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Niklas Regenbrecht

Genealogische Vereinsarbeit zwischen Geschichtspolitik und populärer Forschung. Die Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung 1920–2020

(Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 130), Münster/New York 2019, Waxmann, 319 Seiten mit 24 Abbildungen, ISBN 978-3-8309-4077-7
Rezensiert von Moritz Jungbluth
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 04.09.2020

Die Frage nach der eigenen Herkunft, nach der eigenen Familiengeschichte und nach unbekannten Vorfahren oder Verwandten besitzt spätestens seit den 1990er Jahren in vielen Bevölkerungsteilen zunehmend einen hohen Stellenwert. In der Gegenwart erlebt diese Entwicklung, vor dem Hintergrund einer zusehends globalisierten Welt einerseits und bedingt durch eine umfassende Digitalisierung des Alltagslebens andererseits, eine neue Intensität. Diese macht sich in den entsprechenden Institutionen wie Archiven und Museen bemerkbar, sowie in verschiedenen Vereinigungen und Interessengemeinschaften, die als Orte der Quellenverwahrung sowie als Auskunfts- sowie Forschungsinstanzen fungieren. Solche genealogischen Einrichtungen und Vereine warten teilweise mit einer vergleichsweise hohen Bestands- und Erfahrungsdauer auf, sodass ihre eigene Geschichte anlässlich runder Jubiläen selbst zum Gegenstand des Forschungsinteresses wird. Trifft letzteres auf eine wissenschaftlich-fundierte Expertise, ist dies begrüßenswert, sind dabei doch Erkenntnisse und analytisch-kritische Reflexionen abseits apologetischer Instituts- und Vereinsfestschriften zu erwarten. Die Vergleichende Kulturwissenschaft besitzt in diesem Zusammenhang entsprechendes methodisches Rüstzeug und eigens ausgeprägte disziplinäre Perspektiven, die sie gerade im Hinblick auf die Untersuchung von Vereinen gegenüber anderen universitären Fachzugängen unterscheidet.

Diese Erwartungshaltung ergibt sich bei erster Betrachtung des Buches von Niklas Regenbrecht zur Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung von 1920 bis 2020 mit Fokus auf die „Genealogische Vereinsarbeit zwischen Geschichtspolitik und populärer Forschung“, welches er im Rahmen seines Volontariats bei der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (seit März 2020 Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen) verfasste. Darin geht es um die praktische Arbeit des Vereins, die einerseits durch politisch-motivierte Verhältnisse und andererseits durch gemeinverständlich-beliebte Motivationen ihre Rahmung fand und findet. Die Studie zielt darauf ab, „die Geschichte der Genealogie anhand dieses westfälischen Beispiels“ (12) zu beleuchten, „inhaltlich orientiert […] an einem Zugang, der Vereins- und Wissenschaftsgeschichte als Teil von Gesellschaftsgeschichte versteht“ (13). Quellentechnisch stützt sich der Autor dabei auf Archivalien, Drucksachen und Publikationen des Vereins, die er für die jüngere Vergangenheit mit Interviewmaterial ergänzt hat.

Zunächst kann man sich zweifelsohne den Ausführungen der Vorworte anschließen, stellt doch die wissenschaftliche Beschäftigung als Hauptinhalt eines zweijährigen Volontariats einen echten Glücksfall für die untersuchte Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung dar. Einleitend skizziert Regenbrecht wichtige Entwicklungslinien hinsichtlich der Vereinsforschung. Neben einer recht gerafften Darstellung fällt dabei vor allem auf, dass hier eindeutig die Perspektiven der Geschichtswissenschaft und randweise der Sozialwissenschaften im Vordergrund stehen. Den Bezug auf volkskundlich-kulturanthropologische Basiswerke zum Vereinswesen oder diesbezügliche Forschungsergebnisse der letzten Jahre sucht man vergebens, selbst ein Hinweis darauf fehlt. Obgleich die Studie als Teil der Gesellschaftsgeschichte verortet wird, überrascht dieser Befund für ein von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen initiiertes Projekt. Der Autor führt die Vorschläge der Historiker Robert Heise und Daniel Watermann als neue Perspektiven für die historische Vereinsforschung an. Dabei geht es um die spezifische Organisationsform von Vereinen: um die „motivationalen Grundlagen“ (17) der Mitgliedschaft, die Wechselwirkungen zwischen Staat und Vereinen sowie die soziale Vernetzung im Vereinswesen.

Im Kapitel zur Familienforschung hingegen stehen geschichtswissenschaftliche und kulturanthropologische Zugänge nebeneinander, wenngleich letztere recht einseitig ausfallen, indem sie sich ausnahmslos auf die Arbeiten von Elisabeth Timm beziehen. Die einleitenden Abschnitte erfahren mit dem Blick auf die regionalgeschichtliche Verortung der Familienforschung und das historische Vereinswesens in Westfalen vor dem Jahr 1920 ihren Abschluss; dann setzt die thematisch gegliederte Vereinshistorie der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung epochenmäßig an die verschiedenen Umbenennungen der Gesellschaft gelehnt ein.

Gegründet wurde die Westfälische Gesellschaft für Familienkunde 1920 in Münster und satzungsgemäß wollten die Mitglieder „auf allen Gebieten der Familienkunde forschend, belehrend und anregend wirken“ (31). Eine Geschäftsstelle, Sammlungs- und Beratungsarbeiten, Veranstaltungen und eine eigene Zeitschrift sollten dazu beitragen. Kennzeichnend war ferner ein Anspruch auf wissenschaftliches, bürgerlich-aufgeklärtes Arbeiten. In den Mitgliedslisten dominierten Archivare, Historiker und sonstige Honoratioren, oft am Beginn deren beruflicher Karriere stehend. Aufgrund der Überlieferungslage treten dabei vor allem die Vorstandsmitglieder in das Blickfeld, welche der Autor mit biografischen Angaben zu diesen Personen koppelt. Dies lässt sich auch in den folgenden Kapiteln als durchgängiges Muster feststellen.

Trotz einiger kleinerer Vereinsaktivitäten konnte die Gesellschaft ihre selbst gesteckten Ziele nicht verwirklichen und löste sich 1927 wieder auf. Stattdessen fand man von 1928 bis 1936 als Landesgruppe der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde eine Heimstatt zum „Überwintern“. Nach der Machtübertragung an Adolf Hitler erfolgte ein fundamentaler Wechsel im Hinblick auf die Bewertung genealogischer Forschungen und deren Popularisierung. Die Nationalsozialisten spannten nunmehr mit ihren rassenpolitisch motivierten Zielen die „Sippenforschung“ mit ganz konkreten anwendungstechnischen Aufträgen in ihren Machtapparat ein. 1936 konnte sich der genealogische Verein für Westfalen unter dem Namen „Westfälischer Bund für Familienforschung“ neu formieren. Trotz kriegsbedingter Verluste von Vereinsarchivalien fallen aufgrund der besagten Verwicklungen die Kapitel über die Westfälische Gesellschaft zur Zeit des „Dritten Reichs“ erfreulicherweise recht umfangreich und tiefgehend aus. Bei anderen Vereinigungen ist dies für diesen Zeitabschnitt häufig durch eine sehr rudimentäre Überlieferungslage nur schwer möglich.

Nach Kriegsende erfolgte 1948 ein Neuanfang für die Westfälische Gesellschaft. „Vom Ende der 1940er bis zum Ende der 1950er Jahre wurde versucht, eine über den Verein hinausgehende Wirkung und Arbeit fortzusetzen. Im Rahmen der Arbeitsgruppen des Westfälischen Heimatbundes wollte man über die Familienforschung zur Integration der Ostvertriebenen beitragen […].“ (284) 1957 erfolgte die Umbenennung von „Westfälischer Bund für Familienforschung“ in „Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung“. Annäherungen an die Bürgertums- und die Auswandererforschung, eine zunehmende Bearbeitung von Anfragen, das Angebot von Veranstaltungen und Vorträgen sowie die Ausrichtung zweier Deutscher Genealogentage in Münster und Soest, bedeuteten zwar eine Konzentration auf die Kernelemente genealogischer Forschungstätigkeit, doch ging dabei bis Ende der 1980er Jahre eine Ausprägung des eigentlichen Vereinslebens nur bedingt einher.

Letzteres erfuhr in Kombination mit einem verstärkten genealogischen Interesse der Öffentlichkeit seit Beginn der 1990er Jahre in Form von Arbeitsgemeinschaften, Vorträgen, Versammlungen, Seminaren und geselligen Treffen neuartige Impulse. Hinzu kamen die in Verbindung mit der Digitalisierung stehenden Kommunikations- und Medientechniken bzw. ‑formen, wie etwa Emailverkehr, Homepage und Mitgliederlisten, die den Kontakt zwischen den Mitgliedern erleichtern und intensivieren. Hinzu trat ergänzend die digitale Bereitstellung von Forschungsergebnissen und genealogischem Quellenmaterial.

Resümierend heißt es am Ende der Studie: „Die genealogische Forschung ist damit nicht nur inhaltlich bei der Alltagsgeschichte angekommen, die Genealogie ist auch selbst längst ein Teil von Alltagsgeschichte geworden. Die Verfertigung genealogischen Wissens liegt nicht mehr nur ausschließlich in den Händen der sich dazu berufen fühlenden Fachleute. Vereine wie die Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung stellen einen Wissensspeicher für umfangreiche familien- und lokalgeschichtliche Kenntnisse und Fähigkeiten dar und dienen als Plattform zur gegenseitigen Vernetzung.“ (288 f) Dies belegt der Autor mit seinen detaillierten Darstellungen auf knapp 220 Seiten zur Historie der Westfälischen Gesellschaft eindringlich. Bei Betrachtung der 100-jährigen Geschichte wird schnell deutlich, dass auch eine solche genealogische Vereinigung immer ein Spiegel ihrer Mitglieder und von deren Bedürfnissen im Kontext der jeweiligen Zeitumstände ist und darin letztlich kein Unterschied zu anderen Vereinen bestand. Irrwege, Neuausrichtungen, persönliche Animositäten und Sympathien lassen sich dabei beobachten, während das eigentliche Vereinsleben doch eher hintergründige Bedeutung besitzt.

Gemäß Titel rückt der Autor die Vereinsarbeit in den Mittelpunkt seiner Studie, die er letztlich als eine wissenschaftlich-fundierte exemplarische Vereinshistorie am Beispiel der Westfälischen Gesellschaft darstellt. Die eingangs aufgezeigte Verortung der Arbeit im Kontext der Vereins- und der Familienforschung erfährt jedoch keinen Aufgriff oder Bezug mehr, womit diese Kapitel ein wenig isoliert zum Hauptteil der Studie stehen und zugunsten der konkreten sowie ausschließlichen Vereinsgeschichte der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung auf geschichtswissenschaftlicher Basis in den Hintergrund treten.