Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Melanie Haller/Traute Helmers/Stefanie Mallon (Hg.)

Der Tod und das Ding. Textile Materialitäten im Kontext von Vergänglichkeit

(Kasseler Studien zur Sepulkralkultur 24), Münster/New York 2020, Waxmann, 405 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8309-4249-8


Rezensiert von Barbara Happe
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 30.08.2021

In dem von Kulturwissenschaftlerinnen und Textildesignerinnen herausgegebenen Sammelband thematisieren dreizehn Studien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven die Stofflichkeit textiler Objekte und ihre Wirkungen im Kontext von Tod und Vergänglichkeit. Der Band ist in den Kasseler Studien für Sepulkralkultur erschienen und wurde vom Museum für Sepulkralkultur in Kassel gefördert. Die inhaltliche Nähe zum Museum liegt durch die Verwendung von Textilien im letzten Lebensabschnitt und in der Sterbe- und Trauerkultur auf der Hand. Die Publikation knüpft in gewisser Weise an den Tagungsband „‚Das letzte Hemd‘. Zur Konstruktion von Tod und Geschlecht in der materiellen und visuellen Kultur“ aus dem Jahr 2010 an, wobei es hier nicht allein um Toten- und Trauerkult geht.
Im ersten Kapitel unter der Überschrift „Kleidung, Textilien und Vergänglichkeit auf den ‚Bühnen‘ des Alltags“ werden ganz unterschiedliche Beziehungen zwischen Vergänglichkeit und textilen Objekten eruiert. Traute Helmers geht es um die „vestimentäre Bestattungsvorsorge“, das heißt um die eigene Leichenkleidung, die sie in vier Fallstudien erhebt und danach fragt, welche Funktion das „letzte Hemd“ in der gegenwärtigen persönlichen Erinnerungsvorsorge spielt. Die selbstbestimmte Totenkleidung wird als ein Mittel zur Selbstvergewisserung und Selbstinszenierung im Moment des Abschiednehmens betrachtet. Sie ist ein weiterer Aspekt in der als Individualisierung beschriebenen Sterbekultur der letzten Jahrzehnte.
Heike Derwanz, die zum Textilminimalismus als nachhaltiger Praxis forscht und seit 2014 die textilen Kreisläufe von Altkleidung in Hamburg durch teilnehmende Beobachtung und seit 2018 in Österreich, Deutschland und der Schweiz in Form von „Kleiderschrankinterviews“ erhebt, will in „Der ‚schnelle Tod‘ der Fast Fashion“ einen Beitrag zu einer Theorie des Sortierens und der Müllwerdung leisten. Beim Sortieren des Massenproduktes Kleidung werden weitreichende ökologische und soziale Entscheidungen getroffen. An Fallbeispielen von sortierenden, vornehmlich weiblichen Privatpersonen macht sie die Struktur und die emotionalen Befindlichkeiten des Sortierens deutlich, die beispielsweise durch die lokale Textilinfrastruktur für Altkleider geprägt ist. Im Weiteren zeigt sie mittels teilnehmender Beobachtung mit Studierenden die Sortierregeln und Arbeitsabläufe in einer Hamburger Kleiderkammer. Interessant ist, dass sie den Prozess des Sortierens als Erkenntnisinstrument für die Qualität und den Charakter von Textilien benutzt. In Institutionen, die im Unterschied zu karitativen Einrichtungen kleine Sammelmengen professionell und zielorientiert sortieren, stehen hier die Optionen für Funktionalität und Weiterverwertung im Vordergrund. Emotionale Bezüge oder persönliche Vorlieben spielen keine Rolle. Privates und institutionelles Aussortieren unterscheiden sich erwartungsgemäß somit beträchtlich.
Die Textildesignerin Bettina Göttke-Krogmann wirft einen positiven Blick auf die Vergänglichkeit von Materialien und fragt, was das Gestalten mit textilem Material mit menschlicher Sterblichkeit zu tun hat. In dem Forschungsprojekt „stela – Smart Textiles für ein selbstbestimmtes Leben im Alter“ an der Burg Giebichenstein werden smarte Produkte wie  zum Beispiel eine smarte Decke entwickelt, die wie bei intelligenten Textilien üblich, eine kommunizierende Komponente auszeichnet. „Smarte Berührungen“ ordnen und stimulieren den Ablauf täglicher Rituale und Gesten und zögern so möglicherweise die körperliche und personale Vergänglichkeit hinaus. Smarte oder intelligente Textilien weisen ein großes Innovationspotential auf. So sind etwa Langlebigkeit und Nachhaltigkeit in einer Welt des textilen Überflusses wichtige Ziele bei ihrer Erforschung und Produktion. Neben grundsätzlicher Konsumkritik und dem Aufruf zur Konsumreduktion wird die Vielschichtigkeit des textilen Kreislaufes problematisiert und auf die Wiederverwertung von Materialien gesetzt.
Im zweiten Kapitel „Textiles Ausstellen – Vermitteln – Bewahren im Zeichen von Vergänglichkeit“ wird die museale Präsentation der Trauer- und Abschiedskultur betrachtet. Friedrich Scheele zeichnet die Ausstellungs- und Konservierungsgeschichte der Moorleiche von Bernuthsfeld nach, die 1907 durch Zufall im Hochmoor Hogehahn, Kreis Aurich, beim Torfstechen gefunden wurde. Die Moorleiche, die sich heute im Landesmuseum Emden befindet, hat einen bemerkenswerten Bekanntheitsgrad erreicht und ist ein touristischer Magnet. Es handelt sich um das Skelett eines 20- bis 30-jährigen Mannes, der am Fundort in einer eigens hergerichteten Grube bestattet worden war. Seine Kleidung aus einem knielangen Hemd aus 45 Einzelteilen in unterschiedlichen Webtechniken, einem Cape und drei Meter langen Beinlappen befand sich in einem sehr guten Erhaltungszustand. Die damalige fachwissenschaftliche Betreuung und rechtsmedizinische Untersuchung, bei der unbekümmert massive Eingriffe und Fehler in die Anordnung der Knochen vorgenommen wurden, mutet heutzutage zumindest abenteuerlich und befremdlich an. Aufgrund des jahrzehntelangen unsachgemäßen Umgangs mit der Moorleiche mussten zwischen 1992 und 1995 sowohl das Skelett als auch die textilen Funde umfassend restauriert werden; ab 2011 schloss sich ein aufwendiges interdisziplinäres Forschungsprogramm mit umfänglichen medizinischen Untersuchungen, C14-Datierungen und radiometrischen Bestimmungen an. Seit August 2016 wird der außergewöhnliche und auch überregional bedeutende Fund der Öffentlichkeit in einer völlig neu konzipierten Abteilung des Museums präsentiert. Mittels szenografischer und innovativer Ausstellungstechnik sowie aufwändiger Visualisierungen des Fundortes durch hinterleuchtete Großbilder des Moores wurde ein auratischer Lernort geschaffen. Die Restaurierung der Kleidung und die vollplastische Rekonstruktion des Mannes sowie die mediale Darstellung differenzierter Forschungsergebnisse lösen in großen Teilen den „selbst gestellten Anspruch ein, wissenschaftliche Forschungen auf höchstem Niveau mit der Wissbegierde einer breiten Bevölkerung zu verbinden“ (286).
Ulla Gohl-Völker untersucht die zeichenhafte Bedeutung und die Muster von Versehtextilien und ihre Einordnung in den rituellen Transformationsprozess des Abschieds und des Sterbens. Die letzte Ölung als sakramentales Mittel der Stärkung und Vorbereitung auf dem Weg des Sterbens wurde bis weit in das 20. Jahrhundert im häuslichen Bereich erteilt. Versehtextilien gehörten im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Aussteuer und waren Teil einer kompletten Versehgarnitur mit verschiedenen Altartüchern, Sterbekreuz, Weihwasser und Kerzen. Gegenstand der systematisierenden Betrachtungen ist die Sammlung des Schwäbisch Gmünder Schulmuseums im Klösterle, die aus Schenkungen von privaten Bürgern an das  Museum besteht. Der vom katholischen Priester vorgenommene Versehgang besteht aus den Kernelementen Beichte, Buße und Absolution, welche die Schwellen- und Umwandlungsphasen kennzeichnen und begleiten. Alle Elemente der Versehgarnituren zeichnen sich in Form, Farbe, Material, Inschriften und Gestaltung durch eine hohe Symbolik aus. Diese wird eingehend und instruktiv im religiösen Kontext erläutert. Die Versehgarnituren verwandeln das profane häusliche Umfeld mit der textilen Hülle in eine Art sakralen Raum.
Im dritten Kapitel „Kleidung und Vergänglichkeit in Texten“ spürt Annette Hülsenbeck den „nachwirkenden Anwesenheiten“ der Kleidung von Gestorbenen in literarischen Texten nach. Kleidung wird als eine Erweiterung des Körper-Ichs (L. W. Flaccus, 1906) beschrieben und die Kleidung von Verstorbenen entfaltet im körperlichen Kontakt mit den Lebenden eine zwiespältige Wirkung. Denn Kleidung ist weit mehr als eine textile Hülle, sie bringt das „Wechselspiel zwischen Kleidung und Körper der literarischen Figuren“ und ihrer Ich-Identität „charakterisierend zur Erscheinung“ (354). Hülsenbecks Blick gilt dem Umgang der Hinterbliebenen mit der hinterlassenen Kleidung der Gestorbenen und ihrer Wirkmacht als eine Art pars pro toto für den Toten. Das Leben der abwesenden Person ist – wie sie Herta Müller zitiert – in die Gegenstände gewandert. So aktiviert die Kleidung der Verstorbenen die Beziehung zwischen Toten und Lebenden in teils beklemmender Weise. Denn die Einzigartigkeit des Körpergeruchs spielt als Auslöser von Erinnerungen eine heikle Rolle, er kann Ekel evozieren oder intime Nähe herstellen und somit Trost spenden und den Ablösungsprozess begleiten. Die Strategien im Umgang mit den textilen Hinterlassenschaften könnten gegensätzlicher kaum sein, werfen sie doch ein Licht auf die Beziehung der Gestorbenen zu deren Erben. Von etlichen Autor_innen wird den Kleidern eine fast magische Kraft, eine Macht zugeschrieben, welche die Menschen wieder auferstehen lässt.
Im vierten Kapitel „Textile Materialitäten, Liminalität und Vergänglichkeit“ gibt Melanie Haller einen instruktiven Überblick über die deutschsprachige Forschungslandschaft zu Mode, Kleidung und Textil seit 2000. Wie schon Georg Simmel 1905 konstatiert habe, bestehe durch den permanenten Wandel eine strukturelle Verbindung von Mode und Vergänglichkeit. Obwohl die Mode laut René König eine „verkannte Weltmacht“ sei (381) und nach Walter Benjamin die Menschen mit leiser aber eindringlicher Stimme lenke (381), werde ihre Bedeutung unterschätzt und von der Wissenschaft in Deutschland bislang weitestgehend missachtet. Daher steht nach wie vor die Institutionalisierung eines interdisziplinären Faches Mode, Kleidung und Textiles in den Kulturwissenschaften aus.
Der außerordentlich lesenswerte und im besten Sinne lehrreiche Sammelband führt eindrücklich die vielfältigen Dimensionen von Vergänglichkeit und Tod im Kontext textiler Materialitäten vor Augen. Es zeigt sich, dass sie weit mehr als stoffliche Träger sind und welche sinnstiftenden Qualitäten sie in der Sterbe- und Trauerkultur haben.