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Eva Sänger

Elternwerden zwischen „Babyfernsehen“ und medizinischer Überwachung. Eine Ethnografie pränataler Ultraschalluntersuchungen

(Körperkulturen), Bielefeld 2020, transcript, 404 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-5179-9


Rezensiert von Hannah Rotthaus
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 02.09.2021

Ultraschalluntersuchungen gehören heute zu einem Repertoire medizinisch-standardisierter Vorsorgeverfahren während einer Schwangerschaft, und die hiermit verbundenen Praxen und Technologien werden oftmals als selbstverständlich wahrgenommen. Doch welche Effekte hat das dort vermittelte Wissen über Ungeborene auf das Elternwerden? Wie werden Schwangere und ihre Begleiter*innen in den Vorgang eingebunden? Welchen Einfluss haben die an Normalitätsstandards ausgerichteten Ultraschalluntersuchungen auf den Umgang mit ungeborenen Körpern? Diesen und weiteren relevanten Fragen widmet sich Eva Sänger in ihrer 2020 erschienen Habilitationsschrift „Elternwerden zwischen ,Babyfernsehen‘ und medizinischer Überwachung. Eine Ethnografie pränataler Ultraschalluntersuchungen“, die im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projektes „Enacting Pregnancy. Ultraschallbilder in der Pränatalen Diagnostik“ durchgeführt wurde. Anliegen ihrer Arbeit ist es, anhand von Interviews und teilnehmender Beobachtung bei ärztlichen Schwangerschaftsvorsorgeterminen Ultraschalluntersuchungen als kulturelle Praxis zu rekonstruieren. Eng angelehnt an die interdisziplinäre Wissenschafts- und Technikforschung unter besonderer Berücksichtigung praxissoziologischer Ansätze untersucht Eva Sänger, wie die beteiligten Akteur*innen, Technologien, Körper, Medien und Artefakte innerhalb der Vorsorgeuntersuchungen das Elternwerden gestalten.
Mag aus soziologischer ebenso wie aus empirisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas auf der Hand liegen, werden Ultraschalluntersuchungen, insbesondere Routineuntersuchungen, öffentlich wenig diskutiert. Eine Ausnahme bilden nach Sänger feministische und von Hebammen geprägte Diskurse um die „Medikalisierung und Technisierung von Schwangerschaft und Geburt“ (9) sowie die maßgeblich von den Disability Studies herausgearbeitete Kritik an pränatalen Diagnoseverfahren und dem hiermit verbundenen Umgang mit Behinderung. Auch wenn mittlerweile einige Arbeiten zum Forschungsfeld des Ultraschalls vorliegen, fehlte es bislang noch an Studien zu „Ultraschalluntersuchungen in niedergelassenen ärztlichen Praxen ‚in situ‘“ (24), derer sich Sänger ethnografisch annimmt und somit nicht zuletzt auch eine methodische Forschungslücke schließt.
Die Arbeit beginnt nach einer Einleitung und einem Überblick über den Forschungsstand (Kapitel 1) mit einer reflektierten Darlegung der theoretischen Zugänge. Zunächst erfolgt eine ausführliche Problematisierung des Begriffs der Person (Kapitel 2), die mit Fragen von Macht und Biopolitik verknüpft wird. Besonders hervorzuheben ist Sängers Bezug auf die medizinanthropologischen und philosophischen Arbeiten von Annemarie Mol, welche die Relevanz des Materiellen betonen und deren Verständnis von Körpern als „situiert und multipel“ (46) maßgebend für die vorliegende Studie ist. Im dritten Kapitel argumentiert Sänger schlüssig, wie praxistheoretische Analysen durch subjektivierungsanalytische Erweiterungen bereichert werden können und bezieht sich hier unter anderem auf die Subjektverständnisse von Michel Foucault, Judith Butler und insbesondere Louis Althusser.
Es folgt eine Darlegung ihres multimethodischen Vorgehens (Kapitel 4), bei der sie den Feldzugang und die Forschungsbeziehungen transparent macht. Das Quellenmaterial ist umfassend und besonders die Begleitung von Forschungspartner*innen über die Zeit der Schwangerschaft erscheint sinnvoll. Der gelungene und zeitintensive Zugang zu dem geschlossenen und sensiblen Feld der ärztlichen Praxen ist besonders positiv hervorzuheben. Dass es sich bei den Feldpartner*innen ausschließlich um heterosexuelle Paare handelt, mag nicht zuletzt forschungspragmatischen Bedingungen wie etwa der Angewiesenheit auf ärztliches Personal als Gatekeeper geschuldet sein. Für zukünftige Forschungen wäre eine Erweiterung der Quellen in Bezug auf Erfahrungen und Praxen von nicht-heterosexuellen Paaren sowie Alleinerziehenden eine mögliche Anregung. An die Methoden und Zugänge schließen sich „sensibilisierende Konzepte“ (84) − epistemische Dinge, Begehrensobjekte, soziale Figur und Entwicklungskörper − an, da diese als „gegenstandskonstituierend“ (85) verstanden werden und daher zentral für den Auswertungsprozess des erhobenen Materials sind. Die anschließende Analyse ist in fünf thematische Kapitel unterteilt, die nach den Praxen und den jeweils involvierten Akteur*innen geordnet sind.
Im fünften Kapitel „Ultraschallbilder zeigen – Gemeinschaften stiften“ steht im Gegensatz zu den weiteren Analysekapiteln primär der Umgang mit dem gedruckten Ultraschallbild außerhalb der ärztlichen Praxen im Vordergrund. Es werden verschiedene „Praktiken der Herstellung von Gemeinschaft“ (93) und Affektnormen innerhalb der „Bezugnahme auf Sonogramme als ,happy objects‘“ (123) nachvollzogen, die sich konkret beispielsweise in dem Einkleben der Bilder in Fotoalben oder in dem freudigen Verkünden und Dokumentieren der Schwangerschaft als Vergegenwärtigung dieser und Konstruktion einer gemeinsamen Familiengeschichte zeigen.
In den folgenden Kapiteln werden dann die Ultraschalluntersuchungen selbst und die „Vermischung lebensweltlich-familialer und klinisch-medizinischer Praktiken“ (124), die Sänger als Verschränkung zweier Register versteht, in den Blick genommen. Das sechste Kapitel „Körper zeigen – Kinder machen“ behandelt, wie in Ultraschalluntersuchungen − insbesondere durch Zeigetätigkeiten der Ärzt*innen und teils entgegen vertrauter Sehgewohnheiten – „menschliche“, „lebendige“ und „normale“ Körper sichtbar gemacht werden, wobei mithin „flexible Normalitätsgrenzen“ (156) zum Vorschein kommen.
Im siebten Kapitel „Zweigeschlechtliche Körper zeigen – Jungen und Mädchen machen“ widmet sich Sänger den freiwilligen Bestimmungen des Geschlechts während der Ultraschalluntersuchungen. Das hierbei zum Tragen kommende Geschlechtswissen beinhaltet hierarchische und ausschließlich binäre Geschlechternormen, die bereits pränatal mit der „Zuschreibung geschlechtstypischer Eigenschaften und Individualität“ (224) durch Schwangere und Ärzt*innen zum Vorschein kommen.
Im achten Kapitel „Babys zeigen – Familie machen“ stehen hingegen weniger die ungeborenen Körper als vielmehr die Anrufungen als Mütter, Väter und Geschwister im Mittelpunkt, also wie Familie und Generation aktiv und performativ hergestellt werden. Hier zeigt sich für die Rolle von Vätern und Geschwistern ein etwas breiterer Spielraum, während sich Schwangere überdies in einer Wettbewerbssituation mit anderen Müttern wiederfinden.
Die Erwartungen an Schwangere gelten nicht nur der Expertise bezüglich der Körperwerte des Ungeborenen. Das neunte und letzte Analysekapitel „Verantwortliche Schwangere machen“ arbeitet heraus, wie sowohl das ärztliche Personal, aber auch die Schwangeren selbst sich als verantwortungsvolle Mütter und Patientinnen adressieren, etwa bei der Verhandlung über den Geburtstermin, der Ernährung oder der Entscheidung über pränatale Diagnoseverfahren. Diese Gleichzeitigkeit der von außen herangetragenen und der mutmaßlichen freiwilligen Verantwortung, die stark an Ulrich Bröcklings „unternehmerisches Selbst“ (2007) erinnert, hätte durch eine explizite Einordnung in neoliberale Anrufungen verantwortungsbewusster Patient*innen näher untersucht werden können. Ein gesellschaftlich höchst relevanter Aspekt, der in diesem Kapitel vertieft wird, ist die fehlende Artikulation von insbesondere lebensweltlichem Behinderungswissen bei den Untersuchungen und die hier sichtbar werdende medizinische Reduktion von Behinderung als zu vermeidende Abweichung von als „normal“ markierten Körpern.
Die gesamte Analyse arbeitet sehr quellennah und die ausführlichen Auszüge aus den detaillierten Beobachtungsprotokollen lassen die Leser*in die Praxen anschaulich nachvollziehen. Es ist wohl dem Charakter der Routine medizinischer Untersuchungen geschuldet, dass sich die Ausschnitte aus dem empirischen Material in späteren Kapiteln etwas wiederholend lesen. Auf die eingangs dargelegten Theorien hätte innerhalb der Analyse stärker Rückbezug genommen und die Konzepte enger mit der Empirie verbunden werden können. In ihren abschließenden Schlussfolgerungen fasst Sänger noch einmal die aufgezeigten situativen Verschränkungen des familialen und medizinischen Registers zusammen und ordnet sie mit Verweis auf Mol im Rahmen einer „ontologischen Politik“ ein. Mit ihrem Bezug auf die „materiellen Praktiken der Wissensproduktion“ (367) wird letztlich deutlich, dass Wissensproduktionen und exemplarisch den Ultraschalluntersuchungen immer auch Aushandlungen eines „guten Lebens“ (ebd.) zugrunde liegen.
Aufbauend auf der vorliegenden Arbeit, wären zukünftig Verbindungen zu weiteren Forschungen, die den Alltag von Schwangeren außerhalb der ärztlichen Praxis ethnografisch untersuchen, sicherlich ein produktiver Anschluss. Eva Sänger zeigt mit ihrer Monografie, dass es sich lohnt, die Praxen hinter den vermeintlichen Selbstverständlichkeiten im Prozess der Schwangerschaft zu ergründen – nicht zuletzt um danach fragen zu können, welche alternativen Lebensweisen innerhalb von Schwanger- und Elternschaft denkbar und wünschenswert sind.