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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Gianenrico Bernasconi/Stefan Nellen (Hg.)

Das Büro. Zur Rationalisierung des Interieurs, 1880–1960

(Architekturen 25), Bielefeld 2019, transcript, 321 Seiten mit 55 Abbildungen, ISBN 978-3-8376-2906-4


Rezensiert von Burkhart Lauterbach
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 20.08.2021

Wenn man den Obertitel des Sammelbandes liest, präsentiert sich in der eigenen Vorstellung eine recht disparate Bildwelt, die man von eigenen Erfahrungen her kennt – oder aus Filmen, Romanen und Erzählungen. Zum Büro gehören zunächst Büroangestellte, die wiederum in bestimmten Gebäuden in bestimmten Räumlichkeiten an bestimmten Arbeitsplätzen bestimmte Arbeiten unter Zuhilfenahme bestimmter Arbeitsmittel und ausgerichtet nach bestimmten arbeitsorganisationalen Konzepten verrichten, all dies durchgehend begleitet von einem ganzen Set von objektiven Unterschieden (Geschlecht, Alter, Dienstalter, Aufgabenbereich, Gehalt), subjektiven Distinktionen (Status, Prestige), interpersonellen Beziehungen sowie, nicht zuletzt, eigensinnigen Kulturen (Interessen, Rituale). Erfreulicherweise haben die Herausgeber Gianenrico Bernasconi und Stefan Nellen sich nicht darauf eingelassen, einen Band mit Beiträgen zu jenem schillernden Phänomen herauszubringen, welches wir seit geraumer Zeit „Angestelltenkultur“ nennen, sondern sie haben dafür gesorgt, dass die versammelten 16 Beiträge eine Art thematische Engführung (re)präsentieren, indem sie ihre Ausführungen rund um das Büro in Vergangenheit und Gegenwart kreisen lassen und dasselbe aus gänzlich unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Die Texte stammen aus den Federn von sieben Damen und zehn Herren, die in verschiedenen Ländern Europas vorwiegend in der universitären Lehre und Forschung sowie dem Museumswesen tätig sind und die verschiedene Disziplinen, von der Kunstgeschichte, Geschichte, Literatur- beziehungsweise Kulturwissenschaft über Sozial- und Verwaltungswissenschaften bis hin zur Technikgeschichte und Architektur vertreten. Der Band ist unserem im Jahr 2018 viel zu früh verstorbenen Zürcher Fachkollegen Thomas Hengartner gewidmet.
Ausgehend von dem weltweit zu registrierenden Boom im Bereich des Dienstleistungssektors und der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vermehrt in Erscheinung tretenden Berufsgruppe der Angestellten, zunächst männlichen, aber im Lauf der Zeit zunehmend weiblichen Geschlechts, besteht die Notwendigkeit, für diese neu sich formende Arbeitswelt einschlägige Arbeitsstätten zur Verfügung zu stellen, das heißt, sie zu entwerfen, ihre Standorte zu bestimmen, sie zu bauen, zu gestalten und zu beleben. Dabei ist dieser Gesichtspunkt von zentraler Bedeutung: „Jedes Element – Architektur, Mobiliar, Maschinen, Umweltfaktoren – soll dazu beitragen, den Ertrag der Arbeit zu verbessern nach den neuen Effizienz- und Rationalitätsprinzipien.“ (13) Dies führt dazu, dass der Band insgesamt das Büro als anzueignendes Dispositiv betrachtet, als spezifische Arbeitsumgebung sowie als Darstellungsobjekt. Den fulminanten Auftakt bildet der Aufsatz von Imma Forino, „Die Despotie des Büros“, der einen Durchgang durch die Geschichte der Verwaltungstätigkeiten unter besonderer Konzentration auf die Entwicklung der Innenarchitektur von Büroräumen und Bürogebäuden präsentiert, sich dabei an Michel Foucaults Dispositiv-Konzept orientiert und zu dem Schluss gelangt, dass das „Büro als architektonischer Raum […] als der physische wie psychologische Mittler der Mikrophysik der Macht im Innern des Gesellschaftskörpers der Angestellten betrachtet werden“ (29) kann. Die Autorin diskutiert die Entwicklung der Konzepte wissenschaftlicher Betriebsführung, etwa des Ingenieurs Frederick W. Taylor zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber auch die des Funktionalismus, dies in Theorie und Praxis, unter Zuhilfenahme nordamerikanischer wie auch europäischer Beispiele; sie betrachtet die politischen Aspekte des Planungsgeschehens und die sozialen, psychischen und physischen Auswirkungen der sich immer weiter verbreitenden rasterartigen Parzellierung der Arbeitsplätze zum Zweck der Kontrolle und Disziplinierung der arbeitenden Individuen.
Die dann folgenden Beiträge nehmen im Grunde genommen bestimmte Aspekte aus Forinos Text wieder auf und widmen sich diesen in vertiefender Weise, etwa zum nach Plänen von Frank Lloyd Wright errichteten „Larkin Administration Building“ in Buffalo NY (1906), zur belgischen Regierungsbüroarchitektur aus der Zwischenkriegszeit sowie zur Umstrukturierung der Büros eines lothringischen Eisenverhüttungsunternehmens in den 1920er Jahren. Eine Art Sonderstellung nimmt Adriana Kapsreiters Überblick über die Entwicklung der großflächigen Arbeitsräume für Verwaltungstätigkeiten ein, welche vom Bürosaal über das Großraumbüro bis zur Bürolandschaft reicht. Drei weitere Beiträge widmen sich der künstlerischen Rezeption und Diskussion der Bürowelt; zum einen geht es um verschiedene, kulturhistorisch-kultursoziologische, Texte von Siegfried Kracauer, zum anderen um literarische Darstellungen im Werk von Gustav Freytag, Robert Walser und Martin Kessel, schließlich um den Spielfilm „The Crowd“ von King Vidor aus dem Jahr 1928 (deutscher Titel: Ein Mann der Masse) und seine Behandlung von Themen wie Fordismus und Taylorismus. Weitere sechs Aufsätze problematisieren exemplarische Einzelphänomene wie: Raumkonzepte für Textverarbeitung; Hygiene- und Komfortkonzepte in französischen Büros zwischen den Jahren 1909 und 1939; das Verhältnis von Farbe und Form in einem Dienstraum des Osnabrücker Stadtbaurats (1927); Interieurgestaltungen grafischer Sammlungen um 1900; Aspekte des Sitzkomforts in Büros; schließlich Möbelsysteme in Großraumbüros. Der Band wird abgerundet durch ein Nachwort aus der Feder der in Genf lehrenden Historikerin und Soziologin Delphine Gardey, die ihrerseits eine (Pariser) Habilitationsschrift zum Thema des Sammelbandes vorgelegt hat. [1]  Ihr geht es darum, diverse Differenzierungen für weitere Forschungen anzumahnen, als da sind: der historische und gegenwartsbezogene Vergleich zwischen den dominierenden nordamerikanischen und verschiedenen europäischen Organisationsmodellen einschließlich der Modalitäten der jeweiligen Aneignung; die Auswirkungen dieser Einflüsse auf die Physiognomie hiesiger Städte; die Analyse verschwindender Unterschiede zwischen Blue-collar und White-collar Work; vor allem aber die zunehmende Präsenz weiblicher Arbeitskräfte auf dem Sektor der Büroarbeit, also der durchgängige Einbezug der Geschlechterbeziehungen in jegliche Forschungen. Eine 30 Seiten umfassende Literaturliste wird als einschlägiges Hilfsmittel mitgeliefert.
Ausblick: Was der insgesamt ausgesprochen konstruktive und anregende Band noch nicht enthalten kann, was aber im gegebenen thematischen Kontext auf jeden Fall auf der Agenda stehen sollte, ist die Problematisierung der aktuellen Situation des Lebens und Arbeitens in Zeiten der Pandemie Corona/Covid-19 (Sars-CoV-2), in Zeiten mithin, in denen weltweit, und zwar millionenfach, sogenanntes Home Office verordnet wird, Büroarbeit vorübergehend eine Verlagerung in den privaten Sektor der eigenen Wohnung der Akteur_innen erfährt. Hier stellt sich ein breites Spektrum von Forschungsaufgaben, für die im Sammelband vertretenen wissenschaftlichen Disziplinen, aber nicht minder für die Empirische Kulturwissenschaft.

Anmerkung

[1] Delphine Gardey: Schreiben, Rechnen, Ablegen. Wie eine Revolution des Bürolebens unsere Gesellschaft verändert hat. Göttingen 2019 (franz. Original 2008). Rezensiert in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2019, S. 190–192.