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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Klaus Roth/Milena Benovska-Săbkova (Hg.)

Balkan Life Courses. Part 1: Childhood, youth, old age, work and rituals

(Ethnologia Balkanica 20/2017), Berlin 2018, LIT, 313 Seiten mit Abbildungen, teils farbig, ISBN 978-3-643-91026-4
Rezensiert von Michael Prosser-Schell
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 11.09.2020

Das hier anzuzeigende Sammelwerk geht auf den VIII. Kongress der „International Association for Southeast European Anthropology“ vom September 2016 in Sofia zurück. Dieser erste Band ausgewählter Beiträge – ein zweiter Band zu den Themen „Kinship, religion and memory, mobility and identities“ ist 2019 erschienen – enthält laut Klappentext „papers [to] discuss problems such as family life and parenthood, ages and ageing, life-cycle rituals and the artistic expressions devoted to them“. Und genau das trifft zu: Die Beiträge mit zumeist zehn bis fünfzehn Seiten Umfang bieten wichtige Diskussionsgrundlagen und Startanregungen, um ein bestimmtes Problem aus den Bereichen (1) Kindheit und Jugend, (2) Familie, Arbeit und „Corporate Culture“, (3) Arbeit im Alter, (4) Lebenszyklen und ihre Rituale sowie (5) Repräsentationen von Familien mit den dazugehörigen Ritualen zu vertiefen. In Verbindung damit sollen Äußerungsformen sozialer Differenzierung und kultureller Vielfalt respektive kultureller „Vervielfältigung“ (wörtlich „multiplicity“) unter den nunmehr post-sozialistischen Lebensumständen und Bedingungen präsentiert werden. Ein wesentliches Verdienst des Bandes besteht ganz zweifellos darin, dass er anhand dieser Texte auf aktuelle Forschungstendenzen, auf umfangreiche längerfristig angelegte akademische Forschungsprojekte sowie auf große (Archiv-)Bestände in den hier vertretenen Instituten und Forschungsstellen im südöstlichen Europa aufmerksam macht.

Die Verfasserinnen und Verfasser kommen vorwiegend aus Bulgarien, Griechenland und aus Rumänien, weitere aus Kosovo, Serbien und Albanien – mit dementsprechenden regionalen Schwerpunkten. Von den insgesamt 18 Beiträgen kann nicht jeder an dieser Stelle eigens besprochen werden, doch sollen alle zumindest genannt sein, um das thematisch vielfältige und chronologisch vielschichtige Spektrum deutlich zu machen: Es geht um „Play, Study, Success: Everyday Life of Middle Class Children in Sofia“ (Nevena Dimova, Universität Sofia, 11–32), um „Work Experiences, Living Conditions, and Relations to Formal Education of Roma Families in a Romanian Town“ (Zsuzsa Plainer, Universität Cluj-Napoca, 33–44), um „New Forms of Expertise in the Field of Infant Diet in Contemporary Bulgaria“ (Velislava Petrova, Sofia, 45–58), um „Socialisation, Integration, and Identity in Adolescence: The Use of Social Categories by Pupils from Albania, Kosovo, and Turkey Studying in a French Middle School“ (Aleksandra Kirova, Sofia, 59–74), um „Adaptive Re-uses and Re-significations in Places of Alterity: The Case of a Middle-Range City in Northern Greece“ (Stamatia Gioti, Ioannina, 75–90), um „Family and Enterprise: Cultural Encounters between the Family Life-World and the Market Economy“ (Ivanka Petrova, Sofia, 91–104), um „Outsourcing Centres in Bulgaria: How to Build Dreams in the Process of Social Declassing“ (Niya Neykova, Sofia, 105–120), um „Gender and Representations of Successful Old Age in Rural Bulgaria“ (Ilia Iliev, Sofia, 121–134), um „Working Until the End of Their Lives: Older People Working as Itinerant Peddlers in the Centre of Athens“ (Georgios Kouzas, Athen, 135–152), um „Traditionalism and Modernity in the Urban Space“ zwischen „Matchmaker“ und „Marriage Bureau“ (Evangelos Avdikos, Volos, 183–194), um „Review[s] of Funeral Rituals in Nikišić, Montenegro“ (Vesna Delić, Belgrad, 195–214), um „Social Representations of the Modern Greek Family in Popular Comic Television Series in Greece over the Last Two Decades“ (Mary Margaroni, Berlin/Thessaloniki, 233–258), um „The Staging of Age: The Image of Children on Bulgarian an Western European Postcards in the Early 20th Century“ (Margarita Kuzova, Graz/Sofia, 259–276) sowie um „Puppet Theatre and Resistance in ‚Free Greece‘ (1943–44): The Puppeteer and the Audience of Children“ (Maria Velioti-Georgopoulos, Nafplion, 277–294). Über „Love, Sexuality, and Power in Albanian Traditional Folk Songs“ schreibt Orjona Shegai (Tirana, 295–307), wobei es interessant zu lesen ist, wie sich die Problemstellungen in diesem Feld seit Friedrich Salomo Krauss anders nuanciert haben.

Ein wenig näher eingegangen sei auf drei Beiträge. Zunächst geht es um die „Henna Celebration in Contemporary Kosovo: Bridging the Gap between Globalisation and Tradition“ von Leontina Gega-Musa (Institut für Albanologie der Universität Priština, 169–182). Ein Bestandteil der traditionellen Hochzeitszeremonien in der albanischen Bevölkerung Kosovos heißt ‚nata e bojës‘ oder ‚nata e kanës‘, also „night of colouring“ oder „henna-night“ (174 ff.). In der klassischen, „traditionalen“ Funktion und Form der Vergangenheit versammelten sich hier in der Nacht vor der Hochzeit die Frauen aus dem erweiterten Familienkreis und die Jugendfreundinnen der Braut im Haus der Brautfamilie. Neben dem Anmessen des Hochzeitkleides wurde der Braut das geflochtene Kopfhaar auseinandergezogen, zerzaust und gefärbt (was die Trennung vom Status der Jugend signalisieren sollte). Durch bestimmte poetische Deklamationen und Lieder führte man dabei einen persönlichen emotionalen Ausnahmezustand herbei, der durch Weinen und Tränen sichtbar gemacht wurde (174 f.) – dies als Signal des Abschieds von der Herkunftsfamilie. Spätestens hier wird offensichtlich, dass das Ganze ins analytische Schema der Rites de Passage nach Arnold van Gennep passt: Das von Gega-Musa referierte rituelle Muster bezeichnet zweifellos „séparation“ und „marge“ im Gesamtvorgang einer Hochzeit (weniger die „aggregation“, wie die Autorin auf Seite 171 formuliert). Wichtiger im Sinne des Erkenntnisgewinns sind Gega-Musas Ausführungen zur gegenwärtigen Form der „Henna celebration“. Diese geschieht nicht mehr als solemner, ernster Vollzug des Abschieds vom Elternhaus, sondern findet nunmehr in einem angemieteten Restaurant-Gastraum statt und demonstriert öffentlich, dass die betreffende „middle-class“-Familie eine große Hochzeit sich zu leisten gewillt ist (176). Der Ablauf, die rötlichfarbene Ausschmückung und der musikalisch-gesangliche Aufwand der „henna-night“ werden heute von professionellen Veranstaltungsfirmen gesteuert, die gegen Rechnung einen mehr oder weniger umfangreichen Service liefern. Die Verfasserin ist sparsam mit Interpretationen, doch ein nach Empirie im Jahr 2017 beschriebener Einzelfall (176 f.) zeigt, dass in der Großelterngeneration die ‚nata e bojës‘ rituell-obligatorisch war und dass dann in der Muttergeneration (also zur Zeit der Frauenemanzipation und, präsumptiv gesagt, der sozialistisch-jugoslawisch geprägten Epoche) ein solcher Brauch vermieden worden ist. Nun aber, unter wechselnder Sinngebung und mit anderen Kontexten, findet eine veränderte, nichtobligatorische aber demonstrative „henna-night“ innerhalb der aktuellen „Kosovo Albanian culture“ wieder statt.

Der Beitrag „‚Carols‘ for the Dead: Instances of a Dissolving Ritual Sequence in Contemporary Romanian Villages“ von Ioana-Ruxandra Fruntelată (Universität Bukarest, Abteilung Kulturstudien der Literaturwissenschaftlichen Fakultät, 215–232) bietet eine präzise Beschreibung des ‚colindat‘, des Umgangs- und Heischebrauchs am 24./25. Dezember, wenn eine Gruppe junger, unverheirateter und festlich kostümierter Männer im Dorf an und in die Häuser zieht, um die Weihnachtsbotschaft zu verbreiten. Die Vermittlung der Botschaft erfolgt in artifiziellen Gesängen (und gegebenenfalls mit Tanzbewegungen), die Wochen zuvor eingeübt werden und die Heilsgeschichte thematisieren. Die Gesänge können darüber hinaus an bestimmte Personen im jeweiligen Haushalt sowie auch an jüngst verstorbene Haushaltsmitglieder adressiert sein – die Lieder an die Toten markieren das Schwergewicht von Fruntelatăs Beitrag. Die ‚colinde‘ sollen eine religiöse, heilige Gestimmtheit in die einzelnen Haushalte hineinbringen, nicht zuletzt durch den anschließenden gemeinsamen Imbiss (218, 222, 227, 230). Die in der deutschsprachigen Forschung lange dominierende Zuschreibung „Volksschauspiel“ mit der Assoziation einer Theatervorstellung führt in die Irre, darauf haben schon Leopold Kretzenbacher und zuletzt Walter Puchner hingewiesen. Notwendigerweise muss man die ‚colinde‘ direkt miterleben, um einen unmittelbaren Eindruck mit allen Sinnen davon erlangen und um die Art der rituellen Kommunikation, die davon ausgeht, zu verstehen. Das weiß auch die Verfasserin (227), doch sie setzt hier eine nicht nur diesen Beitrag, sondern im weiteren Sinne für das ganze Buch entscheidende Bemerkung: Sie ist bestrebt „to construct an ethnological document, i. e. an ethnographic text that provided all the necessary explanations and references zu make it comprehensible to any interested member of the academic community. Given the ethnological document, one could begin to interpret the ritual sequence […] by trying to discover its meanings and functions in the broad frames of ritual theory and ritual practice.“ (231) Eine rituelle Handlungssequenz in praxi erscheint unmittelbar eingängig, reflektierende Untersuchungen und ihr Studium sind hingegen nur über Literalität möglich. In Rumänien wurden einschlägige Forschungen nach 1989 wieder frei möglich, vorher im sozialistischen Regime waren sie zensiert (218). In den Dörfern selbst, soweit sie in der Ceaușescu-Zeit nicht zerstört wurden, sind die ‚colinde‘ allerdings oftmals heimlich überliefert worden; die weitgehende Auflösung („dissolving“) dieser rituellen Praxen ist erst in der Zeit der aktuellen Wirtschaftsordnung eingetreten (die Verfasserin formuliert das neutral: „deeply changing rural civilisation“, 215). Wenn die Mehrzahl der jungen Leute aus den Dörfern an weit entfernte Arbeits- und Wohnorte auswandert, wird die Weiterführung solcher aufwändiger Brauchformen („customs“) relativ schwierig bis unmöglich.

Der Beitrag „Bulgarian Elderly Migration to the United Kingdom, or: ‚Grand Parents are Our National Pride‘“ von Mila Maeva (Institut für Ethnologie und Folklore-Studien, Sofia, 153–167) schließt an diese Migrationsproblematik an. Seit die Visumspflicht aufgehoben und 2007 eine Erweiterung der Europäischen Union um Rumänien und Bulgarien in Kraft getreten ist, sei die Zahl der Personen mit bulgarischer Staatbürgerschaft im UK „dramatically“ angestiegen. Bis 2016 sind offiziell 269 174 Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen ausgestellt worden, nach inoffiziellen Berechnungen liege, so Maeva, die Zahl der „adult Bulgarien citizens“ im UK bei etwa 300 000 (154, eine immense Zahl, Bulgarien hat gegenwärtig ca. 7 Millionen Einwohner). Der größere Teil davon seien jüngere Leute mit „secondary education“ (d. h. sie bringen Schul-Englisch mit). Maeva unterscheidet analytisch drei Kategorien von Immigrantinnen und Immigranten, erstens die, die dauerhaft im UK leben, zweitens die, die zwar kontinuierlich dort leben, aber von Zeit zu Zeit nach Bulgarien zurückkehren, und drittens befreundete Personen und Verwandte der Einwanderer, die sich temporär im UK aufhalten, um Angehörige zu unterstützen (155). Der methodische Bonus der Studie besteht nun darin, dass die zugrundeliegende Untersuchung mitsamt der Feldforschung bereits 2007 eingesetzt hat und bis zum Jahr 2015 reicht (teilnehmende Beobachtung und lebensgeschichtliche Befragungen in beiden Ländern, 155 f.). Maeva kann so feststellen, dass in der dritten Gruppe Gewöhnungseffekte eingetreten und aus wenigen, kurzen Besuchen allmählich regelmäßige Aufenthalte geworden sind. Einen relativ kleinen, aber interessanten Personenkreis bilden dies betreffend die Migrantinnen und Migranten im Alter zwischen Anfang 50 und Ende 60; zum Teil sind das die Eltern oder Großeltern von im UK lebenden und arbeitenden Bulgaren (156 ff.). Sie nehmen im UK auch gelegentlich bezahlte Arbeiten an (wörtlich „in two or three shifts“). Die Fremdsprache lernen sie nicht mehr und sorgen für eine bulgarische Teil-Enkulturation der Enkel im UK, auch dann, wenn sie diese gegebenenfalls während der Ferienzeit im Herkunftsland selbst betreuen. Man wird hier hinzufügen müssen, dass diese Art des Fern-Pendelns neben der Liberalisierung des EU-Arbeitsmarktes gerade auch die Vereinfachung und Verbilligung der Mobilität zur Voraussetzung hatte (i. e. neue, kreuzungsfreie Autobahnen durch Rumänien und Ungarn; direkte Fernbusse; low-cost-Flugverkehr). Die Pointe von Maevas Beitrag kommt, einem Schachzug gleich, zum Schluss: Manche „British pensioners“ wandern auf der Suche nach einem „active aging“ und nach einem guten Leben in die Seniorenkolonien Spaniens aus. Die bulgarischen „fourth agers“ machen nach Maevas Schlussfolgerung im Prinzip dasselbe mit und im UK – nur dass dann das Modell vom erfüllten, „aktiven“ Alters-Leben für sie in Arbeit besteht, in Kinderbetreuung (d. h. Familiennähe), in Vermeidung der Einsamkeit des bulgarischen Zuhauses sowie in der Erwartung besserer medizinischer Behandlung (157 f.). Auf den ersten Blick mag der Vergleich in seiner Generalisierung heftig hinken, doch lohnt es sich, die Anregung weiterzudenken – und dazu auch zu fragen, welches „aging“ diejenigen Pensionäre leben, die aus dem UK weder nach Spanien noch nach Bulgarien umziehen können.

Insgesamt gesehen kann, mit einer etwas kühnen Metapher, die Summe der hier herausgegebenen Beiträge als eine Art von Feuerwerk bezeichnet werden, das veritable ethnologisch-kulturwissenschaftliche Themen- und Problemstellungen beleuchtet und zugleich ein weitergehendes Interesse daran entzündet. Dies gilt insbesondere deshalb, weil die Beiträge nahezu durchgehend anschlussfähige Erweiterungsleistungen an bisherige Befunde und Konzepte im und für den europäischen Raum bieten. Zudem ist das Buch zur passenden Zeit vorgelegt worden – es erlaubt uns auch, Inventur zu machen, bevor sich die politischen und ökonomischen Umstände in der EU wieder verändern werden.