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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Karsten Becker (Hg.)

Erzähltes Geld. Finanzmärkte und Krisen in Literatur, Film und Medien

(Konnex 29), Würzburg 2020, Königshausen & Neumann, 260 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8260-6930-7


Rezensiert von Lukas Rödder
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 15.09.2021

Im Herbst 2018 luden die Fachbereiche für Literatur- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Bamberg zu einem interdisziplinären Kolloquium mit dem Titel „Realität und Wahrnehmung von Finanzmärkten in der Gegenwart“ ein. Aus diesem ging der nun vorliegende Sammelband „Erzähltes Geld“ hervor. Der Band soll dabei „mehr als ein erneuter Versuch der bloßen Annäherung“ (8) von Wirtschaftswissenschaften und Literaturwissenschaften sein – so zumindest der von Herausgeber Karsten Becker in der Einleitung selbst formulierte Anspruch. Und in der Tat scheint dies gelungen zu sein: In dem, neben der Einführung, aus 13 Einzelbeiträgen bestehenden Band kommen Vertreter_innen verschiedener Disziplinen zu Wort und treten miteinander in Dialog. Grob lässt sich der Sammelband dabei in drei Teile untergliedern, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.
Die Beiträge von Jochen Hörisch, Oliver Fohrmann, Thomas Lischeid und Markus Raith nähern sich dem Themenfeld Geld (und Literatur) auf Makro- und Mesoebene. Hörisch arbeitet in „Geld als Medium – Mediale Wahrnehmung des Geldes“ nicht nur heraus, dass Geld als das „neuzeitliche Leitmedium schlechthin“ (27) angesehen werden kann, sondern zeichnet ebenso Verbindungslinien zwischen dem Medium Literatur und dem Medium Geld. Während Hörisch danach fragt, wie in der Literatur Geld beobachtet und beschrieben wird, verfolgt Oliver Fohrmann die Wirtschaft selbst „als geldbeglaubigende Erzählung“ (30). Seinem heterodoxen Ansatz folgend ist die Marktwirtschaft eine „Art Kirche des Geldglaubens“ (31) und die (orthodoxe) Wirtschaftswissenschaft die sie beglaubigende Theologie. Der Artikel ist ein Plädoyer für interdisziplinäre Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften und so unterstreicht Fohrmann, dass „man auch aus Romanen Wirtschaft lernen kann“ (45). Aber welche Perspektiven (und Alternativen) bietet Literatur an? Einen Überblick und eine Einordnung literarischer Auseinandersetzung mit der Finanz-Wirtschaft (und der Finanzkrise) in der Gegenwartsliteratur bietet Lischeid in „Subjekt oder System? Finanz-Wirtschaft als Literatur“. Die untersuchten Beispiele rücken entweder individuelles Verhalten oder aber das „System“ in den Mittelpunkt. Doch Lischeid zeigt auch, dass ein Nebeneinander von „Subjekt-Primat“ und „System-Dominanz“ (49) möglich ist. Markus Raith analysiert in seinem Aufsatz den Gebrauch von Metaphern und die „Symbolisierung der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Massenmedien“ (74). Nicht nur simplifizieren Metaphern die finanzwirtschaftlichen Zusammenhänge, so Raith, sie naturalisieren die Finanzkrise ebenso.
Simela Delianidou, Mandy Dröscher-Teille und Roswitha Dickens analysieren literarische Werke verschiedener Autor_innen. Delianidou und Dickens vergleichen jeweils zwei Romane, die unmittelbar im Zusammenhang mit einer Finanzkrise gesehen werden können. Delianidou geht es um den Geldbegriff in Erich Kästners „Fabian“ von 1931 und Rainald Götzʼ „Johann Holtrop. Abriss einer Gesellschaft“ von 2012. Dickens analysiert die dargestellten Alternativen zur Geldwirtschaft in Karl Heinrich Waggerls „Brot“ von 1930 und Doris Knechts „Wald“ von 2015. Mandy Dröscher-Teille richtet ihren Fokus auf „Kreuzungen“ von Marlene Streeruwitz aus dem Jahr 2008 und interpretiert den Roman mit Hilfe von Freuds Thesen zur Analerotik sowie der Geldtheorie von Ernest Bornemann. Delianidou, Dröscher-Teille und Dickens zeigen mit ihren Beiträgen eindrucksvoll, wie man mit „Romanen Wirtschaft lernen kann“ (45).
Caterina Richter rückt nicht im gleichen Maße einzelne Werke in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, sondern mit der Digitalen Ökonomie vielmehr eine Ausprägung des Gegenwartskapitalismus. Sie analysiert nicht nur die inhaltliche Verhandlung der „digital economy“ anhand einiger Beispiele aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, sondern ebenso die Realität von dieser für Autor_innen – unter anderem mit der Frage, wie Literatur im Digitalen stattfindet. Ihr Ziel ist es dabei, durch diese „Rundschau […] weiteren Forschungsansätzen die Tür zu öffnen und dieses noch kaum besprochene Themenfeld in den Mittelpunkt zu stellen“ (124). Es ist zu wünschen, dass dieser wirklich spannende und dem Anspruch des Bandes nach Interdisziplinarität gerecht werdende Ansatz von Richter weitere Verbreitung findet. Durch Jonas Nesselhaufs Auseinandersetzung mit Paul Murrays Roman „The Mark and the Void“ (2015) und Adam McKays Film „The Big Short“ aus dem gleichen Jahr verschiebt sich der Fokus des Sammelbandes zum Medium Film. Nesselhauf richtet seinen Blick auf die „‚Übersetzung‘ ökonomischer Theorien und Prinzipien in literarische Erzählweisen“ (161) und legt dar, wie in den Werken von Murray und McKay durch die Verwendung der Metafiktionalität „Textkrisen“ (162) entstehen und wie dadurch die Krise, von der sie erzählen, gespiegelt wird. Auch bei Nicole Mattern ist „The Big Short“ Teil des Untersuchungsgegenstands. Mattern fragt nicht nur wie, sondern auch welches Wissen über Finanzmärkte und -krisen medial vermittelt wird. Neben dem bereits erwähnten Film wird ebenso August Everdings „Der schwarze Freitag“ von 1966, der die Wirtschaftskrise von 1929 zum Thema hat, dahingehend analysiert. Felix T. Gregor erforscht in „Im Geld baden. Medienästhetische Konstruktionen von Ökonomie, Luxus und Exzess“ das Videoprojekt „Iranian Beauty“ der Künstlerin Anahita Razmi. Gregors in essayistischem Stil gehaltene Interpretation zeigt, dass Luxus „nicht nur eine Form der Verausgabung und Verschwendung, sondern zugleich eine Strategie der Verweigerung“ (215) sein kann. Die „Tendenzen der Wahrnehmung von Finanzmärkten im deutschen Gegenwartsfilm“ (240) nimmt Corina Erk in den Blick. Finanzmärkte werden häufig, Erk zufolge, als Heterotopien im Sinne Foucaults dargestellt, „Antworten auf komplexe Zusammenhänge oder Erklärungen sucht man […] vergebens“ (241). Mit Martin Schneider kommt zum Ende des Bandes erneut ein Wirtschaftswissenschaftler zu Wort. Ausgangspunkt seines Artikels ist der Film „Wall Street“ von Oliver Stone aus dem Jahr 1987. Entgegen der gängigen Interpretation, so Schneider, der Film sei eine reine Negativkritik der modernen Finanzwirtschaft, biete der Film „nur vermeintlich eine eindeutige Botschaft, er ist in Wahrheit mehrdimensional und ambivalenter, als es scheint“ (243). Schneider stellt daraufhin drei Perspektiven auf die Marktwirtschaft vor, die sich alle im Film finden ließen: Marktwirtschaft sei „sanft“,  „(selbst-)zerstörerisch“ und „noch unvollendet“ (246). Bei all diesen Aspekten wird die moderne Marktwirtschaft dabei ins Verhältnis zu einer vormodernen Feudalgesellschaft gesetzt.
Literatur- und Wirtschaftswissenschaften sind, qua der Möglichkeit ihrer primären Forschungsgegenstände (Geld und Literatur) andere Teilbereiche der Gesellschaft zu thematisieren, prädestiniert, einen fächerübergreifenden und gesellschaftlichen Dialog voranzutreiben. Mit „Erzähltes Geld“ ist ein gelungener und inspirierender Sammelband entstanden, der hierfür ein Beispiel liefert. Allerdings hat man gelegentlich den Eindruck, dass man einem Plädoyer der Literatur- und Medienwissenschaften (unterstützt durch einige Wirtschaftswissenschaftler_innen) beiwohnt, von den Wirtschaftswissenschaften gehört und beachtet zu werden. In der Einführung thematisiert Karsten Becker in Bezug auf Jochen Hörisch das Fehlen eines „Meta-Diskurs[es]“ (9), eines „Reflexionsmedium[s]“ (9) in den Wirtschaftswissenschaften. Bei der Lektüre des Sammelbandes scheint es manchmal, dass jener nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften fehlt. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die in den Beiträgen eröffneten Perspektiven, Gesprächs- und Reflexionsangebote und -ansätze auf eine breite Resonanz in den Wirtschafts-, aber auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften stoßen.