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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Johannes Sander

Die Baugeschichte des Würzburger Domes im Mittelalter

(Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg, Sonderveröffentlichung), Würzburg 2021, Echter, 808 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Pläne


Rezensiert von Helmut Engelhart
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 23.06.2023

Der Würzburger Dom, einer der größten Kathedralbauten der Romanik in Deutschland, zählt zu den wichtigsten Baudenkmälern dieser Stadt. Gleichwohl ist unser gesichertes Wissen um den romanischen Kernbau, der durch spät- und nachmittelalterliche Umformungen im Raumeindruck verändert, durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs teilweise vernichtet und beim Wiederaufbau von zeitgenössischen Strömungen erheblich beeinflusst wurde, vergleichsweise spärlich und dabei vielfach umstritten. Umso mehr ist Johannes Sander für seine langjährige Beschäftigung mit den vielen ungelösten Fragen zu danken, die der Dombau bis heute bereithält. Soweit sie dessen Entwicklung im Mittelalter betreffen, bietet die jetzt vorliegende Monographie vielfältige und tiefgreifende Erkenntnisse, wirft aber auch neue Fragen auf, die einer weiteren Klärung bedürfen.

Mit äußerster Akribie liefert Sander in einem ersten umfangreichen Abschnitt seiner monumentalen „Baugeschichte des Würzburger Domes im Mittelalter“ (S. 15–54) eine detaillierte Übersicht über die gesamte Forschungsgeschichte zu diesem in seiner Bedeutung von der Forschung bislang zu Unrecht vernachlässigten Bau von den frühesten Erwähnungen in der Geschichtsschreibung des Mittelalters über die erste „eigentliche wissenschaftliche Erforschung des Domes“ durch Carl Gottfried Scharold kurz vor und in den 1830er Jahren bis zu den zahlreichen Versuchen der unmittelbaren Gegenwart. Die architektur- und kunstgeschichtliche Erschließung des Baus wurde, was die ebenso undurchsichtige wie kontrovers beurteilte Epoche der Romanik bis hin zum späten Mittelalter betrifft, überwiegend von der regionalen Forschung geleistet und fand angesichts der vom Autor nahezu durchgehend konstatierten „Auslassungen, Ungereimtheiten und Vorbehalte“ kaum Eingang in den überregionalen Diskurs. So steht am Ende „die letztlich niederschmetternde Bilanz einer regelrecht gescheiterten Forschungsgeschichte“ (S. 54), an der auch Helmut Schulzes 1991 in Würzburg erschienenes Werk „Der Dom zu Würzburg. Sein Werden bis zum Mittelalter. Eine Baugeschichte“ (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg 39/I-III) nichts zu ändern vermochte.

Angesichts dieser ernüchternden Ausgangslage formuliert Sander die zentralen Fragen, die seinen eigenen Forschungsansatz bestimmen. Sie betreffen die Rekonstruktion des Baus in allen Etappen seines Entstehungsprozesses sowie die daraus jeweils ableitbare Datierung der einzelnen Bauphasen unter Berücksichtigung der vielfältigen Umwandlungen, Erweiterungen und Ergänzungen von den Vorgängerbauten bis zum heutigen Dom. Als wesentliche Problemfelder, mit denen sich die bisherige Forschung mit wechselndem Erfolg auseinandersetzte, macht Sander „erstens die schriftliche Überlieferung, zweitens Archäologie und Bauarchäologie sowie drittens den architektonischen Vergleich“ (S. 56) aus.

Vor diesem Hintergrund hat sich Sander vorgenommen, mit seinen neuen Untersuchungen das langjährige Forschungsdesiderat einzulösen. Dazu breitet er nach dem vorangegangenen Forschungsbericht seine Zielsetzung und Vorgehensweise aus. Es gelte, „die mittelalterliche Baugeschichte des Würzburger Domes völlig neu aufzurollen“ (S. 62), und dies im Bewusstsein, dass er mit diesem Vorhaben „einen sehr langen Weg beschreitet, dass dieser Weg auch zu Etappenzielen führt, dass aber unter den gegebenen Umständen das gewünschte Endziel, nämlich die Klärung aller offenen baugeschichtlichen Fragen des Würzburger Doms gegebenenfalls – und eigentlich muss man sagen: sehr wahrscheinlich – nicht erreicht werden kann“ (S. 62). Sein methodisches Vorgehen beinhaltet einerseits eine kritische Sichtung und Neubewertung aller den Dom betreffenden aussagekräftigen schriftlichen und bildlichen Quellen, die in einem chronologisch aufgebauten Schriftquellenverzeichnis (SQV) mit „704 Mai 1“ beginnend und „2013 Sep 27“ endend regestenmäßig erfasst und in den entscheidenden Passagen im Wortlaut zitiert werden (S. 593–719). In ähnlicher Weise werden im Bildquellenverzeichnis (BQV) alle den Dom betreffenden Darstellungen vom ausgehenden 12. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeführt und jeweils auch abgebildet (S. 721–756). Hinzu kommt die archäologische und bauarchäologische Untersuchung, die auch die Vorgängerbauten mit einbezieht und den hochmittelalterlichen Kernbau als Ganzes oder in seinen einzelnen Teilen aus den spätmittelalterlichen Überformungen herauslöst. Damit steht naturgemäß der „Versuch einer absoluten Datierung der Würzburger Kathedralkirche“ (S. 64) als eines der zentralen Forschungsergebnisse in Verbindung.

Als ein entscheidendes Ergebnis wird „eine möglichst weit zurückreichende Rekonstruktion des mutmaßlichen ursprünglichen romanischen Zustandes in einzelnen Abschnitten nach Bauteilen, von Osten nach Westen schreitend in der Reihenfolge Altarhaus, Osttürme, Querhaus, Krypta, Langhaus und Westbau“ angestrebt (S. 63). Die immer in unvoreingenommener Auseinandersetzung mit den vorliegenden Quellen erfolgten akribischen Bauuntersuchungen sowie die architekturhistorischen Vergleiche mit prominenten Bauten im zeitlichen Umfeld münden schließlich in eine beeindruckende Rekonstruktion des bestehenden Domes in seinem mutmaßlichen Ursprungszustand. Diese wird durch sorgfältige Analyse des vorliegenden Plan- und Bildmaterials sowie durch die im Text in allen Einzelheiten diskutierten und bewerteten Beobachtungen anhand des vorhandenen oder nachweisbaren mittelalterlichen Baubestandes erarbeitet und auf 20 Farbtafeln eindrucksvoll vorgestellt.

Sanders Überlegungen beziehen sich zunächst auf Bau I und Bau II, die mutmaßlichen Vorläuferbauten an der Stelle des heutigen Domes. Sie müssen notgedrungen von dem Planungsmaterial, den Grabungsbefunden und dem spärlichen Bildmaterial ausgehen, das die bauarchäologischen Untersuchungen Felix Röttgers und Helmut Schulzes aus den frühen Nachkriegsjahren bereitstellen. Die vornehmlich von diesen Autoren erstellten Befunde werden von Sander einzeln vorgestellt, analysiert und nahezu ausnahmslos als „Luftgebäude“ (S. 113) verworfen. Tragfähige neue Erkenntnisse in Periodisierungs- und Datierungsfragen werden von Sander für die Vorgängerbauten allerdings kaum vorgebracht.

Dies ändert sich jedoch, sobald sich der Autor dem hochmittelalterlich-romanischen Dom (Bau III) zuwendet. Nach einer Beschreibung des Domes in seinem heutigen Zustand, der zur Orientierung des Lesers dient, folgt die Erschließung des mittelalterlichen Kernbaus nach den eingangs formulierten Kriterien. Gestützt auf die Neuauswertung der Quellenbelege werden dabei auch die nachmittelalterlichen und neuzeitlichen Baumaßnahmen sowie die Zerstörung und der Wiederaufbau 1945/67 bis zur unmittelbaren Gegenwart mit einbezogen. Daraus ergibt sich eine bislang in dieser Engmaschigkeit nicht bekannte Baugeschichte des aktuellen Würzburger Domes, die allein schon die Lektüre des Bandes lohnt (S. 119–177). Die daraus resultierenden Erkenntnisse werden schließlich in größtmöglicher Genauigkeit in der folgenden Detailanalyse dargelegt und durch eine Fülle von Abbildungen und Plänen in der Abfolge der einzelnen Bauteile von Osten nach Westen fortschreitend aufgezeigt (S. 178–380) sowie unter funktionalen und liturgischen Gesichtspunkten betrachtet (S. 381–398).

Im anschließenden Hauptkapitel IV (S. 431–518) wendet sich der Verfasser der Frage nach der „absoluten Bauchronologie“ zu und befragt dabei zunächst das gesamte historische Quellenmaterial nach seinem Aussagewert für die Baugeschichte. Das Ergebnis seiner kritischen Quellenüberprüfung sei „so überaus spärlich und widersprüchlich“, dass man „auf ein anderes Mittel für den Versuch einer zeitlichen Einordnung der Bischofskirche angewiesen [sei], den kunst- und architekturhistorischen Vergleich“ (S. 447). Dieser wird im Folgenden auf der Basis eines reichen Denkmälerbestands romanischer Baukunst des deutschsprachigen Raumes in der Abfolge der einzelnen Baukomplexe sehr detailliert durchgeführt. Berücksichtigt werden dabei u.a. die Gesamtdisposition, Mauerwerk, Wandaufteilung und Gliederungselemente am Außen- wie Innenbau, Wölbung, Bautechnik und bauplastische Details, wobei die Vergleiche jeweils durch zahlreiche Grundrisse und Detailabbildungen begleitet und verdeutlicht werden. Auf diese Weise gewinnt Sander die Kriterien, die ihn zu einem von der älteren Forschungsmeinung teilweise abweichenden Datierungsvorschlag führen, „dass der Westbau des bestehenden Würzburger Domes gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts konzipiert sein dürfte und die übrigen Bauteile – die Aufbauten der Osttürme ausgenommen – mit gewissem zeitlichen Abstand danach in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, jedoch kaum über die Jahrhundertwende hinaus, in die Höhe wuchsen“. Vermutet wird die Entstehung der Querhausgiebel „und damit wohl die Errichtung eines neuen Daches gegen die Mitte oder in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts“. Die Ostturmaufbauten hätten „spätestens im Jahr 1237 gestanden“, wie Sander aufgrund der Darstellung auf dem ca. 1227 erstmals nachweisbaren jüngeren Würzburger Stadtsiegel (S. 517, Abb. S. 723) annimmt.

Damit ist Johannes Sander eine gewichtige Analyse und Neubewertung der Baugeschichte des Würzburger Domes gelungen, die – trotz aller denkbaren Widersprüche – sicherlich für lange Zeit Bestand haben wird. Das aufwendig gestaltete und sorgfältig betreute Werk besticht nicht zuletzt auch durch seine 886 Textabbildungen, 17 Pläne und 28 Farbabbildungen sowie durch das auf Vollständigkeit angelegte Schrift- und Bildquellenverzeichnis und eine umfangreiche Bibliographie (S. 759–792).

Bewunderung und Freude an der längst fälligen Neubewertung der Baugeschichte des Würzburger Domes werden freilich dadurch beeinträchtigt, dass Sander bei keiner sich bietenden Gelegenheit die vorangegangene regionale Dombauforschung kritisch hinterfragt und verwirft und besonders nicht vergisst, „die weitreichenden Mutmaßungen Schulzes und seines wissenschaftlichen Vorläufers Röttger zu revidieren und ihre Hypothesengebäude zu dekonstruieren“ (S. 522), auf deren Grabungsbefunde und Planzeichnungen er freilich nicht verzichten kann und will.

Zur leichteren Orientierung des mit den Würzburger Verhältnissen nicht eng vertrauten Lesers hätte ein Verzeichnis der am Entstehungsprozess des Domes beteiligten Bischöfe mit vollem Namen und Angabe der Dauer ihres Episkopats ebenso hilfreich sein können wie eine aktualisierte tabellarische Zusammenstellung der wichtigsten Baudaten des mutmaßlich viertgrößten romanischen Kirchengebäudes in Deutschland. Dass die von Architectura virtualis Darmstadt in einem informativen sechsminütigen Film erstellten virtuellen Rekonstruktionen des mittelalterlichen Domes im Band nur in 20 Farbabbildungen repräsentiert sind, ist zu bedauern. Hier wäre eine DVD des Filmes als Beifügung höchst willkommen gewesen.