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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Waldemar Fromm (Hg.)

Münchner Salons. Literarische Geselligkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Regensburg 2021, Friedrich Pustet, 248 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Norman Siewert
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 08.05.2023

Arcisstraße 30/2, Brienner Straße 8a, Burgstraße 12, Königinstraße 10, Leopoldstraße 51, Ludwigstraße 17b, Luisenstraße 8, Maria-Eich-Straße 18, Maria-Theresia-Straße 23, Nymphenburger Straße 86, Römerstraße 16 und nicht zuletzt die Residenz König Maximilians II. von Bayern. Was wie ein wahlloser Auszug aus dem Adressbuch Münchens klingt, stellt einen literatur- und kunsthistorischen Rundgang durch das bürgerlich-intellektuelle München des 19. und frühen 20. Jahrhundert dar. Versammelt finden sich die genannten Orte – und weitere mehr – in einem ästhetisch sehr ansprechenden Aufsatzband zur Münchner Salonkultur. Auch wenn eine Stadtkarte mit entsprechenden Markierungen für den, zumal ortsunkundigen, Leser ein Gewinn bedeutet hätte, so erlauben die neun Beiträge einen anregenden Einblick in das „leuchtende“ München (S. 207), zu dem sich die bayerische Hauptstadt ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte. Um 1900 herum und nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Metropole immerhin zu den herausragenden kulturellen Zentren Deutschlands. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte die bürgerlich-liberale Salonkultur. Obwohl mit ihr hochrangige Namen wie Hans Christian Andersen, Clemens Brentano, Stefan George, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hoffmannsthal, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und vielen anderen mehr verbunden sind, ist eine systematische wissenschaftliche Betrachtung bislang ausgeblieben – ganz im Unterschied zur Berliner Salonkultur, wie der Literaturwissenschaftler und Herausgeber des Bands, Waldemar Fromm, einleitend konstatiert (S. 13). Diesen Missstand wollen die Autoren beheben und spannen in ihren dichten Beiträgen einen langen historischen Bogen von der beginnenden Salonkultur im frühen 19. Jahrhundert über ihre Blüte um 1900 bis zu ihrem Niedergang angesichts der Krise des bürgerlichen Liberalismus in den 1920er Jahren.

Den Anfang macht Miriam Käfer mit ihrer Betrachtung des romantischen Salons von Louise Wolf (1796–1859), dem ersten von einer Frau autark geführten Salon in München. Der Aufsatz über eine selbstbewusste, aufgeklärte Frau, die zumal 1813 zu den ersten Frauen an der bayerischen Akademie der Bildenden Künste überhaupt gehörte, gibt sogleich die Richtung des Sammelbands vor. Denn die weibliche Emanzipation in der Münchner Bürgergesellschaft stellt gewissermaßen dessen zentrales Leitthema dar. Das kann kaum überraschen, denn nach Kristina Kargl war der Salon insbesondere auch ein „Ort weiblicher Kultur“ (S. 123). So galten um 1905 etwa die Hälfte aller Salons in München als von Frauen geführt. Kargl widmet ihren Beitrag der bedeutenden Dramatikerin Elsa Bernstein (1866–1949); deren Persönlichkeit beweist, dass der Salon neben der Emanzipation der Frau gleichzeitig auch eine Nische für jüdische Identität bot. Bei Bernstein gingen die großen Namen ein und aus, unter anderem Hugo von Hoffmansthal, Thomas Mann, zeitweise auch Max Weber. Dem Schriftsteller Ernst Penzoldt soll die hochkarätige Zuhörerschaft 1927 das ehrfürchtige Bonmot vom „Parkett von Königen“ entlockt haben (S. 148). 1942 wurde Elsa Bernstein nach Theresienstadt deportiert. Und dort noch scharte sie, gewissermaßen im Geiste des Salons, unter widrigsten Umständen einen Kreis literaturinteressierter Menschen um sich. Mit Anna Croissant-Rust (1860–1943) setzt sich Miriam Käfer mit einer weiteren starken Frauenfigur in einer unzweifelhaft männlich dominierten Umwelt auseinander und zeigt, was der Salon für die geistige Freiheit von Frauen bedeuten konnte. Croissant-Rust hatte sich als einzige Frau in der naturalistischen Moderne hervorgetan (S. 185) und etablierte mit ihrem Salon einen regelrechten kulturellen Mittelpunkt im München des beginnenden neuen Jahrhunderts. Dabei macht Käfer wie schon bei Louise Wolf ebenso die Widersprüche deutlich, die das Leben der Salonière mit sich bringen konnte. So erfuhr Wolf „vor dem Hintergrund der eigenen Biografie […] die Grenzen weiblicher Entfaltungsmöglichkeiten umso schmerzlicher“, da sie „ihr Potenzial nicht entfalten und von ihren intellektuellen wie künstlerischen Fähigkeiten nicht profitieren konnte“ (S. 43 f.). Ein Lebensumstand, der sie resigniert zu einer gänzlich anti-emanzipatorischen Mahnung verleiten ließ: „Wir Weiber sind doch unglückliche Geschöpfe, wenn wir auf uns selbst allein reduziert sind, ich sehe täglich mehr ein, daß es nicht viel zu unserem Wohlseyn beiträgt, wenn wir ungewöhnliche Kenntnisse besitzen“ (S. 45). Croissant-Rust ihrerseits versuchte wohl durch eine „ostentative Übererfüllung ihrer Pflichten“ als Hausfrau den gesellschaftlichen Konventionen gerecht zu werden und gleichzeitig ihre „Autorschaft [zu] legitimieren“ (S. 194). Dadurch, so Käfer, habe sie ihr Schaffen wiederum eigenhändig konterkariert. Auch Waldemar Fromm weist in seiner Betrachtung des spätromantischen Salons Emilie Linders (1797–1867) nach, dass eine hochgebildete, mehrsprachige Künstlerin, die in Kunstgeschichte, Literatur, Philosophie und Musik überaus bewandert war, im Blick des Mannes, insbesondere im katholisch-bürgerlichen Kontext, letztlich zu dem reduziert werden konnte, „was man vorher schon an Frauen erkennen wollte: eine feine, unauffällige Gastgeberin“ (S. 67). Nichtsdestoweniger vermochte der bürgerliche Salon im ausgehenden 19. Jahrhundert der Frauenbewegung durchaus ein geeignetes Forum des Zusammenschlusses und der Propagierung der eigenen Programmatik zur Verfügung zu stellen, wie Ingvild Richardsen darlegt.

Was aber nun war der „Salon“, welcher auch unter Begriffen wie „Mittagstisch“, „Tee-Abend“, „Jour“ oder „Abendgesellschaft“ firmierte? Worin lag die Besonderheit begründet, die spezifische Forschungsbeiträge über das Konzept des „Salons“ rechtfertigen? Waldemar Fromm gibt in seinen einleitenden konzeptionellen Überlegungen eine Antwort hierauf: Der Salon nun stellte eine charakteristische bürgerliche Kulturpraxis dar, die der „Idee der Geselligkeit“ eine lebensweltliche Form verlieh. Dies gelang, indem neben dem Privaten und der Öffentlichkeit ein weiterer, halböffentlicher und sozusagen „zweckfreier Raum“ (Friedrich Schleiermacher) geschaffen wurde. Versteht man „Geselligkeit“ als zivilisierende Tugend, so ermöglichte sie ein harmonisches Zusammenkommen verschiedener Individuen, in diesem Fall für ein kultiviertes Gespräch über Kunst, Literatur und Musik. Mithin waren Salons Orte künstlerischer und literarischer Kreativität und Produktivität. Hier fand das intellektuelle Bürgertum zu sich selbst. Obwohl – oder gerade weil – allen voran ein hoher Bildungsstand die wichtigste Voraussetzung an der Teilnahme war und somit zugleich ein zentrales Kriterium der Distinktion darstellte, darf die Salonkultur im Umfeld starrer ständegesellschaftlicher Konventionen zugleich als Raum einer Art „sozialer Utopie“ (S. 8) verstanden werden. Die Teilnehmerstruktur war durchaus von einer gewissen vertikalen sowie horizontalen Durchlässigkeit geprägt. Jedenfalls idealisierte Georg Simmel, dessen konzeptionelle Überlegungen Fromm unter anderem anführt, die im bürgerlichen Salon institutionalisierte Geselligkeit als einzige Welt, „in der eine Demokratie der Gleichberechtigten ohne Reibungen möglich ist“ (S. 12). So dokumentieren die Aufsätze dieses Bandes, dass in den Münchner Salons tatsächlich ein überaus heterogenes Publikum aufeinandertraf, darunter Männer und Frauen, Norddeutsche und Bayern, Protestanten, Katholiken und Juden, Romantiker und Naturalisten, Künstler, Literaten, Musiker und Wissenschaftler, Bürger und Adlige, Liberale, Konservative, sogar Sozialisten und schließlich auch Völkische und Nationalsozialisten. Immerhin nahmen ebenfalls Baldur von Schirach, Rudolf Heß und nicht zuletzt Adolf Hitler am Münchner Salon-Leben Teil. Im letzten Aufsatz sodann problematisiert Nikola Becker etwa am Beispiel der Familie Bruckmann die der Salonkultur zugrundeliegende „hochbürgerliche Intellektualität“, die mitunter unbedarft „nach allen Seiten offen“ war (S. 210). Auf diese Weise bildete die tradierte Kultiviertheit nämlich gerade keinen Schutzraum des kulturellen Münchens gegen das München als „Hauptstadt der Bewegung“. Vielmehr spiegelte sich laut Becker die „Krise und letztlich Auszehrung des bürgerlichen Liberalismus und sein teilweises Überschwenken ins nationalistische bis nationalsozialistische Lager“ angesichts der modernisierungsbedingten Verunsicherung in den zeitgenössischen Salon-Diskursen wider (S. 232). Anhand ausgewählter autobiografischer Zeugnisse von Salonteilnehmern zeigt sie ferner nicht nur die Nähe des Bürgertums zum frühen Nationalsozialismus sowie dessen nachträgliche apologetische Strategien im Umgang mit demselben auf. Sie dokumentiert darüber hinaus die Fragmentierung der bürgerlichen Gruppierungen und damit den Erosionsprozess des bürgerlichen Kulturraums Münchens in den 1920er Jahren.

Unter dem Strich liegt hier ein gelungener und anregender Sammelband vor, der nicht nur für die Literaturwissenschaft, sondern als mikrohistorische Studie ebenso für die Liberalismus- und Bürgertumsforschung von großem Interesse ist. Insgesamt ist der Band mit seinen gerade etwas über 200 Seiten Text konzise und übersichtlich gehalten. Allerdings hätte etwas mehr Straffung dem einen oder anderen allzu detailreichen Aufsatz keinen Abbruch getan. So manch ein Leser dürfte sich außerdem am Verzicht auf ein Fazit bzw. eine Zusammenfassung am Ende der meisten Beiträge stören. Allerdings trösten die zahlreichen begleitenden, nie deplatzierten, Abbildungen über diesen geringfügigen Missstand ohne Weiteres hinweg.