Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Cordula Endter

Assistiert Altern. Die Entwicklung digitaler Technologien für und mit älteren Menschen

(Altern und Gesellschaft), Wiesbaden 2021, VS Springer, 303 S. m. Abb., ISBN 978-3-658-34655-3


Rezensiert von Esther Gajek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 29.09.2022

Menschen in Deutschland werden immer älter, und mit der Hochaltrigkeit steigt der Bedarf an Unterstützung. Wären hier digitale Assistenzsysteme, die zum Beispiel die Mobilität einer Person aufzeichnen, den Herd überwachen, einen Notruf auslösen oder Stürze erkennen, eine Hilfe und wie könnte diese konkret aussehen? Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat von 2008 bis 2016 das Förderprogramm „Altersgerechte Assistenzsysteme“ aufgesetzt und ließ in Pilotprojekten spezifische Software entwickeln – ein interessanter Ausgangspunkt für kulturwissenschaftliche Fragen, fand Cordula Endter: Wie sehen die Altersbilder aus, die in diesen Richtlinien des Ministeriums entworfen werden, um altersgerechte digitale Tools zu entwickeln? Wie werden Altersbilder in die technischen Artefakte eingeschrieben? Wer schreibt die Programme? Werden die Nutzer*innen wirklich in die Konzeption der Programme miteinbezogen und wie interagieren sie mit der Software?

Mit diesem Fokus auf die Handlungsarenen zwischen Laboren und Wohnungen betritt die Psychologin Cordula Endter in ihrer 2020 am Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Hamburg eingereichten Dissertation Neuland. Sie bewegt sich im Bereich der kulturanthropologischen Technikforschung, in der Technik als Teil unserer Kultur, aber auch als Praxis verstanden wird, die sich immer wieder neu konstituiert. Einen weiteren Anknüpfungsbereich bildet die kulturwissenschaftliche Alter(n)sforschung, bei der Alter als komplexe kulturelle Ordnung und soziale Praxis gesehen wird, die ebenfalls permanenten Aushandlungsprozessen unterliegt.

Exemplarisch arbeitet Endter heraus, wie durch die digitalen Assistenzsysteme einerseits Altersnormen und -erwartungen aufgestellt werden („doing age“), diese aber durch die Benutzer*innen auch subversiv umgedeutet werden („undoing age“). Damit greift sie auf Gedanken der Philosophin Judith Butler und der Kulturwissenschaftlerin Miriam Haller zurück. Eine weitere Grundlage des Bandes bildet das Konzept des „Skripts“ der französischen Techniksoziologin Madeleine Akrich, das das Einschreiben des Alters in die Technik bezeichnet („scripting age“).

Cordula Endter nimmt sich zunächst die Rhetorik der Förderprogramme vor und identifiziert darin Alter als „Belastung“ (124) und Technik als „Lösung“ (124); diese technikoptimistische Haltung negiere und marginalisiere aber andere, techniklose Strategien. In einem zweiten Schritt erfolgt ein empirischer Zugang. Der Arbeit liegt eine mehrjährige Feldforschung zu Grunde, in der die Autorin herausgefunden hat, wie bei der Entwicklung der digitalen Technologien zur Assistenz alter Menschen „kulturelle Vorstellungen, politische Zielstellungen, gesellschaftliche Erwartungen, aber auch individuelle Wünsche oder wirtschaftliche Interessen auf die Praxis der handelnden Akteur*innen einwirken und sich in der materiellen Gestaltung des Artefakts“ (10) niederschlagen.

Endter hat teilnehmend beobachtet und „problemzentrierte“ (82) sowie Einzelinterviews geführt: mit den 27 Projektakteur*innen des technischen Assistenzsystems (IT-Dienstleister, Krankenhausmitarbeitende und Wissenschaftler*innen) sowie den zehn Nutzer*innen (fünf Männer und fünf Frauen mit „guter Bildung“, zwischen 60 und 75, in Städten lebend und mit einem „mittleren bis hohen Einkommen“ [181]). Bereits bei den ersten Treffen zwischen Projektteam und an den Testungen Teilnehmenden herrschten Machthierarchien: „Beteiligung soll stattfinden, sie darf aber nicht stören.“ (187) Nutzer*innen werden zu „Träger*innen der diskursiven Repräsentationen demografiepolitischer und innovationsorientierter Zielvorstellungen (…) Ergebnis dieser grenzziehenden Praktiken der Beteiligung ist die Konfiguration von Alter als einer technisch assistierbaren Lebensphase“ (188).

Schwerpunkt der Untersuchung bildet das Programm „MemoPlay“, eine Software, die neben verschiedenen Inhalten vor allem aus einem Spiel besteht, das zweimal täglich angewandt das kognitive Vermögen trainieren soll: Farben müssen erkannt, Melodien zugeordnet, Zahlen verglichen, geometrische Körper gedreht und Kategorien gebildet werden. Nach Absolvierung der Aufgaben erhalten die Benutzer*innen Punkte, die in Relation zu den bisherigen Ergebnissen gesetzt werden. Das „Alters-Skript“, das beim Programmieren von „MemoPlay“ geschrieben wird, ist, so die Autorin, jedoch „weniger Ergebnis der Inskription wissenschaftlichen Wissens in technogene Materialität als vielmehr pragmatischer Entscheidungen, die sich aus der Projektstruktur, der hierarchischen Ordnung, der interdisziplinären Distanz und der instabilen Beziehung“ (141) der Projektverantwortlichen ergibt. Erst im wirklichen Austausch – sei es interdisziplinär, vor allem aber mit den Benutzer*innen – gelänge es, neue, weniger altersstereotypisierende wie -diskriminierende Bilder zu entwerfen, die nicht mehr nur mit Defizit und Verletzlichkeit einhergingen. Aus den genauen Beobachtungen der Autorin bei den Testsituationen geht ferner hervor, dass diese schnell zu einem Wettkampf würden mit dem Wunsch nach guten Ergebnissen und umgekehrt zu Versagensängsten führten; ein schlechtes Funktionieren der Software ziehe Unsicherheiten nach sich, die mangelnde Möglichkeit, falsche Antworten zu korrigieren, verfälsche die Ergebnisse, und die Unkenntnis von Algorithmen, nach denen die Aufgaben gestellt werden, lasse Unzufriedenheit aufkommen. Ebenso gäbe es Verweigerungen zum Beispiel aufgrund von Unterforderung. All dies werde aber in der Auswertung der Ergebnisse nicht berücksichtigt, obwohl es sich in diesen niederschlage. So kommt die Autorin zu folgendem Schluss: Technische Assistenzsysteme neigen dazu, ein Altern einzufordern, das in Selbstsorge und „selbstständig, aktiv und erfolgreich“ (241) zu geschehen habe; sie suggerierten in ihrer Materialität, dass dies möglich sei. Aus einer ethischen Perspektive heraus sei dies problematisch, weil es der Heterogenität und Realität des Alter(n)s nicht entspreche, Verletzlichkeit, aber auch Verweigerung zum Beispiel gar nicht mitgedacht werde. Endters plädiert für eine „verantwortungsvolle Technikentwicklung“ (225): „aufmerksam, verantwortlich, kompetent und reziprok“ (229).

Ein neues Forschungsfeld zu finden, dieses literatur- und theoriebasiert zu formulieren, empirisch genau zu erforschen, methodisch exakt auszuwerten und in den Ergebnissen zu bündeln, um gesellschaftliche Relevanz zu erlangen – das macht den Wert einer guten Dissertation aus. Alles das ist Cordula Endter in ihrer kulturwissenschaftlichen Arbeit im Bereich der gerontologischen Mensch-Technik-Forschung gelungen. Hier erweist sich der emische Zugang, der alle Beteiligten in den Blick nimmt (wieder einmal) als überzeugend: Die Autorin zeichnet minutiös nach, auf welchen Grundlagen Alter in Förderprogrammen und von Entwickler*innen (eindimensional) konstruiert wird und wie sich das Erleben von Alter davon unterscheidet und auch verändert, wenn technische Assistenzsysteme verwendet werden. Zukünftige Forschungen im Bereich des assistierten Alter(n)s dürften, so Endter, nicht ihren Schwerpunkt darauf legen, welche Faktoren die Technikakzeptanz erhöhen könnten, sondern wie sich der Umgang mit den Systemen verbessern und ein Vertrautwerden mit der Technik im Alltag bewerkstelligen ließe.

„Assistiert altern“ ist eine hohe Verbreitung in fachinternen und fachfremden Kreisen zu wünschen. Bei einer nächsten Auflage gälte es, den komplizierten Duktus der wissenschaftlichen Abschlussarbeit zu minimieren und Redundanzen zu vermeiden, um eine noch bessere Lesbarkeit zu gewährleisten.