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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Achim Riether

Einblattholzschnitte des 15. Jahrhunderts. Bestand der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Staatlichen Graphischen Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, München, 27. Juni bis 22. September 2019

München/Berlin 2019, Staatlichen Graphische Sammlung/Deutscher Kunstverlag, 557 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, ISBN 978-3-422-97985-7
Rezensiert von Walter Pötzl
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.08.2020

„Ausgangspunkt des vorliegenden Bestandskatalogs wie auch der Ausstellung war die von der Edith-Haberlandt-Wagner Stiftung aufs Großzügigste geförderte Restaurierung der Einblattholzschnitte des 15. Jahrhunderts im Besitz der Staatlichen Graphischen Sammlung München.“ (554) Die Ausstellung wurde im Sommer 2019 in der Pinakothek der Moderne in München präsentiert. Der Katalog wird wohl für Jahrzehnte ein Standardwerk der frühen Einblattholzschnitte bleiben.

Die Möglichkeit, Bilder und (meist kurze) Texte durch Druck zu vervielfältigen, kam etwa zwei Generationen vor Gutenberg auf, wobei die Verfügbarkeit von Papier eine große Rolle spielte (vgl. die „kleine Einleitung“ von Achim Riether, 13–24). Gegenüber Handschriften bedeutete das für die Verbreitung einen großen Fortschritt. Der Altbestand der Staatlichen Graphischen Sammlung in München ist klein. Den größten Zuwachs erfuhr die Sammlung durch Überlassungen der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek München, wobei es sich um Säkularisationsgut bayerischer Klöster handelte, von denen Tegernsee (15 Stück), Altomünster (10), Bad Reichenhall (2), Fürstenfeld und Indersdorf (je 1) als Herkunftsorte näher bestimmt werden konnten. Dieser Bestand macht 60 % des heutigen Gesamtbestandes aus und erklärt auch den hohen Anteil religiöser Motive.

Um 1900 stellte Wilhelm L. Schreiber (1855–1932) erstmals die damals bekannten Einblattholzschnitte zusammen. Sein „Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts“ in acht Bänden (1926–1930) gilt als Referenzwerk des Themas und stellt rund 2 120 Formschnitte vor. Seine Gliederung liegt auch dem vorliegenden Katalog zugrunde (Altes Testament, Leben Jesu, Marienleben, Heilige, Allegorien, Ablass, Katechetische Blätter, Memento Mori, Kalender, Heiltümer, Antisemitische Blätter, Liebespaare, Spielkarten, Grotesken), doch werden die Abbildungen nicht stur nach der Zahlenreihe präsentiert, sondern öfter nach stilistischen oder inhaltlichen Gemeinsamkeiten geordnet. Mitaufgenommen wurde auch das „Gulden Puchlein“, eine Nürnberger Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (cgm 9489), in die 70 kolorierte Holzschnitte eingeklebt sind. Vorgestellt werden die Holzschnitte in Originalgröße (Abbildungen, 33–308), dazu auch zwölf Holzschnitte, die bei Schreiber nicht aufgeführt werden (535). Der Katalog (308–519) folgt den üblichen Kriterien. Bei fast 60 % der Nummern steht der Vermerk „Unikum“, ein Hinweis auf die Bedeutung des Bestandes. Nach Gegebenheit wird bei den anderen Nummern darauf hingewiesen, wo weitere Exemplare des jeweiligen Druckes liegen. Bei zwei Blättern (18, 275) steht der Vermerk „unveröffentlicht (?)“, bei zwei weiteren (57, 58) „unbeschrieben (?)“. Oft werden zum Vergleich wegen stilistischer oder thematischer Gemeinsamkeiten weitere Holzschnitte und Tafelbilder eingestellt. Besonders beeindruckend ist im Text zum Blatt „Der hl. Antonius Eremita“ (126, Kaver) ein Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar, der einen an Ergotismus Erkrankten zeigt.

Die Entstehungszeit des einzelnen Holzschnitts zu ermitteln kann fast nur nach stilistischen Merkmalen erfolgen. Nur zu wenigen Blättern findet sich eine Jahreszahl, wie bei den aus einer 1410 in St. Zeno in Reichenhall entstandenen Handschrift (clm 16455) herausgelösten Holzschnitten (196, 150). Leider stimmen die beiden Signaturen nicht überein, doch scheint 16455 (und nicht 16655) richtig zu sein, denn hier ist auch die Ordenszugehörigkeit des Klosters (Augustinerchorherrenstift und nicht einfach Augustinerkloster) richtig. Aus den Katalogtexten geht leider nicht hervor, wer den jeweiligen Text verfasst hat, lediglich auf dem Titelblatt stehen acht Namen; ein ungewöhnliches Verfahren, denn über die technischen Angaben hinaus unterscheiden sich die einzelnen Beiträge durchaus. Die Beschreibungen des Katalogs erfolgen nach strengen kunsthistorischen Kriterien. Inhaltliche und kulturgeschichtliche Komponenten kommen nicht oder nur sehr kurz zum Tragen. Die Schlusspassage z. B. zum ältesten Blatt (196) greift zu kurz. Die älteste Sebastiansvita kennt zwar das Pfeilmartyrium, jedoch ohne Bezug zur Pest. Bei der römischen Pestepidemie von 680 trug man die Reliquien des Heiligen durch die Stadt und man schrieb diesem Akt die Beendigung der Seuche zu. Warum griff man gerade im reliquienreichen Rom zu den Sebastiansreliquien? Vermutlich war die Vorstellung, die Pest verbreite sich durch die Luft – die Rattenerklärung kam erst in der Neuzeit auf ‑ bereits weit bekannt. Der durch die kaum darstellbare Luft schwirrende Pfeil bot sich als Symbol an. Der Text zu 197 (Nürnberg 1472), der ein Gebet enthält und auffordert, zum Schutz das Blatt bei sich zu tragen, geht breiter auf die religiösen Schutzmaßnahmen gegen die Pest ein. Zu den frühen, als besonders beeindruckend empfundenen Holzschnitten gehört auch die um 1420 angesetzte Geburt Christi (9). Der Katalogtext versucht erst gar nicht, den Holzschnitt in die Ikonografie des Weihnachtsbildes einzuordnen. Der Anbetungstyp hatte sich um diese Zeit noch keineswegs durchgesetzt. Das Ungewöhnliche an diesem Bild besteht darin, dass Maria ihren Mantel (mantellum album), der sonst in den Visionsbildern der hl. Birgitta am Boden liegt, über einen Balken gehängt hat. Der abgelegte Mantel wie die von Joseph gebrachte Kerze (15) und das strahlende Kind (11) gehen auf die Vision der hl. Birgitta zurück [1]. Auf einem um 1450 angesetzten Holzschnitt (11) hat Maria den Mantel nicht abgelegt, das nackte Kind strahlt und hält, in dieser Situation ganz ungewohnt, die Weltkugel in der Hand. Der leicht gebückte Joseph bringt ein Schaff herbei, mit dessen Wasser das Kind gebadet werden soll. Das Bad des Neugeborenen ist Bestandteil antiker Geburtsbilder, das auch die christlichen Bilder lange darstellen, bis ins späte Mittelalter in den Personen der beiden Hebammen. Joseph hat das Wasser in einem Kessel erhitzt, der an einer Kette über einem am Boden entfachten Feuer hängt. Das sind mitnichten „kaum je dargestellte genrehafte Addenda“, wie sie Heinrich Theodor Musper wertete (Hinweis im Katalogtext), sondern Teile des keineswegs seltenen Komplexes, in dem Joseph Feuer zum Kochen, zum Wärmen der Füße, zum Trocknen der Windeln und zum Erhitzen des Badewassers anbläst [2]. Das Jesuskind mit der Weltkugel in der Hand erscheint im heiligen Herzen auf zwei Bildern (69, 70) und einmal zusammen mit dem Lamm, das die Fahne des Auferstandenen hält (74). Nur mit einem Blatt ist das Jesuskind als Überbringer der Neujahrswünsche („vil god iar“ bzw. „vn[d] e lage lebin“) vertreten (67). Das Jesuskind als Überbringer von Neujahrswünschen erscheint auch auf Kalendern („Ein guot sälig iar“, 241). Mit diesen Einblattholzschnitten korrespondieren offensichtlich die kleinen Tonfigürchen des Jesuskindes (Höhe: 8–9 cm), von denen zahlreiche in Augsburg und andernorts gefunden wurden. Sie haben lockiges Haar, tragen oft eine Weltkugel und eine Halskette [3].

Der Einfluss der Visionen der hl. Birgitta auf das Weihnachtsbild ist durch die Dissertation von Fabian Wolf (wie Anm. 1) durch viele weitere frühe Bildzeugnisse bestätigt worden. In den frühen Holzschnitten findet das (von 9 und 11 abgesehen) keinen Niederschlag. Birgitta-Einblattdrucke setzen erst gegen Ende des Jahrhunderts ein. Anlass war wohl die Einweihung des Birgittenklosters Maihingen im Ries im Jahre 1481 (134). Im Mittelpunkt des Triptychons erscheint Birgitta in Witwentracht am Schreibpult, ihre Ordensregel präsentierend. Als Attribut steht daneben, wie auf vielen Tafelbildern auch, der Pilgerstab mit Hut und Tasche. Der Eigenart des Birgittenordens entsprechend, der Doppelklöster vorschrieb, knien auf dem linken Part Nonnen, die das typische Fünfwundenkreuz auf dem Kopftuch tragen, auf dem rechten Part Mönche mit dem roten Kreuz in Armhöhe auf dem Mantel. Im Jahre 1481 erschien in Nürnberg das Buch „Onus mundi ex revelacionibus beatae Birgittae“, 1492 folgte in Lübeck der Druck der Revelationes. Im Umlauf waren kleinere Drucke, die Birgitta vor dem Kreuz kniend, am Schreibpult sitzend oder mit ihrer Tochter (und Nachfolgerin), der hl. Katharina, vorstellen (137–145). Lediglich ein kleines Andachtsbildchen aus dem Birgittenkloster Altomünster zeigt die betende Heilige vor der das Kind anbetenden Maria und erklärt: „da zaigt maria s. Birgitta wie sie Jhs geboren hat“ (Schreiber 1139).

In den Darstellungen Marias im Weihnachtskreis steckt viel Theologie, die sich fast nur dem offenbart, der um die Geschichte der Kleidung und ihre gesellschaftliche Relevanz weiß. In vielen Trachten konnte man eine verheiratete Frau von einer jungen Frau u. a. durch die verschiedenen Kopfbedeckungen unterscheiden. Im vorliegenden Band wird das zuerst im Blatt „Heimsuchung Mariens“ (10) deutlich: Maria und Elisabeth, die beiden schwangeren Frauen, dargestellt als „gravidae“, treten einander als Jungfrau (hier ohne Kopfbedeckung) und als Verheiratete (mit Kopftuch) gegenüber. Ebenso klar tritt der Unterschied im Blatt „Die heilige Sippe Jesu“ hervor (Maria im Vergleich zu ihrer Mutter Anna und zu ihren Stiefschwestern Maria Cleophas und Maria Salomas, 212). Von diesen beiden Blättern aus öffnet sich der Blick auf andere Mariendarstellungen, von denen manche auch das Haarband der Jungfrauen tragen (6, 107, 112, 113, 123). Die Theologie, die die Jungfräulichkeit Marias propagiert, vermittelt sich uns über die Kleidung [4].

Die nicht übereinstimmenden Überschriften zwischen Bild („Die Kreuzigung Christi...“) und Katalogtext („Christus am T-Kreuz, darunter Maria und Johannes“) offenbaren eine gewisse Begriffsunsicherheit zum T-Kreuz, denn der Längsbalken ragt erkennbar über den Querbalken hinaus und trägt den Titulus (29). Am deutlichsten ist ein T-Kreuz auf Blatt 91 dargestellt, während bei anderen der Nimbus (30, 32) oder der aufgesetzte Titulus (92, 24, 31, 25, 35) den technischen Charakter des Kreuzes verdeckt. Eine besondere zimmermannstechnische Variante wird bei der Anbringung des Titulus bei einigen T-Kreuzen deutlich: Er steckt in einem kleinen Holzpflock, der in den Querbalken eingerammt wurde (28, 87, 26). Hinter derartigen Besonderheiten verbergen sich mitunter Hinweise auf Werkstattgemeinsamkeiten. Etwa 13 % der frühen Holzschnitte verwahrt die Staatliche Graphische Sammlung München, darunter auch sehr viele Unika. Von der quantitativen Größe leitet sich aber nicht so sehr der Wert dieser Sammlung her, sondern von mehreren älteren und besonders schönen Beispielen, so dass Achim Riether mit Stolz resümieren kann: „Die Wiege der europäischen Druckgraphik wird in München verwahrt.“

Anmerkungen

[1] Fabian Wolf: Die Weihnachtsvision der Birgitta von Schweden. Bildkunst und Imagination im Wechselspiel. Regensburg 2018. Im Anhang (S. 427–449) 19 Quellentexte, Nr. 14 die Revelationes der hl. Birgitta.

[2] Walter Pötzl: Die Aktivitäten des (heiligen) Joseph im gotischen Weihnachtsbild. Kalendarien, Legenden, mündliche Überlieferungen, Lieder sowie Spiele und ihre Rezeption im Bild. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2014, S. 71–119 u. 335–338 (Farbbilder), hier S. 92–96.

[3] Walter Pötzl: Brauchtum. Von der Martinsgans zum Leonhardiritt, von der Wiege bis zur Bahre (Der Landkreis Augsburg, Bd. 7). Augsburg 1999, S. 58–65. Dort zwei weitere Einblattdrucke: Jesuskind mit Papagei sowie  Jesuskind mit Weltkugel (jeweils in D-Initialen Augsburger Kalender).

[4] Walter Pötzl: Theologie und Legende in Daniel Mauchs Bieselbacher Altar. In: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte 53: 1 (2019), S. 65–75.