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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Alois Schmid

Benedikt Stattler (1728-1797). Philosoph und Theologe. Der kantige Einzelgänger

Sankt Ottilien 2021, EOS, 298 Seiten, 11 Abbildungen


Rezensiert von Stephan Deutinger
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 12.07.2023

Die intellektuelle Welt Altbayerns hatte von jeher mit Vorurteilen zu kämpfen, war sie doch (horribile dictu!) eine katholische Welt. Trug dieses Odium schon seit Jahrhunderten dazu bei, daß ihre literarischen Zeugnisse im übrigen Deutschland großzügig ignoriert wurden, so scheint es heute sogar in Bayern selbst sich zum Ausschlußkriterium zu entwickeln. In dem, was da aktuell als sogenanntes „kulturelles Erbe“ mit öffentlichen Mitteln herauspräpariert wird, ist für die Männer (und bisweilen auch Frauen) der Feder, die Bayern, sagen wir vor 1850, hervorbrachte, offenbar kein Platz vorgesehen. Führt man sich den langen Zug der geistigen Köpfe des Landes vor Augen, wie sie am Horizont der Erinnerung, immer undeutlicher werdend, entschwinden, so wird einem wehmütig ums Herz und man überlegt insgeheim, ob einst Carl Amery, einer ihrer letzten legitimen Nachfahren, nicht ganz besonders an sie dachte, als er sein Buch der Trauer über den Untergang der religiös grundierten Lebenswelt seiner Heimat betitelte: „Leb wohl, geliebtes Volk der Bayern.“

Neuerdings wird das Band zur geistigen Vergangenheit nicht mehr nur durch herkömmliche Gleichgültigkeit zusehends dünner, sondern immer öfter wird es vorsätzlich gekappt, weil Aussagen, die nicht einem bestimmten, sich überzeitlich gebenden ideologischen Schema zu entsprechen scheinen, selbst historischen Personen längst versunkener Epochen nicht mehr verziehen werden. So genügte im Sommer 2020 ein einziger schlecht informierter Artikel in der Regionalpresse, um den Namenspatron des Kötztinger Benedikt-Stattler-Gymnasiums zur Disposition zu stellen. Der ungeheure Vorwurf lautete, der Priester und Jesuit Stattler habe zu seiner Zeit die Tötung von Mitmenschen um der Wahrung der eigenen Ehre willen legitimiert. Eine der herausragenden Gestalten der bayerischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts, der akademische Lehrer eines Johann Michael Sailer, einer der es intellektuell mit dem großen Immanuel Kant aufnahm, stand mit einem Mal als ein Dunkelmann da, nicht wert, im Gedächtnis der lokalen Schuljugend gehalten zu werden.

Zur Ehrenrettung des angeblichen „Ehrenmörders“ trat indes kein geringerer an als der Altmeister der bayerischen Gelehrtengeschichte. Die Schnelligkeit und Schlagkraft, mit der Alois Schmid dieses Geschäft besorgte, wird nur übertroffen von der Gründlichkeit, die er dabei an den Tag legte. Keine der zahlreichen und umfangreichen Schriften des Vielschreibers Stattler bleibt unregistriert, kein Lebenszeugnis unaufgesucht, kein Urteil von Zeitgenossen unbeachtet. Nicht weniger als drei Dutzend Archive, Bibliotheken und Museen, vom Stadtarchiv Bad Kötzing bis zum Vatikanischen Geheimarchiv in Rom (Archivio Apostolico Vaticano), wurden konsultiert, das gesamte bisherige Schrifttum über Stattler, beginnend mit Sailers Nachruf, verarbeitet.

Jedes einzelne Dokument wird dabei einer sorgfältigen, allseitigen Betrachtung unterzogen. Als Beispiel sei hier nur angeführt die mustergültige Untersuchung über das einzige Porträtbild Stattlers, eines der wichtigsten biographischen Zeugnisse aus seinem mittleren Lebensabschnitt, das heute verschollen ist, aber um so größere Beachtung verdient, als von Stattler, der lieber Bücher als Briefe verfaßte, kaum eine Handvoll persönlicher Schreiben erhalten ist. Schmid kann, allein auf der Grundlage eines historischen Kleinbildnegativs und einer Kopie aus dem Jahr 1976, mit geradezu detektivischem Spürsinn plausibel machen, daß das Porträt in die Bildnisreihe der Stadtpfarrer von Ingolstadt-St. Moritz gehört haben muß, und weiß es ikonologisch bis in jedes Darstellungsdetail als Ausweis einer „selbstsicheren, statusbewussten und zeitaufgeschlossenen Gelehrtenpersönlichkeit“ auszulegen.

Mit analoger Akribie werden alle Lebensstationen Stattlers systematisch ausgeleuchtet, beginnend mit dem familiären Hintergrund des Beamtensohnes aus dem Bayerischen Wald über die Schulbildung bei den Benediktinern in Niederaltaich und den Jesuiten in München bis zum Eintritt in den Orden und dem Studium der Philosophie und Theologie in Ingolstadt. Die darauffolgende zwanzigjährige Lehrtätigkeit in verschiedenen Instituten des Ordens ist biographisch wenig faßbar. Um so präziser wird dafür die berufliche Wirksamkeit auf dem wichtigen Dogmatiklehrstuhl in Ingolstadt, dann als Stadtpfarrer in Kemnath und schließlich als Privatgelehrter und Mitglied des kurfürstlichen Geistlichen Rates in München umschrieben, wobei auch die Widerstände nicht übersehen werden, die der zum Einzelgängertum neigende Stattler hervorrief und die in der kirchlichen Indizierung einiger seiner Schriften gipfelten.

Die literarische Produktion Stattlers, die Zigtausende Druckseiten und Manuskripte umfaßt und bis 1780 ausschließlich in anstrengendem Jesuitenlatein gehalten war, kann allein schon aus Zeitgründen kein einzelner Sterblicher vollständig durchmustern. Auch thematisch birgt sie große Herausforderungen, umspannt sie doch die gesamte Theologie und Philosophie der Zeit, welch letztere bekanntlich auch die Naturwissenschaften in ihren Bereich zog. Schmid bringt mit sicherer Hand Ordnung in den kaum überschaubaren Bestand, unterscheidet drei Schaffensperioden, von denen die letzte bisher verkannt war, und kann nebenbei die Zahl der bekannten Schriften Stattlers um stolze 22 Nummern auf nun 76 vergrößern.

In mehreren Schritten führt Schmid dann entlang bestimmter Leitfragen, etwa nach der Konfessionsauffassung, dem Staatsverständnis oder dem politischen Horizont, in das Denken Stattlers ein. Daß das Hauptaugenmerk auf die von ihm gelehrte Ethik und weniger auf seine kritische Auseinandersetzung mit der Philosophie Kants gelegt wird, erklärt sich mit Blick auf den äußeren Auslöser des Buches von selbst.

Schmid erschließt ausführlich, indem er die Aussagen Stattlers, die zum Stein des Anstoßes wurden, in ihren sachlichen Zusammenhang rückt, daß von einer „Mordlehre“ selbstverständlich keine Rede sein kann. Er beläßt es jedoch nicht dabei, das journalistische Mißverständnis aufzuklären, sondern analysiert nach allen Regeln der Kunst auch noch im Detail die historische Genese dieses Mißverständnisses. Dazu rollt er, wirklich keine Mühe scheuend, einen Kriminalfall aus dem Jahr 1813 auf, in dem der Delinquent sich mit der Berufung auf Stattlers Ethik zu entlasten suchte, aber damit natürlich nicht davonkam. Auf der Grundlage der Prozeßakten kann Schmid nachweisen, daß die völlige Verzeichnung der Lehre Stattlers den literarischen, auf poetischen Effekt, nicht historische Treue bedachten Ambitionen des ansonsten verdienten und zu Recht berühmten Juristen Paul Johann Anselm von Feuerbach geschuldet war, dessen Fallschilderung von 1828 in unkritischen Händen zum Angriffswerkzeug gegen Stattlers guten Ruf werden konnte und wurde.

Erneut den äußeren Anstoß für sein Buch aufgreifend, erörtert Schmid schließlich in gebotener Ausführlichkeit die Eignung des gebürtigen Kötztingers Stattler als Namenspatron für das örtliche Gymnasium. Die umfassende Würdigung der Gesamtpersönlichkeit Stattlers und der Blick auf sein großes bildungspolitisches Engagement führen Schmid dabei zu der Bewertung, für die ihm ob ihrer völligen Klarheit die Entscheidungsträger sicher dankbar sind: „Es besteht keine Veranlassung, über eine Namensänderung auch nur nachzudenken.“

Zu danken haben Alois Schmid für sein neues Werk freilich nicht nur die Kötztinger, denen er zweifellos die gelehrteste Würdigung geschenkt hat, die je einem der ihren zuteil wurde. Dankbar müssen ihm vielmehr alle sein, denen es um die geistige Gestalt des Landes irgend zu tun ist. Ihnen hat Alois Schmid einen Schlüssel an die Hand gegeben, mit dem sie bestens geleitet in die Welt des Benedikt Stattler eintreten können. Die akademische Forschung kann sich über ein neues zuverlässiges Basiswerk freuen, das auf lange Sicht unverzichtbar sein wird bei allen Bemühungen, die geistige Welt des alten Bayern weiter zu erschließen.