Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Monika Kania-Schütz (Hg.)

Die Deutsche Alpenstraße. Deutschlands älteste Ferienroute

(Schriftenreihe des Freilichtmuseums Glentleiten des Bezirks Oberbayern 35), München 2021, Volk, 287 S. m. Abb., ISBN 978-3-86222-397-8


Rezensiert von Daniela Sandner
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 15.09.2022

Das neue Architekturexponat im Freilichtmuseum Glentleiten, die historische Gasolin-Tankstelle aus Brem, war Anlass für die vorliegende Publikation, in der die Geschichte der ältesten deutschen Ferienstraße beleuchtet, in übergeordnete Zusammenhänge gestellt und Nutzung und Vermarktung dargelegt werden. Die Deutsche Alpenstraße ist eine durch beeindruckende Alpenlandschaften führende Panoramastraße von Lindau bis Berchtesgaden.

Eine interdisziplinäre Gruppe an Autorinnen und Autoren beschäftigt sich mit unterschiedlichen Facetten der Geschichte von Wegen und Autostraßen im Allgemeinen sowie der Deutschen Alpenstraße und ihren Tankstellen (241–285) im Besonderen. Herausgeberin und Museumsleiterin Monika Kania-Schütz schließt damit eine Leerstelle und bietet erstmals ein Grundlagenwerk zur Deutschen Alpenstraße, in dem es explizit um die Straße als Hauptakteur (9) geht, nicht nur um die an ihr gelegenen Orte und Landschaften.

Die Herausgeberin befasst sich im eigenen Beitrag mit der „Fußreise“ König Maximilians II. im Jahr 1858, die vom Bodensee zum Königssee führte, wobei diese kaum Einfluss auf Bau und Ausgestaltung der Route ab 1933 nahm. Kania-Schütz erkennt dennoch eine Gemeinsamkeit von königlicher Fußreise und Autostraße: Die Alpen wurden sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert als Aufenthalts- und Erlebnisraum (46) erschlossen und nicht mehr als zu überwindendes Hindernis wahrgenommen.

Der darauffolgende Beitrag stellt die Alpenstraße in den Zusammenhang europäischer (insbesondere schweizerischer und österreichischer) und US-amerikanischer Ferien- und Bergstraßen, die als Vorbilder gelten können, wenngleich das nationalsozialistische Regime den Ausbau der Alpenstraße vorantrieb und diese als einzigartig und spezifisch deutsch (51) deklarierte. Der Autor Thomas Zeller legt damit auch die politischen Ziele und Werte des Anlegens landschaftsorientierter Straßen offen.

Bernd Kreuzer erörtert, wie sich das Reisen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelt hat, wobei das Auto als Statussymbol (65) und das mit ihm verbundene individuelle Reisen zunächst wohlhabenderen Schichten vorbehalten war. Die ländliche Bevölkerung, obwohl zunehmend auf den Tourismus angewiesen, war gegenüber den Automobilisten noch bis zum ersten Weltkrieg skeptisch-ablehnend (67) eingestellt. Die Idee einer „Queralpenstraße“ wurde schließlich in den späten 1920er Jahren im Zuge einer weitreichenderen Erschließung der Bergwelt (69) formuliert, noch 1933 begonnen und erst um 1960 streckenweise fertiggestellt.

Der nächste Beitrag legt dar, wie das nationalsozialistische Regime den Bau der „Deutschen Alpenstraße“ als Instrument der Selbstdarstellung (86) nutzte. Der Bau der Panoramastraße, wie schon der Bau der Reichsautobahnen, wurde zum Prestigeprojekt, das, medial inszeniert, der Machtdemonstration und der Herrschaftslegitimation (90) dienen sollte. Tatsächlich konnte die Alpenstraße unter dem NS-Regime nicht vollendet werden. Der Autor Christian Packheiser rekonstruiert nachvollziehbar auch die Aushandlungskonflikte (98), die zwischen den Entscheidungsträgern herrschten.

Simon Kotter untersucht das Thema Motorsport auf der Deutschen Alpenstraße und unterscheidet dabei grundsätzlich Renn- von Genussfahrern. In den 1930er Jahren entwickelte sich der Motorsport in Deutschland zu einem vom NS-Staat geförderten Massenphänomen (108). In den 1950er Jahren setzte zusätzlich der aufkommende Fremdenverkehr und Autotourismus ein, in den 1970er Jahren schließlich verloren die Bergrennen an Bedeutung (113).

Im anschließenden Beitrag setzt sich Brigitte Hainzer mit den touristischen Vermarktungsstrategien auseinander. Sie untersucht die zentralen Qualitätskriterien für Deutsche Ferienstraßen am Beispiel der Alpenstraße (124 ff.) und vollzieht die Entwicklung einer Marketingstrategie anhand eines Strategiepapiers nach (128 ff.). Kritisch fragt sie auch nach der Zukunft der Ferienstraßen in Zeiten des Klimawandels (133).

Jan Borgmann untersucht Aspekte stereotyper Bilderwelten in der Werbung für die Deutsche Alpenstraße und bezieht sich in seiner Analyse insbesondere auf Reiseführer und Bildbände der 1930er bis 1970er Jahre. Denn nicht nur kulturelle Sehenswürdigkeiten spielten in der Vermarktung eine entscheidende Rolle, auch „typisch bayerische“ Lebensart, Bräuche und Traditionen wurden touristisch vereinnahmt (137) – eine Kontinuität, die sich bis heute fortsetzt (146).

Der Beitrag von Burkhart Lauterbach befasst sich mit dem Automobiltourismus in den Alpen während der Wirtschaftswunderzeit – als früher Form des Massentourismus (161). Ab Mitte der 1960er Jahre gewann der eigene PKW als Reisemittel an Bedeutung, wobei die Alpen überwindbares Hindernis auf der Reise nach Italien sowie Ziel des selbstbestimmten Autowanderns (157, 160) darstellten.

Auf einer empirisch-ethnografischen Tour (180) erkundete Stephan Bachter nicht nur die Deutsche Alpenstraße, sondern vor allem ihre Repräsentation in Souvenirs, wobei neben Ansichtskarten lediglich Stocknägel und Autoaufkleber in begrenzter Anzahl hervortreten. Sie alle zeigen eine ideale Ansicht, ein stereotypes Motiv (175): ein Viadukt, eine Brücke oder eine Serpentine als Sinnbild der Straße vor malerischer Landschaft, vorzugsweise vor einem Gebirgsmassiv.

Mit den Unterkünften und Verpflegungsmöglichkeiten während der Zeit des Wirtschaftswunders beschäftigt sich Alexander Schütz. Vor allem die günstigeren Unterkünfte profitierten vom motorisierten Fremdenverkehr (189). Einfache Gasthöfe mit Biergärten abseits der vielbefahrenen Strecken lockten auch die Tagesausflügler an (193). Regionale Gerichte wurden kaum beworben (197), lediglich die Forelle erscheint als kostspielige Spezialität (191, 199).

Claudia Richartz schreibt in einer Mikrostudie eine kleine Geschichte der Gasolin-Tankstelle, deren Translozierung in das Freilichtmuseum Glentleiten und der Wiederaufbau im Jahr 2020/21 Ausgangspunkte für die vorliegende Publikation waren. Sie zeichnet die Entwicklung des Gewerbes von Familie Meier von der Schmiede zur Tankstelle in Unterwössen/Ortsteil Brem (Lkr. Traunstein) nach. Das neue Architekturexponat steht damit im Kontext des Wandels ländlichen Handwerks, der Mobilität, des Tourismus und neuer Baukultur (218).

Den Textteil der Publikation schließt Georg Waldemers Beitrag über Leitbilder und Formen im Tankstellendesign ab. Der Bau der in den 1930er Jahren flächendeckend notwendig gewordenen Tankstellen regte innerhalb von Heimatschutzbewegung, Bauernhausforschung und Architektenschaft zum Diskurs über Funktionalität, „Verunstaltung“ und „neues Bauen“ (230) an, der in den 1950er Jahren wieder aufgegriffen wurde. Die großen Mineralölgesellschaften forcierten einen modernen Typenbau (233), vereinzelt wurden jedoch auch namhafte Architekturbüros mit dem Bau beauftragt (235).

Eine fotografische Dokumentation und steckbriefartige Erfassung ausgewählter Tankstellen an der Alpenstraße beenden die Publikation. Tatsächlich sind nur wenige von den 20 hier beschriebenen Tankstellen bis heute solche geblieben. Die Mehrzahl dient als Lagerraum, Unterstand, Autohaus und/oder Werkstatt, Wohngebäude oder Geschäft. Während die ehemalige Tankstelle in Benediktbeuern seit 2018 unter Denkmalschutz steht (264), droht derjenigen in Schwangau der Abriss (250).

Die Publikation vereint ein umfangreiches Themenspektrum: Alpentourismus, Mobilität, Automobilismus, Wirtschafts- und Architekturgeschichte. Zentrale Aussagen werden schließlich auch an zeitgemäße Fragen der Nachhaltigkeit gebunden, wenn die Sinnhaftigkeit der individuellen Autoreise grundsätzlich in Frage gestellt wird und neue Formen der Mobilität, beispielsweise der E-Mobilität oder des Bustourismus, reflektiert werden.

Die translozierte Tankstelle und die ihr gewidmete Publikation bezeugen, dass die Moderne der Nachkriegszeit im Freilichtmuseum Glentleiten baulich und inhaltlich Einzug gehalten hat (219). Die Tankstelle als Exponat bestätigt auch die Hinwendung des ländlichen Freilichtmuseums zur Darstellung der Freizeitkultur (18). Heute präsentiert sich die Gasolin-Tankstelle mit ihrem eleganten Dach im Originalzustand von 1965 den Besucher*innen als Schlüsselobjekt auf dem Weg zum Museum, wie sie einst den Reisenden auf der Alpenstraße als Wegmarke und „Ausrufezeichen“ das nicht mehr weit entfernte Ziel, Schönau am Königssee, ankündigte. Auf der Webseite des Freilichtmuseums ist im Übrigen ein Bautagebuch von der Vertragsunterzeichnung der Übernahme bis hin zur offiziellen Eröffnung der Tankstelle im September 2021 einsehbar. Die bebilderte Dokumentation lässt damit den komplexen Ablauf einer Translozierung nachvollziehen.

Die qualitätvolle Publikation selbst überzeugt durch ein aufwendiges Layout sowie durch beeindruckende historische und aktuelle Fotografien, die eine abwechslungsreiche Lektüre versprechen. Die Publikation „Die Deutsche Alpenstraße“ nimmt die Leser*innen mit auf eine visuelle Reise auf Deutschlands erster Ferienstraße. Sie mag damit eine Inspiration sein, sich in Zeiten eingeschränkter Mobilität mit den Möglichkeiten des Reisens „vor der eigenen Haustüre“ zu beschäftigen.