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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Peter Assmann/Reinhard Bodner/Karl C. Berger (Hg.)

Tracht. Eine Neuerkundung. Tiroler Volkskunstmuseum, 27.3.–1.11.2020. Begleitband zur Sonderausstellung

Innsbruck 2020, Tiroler Landesmuseen-Betriebsgesellschaft mbH, 223 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-900083-83-0


Rezensiert von Birgit Jauernig
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 20.08.2021

In keinem anderen europäischen Land genießt das Thema Tracht mehr Aufmerksamkeit als in Österreich. Hier gehört Tracht zum Selbstbild – Franz C. Lipp nannte es 2004 das „Phänomen einer totalen Trachtenempfänglichkeit“. Nun erschien 2020 die bemerkenswerte Publikation „Tracht. Eine Neuerkundung“, herausgegeben von Peter Assmann, Reinhard Bodner und Karl C. Berger als Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum. Wer um die Vielzahl der Publikationen über Trachten in Österreich weiß, mag sich über den Titel wundern, und wer lediglich neue kostümkundliche Erkenntnisse erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Denn es geht nicht um die Formen ländlicher Kleidung in Tirol, sondern um einen „blinden Fleck“ in der Trachtengeschichte Österreichs. 1939 wurde im Tiroler Volkskunstmuseum als Dienststelle der „NS-Frauenschaft“ die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ eingerichtet, die zunächst sämtliche deutsche Trachten dokumentieren und schließlich erneuern sollte. Die Ausstattung der Stelle mit bis zu 45 Mitarbeiterinnen war beachtlich. Mit der Leitung wurde Gertrud Pesendorfer (1895–1982) betraut, die während der NS-Zeit eine steile Karriere machte und von einer Verwaltungskraft im Tiroler Volkskunstmuseum zunächst zur Beraterin des NSDAP-Gauleiters für Tirol-Vorarlberg in „Volkstums- und Brauchtumsfragen“ aufstieg, dann zur „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ und schließlich zur Leiterin des Volkskunstmuseums samt Mittelstelle. Nach ihrer Entlassung 1945 wurde Gertrud Pesendorfer Trachtenberaterin der Tiroler Landwirtschaftskammer. Ihr spezieller Stil in der Trachtenerneuerung fand viele Anhänger und Nachahmer über Tirol hinaus und sie erfuhr zeitlebens Würdigung als die Tiroler Grande Dame der Trachtenpflege.
Um den Stellenwert der „Neuerkundung“ richtig einordnen zu können, sollte kurz die Vorgeschichte skizziert werden. Durch eine öffentliche Debatte um die politischen Verstrickungen von Akteuren im Bereich Volksmusik während der NS-Zeit wurde im Jahr 2013 zunächst ein Gutachten in Auftrag gegeben und schließlich ein Förderschwerpunkt „Volkskultur im NS“ eingerichtet, aus dem wiederum mehrere Forschungsprojekte hervorgingen, eines davon sollte sich mit der „Tiroler Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert“ beschäftigen. Das Projekt, eine Kooperation zwischen dem Tiroler Volkskunstmuseum und dem Fach Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck, hatte vor allem die Aufarbeitung des Materials der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ und der Tätigkeit von Gertrud Pesendorfer im Blick.
Bedauerlicherweise fiel die Zeit der Sonderausstellung, die die Ergebnisse der Forschungen visualisieren und einem breiten Publikum nahebringen sollte, mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie zusammen. Umso wichtiger ist der Katalog. Insgesamt 26 Beiträge beschäftigen sich mit sehr unterschiedlichen Aspekten des Phänomens Tracht. Die Autor_innen sind Wissenschaftler_innen an österreichischen Universitäten, in Museen und Archiven in Österreich und Deutschland, freischaffende Forscher_innen und Studierende, sind im Journalismus oder in der Trachten- und Heimatpflege tätig. Die Beiträge folgen keiner hierarchischen Abfolge, sondern sind thematisch geordnet und bieten immer wieder neue Blickwinkel. Dass sie hier nicht einzeln aufgezählt und behandelt werden können, ist der großen Zahl der Autor_innen und Aufsätze geschuldet. Lesenswert sind sie alle.
In seinen „Vorbetrachtungen“ präsentiert Reinhard Bodner das Forschungsprojekt, mit dem er 2014 bis 2019 betraut war, und stellt es in den Kontext bisheriger Publikationen, Ausstellungen und Diskussionen. Die Beiträge unter der Überschrift „Zugehörigkeit“ kreisen um das Trachttragen. Timo Heimerdinger sieht darin eine „radikale Annäherungs- und Identifikationsgeste“ (40) und betont die große Kluft zwischen denjenigen, die sich dabei „nur“ einer spielerischen Kleidungskultur hingeben, und der organisierten Trachtenszene, die die Deutungshoheit beansprucht. Um die Legitimation, eine bestimmte Tracht tragen zu dürfen, geht es anschließend in der scharfsinnigen Analyse eines Nähkurses von Nadja Neuner-Schatz. Die Beiträge des Kapitels „Zugehörigkeit“ beschreiben, wie die Lust am Verkleiden in der Vergangenheit den Bewertungen von „Echtheit“ und „Bodenständigkeit“ weichen musste und wie in der Gegenwart ein Kalender mit Tracht tragenden Migrant_innen unter den Vorwurf von Trachten-Missbrauch gestellt wurde. Persönliche Beobachtungen und Erfahrungen mit Trachten werden in zwei weiteren Beiträgen geschildert.
Der nächste Oberbegriff „Modernisierung“ wird nicht jedem darin eingeordneten Aufsatz gerecht. Simone Egger breitet unter dem treffenden Motto „Alles Tracht!“ die Spielarten der Trachten- und Folkloremode von Pesendorfer bis in die Gegenwart aus. Egger vertritt die Ansicht, dass den Pesendorfer-Trachten die Silhouette der zeitgenössischen Mode als Richtschnur und das Erfolgsmodell der jüdischen Firma Wallach in München als Vorbild gedient hatten. Claudia Selheim entlarvt eine Serie von Trachten-Fotografien aus Tirol vom Ende des 19. Jahrhunderts, versehen mit einem Echtheits-Zertifikat und deshalb später in den Rang einer kostümkundlichen Quelle gehoben, als touristische Werbemaßnahme. Drei weitere Beiträge beschäftigen sich mit den Direktoren der großen Volkskundemuseen Lipp, Geramb, Haberland und Ringler als Wegbereiter und Akteure der NS-Trachtenpolitik. Sie gründeten die Heimatwerke, richteten Trachtenberatungsstellen in den Museen ein, entwarfen Modelle erneuerter Trachten, publizierten Richtlinien für die Trachtenpflege, erteilten Zertifikate für die Produkte der Textilindustrie und griffen in der Presse die von jüdischen Kaufhäusern angebotene Trachtenmode an. Thekla Weissengruber beschäftigt sich besonders intensiv mit dem Einfluss Pesendorfers auf die Trachtenaktivitäten von Franz C. Lipp. Das dank des Forschungsprojekts nun endlich systematisch untersuchte Material der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ beweist eine enge Zusammenarbeit. Lipps Wirken im Trachtenwesen und in den Heimatwerken nach 1945 war nicht nur in ganz Österreich immens, sondern strahlte nach Deutschland und der Schweiz aus. Daran anknüpfend untersucht Monika Ständecke akribisch mit Hilfe zahlreicher bisher ungesichteter Quellen die für die bayerische Trachtenpflege richtungsweisenden Jahre 1945 bis 1950 und arbeitet damit ein großes Desiderat auf. Im Blickpunkt stehen die Forscherin und Pädagogin Barbara Brückner und die Grafikerin Margarete Hein, die zuvor für die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ gearbeitet hatte. Ihr klassisch-distanzierter Stil konnte sich gegen die damals beliebten gefälligen Darstellungen in betonter Ländlichkeit nur schwer behaupten. Brückner war parallel in der Forschung und in der Trachtenerneuerung tätig. In ihren zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen legte sie ihre Methodik und die Forschungsergebnisse offen und bezog ihre Zielgruppen in den Prozess der Trachtenerneuerung mit ein. Damit wurde Barbara Brückner zur Galionsfigur der bayerischen Trachtenpflege in der Nachkriegszeit, wegweisend in ihrer wissenschaftlichen Recherche und der demokratischen Meinungsbildung bei der Trachtenerneuerung. „Reclaim the dirndl“ ist das Motto von Medienaktivistinnen, die das Dirndl aus „dem rechtsgerichteten Kontext“ befreien wollen und in den öffentlichen Medien das Thema Bekleidung diskutieren.
Das Kapitel „Erinnerung“ beginnt mit dem hervorragend formulierten Aufsatz von Susanne Gurschler über die Verstrickungen der „Volkskultur“ mit der NS-Politik. Ohne dass es nach Kriegsende eine Stunde null gegeben habe, seien die Repräsentanten der Volksmusik und der Trachtenpflege „nach 1945 sogar zu Säulenheiligen der Tiroler Volkskultur aufgestiegen“ (145). Eine Tageszeitung ehrte Gertrud Pesendorfer noch 2013 als „Doyenne des Tiroler Trachtenwesens“ (145). Gurschler spricht den Wunsch aus, dass sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Forschungsprojekts im kollektiven Gedächtnis verankern mögen. Andrea Sommerauer fasst die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Blasmusik in Nordtirol im Wechsel der politischen Systeme von 1933 bis heute“ zusammen: Erst seit dem Landesfestumzug 1909 begann die Tracht ihre Rolle als Zeichen für „echte“ Volksmusik zu spielen. Durch die Mittel der Trachtenberatung, mit Zuschüssen und Bewertungen wurden die Musikkapellen politisch instrumentalisiert. Eine Aufarbeitung der Abhängigkeiten erfolgte erst jetzt.
Der Historiker Nikolaus Hagen analysiert in seinem Beitrag über das Trachtenverbot für die jüdische Bevölkerung die NS-Ideologie am Beispiel der Tracht. Ulrike Kammerhofer-Aggermann weist in einer ausführlichen Studie nach, mit welchen Zielsetzungen, auf wessen Betreiben und auf welche Weise das Trachtenverbot in Salzburg zustande kam und rechtlich durchgesetzt werden konnte. Die Tracht spielte dabei keineswegs eine harmlose Rolle, sondern war die Vorstufe zur Uniform und ein wichtiges Instrument, mit dem das totalitäre System in die Privatsphäre eindringen konnte. Nach 1955, so die Autorin, „lebte über die Heimatwerke eine normierte und politisch konnotierte Tracht fort“ (182). Ohne einen Bruch vollzog sich nach 1945 auch die Karriere des Südtiroler Kulturfunktionärs Hans Nagele, eines ehemaligen Mitarbeiters von Pesendorfer, die der Leiter des Bozener Stadtarchivs Hubert Mock verfolgt.
Um die Trachtenpflege geht es im letzten Kapitel. Nicht nur in Österreich besteht eine breite Kluft zwischen organisiertem Trachtenwesen und Wissenschaft. Drei Vertreter_innen der Trachtenpflege wurden um eine Stellungnahme zu ihren Werten und Positionen, vor allem in Bezug zu Pesendorfers Nachwirken gebeten. Dabei werden in Südtirol zwei konkurrierende Richtungen innerhalb der Trachtenerneuerung deutlich. Die Arbeitsgemeinschaft „Lebendige Tracht“ im Heimatpflegeverband Südtirol orientiert sich bewusst an Pesendorfers Entwürfen und ihrer Zielsetzung in Hinblick darauf, die Tracht durch Erneuerung wieder tragbar zu machen. Helmut Rizzolli, Vertreter der Arbeitsgruppe „Unsere Tracht“, plädiert für eine Trachtenerneuerung auf der Basis wissenschaftlicher Quellenarbeit und legt die Mängel der Pesendorfer-Schule offen.
Der Aufsatzband endet mit den „Nachbetrachtungen“ aus der Perspektive „eines in Tirol forschenden Schweizers“. Der Historiker und Europäische Ethnologe Konrad J. Kuhn diskutiert Tracht unter den Aspekten der Ästhetik, der Zugehörigkeit, des Tuns und der Politik beziehungsweise der Macht. Der facettenreiche Aufsatzband bietet in der Tat eine unverzichtbare „Neuerkundung“ des Themas Tracht und sollte Pflichtlektüre für alle sein, die in der Heimat- und Trachtenpflege tätig sind.