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Marlene Becker

Please Mind the Gap. Eine kulturanthropologische Policy-Analyse der Regierung von Klima_flucht

(Göttinger Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie 11), Göttingen 2020, Universitätsverlag, 221 Seiten, ISBN 978-3-86395-439-0


Rezensiert von Laura K. Otto
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 02.09.2021

Dürren. Überschwemmungen. Stürme. Diese und andere Umweltkatastrophen schaffen es regelmäßig in die Schlagzeilen. Parallel lesen wir davon, dass weltweit jedes Jahr Tausende ihr Zuhause aufgrund dieser Umweltkatastrophen verlieren, ihre Wohnorte unbewohnbar werden, ganze Landstriche untergehen. Kurz gesagt: Klimawandel, vor allem im globalen Süden, und Migration, primär in den globalen Norden, werden oft in einem Atemzug genannt und sind thematisch sowohl in den öffentlichen, aber auch politischen und wissenschaftlichen Debatten eng miteinander verwoben. Wie aber kann und soll mit Menschen umgegangen werden, die ihr Zuhause aufgrund von Klimaveränderungen verlieren? Führen die klimatischen Veränderungen zwangsläufig zur Flucht oder ist die Migration dieser Menschen als kreative Antwort auf sich verändernde Lebensbedingungen zu verstehen? Wie wird über Klima_flucht gesprochen, welche Bezeichnungen werden für die betroffenen Menschen gefunden und welche Rechte werden ihnen (nicht) zugesprochen? Diese großen Fragen adressiert Marlene Becker in ihrer Monografie „Please Mind the Gap. Eine kulturanthropologische Policy-Analyse der Regierung von Klima_flucht“, die 2020 in den Göttinger Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie erschienen ist. Das Werk ist ihre Dissertation, in der die Autorin aufgeteilt auf zwölf Kapitel der Figuration des Klima_flüchtlings nachspürt. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Politikmachen im komplexen Handlungsfeld von Klima_flucht, welches Becker als Wissensregime denkt und somit einen Beitrag zu Studien leistet, die sich mit der Verwissenschaftlichung politischer Prozesse befassen. Die Autorin hinterfragt Kategorisierungen der betroffenen Menschen; so macht sie mit dem Unterstrich zwischen Klima und Flucht deutlich, dass Fluchtbewegungen immer ein Spektrum an Migrationsgründen zugrunde liegt und sie nicht monokausal gedacht werden sollten. Konkret fragt Becker nach den Erzählungen und Diskursen, die die Figur des Klima_flüchtlings hervorgebracht haben. Zudem interessiert sie sich dafür, wie die Wissensproduktion, die die Figur des Klima_flüchtlings umgibt, mit Regierungstechniken des europäischen Grenzregimes verbunden ist.
Im ersten Kapitel führt Becker in ihr Werk ein, in Kapitel 2 und 3 stellt sie ihre theoretischen Konzepte und ihr methodisches Vorgehen vor. In den primär inhaltlich und analytisch orientierten Kapiteln 4 bis 11 widmet sie sich der Genese und Figuration des Klima_flüchtlings und diskutiert verschiedene Aspekte in Bezug auf klimabedingte Migration im Kontext des europäischen Grenzregimes. Bewusst forschte Becker nicht an den Hot Spots der Klimamigration, sondern entschied sich dafür, auf Migrationskonferenzen und -gipfeln zu forschen, sowie Zeitungsartikel, NGO-Berichte und ähnliche Dokumente zu analysieren. Die Konferenzen versteht Becker als Orte, an denen Wissen produziert und zirkuliert wird. Passend zu ihrem Argument, dass Klima_flüchtlinge „gemacht“ werden, und dem erklärten Ziel, die Policies, mit denen Klima_flucht regiert wird, zu denaturalisieren und zu dekonstruieren (48), legt Becker ihre Studie als kulturanthropologische Policy-Analyse an, wofür sie – im Sinne von George E. Marcus – dem „doing“ der Figur des Klima_flüchtlings folgt und ein multi-akteurisches Forschungsdesign entwickelt. Vier Themen – „Protection Gap“, „Bezeichnungs- und Kategorisierungsprozesse von Betroffenen“, „Wissen-Macht-Komplexe“ und „Akteur*innenverwobenheit im Umwelt_flucht-Policy-Making“ – ziehen sich durch das gesamte Werk und verdienen besondere Aufmerksamkeit. In der sogenannten „Protection Gap“ befinden sich Menschen, die aufgrund von Klimaveränderungen ihren Wohnort verlassen (müssen). Die Autorin zeichnet nach, dass in der EU eine Debatte darüber entfacht ist, welche Fluchtgründe als legitim und welche als illegitim angesehen werden. Hinsichtlich der Aufnahme und Behandlung von Klima_flüchtlingen gibt es seitens der EU bislang keine spezifischen Pflichten. Daraus resultiert für die betroffenen Menschen eine „Schutzlücke“ (15; 66–68). Becker zeigt, dass die Rechtstellungsdebatte zum Aushandlungsraum wurde, in dem verschiedene Akteur*innen miteinander ringen. Diese sich auftuende Schutzlücke und die darauf aufbauende Debatte um Rechte der Betroffenen steht im Zusammenhang mit einem Wissensregime, welches nicht nur den Umgang mit Klima_flüchtlingen, sondern das EU-Grenzregime insgesamt kennzeichnet. Politik basiert zunehmend auf Wissen, weshalb, laut Becker, immer mehr Wissen über Klima_flucht erstellt werde, welches dann zum politischen Handeln genutzt werde. Becker widmet sich in ihrer Arbeit den Kategorien, mit denen Menschen, die klima- oder umweltbedingt ihren Wohnort verlassen (müssen), bezeichnet werden. Sie zeigt auf, dass der Begriff Umwelt_flüchtling 1985 offiziell in den Diskurs eingeführt wurde und umweltpolitische und migrationspolitische Diskurse immer mehr miteinander verwoben wurden. Während in den anfänglichen Debatten Umweltveränderungen oft als kausal für Flucht diskutiert wurden, stellt die Autorin fest, wird der Diskurs heute weitaus differenzierter geführt, wofür sie auch den Einzug von postkolonialen und feministischen Perspektiven in die Debatten verantwortlich macht. Mit ihrer relationalen und denaturalisierenden Perspektive zeigt Becker, dass die Figur des Umwelt_flüchtlings mal mehr, mal weniger von öffentlichem und politischem Interesse ist, aber vor allem auch als Instrument zum Politik-Machen genutzt wird: Während zunächst von Klima_flucht die Rede war, ist heute primär der Begriff der Umwelt_migration in den Debatten zu finden. Diese diskursive Verschiebung, dieses Umbenennen, führt nicht nur dazu, dass die betroffenen Menschen nicht als schutzbedürftige Flüchtlinge angesehen werden, sondern zeigt auch immer noch Facetten eines Umweltdeterminismus auf: Becker argumentiert, dass in den Debatten um umweltbedingte Migration wirkmächtige Bilder von „Flüchtlingswellen“ oder einem überforderten globalen Süden (re-)aktiviert werden und der Diskurs insgesamt depolitisiert werde (89). Zudem verdeutlicht sie, dass die Verschiebung des Sprechens von „über Flucht“ zu „über Migration“ auch zeigt, dass es in den politischen Debatten immer weniger darum ging kritisch zu befragen, welche Rolle der Lebensstil im globalen Norden in Bezug auf Klimaveränderungen hat. Migration wird hier nun vielmehr als Anpassungsstrategie der Betroffenen diskutiert, während die Auseinandersetzung mit den Ursachen, die Anpassung erfordern, immer mehr in den Hintergrund rückt(e). Ferner diskutiert Becker, dass die Bezeichnung als Migrant*innen die betroffenen Menschen auch in einen „Verwertbarkeitsdiskurs“ für den europäischen Arbeitsmarkt einbettet und sie nach volkswirtschaftlichem Nutzen betrachtet (159). Migrant*innen werden verwaltbar und aktivierbar, wenn sie auf dem europäischen Arbeitsmarkt gebraucht werden. Wie über Umwelt_flucht gesprochen wird, wie die betroffenen Menschen kategorisiert werden und wer von ihrer Mobilität oder Immobilität profitieren kann, ist laut Becker also keineswegs neutral, sondern sollte als situiertes Wissen-Macht-Gefüge diskutiert werden.
Teil dieser Wissen-Macht-Komplexe, die Becker im Politikfeld Klima_flucht identifiziert, ist die Quantifizierung, Bemessung und das Regieren von Geflüchteten durch und mit Daten. Die Autorin argumentiert, dass „Flüchtlingszahlen […] ein zentrales Element in der Regierung von Migration“ sind (93). In diversen Debatten nutzen laut Becker verschiedene Akteur*innen immer wieder die Zahl der antizipierten „200 Millionen Klimaflüchtlinge“, die die Wissenschaftler*innen Norman Myers und Jennifer Kent 1995 berechneten (96). Becker zeigt, dass sowohl Akteur*innen aus der Umweltbewegung diese Zahl nutzen, um Aufmerksamkeit für ihre politischen Themen und Agenden zu generieren, als auch Politiker*innen, um Handlungsdruck zu generieren oder migrationskonservativ zu argumentieren. Becker versteht vor dem theoretischen Hintergrund ihrer Studie dieses Schreiben und Sprechen über beziehungsweise Vermessen von Migration als Regierungstechnik und diskursive Strategie heterogener Akteur*innen.
Das Buch ist insgesamt gekennzeichnet von einem Andiskutieren verschiedener analytischer Stränge und Diskurse und weist zahlreiche Exkurse auf, was beim Lesen durchaus immer wieder zergliedert wirkt. Während die Autorin überzeugend auf Forschungsdesiderate hinweist, adressiert sie diese selber nicht in ausreichender Tiefe. Sie spürt beispielsweise die an umwelt_migrationspolitischen Diskursen und Politiken beteiligten Akteur*innen auf, doch bleiben diese Passagen zu deskriptiv. Im Rahmen ihrer Event-ethnografischen Forschungsaufenthalte auf Konferenzen und Klimagipfeln stellte Becker zudem fest, dass sich unter den Gästen und Redner*innen immer wieder Akteur*innen aus der Versicherungsbranche befanden; sie bemängelt, dass die Rolle von Versicherungen im Feld der Klima_fluchtforschung deutlich zu wenig beachtet werde. Becker diskutiert zudem an, dass privatwirtschaftliche Akteur*innen in den Aushandlungen von Umwelt_flucht-Policies immer wichtiger werden. Klima_flucht wird dann als Risiko, gegen das man sich versichern kann, individualisiert; gleichzeitig rege der Geldfluss an Betroffene kurz nach Umweltkatastrophen dazu an, nicht prophylaktisch zu migrieren. Eine genauere Betrachtung des Zusammentreffens von diesen Akteur*innen und den Konsequenzen ihrer Interaktionen für das europäische Klima_fluchtregime hätte dem Werk analytische Schärfe verliehen. Becker stellt sich den Lesenden als engagierte und kritische Migrationsforscherin vor, die als Aktivistin in der antirassistischen Bewegung in Deutschland aktiv ist. Ihr Forschungsinteresse ist eng mit ihren aktivistischen Tätigkeiten verbunden. Reflexivität und die Thematisierung der eigenen Position im Feld haben sich als Modalität in der Ethnografie etabliert. Was die multiplen Rollen und verschiedenen akademischen und aktivistischen Kontexte, in denen Becker unterwegs ist, allerdings konkret für ihre Forschung bedeuten, bleibt unterreflektiert. Während sich aus dem Text deutlich eine politische Agenda herauslesen lässt, ist immer wieder unklar, wo Akteur*innen Motivationen zugeschrieben werden, wo Material analysiert oder wann ein politisches Argument gemacht wird. Obwohl Beckers Studie in Bezug auf die Heterogenität der Akteur*innen im unübersichtlichen Politikfeld Klima_flucht augenöffnend ist und zum Nachdenken anregt, hätte dem Werk mehr Transparenz gutgetan.
Die Ergebnisse von Marlene Becker lassen erkennen, dass das in der Kulturanthropologie eingebettete Mitspüren von Prozessen des Politik-Machens mittels ethnografischer Methoden die besondere Stärke aufweist zeigen zu können, wie vielfältig und manchmal unvorhersehbar Policy-Making ausgehandelt wird. Becker stellt gut dar, wie die Figur des Klima_flüchtlings raum-zeitkontingent verhandelt wird. Überzeugend ist auch die Argumentation, dass Policy-Making keineswegs ein neutraler Prozess ist, sondern in diesem Fall Klima und Flucht in ein Wissensregime eingebunden werden, in dem sehr heterogene Akteur*innen unterschiedliche Interessen haben und das Politik-Machen durch Machtasymmetrien charakterisiert ist. Das Werk ist für Lehrende und Studierende geeignet, die sich in die Grundlagen der Bezeichnungsprozesse von Klima_flüchtlingen und Umwelt_migration einarbeiten wollen und bietet mit der Identifikation verschiedener Forschungslücken kreativen Input für weitere Studien.