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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Karen Aydin/Martina Ghosh-Schellhorn/Heinrich Schlange-Schöningen/Mario Ziegler (Hg.)

Games of Empires. Kulturhistorische Konnotationen von Brettspielen in transnationalen und imperialen Kontexten

(Transcultural Anglophone Studies 5), Berlin/Münster 2018, LIT, 400 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-643-13880-4


Rezensiert von Tobias Hammerl
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 20.08.2021

Spiel rückte in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus verschiedener Disziplinen. Neben den nach wie vor zahlreichen Katalogpublikationen aus dem musealen Bereich erscheinen erfreulicherweise immer mehr Veröffentlichungen, welche Spiel nicht mehr alleine auf eine spiegelnde oder abbildende Funktion reduzieren, sondern es als wirkmächtigen, reziproken und primären Bestandteil der (Alltags-)Kultur begreifen und als solchen mit entsprechenden Fragestellungen auch adäquat untersuchen. Es wird mittlerweile als vielschichtiges kulturelles Phänomen, wenn nicht sogar als kulturelle Kategorie, begriffen. In der Spielkulturforschung vollzieht sich damit ein Paradigmenwechsel, wie ihn auch die Bildkulturforschung in den 1980er Jahren, maßgeblich beeinflusst von Nils-Arvid Bringéusʼ „Bildlore“, erfahren hat. Gleichwohl zeigt die vorliegende Publikation von Karen Aydin, Martina Ghosh-Schellhorn, Heinrich Schlange-Schöningen und Mario Ziegler, dass dies für die Spielkulturforschung noch eine relativ junge Entwicklung darstellt. Im Band werden die Beiträge der internationalen Tagung „Games of Empires – Kulturhistorische Konnotationen von Brettspielen in transnationalen und imperialen Kontexten“, welche vom 21. bis 23. April 2016 von den Mitarbeitenden der Transkulturellen Anglophonen Studien und des Instituts für Alte Geschichte der Universität des Saarlandes veranstaltet wurde, überarbeitet und ergänzt vorgelegt. Ziel der Tagung war es zu untersuchen, wie sich imperiale Herrschaftsformen auf die jeweilige Spielekultur (sic!) auswirken, Brettspiele die Mentalität einer Gesellschaft festigen und inwieweit literarische Werke diese Prozesse reflektieren (10). Es sollte gezeigt werden, wie sich im Spiel Wertvorstellungen manifestieren und wie diese durch das Spiel bestätigt, beeinflusst und verändert werden.
Die Bandbreite der Beiträge wird der Vielschichtigkeit von Spiel als kultureller Kategorie gerecht. Der inhaltliche Bogen des Bandes spannt sich vom literarischen Motiv des Schachspiels in Lewis Carolls „Alice hinter den Spiegeln“ (Elmar Schenkel) über Domino spielende Exilkubaner in Ana Menendéz Kurzgeschichte „In Cuba I was a German Shepherd“ (Saskia Schabio), taktische Kriegsspiele, die im China des 20. Jahrhunderts zur „militärischen Professionalisierung und Inszenierung“ dienten (Nicolas Schillinger), bis hin zum Einfluss des Kritikerpreises „Spiel das Jahres“ auf den deutschen Brettspielmarkt (Tom Werneck). Auch wenn interdisziplinäre Ansätze geeignet sind, den Blick über den Tellerrand des eigenen Faches zu werfen, so ist die verbindende inhaltliche Klammer im vorliegenden Fall ein wenig dünn. Hier hätte man sich, gerade aufgrund der Interdisziplinarität, mehr Konnexität gewünscht. Aus volkskundlicher Sicht sind insbesondere die „historischen und kulturhistorischen“ (11) Beiträge interessant. Hervorzuheben sind diesbezüglich Ömer Fatih Parlaks Beitrag „Playing ,The Turk‘: Early Modern Board Games and Playing Cards in Europe as a Counter-Argument to History“, der sich mit dem heterostereotypen Bild „des Türken“ in Kartenspielen auseinandersetzt und zeigt, dass die kulturelle Wertigkeit der jeweiligen Karte oder Spielfigur dynamisch war und trotz jahrhundertelanger Auseinandersetzungen und Kriege mit dem osmanischen Reich „der Türke“ nicht per se den Antagonisten im Spiel darstellte, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre. „Playing ,The Turk‘“ kann zudem als Beitrag zur Bildkulturforschung gelesen werden. Ebenso erwähnenswert sind Ulrich Schädlers „Der Erste Weltkrieg am Küchentisch. Deutsche und französische Spiele im Vergleich“ und Mario Zieglers „Das Brettspiel im heidnisch-christlichen Diskurs der Spätantike“. Zusammenfassend, aus Sicht einer volkskundlichen Spielkulturforschung, ist der Band in jedem Fall lesenswert, aber nicht grundlegend, vor allem was das theoretische Verständnis von Spiel betrifft. Bereits im Vorwort wird ein nicht mehr tragfähiges Verständnis des kulturellen Phänomens Spiel deutlich. So wird etwa Johan Huizingas „Homo Ludens“ als theoretische Grundlage angeführt (10) und auch die Vorstellung einer aus der Realität entrückten Spielsphäre scheint im Vorwort und teilweise in den einzelnen Texten gelegentlich durch. Ebenso sind Kontinuitätsprämissen, wie sie etwa Rainer Buland in seinem Beitrag „Games of Empires – Games for Empires“ äußert, der „Spiel in Traditionszusammenhängen, die sich manchmal über Jahrhunderte halten“ (229 f.) sieht, aus volkskundlicher Sicht zu hinterfragen. Dennoch ist der Band für jeden, der sich mit dem komplexen kulturellen Phänomen Spiel auseinandersetzt, eine bereichernde Lektüre.