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Aktuelle Rezensionen


Frauke Paech

Die Hamburger Sturmflut von 1962. Eine Untersuchung aus erzählforschend-filmischer Perspektive

(Göttinger Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie 12), Göttingen 2020, Universitätsverlag, 155 Seiten, ISBN 978-3-86395-422-0


Rezensiert von Anna Jank-Humann
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 20.08.2021

Katastrophengeschehen sind in jüngster Zeit immer wieder zentrales Thema wissenschaftlichen Forschens und das nicht nur aufgrund der spannenden Einblicke in außergewöhnliche Lebenslagen und menschliche Bewältigungsstrategien in Extremsituationen. Aktuelle Ereignisse und Herausforderungen – sei es die Corona Pandemie als akute gesundheitliche aber auch existentielle Bedrohung oder der Klimawandel samt Temperaturextremen, landwirtschaftlichem Ausfall und Meeresspiegelanstieg – tragen wohl einen wesentlichen Teil dazu bei, das Interesse an diesem Themenfeld bei einem breiteren Publikum und auch einer größeren wissenschaftlichen Community als Forschungsgebiet zu wecken.
Auch die Dissertation von Frauke Paech über die Hamburger Sturmflut von 1962 versteht sich als Beitrag zur Katastrophenforschung und greift auf eine besondere Methode zurück, um das gewonnene Material und die Eindrücke der Untersuchung anschaulich und begreifbar zu machen, indem sie die volkskundlich-kulturanthropologische Erzählforschung mit dem ethnografischen Film verbindet: „Das erkenntnisleitende Vorgehen dieser Untersuchung besteht darin, die erhobenen Interviewergebnisse auf das audiovisuelle Medium Film zu übertragen“ (12), und zwar indem qualitative Interviews nicht nur erhoben, sondern auch gefilmt, dementsprechend ausgewertet und anschließend montiert werden. Der Link zum selbst produzierten Film, der online abrufbar ist, steht am Beginn der Arbeit. Anschließend folgen eine Einführung in filmisches Katastrophenerzählen und ein Einblick in den aktuellen Forschungsstand der Erzählforschung über die Sturmflut von 1962. Bisherige Zugänge und Untersuchungen werden ebenso analysiert wie der Begriff Naturkatastrophe in seiner Abhängigkeit zum Menschen, die Katastrophenforschung aus volkskundlich-kulturanthropologischer Perspektive zwischen Vulnerabilität und Resilienz und die Erzählforschung in ihrem besonderen Ausdruck im Film. Darauf aufbauend werden im Hauptteil Interviewerhebung und -auswertung detaillierter besprochen und auf mögliche Probleme bei der Transkription eingegangen. Das spezielle Format des Films ergibt keine Schwierigkeiten bei der Interviewauswertung an sich, gleichwohl hat es aber Auswirkungen auf die Erhebungssituation. Eine Kamera sowie ein Kameramann haben die Interviewprozesse begleitet, um einen freien, ungebrochenen Blickkontakt zwischen Interviewerin und Interviewtem zu gewährleisten und der Autorin eine Fokussierung auf ihre Tätigkeit im Gespräch zu ermöglichen. Dadurch entsteht eine dritte Perspektive, die gleichsam eine dritte Person – ein drittes Objekt – in den Interviewprozess einschließt, und so eine Veränderung in der Dynamik zwischen Interviewerin und Interviewtem bedeuten könnte, da die in sich geschlossene Intimität eines Zweiergespräches nicht mehr gewährleistet ist. Die Auswirkungen dessen auf den Verlauf des Interviews und in weiterer Folge auf das Interviewmaterial bedürften an dieser Stelle zumindest einer Reflexion.
In einem weiteren Abschnitt des Hauptteils, der den Film „Flut 1962 – Erinnern. Gedenken. Erzählen“ entschlüsselt und dekonstruiert, wird „der Mehrwert des Mediums Film“ herausgearbeitet, der darin besteht, „durch sein audiovisuelles Paradigma die, gesellschaftlichen Phänomenen inhärente, Mehrdimensionalität herauszustellen und dabei in einem bewussten Zusammenwirken von Ton- und Bildebenen zu argumentieren“ (79). Das heißt eine mehrdeutige, auf vielen Ebenen erlebte und erzählte Erfahrung wie jene der Sturmflut von 1962 soll ebenso auf mehreren Ebenen wiedergegeben und den Zusehern zugänglich gemacht werden, wie dies in einem Film mit Ton und Bild der Fall ist. Um drei Aspekte besonders hervorzuheben und herauszuarbeiten wird der Film in drei Kapitel aufgeteilt: Der erste Filmteil bezieht sich auf das Erzählen mit zeitgenössischen Fotografien und wie Fotomotive und Fotoalben als Erzählanlass fungieren. Das Erzählen als persönliche Masternarration greift der zweite Filmteil auf, indem Muster, Leitmotive und Leerstellen des Erzählens herausgefiltert und als Ordnungselemente zur Überwindung von Chaos und Verlusterfahrungen sowie von innerer Orientierungslosigkeit identifiziert werden. Im dritten Filmteil wird Erzählen im Kontext von Resilienz und Vulnerabilität beleuchtet, im Spannungsfeld zwischen Erfahrungswissen und Risikobewusstsein. „Das Erzählen, interpretiert als eine Strategie der Erfahrungsbewältigung, ist einer Resilienzstärkung dienlich“ (117), also einer Stärkung der Widerstandsfähigkeit, da es die eigene Geschichte auch für die Bewältigung der Zukunft essentiell macht. Kurz angeschnitten werden noch die Themen Risikobewusstsein als das Ergebnis eines Lerneffektes und dementsprechend die Angst, mit der die Betroffenen heute noch leben, Lokalität, also die Ortbezogenheit trotz der einschneidenden Erfahrungen, die sie zu Orten der Erinnerung machen, und „Cultures of Awareness“, die Erfahrungswissen und Risikobewusstsein auszeichnen. Inwieweit das Zusammenspiel von Erzählung und Film einen Mehrwert für die Erfassung der Interviews, für die Protagonisten und auch für interessierte Zuschauer bietet, wird im letzten Kapitel angesprochen. Es handelt sich hierbei um eine Stärke der Arbeit, nämlich in der aktuellen Katastrophenforschung einen transdisziplinären Beitrag zu leisten und auf die Wichtigkeit der fächerübergreifenden Forschung – gerade in diesem weitläufigen Zusammenspiel von Mensch, Natur, Kultur – hinzuweisen. Allerdings sind es gerade Verweise auf bestehende interdisziplinäre Arbeiten der volkskundlich/ethnologischen Katastrophenforschung, die der Arbeit fehlen. Im Kapitel 2.3 „Katastrophenforschung: volkskundlich-kulturanthropologische Zugänge“ (43 ff.), in dem es um den aktuellen Forschungsstand geht, wird sogar explizit kritisch bemerkt, dass „die Haltung von Johler gegenüber facheinschlägigen Untersuchungen nachvollziehbar und weiterführend“ sei, „da es tatsächlich bislang erst wenige gibt, die, anders als der von ihm geleitete Sonderforschungsbereich, sich etwa an dem von Greg Bankoff erarbeiteten Konzept der ‚Cultures of Disasterʻ und seinem Fokus auf ‚the relationship between a society’s vulnerability and the adaption of its culture in terms of local knowledge and coping practicesʻ orientieren und dabei auf Regionen fokussieren, die auch heutzutage einer konkreten bzw. latenten Bedrohung ausgesetzt sind“ (47). Dem muss klar entgegengestellt werden, dass zumindest die Arbeiten der Autorin dieser Rezension, nämlich besonders die Dissertation „‚Sturmflut auf den Halligenʻ. Gesellschaft der Individuen im Katastrophen-Erleben. Ein Beitrag zur psychoanalytisch-ethnologischen Katastrophenforschung“ aus dem Jahr 2017 und deren Publikation im Waxmann-Verlag „Wilde Nordsee: Katastrophen-Erleben auf den Halligen Nordfrieslands. Eine psychoanalytisch-ethnologische Studie“ (2019) nicht nur volkskundlich/ethnologisch interdisziplinär ausgelegt sind, sondern auch die selbe Sturmflut an der Nordseeküste im Jahr 1962 thematisieren wie Paech. In meiner Arbeit nimmt das von Greg Bankoff erarbeitete Konzept der „Cultures of Disaster“ sogar ein ganzes Kapitel ein. Die wissenschaftliche Untersuchung fokussiert in beiden Arbeiten auf „Regionen [...], die auch heutzutage einer konkreten bzw. latenten Bedrohung ausgesetzt sind“ (47). Mit den Erscheinungsjahren 2017 und 2019 hätten diese Arbeiten Frauke Paech eigentlich bekannt sein müssen.
Die Zusammenführung von volkskundlich/kulturanthropologischer Erzählforschung und ethnografischem Film ist eine willkommene methodische inter- oder transdisziplinäre Erweiterung der Katastrophenforschung, welche einen Blick über den Tellerrand der jeweiligen Wissenschaft dringend nötig hat, um die Augen nicht vor den vielfältigen Einflüssen zu verschließen, die Katastrophengeschehen bedingen. Die Ergebnisse und Themen, welche Paechs Monografie hervorgebracht hat, werden aber nur in geringem Ausmaß analysiert. Es fehlt zumeist der (weiterführende) Blick unter die Oberfläche, in die Tiefe, was in Bereichen wie zum Beispiel der Angst, der Herstellung innerer Ordnung aber auch der Vulnerabilität und Resilienz nicht nur wünschenswert, sondern vor allem interessant und inhaltlich ergiebig hätte sein können.