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Karina Kellner

Fan-Sein als alltägliche und kulturelle Aneignungspraxis. Faszination, Motivation, Rezeption

(Studien zur Volkskunde in Thüringen 9), Münster/New York 2020, Waxmann, 333 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8309-4097-5


Rezensiert von Brigitte Frizzoni
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 20.08.2021

Queen und Hansi Hinterseer, Bon Jovi und Kastelruther Spatzen, Avril Lavigne und Rammstein, Eminem und Ute Freudenberg, Tokio Hotel, Backstreet Boys, Caught in the Act, Depeche Mode, Tocotronic, Crüxshadows, HIM und Reamonn – Musiker*innen dieser Bandbreite faszinieren die Fans, die in der vorliegenden Jenaer Dissertation aus dem Fach Volkskunde/Kulturgeschichte von Karina Kellner zu Worte kommen. Doch nicht nur Musikfans hat die Autorin in ausführlichen narrativen Interviews über ihr Fan-Sein erzählen lassen, sondern auch einige Fans von Science-Fiction-Serien (Stargate, Star Trek, Firefly, Farscape), Fantasy (Herr der Ringe, Harry Potter-Fan-Fiction) und Mangas, wobei der Schwerpunkt deutlich auf Musikfans liegt. Insgesamt 16 weibliche und drei männliche Fans aus unterschiedlichen Altersgruppen, die bereit waren, über ihre Fan-Werdung und ihre Aktivitäten zu sprechen, fand sie über Internetforen, Autogrammstunden und über den Bekanntenkreis.
Karina Kellner hat sich in ihrer Arbeit somit bewusst gegen die Fokussierung auf eine spezifische Fangruppe und auf ein spezifisches Fanobjekt, auch gegen eine klare Differenzierung nach Herkunft, Alter oder Geschlecht in ihrer Analyse entschieden, um zu verstehen, „wie Fankultur in ihren vielfältigen Ausprägungen im privaten Raum ausgelebt wird, also im Alltag“ (9). Die Autorin fragt nach dem Unterschied von Fan und lediglich Interessiertem, nach charakteristischen Vorgängen für die Fan-Werdung, nach Fanaktivitäten und deren Bedeutung, nach dem Stellenwert des Fan-Seins für die Interviewten und nach der Verankerung des Fan-Seins in deren Alltag (11).
Doch „Was heißt schon Fan?“ [1] – dies die Gretchenfrage, die sich eingangs stellt. Tatsächlich werden sich im Laufe der Interviews einige Interviewpartner*innen als „Spezialfälle“ entpuppen, und zwar aufgrund ihrer Beziehung zu ihrem Fanobjekt, welches Kellner im ersten Kapitel ihres Grundlagenteils zur Bestimmung des Fans als zentral bestimmt (12 ff.): Obwohl sich die Beziehung des Fans zu seinem Fanobjekt sehr individuell gestaltet, obwohl je unterschiedliche Fanaktivitäten priorisiert werden, charakterisieren Einseitigkeit und Distanz die Beziehung aller Fans zu ihrem Fanobjekt. Sobald Einseitigkeit und Distanz zu Wechselseitigkeit und Nähe werden, hört die Fanbeziehung auf. Wenn etwa das Fanclubmitglied Elvira zur professionellen Fanclub-Managerin ihrer verehrten Band wird, verschiebt sich die Fanbeziehung zu einer Geschäftsbeziehung – und Elvira wird zu einem der „Spezialfälle“; sie allerdings bezeichnet sich weiterhin als Fan (124, 279). Zu Recht verweist die Autorin hier darauf, dass Fans sich nicht um Fan-Definitionen kümmern (124). Das macht auch die junge Frau deutlich, die auf Hans-Otto Hügels Frage, ob sie ein Michael-Jackson-Fan sei, antwortet: „Was heißt schon Fan?“ [2] Nebst Einseitigkeit und Distanz bestimmt Kellner als zentrales definitorisches Merkmal „Emotionalität [...], um das Handeln von Fans nachvollziehen zu können“ (50). Denn erst Leidenschaft fürs Objekt motiviert den Fan, sich damit über einen längeren Zeitraum intensiv – mittels fanspezifischer Handlungen – zu beschäftigen, sich umfangreiches Wissen anzueignen und Geld und Zeit zu investieren. Diese Emotionalität ist sicherlich das dominierende Charakteristikum, zeichnet es doch auch die Beziehung von Fans zu spezifischen Werken und deren Ästhetiken aus. Gerade beim Fan-Fiction-Schreiben erweist sich das Kriterium von Einseitigkeit und Distanz als obsolet. Allerdings interessieren sich auch Fans von Werken, TV-Serien, Mangas für die jeweiligen Erschaffer*innen dahinter – die Autorin, die Mangaka, den Drehbuchautor, den Schauspieler. Hier greift das Kriterium wieder.
Nach dem (etwas gar ausführlich geratenen) Grundlagenteil zur Definition des Fans und seines Gegenparts, des Stars (Kap. 2), mit einer Einführung in die Populären Kulturen und Cultural Studies zur Situierung der Fankultur (Kap. 3) und einer Reflexion zum narrativen Interview und seinen Herausforderungen (Kap. 4), widmet sich Karina Kellner in ihrem Hauptteil den Fanaktivitäten, dem Fan-Sein im Alltag. Sie zieht aus ihrem reichen Interviewmaterial immer sehr aussagekräftige Zitate bei, die einem die Fans mit ihren Fanaktivitäten und ihrem Fan-Erleben nahebringen. Den Fanaktivitäten sind je eigene Kapitel gewidmet, die sich gut auch einzeln lesen lassen: Informieren (Kap. 6), Kommunizieren (Kap. 7), Sammeln (Kap. 8), Kreativ-Sein (Kap. 9) und Erleben (Kap. 10). Geschickt situiert sie diese zwischen den Kapiteln zur Fan-Werdung (Kap. 5) und zur Fan-Star-Beziehung und deren Ende (Kap. 11 und 12).
Rund die Hälfte der 19 Interviewpartner*innen beschreibt ihre Fan-Werdung als direkten Prozess, gewissermaßen als „Liebe auf den ersten Blick“ (254): Eine Interviewpartnerin besucht als Nicht-Kennerin ein Konzert der Kastelruther Spatzen und kommt als begeisterter Fan aus dem Konzert heraus – und bleibt das bis heute (113 f.). Eine Mutter konfisziert die Rammstein-CD, welche die Tochter nach Hause bringt: „Du hörst doch keinen rechtsradikalen Mist hier im Haus“ (115). Sie hört sich die CD selbst an, sieht ein Bild von Sänger Till Lindemann – und ist fortan begeisterter Fan. Die anderen Interviewpartner*innen beschreiben den Prozess der Fan-Werdung als graduell, schleichend, als Hineinwachsen über Jahre hinweg, wobei sie den tatsächlichen Moment der Fan-Werdung auch wieder ähnlich emotionalisierend erfahren wie die „direkt“ Getroffenen. Zu dieser Gruppe gehören auch die Jugendlichen, die als Kinder über ihre älteren Geschwister die Musik von Queen und Depeche Mode kennenlernen und sie dann später für sich selbst entdecken und zum Fan werden (118 f.). Oder die Schülerin, die als Achtjährige Manga-Serien liebt, sich später Magazine kauft, durch ein spezifisches Werk zum Fan wird, mit Freundinnen Manga-Fan-Fiction entdeckt und selbst zu schreiben beginnt (121).
Nach der Fan-Werdung folgt die oft über viele Jahre andauernde intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Fanobjekt, das Informieren, Kommunizieren, Sammeln, Kreativ-Sein und Erleben, etwa das regelmäßige Hören der Musik der verehrten Band, das Erinnerungen und Emotionen hervorruft, und die entsprechend stimmungsgeleitete Auswahl der Musikstücke (235 ff.). Die Begeisterung kann sich aufs Werk, auf die Kreativität und Leistung des Künstlers, der Musikerin, der Schauspielerin, der (Drehbuch-, Fanfiction-)Autorin richten oder auf die Person selbst und ihre physische und psychisch-soziale Attraktivität (281 f.), ihre Einstellung, ihr soziales Engagement, ihre Haltung (297), ihren Umgang mit der Fangemeinde (284). Als herausragende Stationen ihrer Fan-Star-Beziehungen nennen die Musikfans oft Konzertbesuche, das Kollektiverlebnis mit anderen Fans, den Festcharakter (247 ff.). Hier wird meist keine Anstrengung gescheut, viel Zeit und Geld investiert, bis zu 28 Stunden angestanden, um einen Platz in der vordersten Reihe zu ergattern (249). Als rausch- und traumhafte Krönung beschreiben manche den Moment im Konzert, wenn sie von ihren Musiker*innen wahrgenommen, angesprochen werden (283) oder ihnen nach dem Konzert gar persönlich begegnen können (262 ff.).
Zum Ende der Fanliebe kommt es etwa bei jugendlichen Fans und ihren eher kürzeren Schwärmereien, wenn eine Freundin, ein Freund ins Leben tritt (308) oder aber die Schwärmerei bei Peers auf Unverständnis stößt (307). Generell formuliert: Veränderungen der Lebensumstände, eine neue Partnerschaft, Familienzuwachs, monetäre Einschränkungen, Interesseverlagerung, aber genauso Unzufriedenheit mit Veränderungen der Werke, der Musik, der Serie, der Sequels (303 ff.) oder die Unzufriedenheit mit Verhaltensänderungen eines Musikers können zum Ende der Fanleidenschaft führen (308).
Der vertiefte Einblick ins Fan-Sein, die Analyse der Einbettung und Bedeutung des Fan-Seins im Alltag der sehr unterschiedlichen 19 Interviewpartner*innen mit einer großen Bandbreite von Fanobjekten mittels sehr gut ausgewählter Interviewpassagen sowie die lesefreundliche Strukturierung und Formulierung machen die Stärke der vorliegenden Monografie aus. Jedes Kapitel beginnt mit einer knappen Erläuterung zum Inhalt und schließt mit einer rekapitulierenden Zusammenfassung, lässt sich somit problemlos auch einzeln lesen. Fachtermini werden präzise erläutert, was das Buch auch für ein Laienpublikum verständlich macht. Für ein Fachpublikum wäre eine Straffung des Grundlagenteils aufs Wesentliche sinnvoll gewesen, die Einführung in die Populären Kulturen und Cultural Studies zur Situierung der Fankultur ist für dieses zu grundlegend orientiert. Als Einführung für Studierende hingegen ist es hilfreich. Ein genauer Blick auf die Werke selbst, auf die spezifische Musik, Literatur, Serie, Illustration, die die Fans zu jahrelangem Engagement und vielfältigen Fanaktivitäten inspirieren, wäre wiederum für ein an Ästhetiken populärer Werke interessiertes Fachpublikum aufschlussreich. Gerade eine solch breit angelegte und anregende Arbeit zum Fan-Sein im Alltag wie die vorliegende regt somit zu mannigfaltigen weiteren Forschungen an.

Anmerkungen

[1] Hans-Otto Hügel: „Was heißt schon Fan?“ Thesenartige Diskussion des Begriffs in Abgrenzung zu anderen kulturellen Figuren. In: Brigitte Frizzoni u. Manuel Trummer (Hg.): Erschaffen, Erleben, Erinnern. Beiträge der europäischen Ethnologie zur Fankulturforschung (Kulturen populärer Unterhaltung und Vergnügung 3). Würzburg 2016, S. 19–42.

[2] Ebd., 20 f.