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Monica Rüthers (Hg.)

Gute Erinnerungen an schlechte Zeiten? Wie nach 1945 und nach 1989 rückblickend über glückliche Momente in Diktaturen gesprochen wurde

(Schriften des Historischen Kollegs/Kolloquien 106), Berlin 2021, De Gruyter Oldenbourg, XII, 255 S. m. Abb., ISBN 978-3-11-073076-0


Rezensiert von Judith Brehmer
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 01.09.2022

Nostalgie, Verklärung der Vergangenheit oder schlicht glückliche Erinnerungen an die eigene Geschichte sind Themen, um die Oral History nicht herumkommt und die insbesondere für die kulturhistorische Forschung zu Diktaturen und totalitären Systemen eine Herausforderung darstellen. Ein Kolloquium am Historischen Kolleg in München um Monica Rüthers nahm sich 2018 dieser Herausforderung an. Das Ergebnis ist ein spannender und vielseitiger Sammelband über „Gute Erinnerungen an schlechte Zeiten“. Die Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen (Geschichtswissenschaft, Europäische Ethnologie, Psychologie, Soziologie, Literatur- und Kunstwissenschaft) wollen vergleichend auf die „zweiten Geschichten“ (2) des Nationalsozialismus und der europäischen sozialistischen Systeme blicken, in dem sie nach Themen, Rahmenbedingungen und Formen des (positiven) biografischen Erzählens über diese Zeiten fragen.

Im einleitenden Beitrag „Von unserem Glück wollt Ihr nichts wissen… Erzählungen über das gute Leben im Nationalsozialismus und Kommunismus“ gibt Monica Rüthers einen Überblick über gesellschaftliche Kämpfe um das „richtige“ und „falsche“ (3) Erinnern, die in Europa nach 1945 und nach 1989 eine Bandbreite unterschiedlicher Erfahrungen und Deutungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts zutage förderten. Zentral ist hier das immer wieder auftretende Spannungsverhältnis zwischen öffentlichem Gedenken an Gewalt und Repression auf der einen und dem privaten Erinnern an die eigene Lebensgeschichte auf der anderen Seite. So konstatiert die Autorin einen starken Ost-West-Unterschied bezüglich der Inhalte und Praktiken des Erinnerns. Anschließend gibt sie einen Überblick über die kulturhistorische Nostalgieforschung seit den 1980er Jahren und weist auf zentrale Funktionen nostalgischer Praktiken hin: Die Möglichkeit der Pflege eigener Erinnerungskulturen marginalisierter Gruppen, Emanzipation durch „Ermächtigung über Zeitabläufe“ (8), die Konstruktion der eigenen Identität in der Vergangenheit als Gegenpol zur Gegenwart und damit die Sicherung der Deutungshoheit über das eigene Leben.

In fünf Kapiteln befassen sich elf Beiträge – von denen im Folgenden einige ausgewählte Texte besprochen werden sollen – mit biografischen Erinnerungen an den Nationalsozialismus, die DDR und die ČSSR sowie mit postsowjetischen Erinnerungspraktiken und mit Aneignungspraktiken „totalitärer Ästhetik“ in der Kunst.

Einen systematischen und konzisen Überblick über bisherige Forschungen zu persönlichen Erinnerungen an den Nationalsozialismus liefert Gudrun Brockhausʼ Beitrag „‚Immer ganz unpolitisch…‘ Positive Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus“. Nach 1945 und insbesondere ab den 1970er Jahren sei die gesellschaftliche und politische Unmöglichkeit positiver Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Bedürfnis der Zeitzeug*innen kollidiert, ein konsistentes Bild eigener Werte sowie ein positives Selbstbild zu konstruieren und eine Entwertung ihrer bisherigen Lebenserzählung zu verhindern. Als Auswege aus diesem Konflikt dienten verschiedene Camouflage-Techniken, welche die persönliche Verantwortung für die Gewaltverbrechen reduzieren oder den Einzelnen als passiven Unterworfenen eines totalitären Regimes viktimisieren sollten. Anhand der Themen positiven Erzählens (etwa das vermeintlich „unpolitische“ Erlebnisangebot von Jugendorganisationen oder das als effektiv wahrgenommene Krisenmanagement des Regimes) argumentiert Brockhaus, dass Erinnerungen an den Nationalsozialismus vor allem als Vergleichsfolie zur als defizitär empfundenen Gegenwart fungieren.

Im nächsten Kapitel hinterfragt Dorothee Wierling in ihrem Aufsatz „Ostdeutsche Geschichte. Das Gute erzählen, um das Schlimme nicht zu erinnern?“ die gängige Annahme, nostalgische Erinnerungen ehemaliger DDR-Bürger*innen zeugten von einer Sehnsucht nach dieser Vergangenheit. Sie argumentiert stattdessen sehr überzeugend, dass positive Erzählungen als Bewältigungsstrategien gesehen werden könnten, mit denen die Betroffenen ihre Erfahrungen mit staatlichen Beschämungspraktiken des SED-Regimes verarbeiten.

Mit ihrer Studie „Auf der Suche nach Gemeinschaft. Einblicke in die berufsbiografische Vergangenheitsverarbeitung vormaliger NVA-Offiziere im Kontext der deutschen Vereinigung“ rückt Nina Leonhard als einzige Autorin des Bandes Menschen in den Mittelpunkt, die unbestreitbar Teil des staatlichen Machtapparates waren. Sie argumentiert, dass die deutsche Wiedervereinigung in den (Berufs-)Biografien dieser Menschen einen Bruch dargestellt habe, der mit einem enormen Statusverlust einhergegangen sei. Positive Erinnerungen an Gemeinschaft, Ehrlichkeit, Disziplin und den Wert der Arbeit seien somit als Strategien der Auseinandersetzung mit diesem Bruch zu werten.

Martina Winkler und Marketa Spiritova befassen sich im folgenden Kapitel mit Erinnerung an die Tschechoslowakische Sozialistische Republik und nutzen dabei unter anderem Erinnerungsforen auf sozialen Medien als Quelle. Martina Winkler zeigt in „‚Wir hatten noch eine echte Kindheit‘. Soziale Medien und Erinnerungen an die sozialistische Tschechoslowakei“ den engen Zusammenhang von Nostalgie und Kindheitserinnerungen, wobei die Vorstellung einer kollektiven Erinnerung an „Kindheit im Sozialismus“ zum einen ein einigendes Moment der Erinnernden darstelle, zum anderen als Kontrastfolie zur Kritik an der Gegenwart und der „heutigen“ Kinder- und Jugendgeneration fungiere. Marketa Spiritovas Artikel „‚Es war nicht alles schlecht‘. Erinnerungen an den Sozialismus in der Tschechoslowakei zwischen postsozialistischer Perspektivlosigkeit und nostalgischer Kindheitserinnerung“ fragt nach den Gründen positiver Erzählungen über das Leben im Sozialismus. Als wichtige Faktoren macht sie die lebensweltliche Verunsicherung durch die Zäsur der Wende und die Abwertung von Lebenserfahrungen im Postsozialismus, die Bedeutung vermeintlich unpolitischer schöner Erinnerungen verbunden mit Alltagsobjekten sowie Kritik an der „EU-isierung“ des Landes und der Transformation aus.

Im folgenden Kapitel über postsowjetische Erinnerungen erörtert Ekaterina Makhotina „Versprechen der Vergangenheit. Die Zeit der Sowjetunion in der russischen Geschichtspolitik und der kollektiven Erinnerung nach 1991“. Sie fragt nach Formen und Praktiken der Erinnerung in Russland. Nostalgische Formen des Erinnerns, etwa in Privatmuseen, würden zunehmend beliebt. Demgegenüber stünde eine offizielle Erinnerungspolitik, die den Zweiten Weltkrieg als nationales identitätsstiftendes Moment heroisiere, andererseits aber bis heute keine eindeutige Rezeption des stalinistischen Terrors aufweise. Private Erinnerungspraktiken an diese Zeit enthielten so auch Kritik an der aktuellen Regierung und sähen sich zunehmend politischem Druck ausgesetzt.

Gegen die Betrachtung von 1945 beziehungsweise 1989 als „Zäsur“ wendet sich schließlich Tanja Zimmermanns kunsthistorische Betrachtung über „Totalitäre Ästhetik nach 1945 und 1989/91. Von der latenten Nachwirkung zur offenen Appropriation“. Die Autorin zeigt, wie Bildmotive des Totalitarismus (z. B. gestählte Körper) nach 1945 vor allem in der DDR rezipiert wurden. In den 1980er Jahren wiederum hätten Künstler*innen totalitäre Ästhetiken als Mittel der Parodie und Kritik am Regime in ihrer postmodernen Kunst übernommen. Der zunehmende Verlust des Bezugs zum Original begrenze jedoch die Wirkung solcher Aneignungsstrategien.

Der Sammelband vereint vielfältige Perspektiven auf Erinnerungen an totalitäre Regime, die einander sinnvoll und gewinnbringend ergänzen. Die Beiträge argumentieren überzeugend gegen eine Abwertung von Nostalgie als simpler Sehnsucht nach der Vergangenheit, indem sie den unbedingten Gegenwartsbezug nostalgischer Erinnerungen belegen und die Bedeutung der Jahre 1945 beziehungsweise 1989/91 als biografische Zäsuren hervorheben.

Die Gegenwartsbindung von Erinnerung wirft jedoch Fragen nach deren Wandlungsfähigkeit auf, welche die Autor*innen leider nicht eingehen: Wird beispielsweise die zunehmende öffentliche Kritik an der „Erfolgsgeschichte“ der deutschen Wiedervereinigung und an der Abwertung ostdeutscher Lebenswelten nach 1989 von den Erinnernden rezipiert? Lässt sich ein Wandel in Themen und Formen des positiven Erinnerns beobachten und wenn ja, was bedingt diesen? In vielen Texten wird eine große Spannung zwischen öffentlichem Gedenken und privaten Erinnerungen deutlich – ein hochaktuelles Thema. Gleichzeitig übernehmen die Autor*innen leider die Sichtweise der Befragten hinsichtlich einer Dichotomie zwischen „dem Staat“ und „der Gesellschaft“ weitestgehend. Es hätte dem Band sicher gutgetan, diese Perspektive kritischer zu hinterfragen. Gerade bei lokalen Gedenk- und Erinnerungsinitiativen verschwimmen die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten. Zudem ist die strikte Trennung zwischen Regime und Gesellschaft – so verständlich sie in individueller biografischer Perspektive sein mag – historisch nicht zu halten. Man hätte sich mehr Beiträge wie den von Nina Leonhard gewünscht, um diese Sichtweise aufzubrechen.

Dem Ziel einer vergleichenden Perspektive wird der Band nur bedingt gerecht. Zwar thematisiert der einleitende Beitrag Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Formen, Bedingungen und Themen des positiven Erzählens von der Vergangenheit, geht jedoch kaum über das Konstatieren dieser hinaus. Als Leser*in hätte man sich eine tiefere Analyse unter Einbeziehung der tiefgreifenden Unterschiede zwischen den thematisierten Regimen gewünscht. Trotz dieser Einwände leistet der Band einen bereichernden und spannenden Beitrag zur Nostalgie- und Erinnerungsforschung, den man mit Gewinn liest und interessierten Forschenden und Laien zur Lektüre empfehlen kann.