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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Thomas Groll/Brigitte Haas-Gebhard/Christof Paulus (Hg.)

Der Grabfund von Wittislingen und die östliche Alemannia im frühen Mittelalter

(Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 114/Verein für Augsburger Bistumsgeschichte e.V., Sonderreihe Heft 11), Augsburg 2022, Wißner, 312 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Abbildungen


Rezensiert von Sebastian Ristow
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 27.04.2023

Der Band zu dem schon seit Anfang November 1881 bekannten unberaubten Prunkgrab einer Frau des 7. Jahrhunderts aus Wittislingen versammelt 13 Beiträge einer Tagung, die das Thema aus historischer und archäologischer Sicht aktuell bewerten und den Forschungsstand umfassend dokumentieren. Das scheint gut 70 Jahre nach der monografischen Vorlage durch Joachim Werner angemessen für diesen bedeutenden Befund.

Den Anfang machen nach der allgemeinen Einführung eine Neubewertung durch Brigitte Haas-Gebhard und die Fundgeschichte von Gregor Jakob. Guten Überblick über das bekannte und verlorene Inventar schafft S. 13, Tab. 1. Der Charakter der Funde weist auf ein Frauengrab hin und lässt eine Vermischung mehrerer Kontexte unwahrscheinlich erscheinen. Die Knochen erwiesen sich allerdings als zu zwei Individuen gehörig, davon eines wohl männlich (S. 50–56). Einige nachgelieferte Funde deuten an, dass die erhaltene Auswahl nicht vollständig ist. Nichtmetallische Funde dürften den Entdeckern des 19. Jahrhunderts ebenfalls entgangen sein. Auffällig sind ist die hohe Zahl von neun Goldobjekten, darunter die bekannte Goldscheibenfibel (S. 23, Abb. 3). Die exakte Fundstelle des Grabes ist nicht zu ermitteln. Indizien weisen aber auf einen kleineren Separatfriedhof hin. Ob es sich um ein Kirchengrab handelt, bleibt offen, wenn auch vorstellbar. Detaillierter geht Haas-Gebhard besonders auf die Fingerringe mit den kaiserporträtartigen Motiven ein. Der berühmten Bügelfibel mit der Inschrift auf der Rückseite widmet sie ebenfalls Raum. Es schließt sich die Fundgeschichte mit einigen von Jakob neu eingebrachten Aspekten an.

Zusammenfassend erläutert Alfons Zettler das historische Wissen über die Alamannen in der Zeit um 600. Im Vordergrund stehen regionale Aspekte der Herrschaftsausübung und die Rolle der alamannischen auch gegenüber den fränkischen Amtsträgern. Thomas Groll beschäftigt sich mit der Geschichte des Bistums Augsburg, ausgehend von der Spätantike. Bei der unter St. Gallus als christliche Kirche postulierten „Basilika“ könnte es sich, solange keine neuen Erkenntnisse dies ausschließen, auch um eine Synagoge handeln. Lediglich eine seltene alttestamentliche Szene kann aus den Wandmalereifragmenten herausgelesen werden (S. 95 f., vgl. dazu die Bilddeutung der Fresken als „Joseph vor Potiphar“ bei Dieter Korol/Denis Mohr, Die Überreste der spätantiken Transeptbasilika unter der Gallus-Kapelle in Augsburg und die in Süddeutschland früheste erhaltene christliche Monumentalmalerei, in: Thomas Michael Krüger/Thomas Groll [Hg.], Bischöfe und ihre Kathedrale im mittelalterlichen Augsburg, Augsburg 2019, 57–92). Gabriele Graenert behandelt anhand von vier Friedhöfen in der Ostalb die Elitenseparierung der Merowingerzeit. Sie arbeitet mit dem Erklärungsmodell des konzentrischen Modells der ideologischen Ordnung der mittelalterlichen Landschaft und stellt die Bedeutung der Hofgrablegen heraus, die auch die entsprechenden Besitzansprüche der hier gefassten Elite symbolisiert haben könnten.

Ausgehend von der Synode von 738, die für Augsburg die Existenz einer kirchlichen Infrastruktur voraussetzt, stellt Sebastian Gairhos in seinem Beitrag die Bedeutung Augsburgs von der römischen Kaiserzeit bis in das 8. Jahrhundert vor. Dazu gehört maßgeblich auch die Existenz einer frühchristlichen Gemeinde. Von der Blütezeit des 3. Jahrhunderts ausgehend, lässt sich für das 4. und wohl auch noch das 5. Jahrhundert eine römisch geprägte Kontinuität städtischen Lebens auch an den Funden sowie anhand von Baumaßnahmen ablesen. Verwaltungsmäßig ist Augsburg in der Spätantike an Italien angebunden und Sitz eines der vier „praepositi thesaurorum“. Interessant ist der Gedanke, dass das Fehlen Augsburgs in der „vita Severini“, die fortgesetzte Bedeutung eines noch funktionierenden Gemeinwesens belegen könnte, da Eugippius ein mögliches „katastrophales“ Umfeld zeichnen wollte, in dem sich die Geschichte des Severin abspielt (S. 150). Die noch nicht abschließend bearbeiteten Funde und Befunde der Grabung von St. Gallus kann Gairhos ebenso nur kursorisch subsummieren, wie die Bauspuren vom Dom, wo er sich gut eine vorkarolingerzeitliche Kirche vorstellen kann. Hier ist noch Arbeitsbedarf gegeben.

Im 5./6. Jahrhundert scheint es, wie in anderen römischen Städten nördlich der Alpen auch, z.B. in Köln oder Tongeren zu einer Siedlungsreduktion gekommen zu sein. Dies hilft eine Kartierung der stempelverzierten Keramik im Süden des Stadtgebiets zu verdeutlichen (S. 153, Abb. 8; vgl. auch die Baustrukturen, S. 157, Abb. 11). Insgesamt ergibt sich das Bild der von spätrömischen Traditionen getragenen Stadtbevölkerung, die „mindestens bis ins 7. Jahrhundert an römischen und damit christlich geprägten Gepflogenheiten festhielt“ (S. 161).

Susanne Brather-Walter und Benjamin Höke fassen Forschungsstand und -aufgaben zum annähernd komplett ausgegrabenen Gräberfeld mit der zugehörigen Siedlung von Lauchheim zusammen. Im Vordergrund stehen dabei Gräber, die sich entsprechen und somit gräberfeldinterne Zusammenhänge vor allem in sozialen Gruppen nahelegen. Aus den Frauengräbern werden die Formen, Qualitätsgruppen und Verbreitungsschwerpunkte der Fibeln behandelt, aus den Männergräbern die der Gürtelgarnituren. Nach der Mitte des 7. Jahrhunderts werden einzelne Tote in Hofgrablegen beigesetzt, gegen die Mitte des 8. Jahrhunderts dann aber auf dem kirchengebundenen Friedhof. Jetzt mehren sich auch christliche Symbol- und Bildbezüge in den Grabinventaren.

Mit den Männergräbern von Augsburg-Inningen stellt Anja Gairhos eine Grabgruppe des 7. Jahrhunderts mit Vollbewaffnung vor, die 8 km südwestlich der Augsburger Innenstadt gefunden wurde. Die hier beigesetzte regionale Elite dokumentierte die Zugehörigkeit zum Christentum mit der Beigabe von Goldblattkreuzen in die Gräber. Der isolierte Bestattungsplatz wirft die Frage nach der Einbindung in das lokale Siedlungsgefüge auf, die aber mit dem Mitteln der Archäologie nur schwer beantwortet werden kann.

Wolfgang Janka beschäftigt sich mit den Ortsnamen im Raum Wittislingen, die Bezüge zum westfränkischen erkennen lassen. Karl Ubl vergleicht die Rechtsbücher der Alamannen und die Lex Ribuaria. Beide Sammlungen stammen aus dem 7. Jahrhundert. Ubl schafft Übersicht zur Lage von Ribuarien, als Bezeichnung im Rheinland und zu den in den Rechtsbüchern angesprochenen Personen für die das Gesetz gilt. Für Köln postuliert Ubl über den „Epochenbruch“ des 5. Jahrhunderts hinweg eine christliche Kontinuität, die nach Meinung des Rezensenten aber kaum nachweisbar ist. S. 249 liegt ein folgenschwerer Druckfehler vor: „Seit den 530er-Jahren ist wieder ein Bischof bezeugt, der ein noch heute erhaltenes Baptisterium errichten ließ.“ Tatsächlich muss es heißen: Seit den 560er-Jahren.

Roman Deutinger skizziert das Lebensbild der Lex Alamannorum anhand der jüngeren Überlieferungsschichten zu Wirtschaft, Gesellschaft, Staatlichkeit und Religion. Steffen Patzold erläutert den Zusammenhang zwischen Status und Religion in der Alamannia, der über die zuvor erörterten Leges hinausgeht. Die wenigen Quellen des 6./7. Jahrhunderts belegen das Bild einer hochmilitarisierten Gesellschaft mit erheblichen sozialen Unterschieden, die – je nach Kampfesleistung – hochgradig durchlässig waren. Nur wenig lässt sich auch zur Religionsgeschichte sagen. Die Schriftquellen erhellen hier die Orte Konstanz und St. Gallen. Einen generellen Schlussüberblick zur Tagung und zu einer „Globalgeschichte des Frühmittelalters“ bietet Christof Paulus ausgehend von der östlichen Alamannia im 6./7. Jahrhundert und hier vor allem vom Wittislinger Fibelfund. Das Buch schließt mit kurzen englischen Abstracts zu allen Beiträgen.

Insgesamt wird ein schönes Kompendium vorgelegt, dass künftig den leichten Zugang zum Befund und den mit Wittislingen verbundenen Fragestellungen ermöglicht. Zahlreich sind auch die Hinweise auf weitere denkbare Erkenntnisgewinne in künftigen Forschungsarbeiten zum Thema.