielversprechend auf die Betrachtung der beiden Großwohnbauten hin, da es Vielschichtigkeit und Komplexität innerhalb von Großwohnsiedlungen Rechnung trägt und dafür verschiedene Ebenen in den Blick nimmt.

Ausgehend von individuellen Ortsbegehungen der Autorin beschreiben die folgenden Hausbiografien in Kapitel II zunächst die Bauten als gesonderte Einheiten mit eigener Planungs-, Bau- und Instandhaltungsgeschichte. Neben diesen baugeschichtlichen Fragen werden auch die Hausverwaltungen, der alltägliche Betrieb, Bevölkerungsstrukturen und soziale beziehungsweise quartiersgebundene Fragen und Herausforderungen systematisch einbezogen und durch subjektive Sichtweisen von Bewohner*innen auf ihre Siedlung sowie einen umfassenden Bildanhang ergänzt. Dieser Ansatz überwindet disziplinäre Grenzen und zeigt verschiedene Perspektiven auf die Großwohnbauten. Allerdings rückt bei der Vielzahl an berücksichtigten Aspekten das Vorhaben, Biografien im engeren Sinne zu verfassen, in den Hintergrund. Stattdessen eröffnet sich ein vielschichtiger Mikrokosmos, der die eigentliche Biografie überdeckt. Angesichts der Fülle an verwendeten Quellengattungen und Daten und nicht zuletzt auch der Größe der betrachteten Wohnanlagen ist dies zwar nicht weiter verwunderlich und der Autorin gelingt es, viele interessante Aspekte der beiden Anlagen systematisch aufeinander zu beziehen. Doch die überzeugend eingeführte Kategorie der Hausbiografie hat (zumindest bei mir) weitergehende Erwartungen geweckt. Lebensdaten einer Person unterscheiden sich von ihrer Biografie durch eine Verknüpfung ausgewählter Aspekte zu einer zusammenhängenden Gesamterzählung. Eine Anwendung auf Gebäude lässt ähnliches erwarten, nämlich eine kanonisierte Darstellung der Entwicklung einer über ihren Partikularitäten stehenden Einheit im Wandel der Zeit (oder eine Reflexion der Schwierigkeiten im konkreten Anwendungsfall).

Kapitel III widmet sich dann ganz der Analyse der gegenwärtigen Nachbarschaften in vergleichender Perspektive. Dazu werden die unterschiedlichen Situationen in beiden Anlagen als aktuelle Zustandsbeschreibungen in jeweils eigenen Unterkapiteln aufeinander bezogen. So wird deutlich, in welcher Hinsicht sich die Nachbarschaften zweier Großwohnanlagen in Bezug auf Raumanordnungen, nachbarschaftliche Kontakte, Spannungen und Konflikte, institutionalisierte Regelungen und Strukturen, Diversität und die Einbettung in den umliegenden Stadtraum ähneln beziehungsweise unterscheiden.

Problematisch dabei ist, dass mit Hausbiografie und Nachbarschaft zwei höchst dynamische Kategorien in zeitlicher Korrespondenz aufeinander bezogen werden. Zur Klärung dieses komplexen Verhältnisses wären Erläuterungen hilfreich gewesen, wie sich beide auch theoretisch in Raum und Zeit zueinander und zu den wohnenden Subjekten verhalten. So sind Hausbiografien nicht nur eine Grundlage zum besseren Verständnis von Nachbarschaften sondern (historische) Nachbarschaften selbst auch Teil der Hausbiografie. Auch das implizit angenommene Zusammenfallen von Wohnanlage und Nachbarschaft ist zwar im konkreten Fall schlüssig, aber für die jeweiligen Subjekte eben doch nicht einfach gegeben, sondern historisch kontingent.

Trotzdem bleibt als großes Verdienst, dass für Althaus die Geschichte von Großwohnbauten mehr enthält als die weithin bekannten Stationen Anfangseuphorie, Kritik und Scheitern, nämlich historisch gewachsene Bedingungen und Möglichkeiten, welche das konkrete Zusammenleben vieler Menschen heute und in Zukunft beeinflussen. Ein systematischer und historisch fundierter Blick auf das besondere Zusammenleben in Großwohnanlagen sowie auf seine Veränderbarkeit und Gestaltbarkeit ist angesichts der heutigen Wohnungsfrage sowie der Vielzahl und dem Zustand vieler Großwohnbauten der 1960er und 1970er Jahre nicht hoch genug einzuschätzen.

Anmerkung

[1] Andres Lepik u. Hilde Strobl (Hg.): Die Neue Heimat [1950–1982]: Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Ausstellungskatalog. München 2019.