Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Wolfgang Brückner

Das Jahr 1938 in der deutschsprachigen Volkskunde. Meinungshegemonien des gedruckten Wortes

Münster 2020, Waxmann, 205 S., ISBN 978-3-8309-4203-0


Rezensiert von Elisabeth Fendl
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 01.09.2022

Zentrale Figur des von Wolfgang Brückner 2020 als „Selbstgeschenk“ (5) zu seinem 90. Geburtstag vorgelegten Bandes ist der von der Forschung wenig berücksichtigte beziehungsweise in Vergessenheit geratene evangelische Theologe Matthes Ziegler (1911–1992), der zwischen 1933/34 und 1945 die Rolle eines „,volkskundlichen‘ Spitzenpolitikers“ (177) im Amt Rosenberg innehatte. Ihm und seinem Umfeld widmet sich der Autor in einer faktenreichen Studie, die es dem Leser/der Leserin wegen der in dichter Form und deshalb bisweilen verkürzt ausgebreiteten Materialfülle nicht immer einfach macht zu folgen. Neben seinen eigenen seit 1986 betriebenen Forschungen zu diesem Thema, führt Brückner als grundlegend vor allem die Arbeiten Hannjost Lixfelds und neuere Untersuchungen des Neuzeithistorikers Manfred Gailus an, nicht ohne die Forschungen im Rahmen des Bandes „Völkische Wissenschaft“ (hg. 1994 von Wolfgang Jacobeit u. a.) als „antifa-affin im Sinne der DDR“ (9) zu kritisieren.

Ausgehend von dem als „Epochenjahr“ (11) bezeichneten Jahr 1938, aber mit ausführlichen zeitlichen Vorgriffen und Rückblicken, analysiert der Autor in fünf Kapiteln die Entwicklung des „damals umkämpften wissenschaftlichen Fachgebiet[es] der Volkskunde“ (10). Es geht ihm dabei um die „Erforschung einstiger ideologischer Konstellationen“ (12), denen er anhand der „empirischen Ermittlung historischer Fakten“ (13) auf die Spur kommen möchte.

In einem ersten Kapitel widmet sich Brückner den Aufgaben des Amtes Rosenberg, der Rolle, die Matthes Ziegler dort seit 1934 spielte, und der internen Auseinandersetzung mit dem SS-Ahnenerbe. Ziegler, der stets eine Stelle als Universitätsprofessor anstrebte, wurde von Rosenberg zunächst als „Geschäftsführer“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (damals Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft) installiert, 1937 wurde ihm ebendiese Rolle bei der aus dem Amt entstandenen Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Volkskunde zuteil, die als Vorstufe für ein geplantes Reichsinstitut für Deutsche Volkskunde an einer seit 1938 angedachten Hohen Schule der NSDAP angesehen wurde. Ziegler, der sich selbst als „Religionswissenschaftler“ sah, betrachtete – so macht Brückner deutlich – den Weltanschauungskampf gegen die Kirchen als eine seiner Hauptaufgaben.

Vorgeschichte, Rassenkunde und Volkskunde sollten die Kernfächer dieser Hohen Schule darstellen, deren Planung in den Händen des Chefideologen der NSDAP, Alfred Rosenberg, lag und die am Chiemsee entstehen sollte. Man sah Außenstellen an bestehenden Universitäten vor, daneben sogenannte Mittelstellen, die sich als Forschungsstellen einem je speziellen Thema widmen sollten. Geografisch ging man auch über das Reich hinaus, man dachte etwa ein Institut für Ostforschung in Prag an, aber auch Krakau, Agram/Zagreb und Amsterdam standen zur Diskussion.

Als zentrales Buchprojekt des Jahres 1938 wird von Brückner der für die Erziehungs- und Schulungsarbeit der NSDAP gedachte Leitfaden „Deutsche Volkskunde im Schrifttum“ genannt, der von der Arbeitsgemeinschaft unter Mitarbeit von Ziegler herausgegeben wurde. Nomineller Hauptverantwortlicher hierfür war Ernst Otto Thiele, Leiter des Referates „Presse und Schrifttum“ im Amt Rosenberg. Der Leitfaden, der als kommentierte Bibliografie („bibliographie raisonnée“) verfasst war, besaß Index-Charakter. Neben der positiv bewerteten parteiamtlichen Volkskunde – nur eindeutige Rosenbergianer erhielten laut Brückner positive Beurteilungen – waren vier abzulehnende Ausrichtungen des Faches verzeichnet: die liberale Schule (zum Beispiel Hans Naumann), die dem Konfessionalismus zugeschriebene Richtung mit Georg Schreiber als dem Hauptkontrahenten Zieglers, das „Konjunkturschrifttum“ und Literatur ohne weltanschauliche Linie.

Das zweite und auch das dritte Kapitel des Bandes behandeln die „Medienpräsenz des sogenannt Volkskundlichen“. Dabei geht Brückner immer wieder auf die Konkurrenz zwischen der Verbandsvolkskunde unter John Meier, Otto Lauffer und anderen und der von der Arbeitsgemeinschaft vertretenen Volkskunde, aber auch der Konkurrenz letzterer mit der vom SS-Ahnenerbe betriebenen Forschung ein. So werden zum Beispiel die Intentionen des 5. Dt. Volkskundetages des Verbandes der Vereine für Volkskunde in Freiburg und Basel im September 1938 und die des kurz darauf in Braunschweig stattfindenden 1. Volkskundetages der Arbeitsgemeinschaft des Amtes Rosenberg (Titel: „Das germanische Erbe in der deutschen Volkskultur“) gegenübergestellt. Auch die konfliktreiche Diskussion um das Atlas-Projekt, das Heinrich Harmjanz 1937/38 dem Verband der Vereine für Volkskunde entzogen und zu einem Projekt des Ahnenerbes gemacht hatte, wird hier angesprochen (57 ff.). Anhand des Verlages Herbert Stubenrauch und seiner Geschichte von den Anfängen unter Wilhelm Fraenger und Walter Krieg in Berlin und Mannheim, dem Wechsel nach Leipzig (1929) und dem mit der Übernahme der Wiener Universitätsbuchhandlung R. Lechner (1939) vollzogenen Schritt nach Wien wird die Entwicklung hin zu dem deutschen Spezialverlag für Volkskunde und zum „Rückzug aufs Mythische“ (87) beschrieben.

Im vierten Kapitel analysiert Brückner den zu Ende der 1930er Jahre ausgetragenen Streit um die „Meinungsführerschaft“, den zwei einschlägige Zeitschriften der Zeit – das „Archiv für Religionswissenschaft“ (unter dem Hauptschriftleiter Friedrich Pfister in Zusammenarbeit mit der religionswissenschaftlichen Gesellschaft Stockholm) und das Jahrbuch „Volk und Volkstum“ (der Görres-Gesellschaft) – austrugen. Von Ziegler und seinem Umfeld wurden vor allem die Aktivitäten Georg Schreibers bekämpft, da sie als ausschließlich der „Katholischen Aktion“ dienender röm.-kath. Gegenangriff gedeutet wurden.

Die Vorliebe für alles Nordische, das man gleichsetzte mit dem Germanischen, wurde etwa vom Verleger Diederichs bedient, der die altnordische Literatur als Quelle deutschen Volkstums verstand. Wissenschaftler wie der von den Rosenbergianern geförderte, vom Ahnenerbe jedoch angefeindete Bernhard Kummer, ab 1938 Schriftleiter der „Nordischen Stimmen“ und 1942 bis 1945 Professor für „Nordische Sprache und Kultur und germanische Religionsgeschichte“ in Jena, stehen als Beispiele für bisher zu wenig beachtete Akteure in diesem Feld. Das gilt auch für Fritz Boehm, der, Altphilologe wie Johannes Bolte, gemeinsam mit diesem seit 1912 Herausgeber und Redakteur der ab 1891 bei Karl Weinhold in Berlin verlegten „Zeitschrift für Volkskunde“ war. Beide blieben auch nach dem 1929 vollzogenen Übergang an den Verband der Vereine für Volkskunde (und damit an den De Gruyter-Verlag) in dieser Position tätig, bis Harmjanz die Zeitschrift 1938 zum SS-Ahnenerbe holte; nur drei Jahre später folgte das Ende dieser „Leitzeitschrift“. Die im Fach umstrittene Rolle John Meiers in diesem Prozess wird von Brückner, mit Hinweis auf die Arbeiten Otto Holzapfels, nur angedeutet.

Matthes Ziegler versuchte gemeinsam mit Georg Fischer mit der Zeitschrift „Deutsche Volkskunde“, die ab 1939 als Vierteljahreszeitschrift der Arbeitsgemeinschaft beim Hoheneichen-Verlag in Form einer Illustrierten herausgegeben wurde, seine Vorstellungen von Volkskunde publik zu machen. Als Schriftleiter folgten Ernst O. Thiele und ab 1944 Karl Haiding, denn Ziegler hatte sich da bereits mit Rosenberg überworfen.

Im fünften Kapitel schließlich verfolgt Brückner den weiteren Lebensweg Zieglers, sein „Pendeln zwischen Rosenberg und Himmler“ (147) und seine eigenen Zukunftsvorstellungen. Er beschreibt ihn dabei als Diener dreier Herren (Rosenberg, Himmler und Bormann), als einen, der aus „der Position des dreifach Beauftragten“ agierte: als Volkskundereferent des Amtes Rosenberg, als Mitglied des Sicherheitsdienstes (SD) des Reichsführers SS und als höherer Parteifunktionär (147).

1939 schied Ziegler aus dem Dienstbereich Rosenbergs aus und erhielt einen Posten in der Parteikanzlei. Gemeinsam mit Gunter d’Alquen baute er eine in Berlin-Lichterfelde aufgestellte Kriegsberichtereinheit der Waffen-SS auf. Nach der Teilnahme am Frankreichfeldzug wurde er in das Amt Wehrmachtspropaganda des Oberkommandos der Wehrmacht abgeordnet. Seine Idee einer völkischen Religionswissenschaft stieß auch bei Martin Bormann auf Interesse. Dieser hatte am 7. Juni 1941 einen Geheimerlass an alle Gauleiter herausgegeben, der das „Verhältnis von Nationalsozialismus zum Christentum“ zum Thema hatte und festlegte, dass beide nicht zu vereinbaren seien. Die von Ziegler an der Jahreswende 1940/41 vorgelegte Dokumentation zur „ideologischen Hetze der Weltkirchen gegen das nationalsozialistische Deutschland“ (157), die er noch in hauptamtlicher Funktion bei Rosenberg erarbeitet hatte, machte ihn geeignet für die Aufgabe der Beobachtung der vatikanischen Außenpolitik, der er sich im Auftrage Bormanns widmete.

Nach Kriegsberichterstattungs-Einsatz auf dem Balkan, verlegte Ziegler seinen Wohn- und Arbeitsplatz nach Veldes in Oberkrain, wo er das Werk „Die Vatikanpolitik von Bismarck bis Hitler“ verfasste. 1943 siedelte er um in den Warthegau und erhielt einen Professorenposten an der Reichsuniversität in Posen. 1944 schloss er dort seine Habilitation ab. An der Verlegung des Führerhauptquartiers nach Berchtesgaden war er beteiligt. Nach dem Krieg fand er zurück zur Kirche und arbeitete als Pfarrer in Südhessen „weiter“ – wie Brückner schreibt – „an der Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“ (161).

Alfred Rosenberg, 1941 zum „Reichsminister für die Ostgebiete“ ernannt, war jetzt für die Ostforschung zuständig, innerhalb derer auch die Volkskunde eine wichtige Rolle spielte. Beeinflusst von Matthes Ziegler verfasste Karl Haiding ein Konzept für die Osteuropaforschung. Als dessen zentrale Forderungen zitiert Brückner die „kulturpolitische Lenkung und Beherrschung der Völker Osteuropas“, die „Herausarbeitung der ursprünglich arischen Volksüberlieferung“ und den „germanische[n] Kultureinfluss auf Russland“ (164).

Mithilfe neuer Quellen konnte Brückner den Lebenslauf Matthes Zieglers detaillierter nachzeichnen und analysieren als das bisher geschehen ist. Auch seine Netzwerke und seine Hauptgegner, wie den katholischen Kirchenhistoriker Georg Schreiber und dessen in der Görres-Gesellschaft verankerte religiöse Volkskunde, unterzieht er einer genauen Betrachtung und zeigt etwa, wie dessen „Jahrbuch für Volkskunde“ im „Archiv für Religionswissenschaften“ bekämpft wurde. Brückner macht zudem deutlich, wie es Ziegler gelang, die beiden Chefideologen des „Dritten Reiches“, Rosenberg und Himmler, jeweils mit dem zu bedienen, was sie erwarteten. Dass mit der Darstellung der Geschichte des Stubenrauch-Verlags der damals aktivste Verlag, sein Programm und seine Protagonisten näherer Betrachtung unterzogen werden, ist verdienstvoll. Gerade der Blick auf das volkskundliche Publikationswesen der Zeit ist, wie man bei der Lektüre des Bandes feststellt, äußerst ertragreich.

Leserinnen und Leser, die mit der Geschichte der Volkskunde im Nationalsozialismus nicht gut vertraut sind, werden sich jedoch bei der Lektüre tendenziell überfordert sehen. Ein etwas systematischerer Aufbau und ein Anhang mit Biogrammen der Hauptakteure hätten vielleicht zur besseren Lesbarkeit dieses faktenreichen Buches beitragen können.