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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg/Arbeitsgemeinschaft der Freilichtmuseen in Baden-Württemberg (Hg.)

Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land. Ein Buch der sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg

Ostfildern 2018, Thorbecke, 192 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7995-1266-4
Rezensiert von Thomas Naumann
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 15.09.2020

Die Publikation geht auf die in den Jahren 2017/2018 erfolgten Sonderausstellungen zum Thema „Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land“ der „Arbeitsgemeinschaft der sieben regionalen Freilichtmuseen Baden-Württembergs“ zurück. In zwei Vorworten wird betont, dass das Thema „Ausgrenzung und Integration auf dem Land“ bewusst erneut das „verklärende Bild einer homogenen, in sich geschlossenen (ländlichen) Lebenswelt durchkreuzen“ (6) will, ein Bild, das in der Vergangenheit so oft in der Museumsart Freilichtmuseum vermittelt wurde und mancherorts immer noch willentlich oder unwillentlich gezeigt wird. Dabei sei der Anspruch der Freilichtmuseen heute, „dass möglichst alle Teile der Bevölkerung früherer Zeiten Gegenstand der Vermittlung sein müssen“ (7). Somit also auch diejenigen Bevölkerungsteile, die am Rande der Gesellschaft standen und die Erfahrungen von Ausgrenzung und Integration machten. Die Absichten des Ausstellungsprojekts und der Begleitpublikation sind sehr ambitioniert: Man will von der Vergangenheit hinführen zur Gegenwart und den Blick richten auf Ausgrenzung und Integration von „Angehörigen religiöser, ethnischer oder sozialer Minderheiten und Randgruppen, [die] noch heute in besonderem Maß Gefahr [laufen], Opfer von Benachteiligung, Diskriminierung und diffusen Unterstellungen zu sein oder zu werden“ (7).

Sabine Zinn-Thomas reflektiert in ihrer Einführung den Begriff des „ländlichen Raums“ und kommt zu dem Ergebnis, dass er als soziologisches Unterscheidungsmerkmal zum städtischen Raum schon immer fragwürdig war und angesichts der modernen gesellschaftlichen Entwicklungen vollends obsolet geworden ist. Die lange gepflegte Vorstellung enger Beziehungen der Menschen auf dem Land untereinander, einer sozialen Kontrolle in engen Nachbarschaftsverhältnissen und konservativer Grundstimmung einerseits und von komplexen, unübersichtlichen, anonymen sozialen Verhältnissen in der Stadt andererseits sei nicht haltbar. Das Dorf sei vielfach auch nur noch ein „Teillebensraum“ (10). Angesichts heutiger grundsätzlich vergleichbarer Mentalitäten auf dem Land wie in der Stadt ist im Hinblick auf die Zuwanderung „Anderer“ zu schließen, dass es gleichgültig ist, wo diese ankommen. Ob sich zunächst randständige Zugezogene oder Migrant*innen integrieren oder fremd bleiben, hängt, so die Autorin, allein von den jeweils vor Ort bestehenden Infrastrukturen und Maßnahmen ab. Vehement warnt Zinn-Thomas davor, die „Aufnahmegesellschaft und die Einwandernden als homogene Gruppen zu definieren“ (11) und damit Gegensätze heraufzubeschwören, die die Fremden fremd sein lassen. Sie führt Beispiele aus den Sozial-und Kulturwissenschaften an, die die heutigen „spätmodernen Einwanderungsgesellschaften“ (11) in ihren „Durchmischungs- und Durchkreuzungsprozessen zu fassen versuchen“ (11) und „nicht vom Ende der Migration, sondern vielmehr von einer immer engeren transnationalen Verflechtung“(11) sprechen. Somit ist auch der bisherige Integrationsbegriff (die Zugewanderten haben sich bedingungslos anzupassen) zu hinterfragen.

Michael Happe (Hohenloher Freilandmuseum) und Jürgen Kniep (Oberschwäbisches Freilichtmuseum Kürnbach) stellen das Ausstellungsthema einleitend vor und verweisen auf seine Aktualität und Historizität (13). Sie definieren zunächst diejenigen Personen und Gruppen, die der Ausgrenzung ausgesetzt waren bzw. sind, weil sie als „anders“ galten bzw. gelten. Zu allen Zeiten habe es diese „Anderen“ gegeben: Ein anderer Glaube, ein unkonventioneller Lebensstil, ein außergewöhnlicher Beruf, eine gesellschaftliche Sonderrolle oder eine auswärtige Herkunft konnten zur gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Diskriminierung führen. Dessen ungeachtet waren die „Anderen“ stets „Teil des ländlichen Sozialgefüges und vielfach unverzichtbarer Teil des Alltags“ (13). Dies führte zu verschiedenen Reaktionen der Betroffenen: Sie konnten sich selbst als Makel empfinden, etwa die Behinderten oder die Menschen, denen „unsittlicher Lebenswandel“ unterstellt wurde, oder sie bildeten, besonders wenn „ihre“ Gruppe größer war, eine selbstbewusste Minderheit, was insbesondere für die „Jenischen“, die „Landjuden“ und später die „Gastarbeiter“ galt.

Dass das Ausstellungsthema in die Gegenwart führt, zeigen Thomas Hafen und Julia Lauer (Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof Gutach) besonders deutlich mit der Vorstellung ihrer auch technisch hervorragend strukturierten Ausstellungseinheit „Geschichten von Flucht und Heimkehr“, die sogar über das Museumsgelände hinausführte. Die Autor*innen beginnen mit dem September 2015, als Tausende von Flüchtlingen vom autoritär regierten und flüchtlingsfeindlich agierenden Ungarn kommend die Grenzen von Österreich und Deutschland passierten, die man, um die Situation nicht eskalieren zu lassen, aufgemacht hatte. Auf die Hunderttausende Geflüchteten, die nach der Grenzöffnung in Deutschland ankamen, reagierten die Einheimischen einerseits mit großer Hilfsbereitschaft, andererseits kam es schon bald zu Ängsten um den sozialen Frieden und den Staat – und, wie wir heute erfahren müssen, zu Hass, Mord und Totschlag. Auch wenn die Behörden relativ unvorbereitet waren, so zeigt sich doch am von Hafen und Lauer geschilderten Beispiel des Landkreises Offenburg, dass das reiche und gut strukturierte Land sehr wohl in der Lage war, die Sache organisatorisch in den Griff zu bekommen. Die verwaltungstechnischen Maßnahmen werden im Einzelnen geschildert. Die eigentlichen Probleme stellten sich dann nach positivem Asylentscheid bei der Unterbringung der Geflüchteten nach 24 Monaten bei den Gemeinden ein: Einerseits gab es großes ehrenamtliches Engagement seitens der Bevölkerung, andererseits wachsende Überfremdungsängste, die sich „Zuflucht in altbekannten Ressentiments“ (23) suchten. Dass die staatlichen Verwaltungen die „Lehrzeit“ (24) schon lange vorher gemacht hatten, zeigen Hafen und Lauer, indem sie einige Schritte zurück in die 1990er Jahre gehen, als infolge kriegerischer Auseinandersetzungen eine halbe Million Menschen aus Afrika nach Deutschland flüchteten, zusätzlich zu Geflüchteten aus dem Kosovo und aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sodann kamen nach der Auflösung des Warschauer Paktes zu Beginn der 1990er Jahre 400 000 Spätaussiedler*innen hinzu, die keineswegs überall willkommen waren und die zunächst in manchen Gegenden recht problematisch zusammen in neuen Vierteln untergebracht wurden. Der Rückblick führt die Autor*innen aber noch weiter zurück an das Ende des Zweiten Weltkriegs, als Flüchtende und Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten ankamen. In Baden-Württemberg waren es 1952 1,2 Millionen, zu denen noch 415 000 aus der sowjetischen Besatzungszone hinzukamen. Hier eigentlich lag die Herausforderung für den Staat, auf diesen Zustrom eine Antwort zu finden – eine Herausforderung, die gar nicht zu vergleichen ist mit der heutigen. Denn nach 1945 war Deutschland gerade erst selbst untergegangen und Handelnde waren einzelne Länder, wie etwa das besonders betroffene Württemberg-Baden. Die Ressentiments der selbst notleidenden Bevölkerung waren riesengroß gegenüber den Neuankömmlingen, die in jeder denkbaren Hinsicht diskriminiert wurden. Und dennoch wurden sie letztendlich integriert, vor allem kam ihnen der Wirtschaftsaufschwung zugute, den es „ohne sie wiederum nicht gegeben hätte“ (26). Mit diesem aufschlussreichen Vergleich von verschiedenen Flüchtlingsbewegungen bis 1945 zurück leisten die beiden Autor*innen einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen aufgeheizten Situation: Wie relativ erscheinen dann doch die heutigen Probleme und wie nichtig erscheint dann das gegenwärtige politische Geschrei!

Der Blick von Hafen und Lauer wendet sich anschließend auf „gesuchte Ankömmlinge“ (28). Dies sind zunächst die „Gastarbeiter“ aus Italien ab 1955, später aus weiteren Mittelmeerländern, die mit der Zeit mehrere Millionen Menschen umfassten. Aber schon seit dem Spätmittelalter gab es italienische Gastarbeiter im gesamten Kaiserreich (sog. „Transalpini“, 29) und im Jahr 1899 waren dies allein in Baden rund 30 000 Menschen. Sie arbeiteten im Eisenbahn-, Brücken-, Tunnel- und Wasserleitungsbau. Ohne Anwerbung von Tirolern und Schweizern wäre ein Wiederaufbau und eine Wiederbevölkerung im badischen Herrschaftsgebiet nach dem 30-jährigen Krieg gar nicht möglich gewesen. Dass aus deutschen Landen heraus auch über die Jahrhunderte hinweg fleißig ausgewandert wurde, und zwar aus wirtschaftlichen Gründen infolge von Anwerbemaßnahmen ausländischer Regierungen (Katharina die Große, die Habsburger Monarchie), macht ein Abschnitt über die Anwerbemaßnahmen deutlich, denen hunderttausende deutsche Siedler*innen folgten. Und im 19. Jahrhundert, im Zenit der Hungersnöte und Armut in deutschen Landen und insbesondere in Baden, erfolgten die großen Auswanderungswellen nach den Vereinigten Staaten.

Ein besonders bemerkenswerter Abschnitt der Abhandlung widmet sich dem „Fremdenzimmer Schwarzwald“ (32). Diese Landschaft, seit dem Jahr 1000 n. Chr. besiedelt, zog seither Zuwanderer an, die in der schwierigen Landschaft ihre Kultur und ihre Kulturtechniken aus ihren Herkunftsgebieten einbrachten. Viele Elemente, die sich inzwischen harmonisch in die Landschaft fügen, „sind ursprünglich gar nicht von hier – und doch nicht mehr von hier wegzudenken“ (32): eingeführte Zier-, Nutz- und Heilpflanzen, Nutztierrassen, die Schwarzwälder Kuckucksuhr, die ein böhmisches Vorbild hatte, das in England erfundene Verfahren der Keramikherstellung für Objekte, die jetzt als typische Schwarzwälder Keramik gelten, die Schwarzwälder Kirschtorte, erfunden von einem Schwaben, die vor allem im Gutachtal entstandene Schwarzwaldmalerei, die initiiert wurde von einem Künstler von der Elbe und einem anderen vom Niederrhein, die ursprünglich ganz bescheidene Schwarzwälder Tracht, die durch vielerlei fremdländische Einflüsse erst zu dem wurde, wie sie heute daherkommt und einige andere Beispiele mehr. Es ist nicht schwer daraus zu schließen: Die hier gemachten Schilderungen stehen exemplarisch auch für andere Landschaften. Die aufgeführten Beispiele existenzieller und der Kunst zuzuordnender Dinge, die den Menschen heute umgeben, sind ein über Jahrhunderte gewachsenes Produkt aus Begegnungen der Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Und so endet dieser Beitrag folgerichtig: „Die Gruppe, die auftaucht, hinterlässt ihren Eintrag in der Landschaft. Der Blick in das Fremdenzimmer Schwarzwald zeigt, dass wir das immer schon konnten: Das Fremde in einer Art und Weise annehmen, bis es nicht mehr fremd und bedrohlich erscheint, sondern als Akzent in das Bild fließt, das wir von uns selbst haben.“ (41)

Der „‚unbekannten‘ Minderheit der Jenischen“ widmet sich Michael Happe (Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen) im Gefolge seiner Ausstellung, die im Museum dauerhaft als „zum Themenspektrum im Hohenloher Freilandmuseum“ (59) gehörend eingerichtet wurde. In besonderem Maße hat Happe bei der Ausstellungsvorbereitung Angehörige der Jenischen einbeziehen können und damit sehr wirklichkeitsnahe Darstellungen erreicht. Die „Jenischen“ sind eine „ursprünglich nicht sesshafte sozio-linguale Gemeinschaft, die sich als eigenes Volk mit eigener Kultur versteht, die zum Teil jedoch in der Mehrheitsgesellschaft aufgegangen ist“ (14). Ihre Herkunft ist ungewiss; die Theorien reichen von Überlegungen zu keltischer Herkunft über im Mittelalter aus Nordwestindien eingewanderte Sinti und Roma bis zu umherwandernden Gewerbetreibenden, Spielleuten oder „ehrlosen Leuten“ des späten Mittelalters. Schätzungen zufolge leben in Deutschland derzeit ca. 40 000 Jenische, die sich als solche verstehen, d. h. die sich als „eigenes Volk mit eigener Kultur, eigenen Traditionen und eigener Sprache“ (45) begreifen. Die jenische Sprache, die nicht einheitlich, sondern von jeweiligen regionalen Besonderheiten der Umgebungssprachen beeinflusst ist, wird den rotwelschen Sprachen zugeordnet. Im Folgenden betrachtet der Autor die Siedlungsgeschichte der ehemals nicht sesshaften Jenischen im deutschen Südwesten seit dem 18. Jahrhundert. Wohl bekamen sie Grundstücke zum Hausbau zugeteilt, mussten aber weiterhin Tätigkeiten nicht sesshafter Gewerbe, wie etwa dem „Hökerhandel“, nachgehen, wozu sie festgelegte Routen nutzten. Handelten sie zunächst mit selbstgefertigten Waren, boten sie im Zuge der Industrialisierung auch fremdgefertigte an. Hierbei entwickelten sich zum Teil langanhaltende, enge Kontakte zu den besuchten Kunden.

Diskriminierungen nicht sesshafter Bevölkerungsgruppen, so Happe, reichen weit zurück. Sie standen seit dem ausgehenden Mittelalter unter dem Generalverdacht, Dieb*innen und Betrüger*innen zu sein. Vielerorts hatten sie Betretungsverbot. Unter der NS-Herrschaft „nahm diese Form der Bedrohung und Verfolgung aber eine andere Dimension an“ (53). Neben der Erschwerung ihres ambulanten Handels war das Regime bestrebt, ihre „rassische Minderwertigkeit“ festzustellen. Obwohl sie bereits im Visier der Nationalsozialisten waren, fand keine systematische Verfolgung statt, da „den Tätern schlicht die logistischen Kapazitäten [fehlten], um zeitgleich zur Ermordung von Millionen von Juden, Hunderttausenden Sinti und Roma und weiteren Verfolgten eine weitere Opfergruppe zu verfolgen und zu vernichten“ (55). Gleichwohl kamen dennoch Jenische in Konzentrationslagern um oder wurden zwangssterilisiert. In diesem Zusammenhang erwähnt Happe verantwortliche NS-Täter, die nach 1945, ohne je zur Verantwortung gezogen worden zu sein, ungerührt im medizinischen Bereich weiter beschäftigt wurden. Eine „Entschädigung“ für das zugefügte Leid gab es nach 1945 nicht, sondern die Diskriminierungen setzten sich auch in der deutschen Nachkriegsgesellschaft fort. War zunächst nach 1945 noch ein Aufschwung des Hausierhandels, des Altmetallhandels etc. zu verzeichnen, so brachen diese Erwerbszweige spätestens seit den 1970er Jahren ein. Man beteiligte sich jetzt vermehrt am Marktwesen und bei der Schaustellerei auf Jahrmärkten, wobei der „Reisewagen“ vom Wohnmobil abgelöst wurde. Die individuelle Mobilität und der Internethandel mit Lieferung bis vor die Haustür hat diesem endgültig den Garaus gemacht.

„Angekommen. Angenommen? Heimatvertriebene zwischen Hier und Dort“ hieß das Thema der Ausstellung im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, die hauptsächlich auf Berichten von Zeitzeug*innen fußte, die damals Kinder waren. Almut Grüner vertieft dies in ihrem Beitrag und greift damit ein Thema auf, das die baden-württembergischen Freilichtmuseen bereits im Jahre 2002 in ihrer Publikation „Die 50er Jahre auf dem Land in Baden-Württemberg“ ausführlich behandelt hatten. Die Ergebnisse sind die gleichen: „Das Ankommen der Heimatvertriebenen im Westen war eine Kollision von kulturellen Unterschieden“ (61); der Anfang des Zusammentreffens unterschiedlichster Mentalitäten war von harschem Unverständnis der Einheimischen gegenüber den Hinzuströmenden geprägt, die zunächst aufgrund von Flucht vor der Roten Armee, dann nach Kriegsende erst infolge willkürlicher, später bedingt durch die Potsdamer Konferenz „amtlicher“ Vertreibungen ihre Heimat und all ihr Hab und Gut verloren hatten. Wie unmenschlich diese Vertreibungen vonstattengingen, was die damaligen Kinder Schreckliches erleben mussten, wird anhand von Beispielen noch einmal deutlich. Was dabei alles geschehen war, davon hatten die Deutschen in den vier Besatzungszonen keine Ahnung, vielmehr war man verärgert darüber, dass „man das wenige, was man hatte, teilen sollte“ (67). Die Kleidung der Neuankömmlinge erregte Misstrauen, das Mitführen von Hab und Gut wurde mit „Zigeunern“ in Verbindung gebracht, Sprache und Konfession bildeten eine Barriere, die sich bis zu Diskriminierungen der Kinder in der Schule fortsetzte. Und umgekehrt: Einst vermögende Vertriebene waren im Gegenzug entsetzt über die ärmlichen Verhältnisse, die sie in Westdeutschland antrafen. Nur der durch den Marschallplan ermöglichte wirtschaftliche Aufschwung und die eingeleiteten Infrastrukturmaßnahmen konnten bewirken, dass das alles bald keine Rolle mehr spielte und eine Integration der insgesamt zwölf Millionen Geflüchteten und Vertriebenen gelang und es den Neuankömmlingen schließlich möglich wurde, „das Dort dem Hier“ unterzuordnen.

Dass eine Integration aber nicht immer gelang, davon erzählt Julia Brockmann (Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck). Im Mittelpunkt ihres Beitrags steht ein Gebäude im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, ein sogenannter Farrenstall mit Armenwohnung, aus dem eine Vertriebene, die im Dorf offenbar als leichtlebig diskriminiert wurde, nicht hinaus kam. Nach vielen Versuchen Fuß zu fassen, wanderte sie schließlich nach Amerika aus und reüssierte dort offensichtlich. Dem Museum gelang eine Kontaktaufnahme mit ihrem Sohn. Hier zeigt sich wieder einmal, was Freilichtmuseen an persönlichen Schicksalen erforschen können, wenn sie intensiv die Geschichten der Bewohner*innen der historischen Gebäude erforschen. Denn lange kümmerte man sich um so etwas nicht.

Um Armut als Grund für Anderssein und um „Armenfürsorge“ im Odenwald im 19. Jahrhundert geht es im Aufsatz von Margareta Sauer (Odenwälder Freilandmuseum Walldürn-Gottersdorf). Darin bildet erfreulicherweise wiederum ein historisches Gebäude, das im Odenwälder Freilandmuseum steht, den Ausgangspunkt der Betrachtungen: Das Armenhaus aus dem unterfränkisch-bayerischen Reichartshausen aus dem Jahre 1876 und dessen Bewohner*innen. Die Autorin schildert zunächst die besonders prekäre Lage des Odenwalds im 19. Jahrhundert, der als Hinterland zu einem „Notstandsgebiet mit massenhafter Armut“ (85) geworden war. „Armenfürsorge“ lag in der Zuständigkeit der Gemeinden, die aber nur für örtliche „Heimatberechtigte“ verantwortlich waren. Um das „Umherziehen der Armen“ (86) zu unterbinden, erließ das Königreich Bayern 1834 ein Gesetz, das die Verheiratung am nicht angestammten Ort nahezu verunmöglichte. Der Erfolg war ein Anstieg der Zahl nichtehelicher Kinder, was die ledigen Frauen weiter an den Rand drängte. Wie die Armenfürsorge gehandhabt wurde, hierüber gibt für die Zeit von 1844–1906 ein von Sauer gründlich ausgewertetes „Protokollenbuch des Armen- und Pflegschaftsrathes Reichartshausen, Reuenthal und Neudorf“ lückenlos Auskunft. „Schlägt man die Protokollbücher auf, so sind die Seiten voll von traurigen Schicksalen, bitterer Not, verzweifelten Anträgen und für uns heute manchmal erbarmungslos erscheinenden Entscheidungen: Hier wird eine Unterstützung entzogen oder eine Ration halbiert, dort werden drakonische Strafen angedroht, falls die Unterstützungssuchenden den Auflagen des Rats nicht nachkommen.“ (88) Dabei geht es meist nur um einen Laib Brot, Holz oder Kleidung. Der Armenpflegschaftrat, u. a. besetzt durch Pfarrer und Bürgermeister, verfügte nur über geringe Mittel, die die Gemeinde irgendwie selbst aufbringen musste, und so wird um jeden Kreuzer gekämpft. War jemand nur im Geringsten arbeitsfähig, so war er oder sie zur Arbeit verpflichtet. Ob jemand in der Lage war, gesundheitlich jede Arbeit anzunehmen, auch hierüber entschied der Rat; und zwar ohne jeden medizinischen Sachverstand. Viele heute erschütternde Beispiele sind hier nachzulesen. Bemerkenswert ist, dass den oft gleichen Bittsteller*innen – in der Mehrzahl ledigen Frauen und Witwen, aber auch Taglöhnern, Knechten, verarmten Handwerkern – über die Jahrzehnte hinweg nicht aus ihrer Situation geholfen wurde. Es wird aber auch deutlich, dass das gar nicht gelingen konnte: Die Tatsache, dass die „Armenfürsorge“ selbst den kleinsten und ärmsten Gemeinden überlassen war, sorgte für das Grundübel: Es lag am Gesamtsystem der damaligen Staaten, denen Sozialpolitik im heutigen Sinne ein Fremdwort war. Armut wurde lediglich verwaltet, so die Autorin. Dies war im Königreich Bayern nicht anders als im Großherzogtum Baden oder in anderen deutschen Landen. Eine gewisse Verbesserung setzte mit Bismarcks Sozialgesetzgebung der 1870er Jahre ein, die aber auf dem Land erst mit Zeitverzögerung wirksam wurde.

Verena Amann, Christoph Mayr, Andrea Schreck und Christine Hut (Bauernhaus-Museum Wolfegg) widmen sich in ihrem Beitrag, der auf ihrer Ausstellung „Zwischen zwei Welten“ fußt, der Geschichte der seit 1955 wegen des Arbeitskräftemangels in der boomenden deutschen Wirtschaft gekommenen „Gastarbeiter“ auf dem Land, hier in der oberschwäbischen Region. Sie kamen im Zuge der Anwerbeabkommen insbesondere aus wirtschaftlich strukturschwachen Mittelmeerregionen. „Gastarbeiter“ – ein Begriff, der konnotiert, dass der „Gast“ bald auch wieder geht – wurden zuallererst als „konjunkturelles Ausgleichsmoment“ (104) gesehen, ansonsten blieben sie gesellschaftlich am Rande. 14 Millionen waren es zwischen 1955 und 1973 an der Zahl, zwölf Millionen kehrten über kurz oder lang wieder zurück. Bei den zwei Millionen in der Bundesrepublik Deutschland Gebliebenen und ihren Nachkommen geht es um die Frage, wie diese „integriert“ und angenommen sind. Die Autor*innen arbeiten mittels Selbstzeugnissen von Zeitzeug*innen heraus, wie das bürokratische Procedere des Anwerbens im Herkunftsland und dann des Ankommens in der Fremde vor sich ging. Lange habe es viele Probleme mit der Verständigung gegeben, auch „wegen des unverständlichen Dialekts der Einheimischen oder deren Essgewohnheiten“ (111). Zum Zeitpunkt des Anwerbestopps in der Ölkrise 1973 zählte die Bundesrepublik noch vier Millionen ausländische Beschäftigte. Heute leben bereits die Nachkommen in der dritten Generation in allen deutschen Landen – und angesichts dessen, so das Fazit, stellt sich die Frage nach einer Neudefinition von „Integration“. Schon gar, so ist zu ergänzen, wenn man die inzwischen in der EU herrschende Niederlassungsfreiheit bedenkt.

In nahezu allen Freilichtmuseen wurde lange ausgeblendet, dass jüdische Geschichte zur ländlichen deutschen Kulturgeschichte dazugehört. Im Kontext der Thematik des „Andersseins“ kommt man nun wahrlich nicht darum herum, und die Geschichte der Juden auf dem Lande ist hier besonders aufschlussreich. Für das Freilichtmuseum Beuren untersucht das in eindrucksvoller Weise  Wilfried Setzler. Der Beitrag setzt an bei den Vertreibungen von Juden und Jüdinnen aus den Reichsstädten und den Territorialherrschaften des Südwestens im Laufe des späten Mittelalters, die durch altbekannte Vorurteile und Unterstellungen gegenüber Juden ausgelöst wurden und die sich im judenfeindlichen Herzogtum Württemberg fortsetzten. Anschließend widmet er sich der jüdischen Bevölkerung, die insbesondere im südlichen Württemberg zerstreut auf das Land vertrieben wurde. Adlige Ortsherrschaft siedelte Juden im 18. Jahrhundert gezielt an, motiviert durch dadurch möglich werdende „Schutzgelder“ und regelmäßige Abgaben aller Art von den „Schutzjuden“. Sie lebten gegen Abgabe eines „Hauszinses“ in eigens errichteten, zuweilen ghettoartigen Häusern. Grundbesitz zu erwerben, ein Handwerk auszuüben, Landwirtschaft zu betreiben war ihnen untersagt – so blieb ihnen der „Schacherhandel“, der auch noch durch vielerlei Einschränkungen behindert wurde. Hier entsprach ihr Schicksal den oben besprochenen „Jenischen“ vollständig. Immerhin „konnte in all diesen Orten die jüdische Minderheit ihre Gemeinschaft in weitgehender Autonomie selbstständig organisieren und ihr religiös-kulturelles Leben nach eigener Tradition gestalten“ (124), was Setzler im Einzelnen anhand religiöser und gemeindeorganisatorischer Gepflogenheiten veranschaulicht. Langsame Fortschritte in Richtung Emanzipation werden dann erreicht im durch die Neuordnung Europas nach 1803 entstandenen Königreich Württemberg: „Aus Schutzjuden wurden nun württembergische Untertanen.“ (126) Über mehrere Stationen hinweg, die immer mehr Einschränkungen hinsichtlich der Berufswahl, der freizügigen Ansiedlung oder des Grunderwerbs beseitigten, wurde schließlich im Jahr 1864 die rechtliche Gleichstellung erreicht. Hierbei blieb es aber auch nicht aus, dass die jüdische Religionsorganisation „ganz und gar den Ordnungen für die christlichen Kirchen angeglichen“ wurde (127), samt der Installierung einer „israelitischen Oberkirchenbehörde“ (ebd.) und der Gliederung in 41 Kirchengemeinden und 13 Rabbinate. Einen erheblichen Eingriff in jüdisches Religionsverständnis damaliger Zeit stellte es auch dar, dass Rabbiner und Vorsänger sich staatlicher Examinierung unterwerfen mussten. Emanzipation und Integration in das Staatswesen ist hier deutlich verbunden mit vollständiger Angleichung, ja Unterwerfung unter die staatlichen Vorgaben. Der Anteil jüdischer Bevölkerung im 19. Jahrhundert auf dem Lande war starken Schwankungen unterworfen. Und nach dem Emanzipationsgesetz von 1864 setzte „eine regelrechte Landflucht ein“ (129), im südlichen Württemberg insbesondere nach Tübingen, Reutlingen oder Stuttgart. Schon zuvor hatten sich Juden auch wirtschaftlich emanzipiert, zählten vermehrt zu den besten Steuerzahlern, belieferten Märkte und Messen, „gestützt auf gute Warenlager“ (130), auf ihre traditionelle Mobilität und ihren „Blick übers Dorf hinaus“ (131), stiegen ein in die Textilherstellung, zunächst mittels bereitgestellten Webstühlen und Heimarbeit, später durch Fabrikproduktion. Auch der Viehhandel spielte eine bedeutende Rolle. Und sie nutzten nach 1864 die sich neu eröffnenden Bildungschancen oft schneller als die christliche Bevölkerung. Eine enorme „Akkulturation“ und „Assimilation“ (131) stellt der Autor fest, die sich auch manifestierte in Änderungen religiöser Gebräuche, in Inschriften auf Grabsteinen, in der Übernahme des christlichen Kalenders. Im Zusammenleben jüdischer und christlicher Bevölkerung im 19. Jahrhundert gab es zwar immer wieder gewalttätige Übergriffe der „Mehrheitsgesellschaft“, aber Setzler erwähnt auch das Beispiel eines Wankheimer Pfarrers, der es erreicht hatte, bei öffentlichen Anlässen religiöse Gemeinsamkeiten zum Ausdruck zu bringen und damit Harmonie zu stiften. Was dazu führte, dass die „Israelitische Hilfsleihkasse“ (135) sich in der Armenfürsorge eines Ortes engagierte. Wie sich also das Verhältnis zwischen Christen und Juden gestaltete, hing, wie der Autor trefflich bemerkt, oft „vom Handeln einzelner Personen“ ab (134). Und ein „einigendes Band“ war in allen „Judendörfern“ die Sprache geworden. Man „schwätzte schwäbisch und sang schwäbische Volkslieder“ (136). Gemeinsamer Patriotismus in den Kriegen verband ebenso, wie das Beispiel der vielen freiwilligen jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg zeigt. Doch gerade im 1871 entstandenen Deutschen Kaiserreich kam dann der im Untergrund stets vorhandene Antisemitismus wieder an die Oberfläche und Judentum wurde vermehrt „nicht nur als Religion, sondern als ‚Rasse‘, als genetisches Merkmal“ (136) definiert, was dem kommenden nationalsozialistischen rassistischen Staat in dieser Hinsicht Tür und Tor öffnete. Der Beitrag schließt mit einer kurzen Schilderung der Vernichtung des schwäbischen Landjudentums in den 1930er und 1940er Jahren.

Wie schon Margareta Sauer befasst sich nochmals Jürgen Kniep variantenreich und familiengeschichtlich ausgreifend mit dem Thema Dorfarme als „die Anderen“ im Armenhaus. Kniep definiert die Armenhausbewohner*innen im Unterschied zu den sonstigen – zahlreichen – Armen im Dorf, denen vermögende Nachbarn auch mal Almosen gaben, als abweichend „von den gängigen Norm-und Moralvorstellungen“ lebend (143), so dass sie „dadurch an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden“ (143). Für diese Definition führt er vielfältige Beispiele auf, doch für das Göffinger Armenhaus, das heute im Kürnbacher Museum steht, und das der Autor zur Grundlage seiner Untersuchungen macht, führt er auch Eingewiesene auf, die aus schlicht unverschuldeter Not hier leben mussten, wie z. B. eine arbeitsunfähige Witwe. Alle Beispiele sind eindrucksvoll recherchiert und bestürzend. Schnell waren Arme im 19. Jahrhundert kriminalisiert, schnell standen sie am Rande und benahmen sich dann im Zweifelsfall auch so. Und der Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus, den Kniep auch wirft, zeigt, dass etwa geistig Behinderten, die schon zuvor als „schwachsinnig“ bezeichnet wurden, flugs die Sterilisation (Stichwort „Erbgesundheitsgericht“) oder gar Euthanasie drohte. Mit Blick auf die Entwicklungen vom 19. zum 20. Jahrhundert stellt Kniep in der Gesetzgebung erhebliche Veränderungen fest, doch „auf dem Land bestanden Moderne und Tradition [...] noch lange nebeneinander fort“ (152), so dass die Ideen der Wohlfahrtspflege hier nachrangig blieben. Eine weitere, nicht unbedingt zum Guten führende Entwicklung sieht er darin, dass prekäre „Bewohner, die auf kein stabiles familiäres Netzwerk zurückgreifen konnten“ (164), aus dem Dorf entfernt und in große geschlossene Einrichtungen fern der Heimat untergebracht wurden. So wurde die zwar distanzierte aber doch ortsräumliche Nähe der Dorfbewohner*innen zu den Armenhausbewohner*innen aufgehoben. Besonders interessant ist eine Anmerkung des Autors zur Geschichte der Präsentation des Armenhauses im Kürnbacher Museum: Da es in seinen Anfängen ein Haus zur Unterbringung der Dorfhirten gewesen war, wurde im Jahr 1984, dem Jahr der Translozierung, museumsseits „aus grundsätzlichen Erwägungen“ (165) beschlossen, nur diesen Teil der Hausgeschichte darzustellen. „Die weitaus längere Geschichte als Armenhaus blieb unerzählt: Erst ein veränderter Blick auf die ‚Anderen‘ im Dorf rückte auch die Geschichten und Schicksale [der Armenhausbewohner] ins Zentrum.“ (165)

In ihrem Abschlussbeitrag stellt Christel Köhle-Hezinger meisterhaft das Daheimbleiben und das Fortgehen dialektisch in den Mittelpunkt sozialhistorischer Überlegungen. In gewissem Sinne geht es auch ihr um ein „Anderssein“ oder vielmehr „Anderswerden“ durch den Fortgang aus der Heimat. Ihre ganz konkreten biografischen Beispiele zeigen, dass das Fortgehen entweder möglich geworden ist durch den „Fortschritt“ der neuen bürgerlichen Freiheiten im 19. Jahrhundert, oder aber es ist vielmehr ein „Fortgehen-müssen“ infolge wirtschaftlicher Not dieses Zeitalters. Dies setzt Köhle-Hezinger in Gegensatz zum „Daheimbleiben“, dem „In-der-Stube-Hocken-Bleiben“, das in dem von ihr geschilderten schwäbisch-pietistischen Milieu eben doch allemal von der Mehrheit bevorzugt wurde. Denn das Fortgehen – in die städtische Fabrik, ins Kloster, in die Auswanderung – war zwar mit Möglichkeiten, immer aber auch mit Gefahren verbunden und wurde, falls man im Sinne der Wertvorstellungen der von ihr geschilderten Milieus scheiterte, unversehens zum Vorwurf, zur Schande und zur Niederlage.

Das Buch schließt mit einem Interview mit Klaus Vaessen, dem ehemaligen Direktor des Nederlands Openluchtmuseum und ehemaligen Präsidenten des Europäischen Freilichtmuseumsverbands. Vaessen spricht sich nachdrücklich dafür aus, dass die Freilichtmuseen die gesellschaftlichen Entwicklungen bis heute in ihren Museumsobjekten berücksichtigen müssen, sich also in ihren Darstellungen und Hausobjekten der nach-agrarischen Welt zu öffnen haben. Im Hinblick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Brüche fordert er, dass diese Museumsart nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein muss. Hier kann man festhalten: Mit dieser Publikation haben die baden-württembergischen Freilichtmuseen bewiesen, dass sie in der Lage sind, Teil der Lösung zu sein.

Zur Redaktion des Buches ist kritisch anzumerken: Die Reihenfolge der Beiträge hätte vielleicht in Bezug auf die Inhalte etwas geordneter sein können. Ferner wäre es dienlich gewesen, die beiden Beiträge zum historischen Armenwesen zu koordinieren bzw. zusammenzuziehen, um Überschneidungen zu vermeiden und Deckungsgleichheiten oder Unterschiede in den verschiedenen Regionen besser sichtbar zu machen. Und hinsichtlich der Lesbarkeit muss bemängelt werden: Offensichtlich ist es der Redaktion entgangen, dass die oft sehr umfangreichen und auch wichtigen Anmerkungen an den Seitenenden (sowie auch die Seitenzahlen) in einem ohne Lupe kaum lesbaren äußerst schwachen Grau in Kleinstschrift gehalten sind. Auf Dauer ist man so versucht, über diese Anmerkungen hinwegzulesen, was schade ist.

Dies ändert nichts daran, dass hier insgesamt ein inhaltlich gut recherchiertes, gehaltvolles, hauptsächlich in die Geschichte blickendes, aber auch Verbindungen in die Gegenwart ziehendes Werk über die Diskriminierung und gegebenenfalls Integration „Anderer“ im weitesten Sinne entstanden ist. Ob eine Integration gelang oder gelingt, so kann man aus allen aufbereiteten Beispielen schließen, ist weniger dem bewussten Willen und Wollen der „Mehrheitsgesellschaft“ zu verdanken, sondern oft den Zeitläuften, den mittel- oder langfristigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen und Anschauungen, die eine meist unmerkliche ‑ gegenseitige ‑ Integration ermöglichen. Denn die Abwehrhaltung der „Mehrheitsgesellschaft“ scheint zu allen Zeiten groß zu sein; sie ist erst überlistet, wenn die Mehrheit das Andere und das Fremde weitgehend in sich aufgenommen hat und somit als solches gar nicht mehr erkennt. Das sind lange, unmerkliche Prozesse. Das aber heißt im Umkehrschluss: Wir werden es in der Gegenwart immer wieder erleben, dass „Anderssein“ als solches empfunden und gebrandmarkt wird und daher auch, siehe die gegenwärtig nach Deutschland Geflüchteten, in der Zwischenzeit politisch instrumentalisierbar bleibt.