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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Raymond Ammann/Vanessa Maria Carlone

Tirolerei in der Schweiz

(Schriften zur musikalischen Ethnologie 6), Innsbruck 2020, Universitätsverlag Wagner, 204 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7030-6521-7


Rezensiert von Armin Griebel
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 20.08.2021

Der österreichisch-schweizer Musikethnologe Raymond Ammann hat seit 2012 mehrere Forschungsprojekte über das Jodeln in der Alpenregion geleitet und dazu publiziert. Die vorliegende Studie, die Ammann zusammen mit Vanessa Maria Carlone verfasst hat, nimmt die Geschichte des Jodelns als populäres musikalisches und gesellschaftliches Phänomen in der Schweiz und in Österreich in den Blick. Sie basiert auf einem von 2016 bis 2019 an der Universität Innsbruck durchgeführten Forschungsprojekt, an dem auch Sandra Hupfauf, Hitomi Mori und Milijana Pavlović beteiligt waren. Der Schwerpunkt liegt auf der Folklorisierung und Instrumentalisierung des Jodelns und den als Kulturtransfer beschriebenen Auswirkungen auf das Repertoire, dessen vermeintlich Tiroler oder Schweizer Provenienz dabei untersucht wird.
Die Autor*innen wollen den Terminus Jodeln, anders als in überholten evolutionistisch-diffusionistischen Theorien, ausschließlich auf die mit dem Alpenraum verbundenen registerwechselnden Gesangspraktiken angewandt wissen, wobei die „typischen Jodeleigenschaften“ registerwechselndes Singen, Kehlkopfschlag und die „Verwendung von ausschließlich sinnneutralen Jodelsilben“ für die Schweiz wie für Tirol die gleichen sind. In einer knappen Übersicht werden bestehende lokaltypische Ausprägungen des Jodelns aufgezeigt und es wird erklärt, wodurch sich „der Schweizer Jodel vom Tiroler Jodler“ unterscheide (17 ff.): Während in einigen Schweizer Regionen der Übergang von der Kopf- zur Bruststimme hörbar ist, betonen Tiroler Jodler den Übergang eher nicht, was auch durch die verwendeten Jodelsilben beeinflusst wird. Deutliche Unterschiede bestehen in der Art der Mehrstimmigkeit.
Der kryptische Projekttitel „‚Tirolerei‘ in der Schweiz“, der auch den Buchtitel abgibt (dort ohne Anführungszeichen), ist einer nationalistisch grundierten Schweizer Diskussion zu Beginn des 20. Jahrhunderts entlehnt. Als Tirolerei wurde die Übernahme oder Nachahmung dessen benannt, was herumreisende Sängergruppen als „Tiroler Lied“ darboten. Dabei handelt es sich zum großen Teil um für die Bühne geschaffene unterhaltende Lieder mit angehängtem Jodler, die ihre Popularität aus textlichen und musikalischen Klischees beziehen. Vergleichbar abschätzig hatten österreichische Kritiker im späten 19. Jahrhundert als Tirolerei bildliche Klischees bezeichnet, mit denen der Maler Franz von Defregger (1835–1921) für ein begeistertes Publikum der Gründerzeit Genre- und Historienthemen darstellte, etwa den Aufstand der Tiroler von 1809, indem er mit Festtrachten ausstaffierte Bauern in Szene setzte. Die Bild-Stereotypen, die er damit schuf, wurden durch Reproduktionen massenhaft verbreitet und prägten nachhaltig die Außenwahrnehmung und das Selbstbild der Tiroler. Die mit Tirol verbundenen musikalischen Stereotypen und den Begriff Jodeln machten herumreisende Sängergruppen („Tiroler Nationalsänger-Gesellschaften“) im späten 19. Jahrhundert international bekannt. Darauf hat Max Peter Baumann in seiner Dissertation „Musikfolklore und Musikfolklorismus“ bereits 1976 hingewiesen.
Im heutigen Sinn verwendet wurde das Wort Jodeln wohl erstmals in Wien, 1796 im Singspiel „Der Tyroler Wastel“ von Emanuel Schikaneder (45). Der bis dahin eher negativ konnotierte Ausdruck in der Bedeutung von Schreien und Lärmen erfährt in der Theatersprache eine positive Wendung, wenn es im Mundartlied der Bühne von den Tirolern heißt: „Tyroler sand often so lustig und froh [...] Sie treiben die Kühen auf die Almen ins Gras. Sie jodlen [!] und singen und thun sich brav um und hüpfen und springen wie die Gemsen herum.“ Vom Wiener Volksstück ausgehend wurde Jodeln zum internationalen Überbegriff einer für die Bühne geschaffenen Gesangsgattung. Von da etablierte sich die Mode, nach vorgeblich „Tyroler Art“ einem bestehenden Lied eine Jodelmelodie anzuhängen. Damit erfüllten als Tiroler kostümierte „Natursänger“, später dann „echte“ Tiroler wie die enthusiastisch gefeierte Familie Rainer aus dem Zillertal, die Erwartungen eines urbanen Publikums in puncto Gesangs-Ästhetik und Unterhaltung zuerst in Europa und etwas später in den USA, wo der „Tyrolean style of singing“, die eng gesetzte homophone Vierstimmigkeit, vorbildlich wurde für den amerikanischen „Barbershop-Gesang“. Einflüsse der „Tyrolean Minstrels“ auf die Unterhaltungsmusik (Jodeln in der Country-Musik) reichen bis in die Gegenwart.
Für die Untersuchung „des geschichtlichen Wandels des Jodelns in Bezug auf Funktion, musikalische Form und Aufführungspraxis“ (46) werden in einem ersten Schritt in chronologischer Folge bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts relevante Ereignisse und Volksliedsammlungen aus der Schweiz und Tirol, welche die Jodelbegeisterung widerspiegeln, in kurzen Abschnitten beschrieben und in ihrer Bedeutung für die Entwicklung eingeordnet. Als leitende Begriffe sollen Identität, Authentizität und kultureller Transfer zur Beschreibung der Rezeption der Jodellieder und des dabei stattfindenden Austauschs dienen (25‒29, vgl. 89‒93). In einem zweiten Schritt werden vier sowohl durch Schweizer als auch Tiroler Liedersammlungen verbreitete Jodellieder analysiert. Dabei zeigt sich, dass die Lieder, soweit sie nicht ohnehin für die Bühne geschaffen wurden, von den Herausgebern textlich und musikalisch bühnentauglich und auf die Erwartungen des Publikums hin bearbeitet wurden. Als Ergebnis konstatieren Ammann und Carlone die wechselseitige „Übernahme von Schweizerliedern durch Tiroler Sängergruppen sowie die Übernahme von Tirolerliedern in Schweizer Volksliedsammlungen“ (87). Angesichts der Unbekümmertheit des Austauschs erübrigt sich die Frage einer regionalen Zuordnung. Die wird erst um die Wende zum 20. Jahrhundert wichtig, als die Bearbeiter und Herausgeber eindeutige nationale Zuordnungen treffen. In der Absicht, den Chören „eine Schweizer Alternative zu den Tirolerliedern“ zu schaffen, hat der Schweizer Komponist Fritz Schneeberger im ausgehenden 19. Jahrhundert Anleihen bei Liedern aus den zwischen 1805 und 1826 herausgegebenen Kuhreihensammlungen genommen. Deren Herausgeber, der Berner Philosophieprofessor Johann Rudolf Wyss, schreibt im Vorwort zum Lied „Wann i morgens früh aufsteh“, dass die Melodie von einem Tiroler Lied stammt, „das auch bey uns gar häufig gesungenen wird“. Zur Einbürgerung reichte es damals, dass ein neu gedichteter „vaterländischer Text“ unterlegt wurde (57). Wyss unterschlägt oder weiß nicht, dass das europaweit bekannte Lied aus dem Singspiel „Der Lügner“ von 1785 stammt, das seiner Popularität wegen unter anderem von Beethoven bearbeitet, aber auch von den Geschwistern Rainer ins Programm genommen wurde. Es stammt weder aus den Schweizer noch aus den Tiroler Bergen, „sondern von den Bühnen österreichischer und deutscher Opernhäuser und Theater“ (107).
Aktivitäten professioneller nationaler Sängergruppen aus Tirol, die den Autor*innen als wichtige Vermittlungsinstanzen für Lieder mit Jodlern gelten, haben sie – exemplarisch für die Schweiz – aus Zeitungsanzeigen für die Stadt Bern (ab 1834) zusammengestellt. Naturgemäß erfährt man dort kaum etwas über die Resonanz beim Publikum.
Erst in den 1860er Jahren, als der Schweizer Volksmusikexperte Heinrich Szadrowsky das Singen und den Einfluss von Tirolerliedern in der Schweiz anprangerte, wurden nationale Unterschiede in der Musik und fremde Einflüsse zum Thema. Die Rhetorik verschärfte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts und richtete sich speziell gegen das kommerzielle Singen und Jodeln, die „Tirolerei“. Unter diesen Vorzeichen kam es 1910 zur Gründung der „Schweizerischen Jodlervereinigung“ (seit 1930 „Eidgenössischer Jodlerverband“), um das lokale, unkommerzielle Jodeln zu stärken und fremde Einflüsse zu unterbinden. Schelllackaufnahmen der 1920er und 1930er Jahre zeigen jedoch, dass im Repertoire der Jodelklubs weiterhin Elemente aus österreichischen Jodlern zu finden waren (155). Für Österreich haben Josef Pommer, als Sammler und Transkriptor von Jodlern ein ausgewiesener Experte, und für Tirol Franz Friedrich Kohl („Echte Tiroler-Lieder“, 1899) ihre aus Feldforschungen resultierenden „echten“ Lieder und Jodler dem Repertoire der gewerbsmäßigen Jodler- und Sängergruppen entgegengestellt. Die durch sie etablierten Dichotomien, echt – unecht, wertvoll – schädlich, haben die Volksmusikforschung Österreichs bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt, in der Volksliedpflege beanspruchen sie bis heute Gültigkeit. Galt dem großdeutsch gesinnten Österreicher Josef Pommer der Jodler als ursprünglichster Ausdruck der Alpen und des deutschen Volkes als urgermanisch (121), so versuchte der Schweizer Wolfgang Sichardt 1939 in seiner Dissertation über die Kulturkreislehre den indogermanischen Ursprung des Jodelns nachzuweisen (161). Im Zweiten Weltkrieg, im Rahmen der „Geistigen Landesverteidigung“, diente den Schweizern ihr Kulturerbe „Jodel“ zur Abgrenzung von den Jodlern in Deutschland und Österreich.
Im letzten Abschnitt widmen sich die Autor*innen den neuesten Entwicklungen: Dem Jodeln im urbanen Umfeld einer, wie sie es nennen, „Neuen Jodelbegeisterung“ in Österreich, der Schweiz, Südtirol und Bayern. Erste Ergebnisse ihrer Beobachtungen (u. a. aus unpublizierten Forschungen von Martina Mühlbauer): Jodeln hat sich im 21. Jahrhundert von einer zur „Abgrenzung von Kulturen“ instrumentalisierten Gesangspraxis zum „menschen- und kulturverbindenden Hobby“ gewandelt (183). Fragen nach „Echtheit“ spielen kaum mehr eine Rolle, in den Workshops habe man „keine Berührungsängste“ mit fremden Jodelstilen (178). So, wie in den Anfängen, möchte man ergänzen.