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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Manuel Trummer/Anja Decker (Hg.)

Das Ländliche als kulturelle Kategorie. Aktuelle kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Stadt-Land-Beziehungen

(Kultur und soziale Praxis), Bielefeld 2020, transcript, 328 Seiten mit 39 Abbildungen, ISBN 978-3-8376-4990-1


Rezensiert von Konrad J. Kuhn
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.08.2021

Das Ländliche ist seit geraumer Zeit in aller Munde – dies in gegenwärtigen öffentlichen Diskursen, aber durchaus auch wortwörtlich, wenn wir an jene Produkte denken, die uns einen „kulturellen Nährwert“ qua ländlicher Herkunft versprechen. Kulturwissenschaftlich-volkskundlich ist die Thematik keine genuin neue, sondern vielmehr eine, zu der unser Fach bereits seit Jahrzehnten forscht, sammelt und analysiert. Allerdings ist „das Ländliche“ ein Forschungsthema, das – auch angeregt durch gegenwärtige Aufmerksamkeitskonjunkturen – sich als vielversprechende Schnittstelle verschiedener Forschungszugänge auch wissenschaftsstrategisch eignet, Kompetenzen einer empirisch-ethnografischen Disziplin zu bündeln. Mit dieser Zielsetzung war auf dem Marburger Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) im Jahre 2017 auch eine „Kommission zur Kulturanalyse des Ländlichen“ gegründet worden, womit der vorzustellende Band nicht nur den ersten handfesten Output der Kommissionsarbeit darstellt, sondern zugleich eindrücklich das Reflexionspotenzial entsprechender Forschungen belegt. Das Buch nimmt die Konjunkturen „ländlicher“ Themenstellungen auf, vermeidet aber sowohl essentialistische Setzungen als auch Dichotomien wie etwa die sattsam bekannte von Stadt versus Land (auch wenn diese im Untertitel des Buches wohl in Ermangelung eingeführter Begriffs-Alternativen dann doch wieder auftaucht). In insgesamt 18 Beiträgen lotet der anregende Band die komplexen, widersprüchlichen und gerade in den aktuellen Zeiten hochbrisanten Dimensionen von Ländlichem aus. Auffallend ist die bewusst breite Streuung von theoretisch argumentierenden Texten über empirisch gesättigte Forschungen bis hin zu projekt- und praxisnahen Beispielen.
In ihrer konzisen Einleitung formulieren die Herausgebenden Anja Decker und Manuel Trummer drei Perspektiven, die die versammelten Beiträge gliedern: Ländlichkeit erweist sich erstens als ein im höchsten Maße wirkmächtiges Ordnungs- und Deutungskonzept, zu dessen Analyse relationale Perspektiven ertragreich sind. Damit kommen auch die oft konflikthaften Aushandlungen von Ländlichem, die auf vielfältige kulturelle Imaginationen verweisen, in den Blick. Zweitens werden machtdurchzogene Wirtschaftsweisen in jenen dynamischen Räumen sichtbar, die als ländlich markiert werden. Hier geht es also um vielfältigen Umgang mit Ressourcen in Landwirtschaftssystemen, wobei global wirksame Ungleichheiten ebenso aufscheinen wie vielgestaltige Dynamiken von Produktionsbedingungen und deren Verhandlung in normativen Diskursen. Der dritte Aspekt geht von den frappierenden Widersprüchlichkeiten des Feldes aus und fordert die Entwicklung und Erprobung neuer akademischer Praxen von Wissensproduktion und -transfer gerade zu einem Thema, das die vieldiskutierte „Öffentlichkeit“ offenkundig interessiert, in dem sich aber auch aktivistisch-politisches Engagement zeigt.
Im ersten Kapitel sind Beiträge versammelt, die sich mit „Konzeptionen und Imaginationen des Ländlichen“ befassen: Brigitta Schmidt-Lauber und Georg Wolfmayr formulieren in ihrem theoretischen Beitrag mit dem Titel „Rurbane Assemblagen. Vorschlag für eine übergreifende Untersuchung von alltäglichen Aushandlungen von Stadt und Land“ eine neue und überzeugende Analyseperspektive, die etwa in der Raumplanung aber auch in politischen Wahlergebnissen bestehende Stadt-Land-Dichotomien nicht nur überwinden, sondern sie vielmehr in einer relationalen Neukonzeption produktiv machen. Die Konzeption „rurbaner Assemblagen“ betont also als heuristische Perspektive die wechselseitigen Bezugnahmen von Raumkategorien, wie sie in komplexen Lebensrealitäten aktuell beständig ausgehandelt werden: „Urban“ und „rural“ sind (und waren wohl auch) nie festgelegt, sie konstituieren sich vielmehr in „materiellen Settings, sozialen Praktiken und diskursiven Zuschreibungen“ (30) gleichermaßen. Entsprechend kann den konstatierten Desideraten nur zugestimmt werden: Alltagskulturell informierte Studien jenseits metrozentristischer Perspektiven fehlen bisher, ein vermehrtes Interesse gerade für die ubiquitären Bewertungspraktiken von städtischen beziehungsweise ländlichen Räumen wie für die damit verbundenen Kulturalisierungsprozesse und Effekte ist sicherlich vielversprechend. Auch die daran anschließenden Überlegungen von Oliver Müller auf der empirischen Basis des EU-Entwicklungsprogramms LEADER thematisieren die Alltagspraktiken lokaler Akteur*innen bei der Herstellung eines vieldeutigen „Ländlichen“. Speziell interessieren Müller die Prozesse der Konstruktion „ruraler Naturen im Zuge von Territorialisierungsprozessen“ (47), die sich etwa in der Bepflanzung von dörflichen Gärten materialisieren, in der damit verbundenen Herstellung von Wertzuschreibungen aktualisieren und in der Wissenproduktion durch die „Blumenfreunde“ eines Dorfes konkretisieren. Am Beispiel einer ländlichen Region Finnlands geht Lauri Turpeinen den zwischen Wildnis-Idylle und düsterer Problemregion changierenden Vorstellungen junger Erwachsener nach, wobei es ihm gelingt, mittels eines forschenden Zugangs die komplexen und durchaus widersprüchlichen Innenperspektiven der konkreten Menschen jenseits medialer Stereotypen sichtbar zu machen. Indem die visuelle Inszenierung der bekannten Traktoren-Marke John Deere in einem Landwirtschafts-Spielsimulator untersucht wird, leistet Lena Möller eine Analyse des Zusammengehens von fortschreitender Digitalisierung der Landwirtschaft und romantisierenden Bildwelten. Oliwia Murawska wiederum diskutiert – bezugnehmend auf Heidegger und Simmel, aber auch auf wenig bekannte Aspekte der Wissenschaftsgeschichte der deutsch-polnischen Volkskunde – die theoretische Tragweite eines Konzeptes von „Stimmung“ zur Wahrnehmung und Analyse von spezifischen Landschaften.
Das zweite Kapitel nimmt Ressourcen und Teilhabe in ländlichen Kontexten als zentrale Frageperspektiven in den Blick: In ihrem leider nur sehr kurzen Beitrag weist Judith Schmidt auf die globalen Verflechtungen der aktuellen Nahrungsmittelproduktion im ländlichen Raum hin, die sie auf der Grundlage von Interviews mit Saisonarbeitskräften wie mit den arbeitgebenden Landwirten herausgearbeitet hat. Als wesentlicher Faktor werden die mit der Modernisierung der Landwirtschaft einhergehenden Vergrößerungen der Betriebe greifbar, die dann wiederum nur mittels ausländischer Arbeitskräfte bewirtschaftet werden können. Auch der von Franziska Sperling am Beispiel von Biogas-Energiegewinnung hervorgehobene Technologiewandel in der Landwirtschaft macht deutlich, dass Vorstellungen von „traditionellen“ Räumen längst nicht mehr stimmen, ja wohl nie zutreffend waren. Ihrem Plädoyer für eine „Anthropology of Energy“, die zukünftig Infrastrukturierungsprozesse untersucht, kann nur zugestimmt werden, gerade mit dem Ziel, sowohl populärkulturelle Idealvorstellungen wie auch aus Desinteresse entstehende unscharfe Bilder von Landwirtschaft zu revidieren: „Auch die Kulturanthropologie kann (und muss) dazu beitragen, dass hier neue wissenschaftliche Repräsentationen des ländlichen Raums entstehen.“ (146) Genau dies leistet Daniel Best mit seiner präzisen Erforschung jener Phänomene, die mit „Digitalisierung der Landwirtschaft“ zwar rasch umrissen, deren Komplexität auf lokaler Handlungsebene aber bisher meist zu einfach beschrieben worden sind. Auch die Gegenüberstellung medial vermittelter Projektionen mit Befunden aus Gesprächen mit 53 Intensivtierhalter*innen von Mastbetrieben, die Barbara Wittmann in ihrem Beitrag thematisiert, zeigt ein widersprüchlicheres Bild: Hier finden sich nicht einfach „Ausführende eines moralisch verwerflichen Systems“ (168), vielmehr begegnen einem Menschen, die unter der massiven Status-Abwertung durch ihre Umgebung leiden und darauf mit Resignation reagieren. Forschungen in entsprechenden Milieus bedingen zudem für die meisten Kulturwissenschaftler*innen ein Verlassen der eigenen sozialen und politischen Komfortzone – eine wohl zukünftig wichtiger werdende Bedingung für fundierte Projekte im Bereich einer „Kulturanalyse des Ländlichen“. Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass nicht auch ethisch sympathische agrarkulturelle Transformationen wie etwa das „Solidarische Landwirtschaften“ weiter erforscht werden sollen: Lars Winterberg entwirft auf der Basis eigener und studentischer Forschungsbefunde (so nimmt er etwa Bezug auf zahlreiche Abschlussarbeiten) eine kulturanalytische Vermessung und eine erste Kartierung dieses neuen Agrartyps. Den Fokus auf die in diesem Kapitel dominierende Landwirtschaft verschiebt Sigrid Kroismayr, die Schließungs-Prozesse von Kleinschulen in österreichischen Landgemeinden und die dabei auftretenden Konflikte und Aushandlungen gabentheoretisch untersucht.
Im dritten Buchteil wendet sich gleichsam die Perspektive, indem selbstreflexiv auch die akademischen Praxen selbst als „doing rural“ in den Blick kommen: Mit der Konjunktur des Themas in der universitären Lehre befassen sich Valeska Flor und Andrea Graf: Die diskutierten Lehrforschungsprojekte der Bonner Abteilung für Kulturanthropologie interessierten sich ausgehend von den Imaginationen des Ländlichen für die Transformation regionaler Räume. Auch in musealen Kontexten kommt dem Thema neue Aufmerksamkeit zu, wie Eike Lossin an einer ins Museumsdorf Cloppenburg translozierten Landdiskothek zeigt. Damit werden populäre Unterhaltung, Musik und eine spezifische Freizeitkultur als wichtige Aspekte ländlichen Lebens materiell sichtbar, vor allem aber in einem stimmigen Präsentationskonzept ausformuliert. Ein solches zeichnet auch jenes im Freilichtmuseum Hessenpark gezeigte Großgewächshaus der Gärtnerei Blumen-Weidmann aus, das Carsten Sobik in seinem Beitrag zur Mikrogeschichte dieses Unternehmens anspricht. Wie im Bereich von kollektivem Gartenanbau akademische Forschung und Aktivismus zusammengehen können, reflektiert Elisabeth Meyer-Renschhausen in ihrem Text über den Weg eines (sonst meist aus urbanen Kontexten bekannten) Gemeinschaftsgartenprojekts „auf’s Land“. Auch Christine Aka weist auf die Verbindungen zwischen Forschung und eigenem Engagement hin, wenn sie (auch autoethnografisch) über Ortschroniken als Identitätssymbole und auch ganz konkret über die Entstehungsschritte der Hagstedter Chronik berichtet. Damit fordert sie uns alle auf, sich diesen Formaten als Ausdruck einer „neuen Ländlichkeit“ erstens forschend zuzuwenden und zweitens die stellenweise verbreitete Zurückhaltung vor dem Kontakt „mit den Menschen auf dem Land“ (310) abzulegen. Ein stringentes Resümee formuliert schließlich Silke Göttsch-Elten, indem sie auch fachgeschichtlich argumentierend auf weiterführende Perspektiven verweist, darunter die vielfältigen Zugriffe auf Land als Ressource (Boden, Lebensort, Freizeitraum, Imaginaire, ...), die europäisch-ethnologischer Aufmerksamkeit bedürfen. Ihr Hinweis auf die vermehrte Wichtigkeit nicht-stationärer Feldforschung auch für eine Kulturanalyse des Ländlichen scheint mir hierfür zentral.
Die Beiträge des Bandes zeichnen sich durch solide empirische Fundierungen, kluge kulturanalytische Fragestellungen und die Komplexitäten gelebter Alltage betonende Befunde aus. Die an sich begrüßenswerte Vielstimmigkeit des Bandes jenseits hegemonialer Setzungen und geschrieben im offenen Gestus des „zwingend unvollständigen Aufschlags zu einer europäisch-ethnologischen Positionsbestimmung“ (10) hat allerdings ihren Preis: So sympathisch der Modus der Offenheit und der Dokumentation von vielfältigen Zugängen auch ist, so entsteht bei der Lektüre doch der zunehmende Eindruck einer drängenden Notwendigkeit analytischer Schärfungen von Begrifflichkeiten wie kategorisierender Fokussierung der Untersuchungs-Gegenstände. Natürlich befassen sich alle angesprochenen empirischen Felder auf ihre jeweilige Weise mit „Ländlichkeit“ und es handelt sich auch sicherlich um wertvolle Forschungsprojekte. Nichtsdestotrotz werden zukünftige Forschungen nicht darum herum kommen, auch typologisierende Einordnungen vorzunehmen und auf diese Weise auch zu einer Kartierung des Forschungsgegenstandes beizutragen, auch wenn eine eindeutige Definition des Ländlichen (hier ist Silke Göttsch-Elten zuzustimmen) kaum möglich sein wird. Eine solche Schärfung wäre aber wohl nicht zuletzt auch fachstrategisch klug, mehren sich doch die Anzeichen, dass „Ländlichkeit“ zunehmend zu einem interdisziplinären Modethema zu werden droht. Umso wichtiger wird es sein, hier kulturwissenschaftliche Expertise in die interdisziplinäre Debatte einzubringen und gemeinsam mit Kulturgeografie, Raumsoziologie, Agrar- und Kulturgeschichte, Literatur- und Medienwissenschaft sowie zuvorderst den vielfältig ausdifferenzierten anthropologischen Subdisziplinen (so etwa der Umwelt-, der Urban- oder der politischen Anthropologie) überzeugende und empirisch gesättigte Analysen vorzulegen. Es besteht kein Zweifel, dass dies in den nächsten Jahren – nicht nur, aber zentral auch – von den in der dgv-Kommission „Kulturanalyse des Ländlichen“ versammelten Fachvertreter*innen angegangen werden wird. Der lesenswerte Band legt von diesem Potenzial zur theoretischen wie methodischen Reflexion des Ländlichen ebenso vitales Zeugnis ab, wie er zugleich eine anregende Aufforderung zu weiteren Forschungen in einem hochrelevanten Feld darstellt.