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Anna Lisa Ramella

Mit Bands auf Tour. Eine Medienethnographie des Unterwegsseins

(Locating Media/Situierte Medien 20), Bielefeld 2021, transcript, 194 S. m. Abb., ISBN 978-3-8376-4813-3


Rezensiert von Laura K. Otto
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.08.2022

Musik. Musik ist immer und überall. Auf dem Handy, in der Cloud, sie dröhnt aus Boxen, läuft im Radio. Dennoch bleibt ein Konzertbesuch etwas Besonderes. Die Tournee der Lieblingsband wird angekündigt, der Ticketvorverkauf startet, Ticket ist ergattert. Die Vorfreude steigt. Endlich geht es los, die Scheinwerfer gehen an, die ersten Bässe dringen durch die Konzerthalle, das Publikum tanzt, der Boden bebt, es wird gefeiert. Konzertschluss, das Licht geht aus, die Band wird gefeiert. Freude taumelnd ziehen die Konzertgäste wieder von dannen. Diese Emotionen, Atmosphären und Abläufe sind den meisten bekannt. Aber wie geht es denjenigen, die auf der Bühne stehen? Wie planen sie ihre Tour und wie erleben sie Mobilität und Immobilität? Was bedeuten Bewegung und Mobil-Sein für Personen, die monatelang unterwegs sind und für die Mobilität zum Normalzustand wird? Was passiert, wenn Stillstand einsetzt? Wann und wo fühlen sie sich zuhause?

In ihrer Ethnografie „Mit Bands auf Tour. Eine Medienethnographie des Unterwegsseins“ widmet sich Anna Lisa Ramella Musiker*innen, die weltweit auf Tour gehen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren begleitete die Ethnografin mit der Kamera verschiedene Bands – primär „Broncho“ und „Two Gallants“ – auf ihren Wegen, war bei Konzerten dabei, erlebte Tourneeplanung, und wurde selbst kurzfristig zur Bandmanagerin. Ihre Ethnografie verbindet, wie sie schreibt, Musik, Medien und Mobilität. Das wird im Buch auch durch Farbfotos und Standbilder nachvollziehbar. Die Publikation umfasst insgesamt knapp 200 Seiten, die die Autorin auf acht Kapitel aufgeteilt hat. Gleich zu Beginn macht Anna Lisa Ramella den Lesenden klar, dass sie für eine experimentelle – sicherlich auch durch ihre Ausbildung in den Transkulturellen Studien inspirierte – Ethnografie steht. So ist es wenig überraschend, dass sie nicht klar in Theorie-, Empirie- oder Methodenkapitel trennt, auch wenn Schwerpunkte sichtbar werden. Vielmehr geht es ihr darum zu zeigen, dass sich ethnografisches Material, methodisches Vorgehen und die Erarbeitung einer theoretisch informierten Perspektive auf das Feld gegenseitig bedingen und wechselseitig hervorbringen; eine Trennung wäre hier artifiziell gewesen, denn ihre Methoden, so schreibt sie, sind häufig erst im und mit dem Feld entstanden (23). Besonders deutlich zeigt sich das an der Begleitung der Bands mit der Kamera, die es ihr nicht nur ermöglichte, non-verbale Praktiken festzuhalten, sondern auch selbst Teil des Tourrhythmus zu werden, musste sie sich doch immer wieder mit ihrer Kamera in die Bandgefüge einfinden.

Anna Lisa Ramella wirft in ihrer Ethnografie folgende zentrale Forschungsfrage auf: Wie gestaltet sich eine Tour aus Mobilisierungen und Immobilisierungen? Wie stehen diese flexiblen Arrangements und Fixierungen im Verhältnis zueinander? Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei vor allem die Konzepte von Mobilität und Immobilität, die in dem Buch zentral gesetzt werden. Verortet ist die praxistheoretische Ethnografie am Nexus von Mobilitätsforschung, Medienwissenschaften und Ethnologie. Die empirisch reichhaltige Studie diskutiert überzeugend, dass – entgegen gängiger Annahmen – Mobilität und Immobilität keineswegs als dichotom oder sich gegenseitig ausschließend zu verstehen sind. Ramella präsentiert die von ihr begleiteten Musiker*innen als hochmobile Akteur*innen und kommt zu dem Schluss, dass diese mit ihren Praktiken lang etablierte Verständnisse von Ort und Bewegung herausfordern (18). Die Studie zeigt, dass Orte durch die Praktiken der Tourmitglieder stabilisiert und destabilisiert werden, dass Bewegung Orte nicht nur verknüpft, sondern diese hervorbringt. Anna Lisa Ramella geht noch einen Schritt weiter und konstatiert, dass sowohl Mobilität als auch Immobilität Orte schaffen. Für die Lesenden eindrucksvoll nachvollziehbar wird in der Ethnografie deutlich, dass eine Tour hochstrukturiert ist und bestimmten Rhythmen folgt; keineswegs ist sie als chaotisch, ungeplant oder zufällig zu verstehen. Durch den Fokus auf Praktiken der Musiker*innen wird deutlich, dass zum Beispiel die Immobilisierung von Gegenständen, wie dem Smart Phone, das eine Musikerin immer in der Jackentasche hat, das hochmobile und ortsflexible Leben überhaupt erst möglich macht. Mit Beispielen wie diesen leistet die Studie einen wichtigen empirischen und konzeptionellen Beitrag zu den Mobility Studies, die die Bedeutung von Immobilisierungspraktiken – im Vergleich zu Mobilisierungspraktiken – bisher deutlich weniger beachtet haben. Der ständige Wechsel aus mobil/immobil führte letztlich auch dazu, dass die Forschung von Anna Lisa Ramella als fragmentiert zu beschreiben ist. Persönlich im Feld konnte sie nur dann teilnehmend dabei sein, wenn die Bands auf Tour gingen. Aber auch in Phasen, in denen die Musiker*innen nicht unterwegs waren oder die Ethnografin nicht bei den Auftritten dabei sein konnte, forschte sie weiter. Über verschiedene Social Media Plattformen, wie zum Beispiel Instagram, folgte sie ihren Forschungspartner*innen weiter, sie blieb mit ihnen in Kontakt, konnte sehen, was sie wann wo mit wem unternahmen und vor allem nachvollziehen, was sie mit einer heterogenen Öffentlichkeit teilten, die sowohl Fans als auch Familie umfasst. Überzeugend diskutiert Anna Lisa Ramella hier, dass das von George E. Marcus vorgeschlagene und vielfach angewandte „tracing and tracking“ der Forschungspartner*innen in den digitalen Raum verlegt werden kann. Wenngleich diese Forschungspraxis die Grenzen des Feldes noch mehr herausfordert und Forschungszeiten über den lokalisierbaren Feldaufenthalt hinaus gehen, spiegelt diese Form der temporalisierten On-Offline-Forschung den Alltag der Musiker*innen sehr gut wider.

Einen hohen Stellenwert hat die Autorin ihrer Reflexion und ihren Rollen beigemessen. Immer wieder beschreibt sie lebendig, wie sie plötzlich und spontan zur Tourmanagerin wurde, wie sie beim Aufbau und Schleppen der Instrumente half, wie sie in die Versorgung der Bands eingebunden wurde. Dabei wirkt der Text keineswegs selbstreferentiell, sondern die Autorin nutzt die Beispiele produktiv für ihre Analyse des Touralltags. Mit ihrer kritischen und reflektierten empirischen Studie leistet Ramella einen Beitrag zu Debatten in und um eine immer intensiver vernetzte globale Welt sowie konkret zum Alltag von Musiker*innen. Die Ergebnisse sind sowohl für die Medienethnografie, die Mobilitätforschung sowie die Arbeitsforschung relevant und liefern hier wichtige methodische und theoretische Impulse.

Mit ihrer gut nachvollziehbaren und lebendigen Schreibweise ist es Anna Lisa Ramella gelungen eine Ethnografie zu verfassen, die sowohl für ein Fachpublikum geeignet ist, als auch Lesende außerhalb der Wissenschaft anspricht. Mit der dezidierten Offenlegung des methodischen Vorgehens und dem ausgesprochen hohen Maß an Reflexion der Forscherin ist das Werk zudem hervorragend für die Lehre ethnografischer Methoden geeignet. Zum Zeitpunkt der Forschung konnte die Autorin nicht ahnen, dass das digitale Forschen für Ethnograf*innen an Bedeutung gewinnen wird. Anna Lisa Ramella ist es gelungen, in diesem sich entwickelnden und ständig veränderndem Feld mit gutem Beispiel voranzugehen und die Arbeit bietet mit ihrer Herausforderung der Trennung von Online- versus Offline-Forschung wichtige Impulse, mutig mit WhatsApp, Twitter, Instagram etc. zu forschen – in pandemischen Zeiten und darüber hinaus.