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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Maria Halbritter

… Warum nicht weiter in die Schule gehen wie meine Brüder? Die Frauengeneration zwischen Kaiserreich und Republik. Ameli Baumgartner. Eine Lebensgeschichte aus dem Passauer Land

Passau 2022, Ralf Schuster, 312 Seiten, 81 Abbildungen


Rezensiert von Cora Alina Blau
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 28.07.2023

Die erste Hälfe des zwanzigsten Jahrhunderts war von großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen gekennzeichnet. Wie sich der Lauf der Geschichte auf ein Einzelschicksal auswirkt, noch zudem auf das einer Frau, untersucht Maria Halbritter in dieser Biografie über Ameli Baumgartner. Anhand ihres Lebens sollen die Herausforderungen veranschaulicht werden, mit denen sich die Frauengeneration nach dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen musste und Muster aufgedeckt werden, die nicht zuletzt für die heutige Zeit relevant sein können.

Das Anliegen des Werkes ist es, einen Zusammenhang zwischen der „großen Geschichte“ und dem privaten Leben Ameli Baumgartners herzustellen, welche stellvertretend für die Mehrheit der „normalen“ (S. 10) Frauen ihrer Generation steht. Zentraler Untersuchungsgegenstand ist die Geschichte von Denkmustern in Bezug auf Bildung und Geschlechterrollen. Diese Konzepte existieren auf gesellschaftlicher Ebene, haben jedoch immer Auswirkungen auf das private Leben und sollen deshalb durch die ausführliche Behandlung eines Einzelbeispiels veranschaulicht werden. Entsprechend kann und will das Werk keine umfassende wissenschaftliche Abhandlung dieses gesellschaftlichen Wandels sein, sondern bietet dem Leser oder der Leserin eine ergänzende und individuelle Perspektive. Schwerpunkt des Werkes sind die Jahre von 1914 bis 1951. Amelis Leben wird chronologisch aufgebaut und in wichtige Lebensabschnitte gegliedert beschrieben. Außerdem bietet die Biografie noch einen Stammbaum sowie ein umfangreiches Anmerkungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis. Das Werk ist als freie Monografie publiziert worden, welche durch den Verein für Ostbairische Heimatforschung e.V. Passau gefördert wird. Quellentechnisch stützt sich das Werk neben familienbezogenen Quellen im Archiv des Bistums Passau, im Staatsarchiv Landshut und Dokumenten aus dem Ordensarchiv der Congregatio Jesu in München auf Korrespondenzen, Mitschriften und Tagebucheinträge Ameli Baumgartners.

Die Autorin Maria Halbritter selbst zählt zur Familie. Es handelt sich bei Ameli Baumgartner um ihre Mutter. Auch zu weiteren Familienmitgliedern hat Halbritter biografische Studien verfasst: so eine Biografie zu Anton Halbritter (1896–1954), einen katholischen Geistlichen, sowie „Die Buchhandlung Neuefeind“, die von Ameli Baumgartners Mann Josef Neuefeind handelt. Alle drei Bücher geben eine individuelle Perspektive wieder, die durch den ähnlichen Zeitrahmen und die prominente Rolle der katholischen Kirche im Leben der Personen verbunden ist. Das Thema der Bildungspolitik, welches im vorliegenden Band eine zentrale Rolle spielt, findet sich auch im Lebenslauf der promovierten Autorin wieder: nach einem Germanistik-, Geschichts- und Politikwissenschaftsstudium hat Halbritter als Lehrerin und Schulleiterin gearbeitet und weitere Werke zu Bildungspolitik und Schulpädagogik veröffentlicht.

Die ersten fünf Kapitel schildern ausführlich den Herkunftsort und die familiäre Vorgeschichte Amelis sowie ihren Wunsch, zur höheren Mädchenschule gehen zu wollen. Die Familie Baumgartner verfügte über Hausangestellte, war mit dem Bürgermeister verwandt, führte ein Kaufhaus und besaß neben weiteren Grundstücken „drei oder vier“ Häuser in der Stadtmitte (S. 20). In dieses gehobene Lebensumfeld wurde Ameli 1908 hineingeboren. Dass es der Familie dann im Ersten Weltkrieg „wie allen Familien“ (S. 45) ergangen sei, trifft insoweit zu, als dass der Vater fehlte, der Betrieb von der Ehefrau geführt und die Kinder unter schwierigeren Umständen ernährt werden mussten. Die wirtschaftliche Stellung erleichterte jedoch den Alltag. Welche Partizipationsmöglichkeiten gab es nun für Frauen, während der Krieg andauerte und die Lebensmittel knapp wurden? Es kam im Sinn des Kriegspatriotismus zur Organisation von Kriegswallfahrten, zu Spendenaktionen, Engagement im „Nationalen Frauendienst“, einem großen Projekt ehrenamtlicher Sozialarbeit, oder im katholischen Mütterverein. Die Frauen der Familie Baumgartner haben sich – wenn überhaupt – nur in letzterem beteiligt. Engagement von Frauen wurde – stark beeinflusst durch die katholische Kirche – häufig mit Opferbereitschaft verknüpft. Hier wäre es interessant gewesen, die kurze Erwähnung von Frauen, die sich international pazifistisch engagiert haben, weiter auszuführen. Aus einer konservativen, politisch distanzierten Familie stammend ist es deshalb erstaunlich, dass Ameli ohne direktes Vorbild von sich aus eine höhere Mädchenschule besuchen wollte.

Die höhere Mädchenschule Freudenhain in Passau, ein Institut der Englischen Fräulein, an der Ameli 1925 den mittleren Schulabschluss ablegte, war katholisch geprägt und vermittelte weiterhin das Leitbild der jungen Frau, welche Bildung als Vorbereitung auf ihre zukünftige Rolle als Mutter, Ehe- und Hausfrau anstrebte. Die von den weiblichen Orden getragenen Mädchenschulen lieferten einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung der Mädchenbildung. Inwiefern Religion und Bildung zu trennen sei, war politisch heftig umstritten. Das galt auch für das Fach „Staatsbürgerkunde“, sodass sich keine politische Bildung etablieren konnte. Während der instabilen Zeit der Weimarer Republik – sie verunsicherte viele junge Menschen in ihrer Zukunftsplanung – wollte Ameli zwar gerne das Abitur ablegen und dachte über ein Studium nach, kehrte jedoch wieder nach Hause zurück, um ihre Eltern nicht weiter finanziell zu belasten. Sie beteiligte sich nicht an den „erfahrbaren Veränderungen ihrer Zeit“ und zeigte auch kein Interesse an gesellschaftspolitischen Themen (S. 155).

Nach dem überraschenden Tod des Vaters war eine Fortsetzung der Schule endgültig ausgeschlossen; denn Ameli musste zu Hause helfen. In Folge der Weltwirtschaftskrise bot das elterliche Kaufhaus keine tragfähige Zukunftsperspektive mehr und die Frage nach eigener Zukunftsplanung war ungelöst. Nach dem Tod von Amelis Mutter nur wenige Jahre später war sie auf sich allein gestellt, das Kaufhaus musste verkauft werden. Was Ameli über die ‚Machtergreifung‘ der NSDAP 1933 dachte, bleibt spekulativ. „Vermutlich“ hat sie die Geschehnisse abgelehnt (S. 199). Es begann eine Zeit des Konformitätsdrucks, gerade im mittelstädtischen Umfeld. Um sich finanziell abzusichern, begann Ameli zu arbeiten, erst als Buchhalterin, danach in der Verwaltung des Bundes Deutscher Mädel, schließlich als Sekretärin in einem Münchener Verlag, in dem sie ihren späteren Ehemann Josef Neuefeind kennenlernte. Ob zu dieser Zeit Kontakt zu jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen bestand „wissen wir nicht“; „vermutlich“ fühlte Ameli aber, dass den Juden zu dieser Zeit „Unrecht“ angetan wurde (S. 229). Nach der Heirat mit Josef stand das Hoffen auf privates Glück im Vordergrund.

Dieser wurde beruflich nach Berlin versetzt, während Ameli dort als Hausfrau tätig war. Sowohl in München als auch in Berlin besuchten Ameli und Josef katholische Gottesdienste, in denen das NS-Regime kritisiert wurde – eine passive, aber dennoch politische Positionierung. Schließlich kam es zum erneuten Umzug 1941 nach Gleiwitz in Schlesien mit dem Ziel, dort eine eigene Buchhandlung zu eröffnen. Welche Gewaltaktionen Ameli gegen die jüdische Bevölkerung beobachtet hat, „bleibt offen“ (S. 258). Wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ wurde Josef schließlich von der Gestapo verhaftet und verurteilt, Ameli musste das Geschäft übernehmen und sich allein um die mittlerweile zwei kleinen Kinder kümmern. Vor dem Hintergrund der nahenden Front am Ende des Zweiten Weltkrieges floh Ameli mit den Kindern zurück nach Passau, wo sie bei ihrer Schwester unterkommen konnte. Nach Kriegsende wurde Josef aus der Haft entlassen. Es erfolgte nach einigen Zwischenstationen die Gründung einer eigenen Buchhandlung und Wiederaufbau einer mittelständischen Existenz in Passau.

Zusammenfassend gelingt der Autorin eine flüssige Verknüpfung großer Ereignisse mit der lokalen Mikroebene bzw. dem Einzelschicksal Amelis. Die vielen Abbildungen veranschaulichen die Thematik. Schade ist, dass die Texte auf den abgedruckten Bildern wegen der kleinen Schriftgröße nicht immer gut zu lesen sind. Mit der Biografie der Katholikin, Mutter und Geschäftsfrau untersucht der Band ein konkretes Beispiel aus dem Passauer Land. Damit trägt er zum Forschungsdesiderat der Geschichte der bayerischen Frauenbewegung bei. Deren katholische Ausprägung ist bislang fachwissenschaftlich viel zu wenig gewürdigt worden. Ein besonders aussagekräftiges Beispiel dafür ist Ameli jedoch nicht. Ihre Rolle als „Führsprecherin und Unterstützerin von gleichen Bildungschancen für beide Geschlechter“ (S. 281) beschränkte sich auf den vorpolitischen, privaten Raum. In diesem Zusammenhang verharren viele Überlegungen der Biografie im Bereich bloß spekulativer Andeutungen. Interessant wäre zudem eine weitere Kontextualisierung mit den Lebensläufen anderer katholischer Frauen gewesen, wie z.B. der BVP-Politikerin Ellen Ammann, über die 2020 eine von Adelheid Schmidt-Thomé verfasste Biografie erschienen ist (Nikola Becker, in: ZBLG 83 [2020], 831–833).