Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Elisabetta Lupi/Jonathan Voges (Hg.)

Luxus. Perspektiven von der Antike bis zur Neuzeit

Stuttgart 2020, Franz Steiner, 266 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-515-13259-6


Rezensiert von Wolfgang Brückner
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 07.09.2023

Wer heutzutage diesen Titel liest, denkt gewiss sofort an den Luxus-Protz unserer Zeit, etwa bei russischen Oligarchen und arabischen Ölmagnaten. Die Objekte der ersteren geistern gerade optisch durch die Medien, weil sie zum Teil beschlagnahmt werden; die der letzteren kennt jedermann aus den Rekord-Übertrumpfungen der höchsten Gebäude der Welt. Im Städtebau gibt es das Problem der im Grunde die längste Zeit unbewohnten exklusiven Wohnviertel mit aufwendigen Villen und deren Parks, bekannt für Prestigeadressen in London und anderswo. In beliebten Häfen aller Meere gibt es Tummelplätze für exorbitante Jachten, jede größer als die der regierenden Fürstenhäuser beispielsweise, bisweilen regelrechte Privatschiffe vom Ansehensanspruch so wie einst die Goldgaleere des Dogen von Venedig. Oder gar die Flieger, genannt Jet; eines dieser Flugmonster sucht die geheiligte Number One der Airforce des Präsidenten der USA zu überflügeln. In das Überbietungsspiel der Superreichen mischt sich längst der Kunstmarkt, denn sie brauchen zu horrenden Preisen auch bestimmte moderne Kunstwerke an großen Wänden. Wer kann sich derzeit keinen Gerhard Richter leisten? Das alles pflegen wir Luxus und seine Folgen zu nennen. Es spielt sich allerdings in Gesellschaftsschichten der finanziellen Größenordnungen ab, von denen wir zu sagen pflegen: Die schwimmen im Geld. Gibt es keinen „anständigen“ Luxus, oder genauer formuliert: einen mit positivem kulturellem Hintergrund? Ist „luxuriös“ immer schäbig? Hier könnte man an den antiken Euergetismus oder die christliche Wohltätigkeit denken (Paul Veyne).

In der Vergangenheit gab es längst Leuchttürme, Gartenkünste, Grabmäler aller Größen, Essensorgien auf Gastmählern, wie von Veronese malerisch imaginiert, in der Neuzeit dann Salon-Eisenbahnzüge und aufwändige Schnelldampfer, immer aber schon wertvolle Schmuckpreziosen und Edelmetall-Kunstfertigkeiten und die teuren Modeverrenkungen mit wechselnden Geschmäckern und Materialien. Von angeblich „wilden Völkern“ hingegen kennen wir das Phänomen des Potlatsch, vor allem einst bei der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung („Indianern“). Es handelte sich um ein Fest des öffentlichen Gabenaustauschs zur Erlangung sozialer Wertschätzung, also um Verzicht auf Eigentumsschätze um des Luxus’ des Ansehens wegen. Das führte, positiv betrachtet, zur Tatsache, dass es zu keiner dauerhaften Anhäufung von Reichtum kam und damit nicht zu überproportionaler Macht in einzelnen Händen. Insoweit gehört diese Variante zum rein pekuniären Aspekt und seit der Erfindung des Geldes zu einem Problem monetären Wertstands.

Historisch variabel ist weiterhin die sogenannte Armutsgrenze. „Wir“ (die einstige Volkskunde) besaßen für die Vergangenheit eine ideelle Luxus-Definition, die bisweilen alle Güterproduktion über die Subsistenzerhaltung hinaus meinte, jedoch die reale soziale Wirklichkeit von Armutsgrenzen (heute per Verwaltungsreglements) und historischen Wohlstandsstandards ignorierte (z. B. dass gegenwärtig in gerichtlichen Schuldeintreibungen bei sozial schwachen Familien der Fernseher nicht gepfändet werden darf). Jedenfalls wurde damit für besondere historische Situationen erklärt, wie es in bestimmten, meist ländlichen Bevölkerungskreisen zu identitätsstiftenden sogenannten Volkskunstprodukten kommen konnte. Deren ästhetische Normierungen oder schleichende Veränderungen schienen zum Teil auf Kulturfixierungen zu verweisen, denen lokale ökonomische Luxus-Stagnationen zu Grunde lagen, sprich allgemeine Prosperitätseinbußen.

Andererseits befassten wir uns in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fleißig mit der Industrialisierung volksläufig werdender Massenware, zum Beispiel der „Bilderfabriken“ und deren sich „Luxuspapierhersteller“ nennender Verbandsorganisation. Damit sind spezielle „Dinge“ in der Diskussion, was inzwischen ein euphemistischer Hilfsbegriff für die forschungsstrategisch oft ungeliebte materielle Kultur geworden ist, über deren Bedeutungen (und die dazugehörigen Konstrukte) anspruchsvoll geredet werden kann. Da kommen dann Authentizität und symbolisches Kapital ins Spiel sowie moderne Medialitäten. Historiker der Frühen Neuzeit, die sich mit Konfessionalisierung des Christentums beschäftigen, interessieren sich für die unterschiedlichen Positionen zur sogenannten „Welt“ als verklärtem oder zu verbergendem Lebensraum des Wohlstands. Der Schweizer Peter Hersche bescheinigt den Katholiken des Barock „Muße und Verschwendung“ und der Amerikaner Simon Schama dem Kulturprotz der calvinistischen Niederländer die religiöse Peinlichkeit ihres Reichtums als „Überfluß und schönen Schein“. Dass auch Kulturraffinement aus asketischen Reduktionen entstehen kann, haben Kunsthistoriker schon immer gewusst und entsprechende Verhaltensweisen von wirtschaftlich erfolgreichen kirchlichen Orden und stilbildenden reformatorischen Sekten beobachtet. Diese haben sozusagen den Gott des Geldes sublimiert.

Soweit meine eigenen Assoziationen zum Thema vor der Lektüre. Wovon aber handelt das zu rezensierende Buch? Dessen Texte gehen auf eine wissenschaftliche Tagung des Historischen Seminars der Leibniz Universität Hannover im Februar 2020 zurück. Das Programm unterteilte in Epochensektionen (Antike, Mittelalter, Zeitgeschichte) und es ging in der Regel um schriftliche Quellen und deren Interpretation, genannt Luxusdiskurse der Vergangenheit. Deshalb handelt die Einleitung von Elisabetta Lupi und Jonathan Voges von „Vier Beispielen für eine Streitgeschichte des Luxus“ und über „Luxusdiskurse als Spiegel der Gesellschaft“, nämlich die „Debatte seit dem 19. Jahrhundert“, und schließlich von „Luxusforschung, ein Epochen übergreifender Dialog“. Soweit also das Programm mit anschließender Bibliografie.

Unter der Überschrift „Paradigmen der Forschung. Luxus und Regierungsformen“ beschreibt der erste Beitrag von Jan B. Meister (Althistoriker, Universität Bern) „Luxusbeschränkung und antike Demokratie“ in Athen (31), „Luxus und Demokratie vor dem Ende des 19. Jahrhunderts“ (34), „Archaische Standeskämpfe und Luxusgesetze“ (38), „Der Staat des gleichen Stimmrechts und die Angst vor der Masse“ (39), „Luxusgesetze, Demokratie und das Abendland im 20. Jahrhundert“ (44). Es folgt das Kapitel „Das Sombart’sche Weibchen? Luxus und Geschlecht“. Melanie Meaker (Doktorandin, Universität Mannheim) befasst sich mit „Luxus und Geschlechterrollen im archaischen Griechenland“ nach dem Motto „Von Blumenkränzen, Salböl und Pupurgewändern“ und zwar verstanden als „Problemaufriss“ (51), darunter „Luxusgüter und -praktiken im archaischen Griechenland“ (54), „Luxus als Merkmal der Geschlechterdifferenz?“, nämlich „Nach Weibersitte?“ (56), „Zwischenbilanz: Luxuskonsumentinnen in der archaischen Dichtung“ (64), „Luxus im Lichte archaischer Geschlechterrollen“ (66), „Resümee und Ausblick“ (74). Der Text von Jonathan Voges (Privatdozent am Historischen Seminar, Fachgebiet Deutsche und Europäische Zeitgeschichte, Universität Hannover) trägt die Überschrift „Ein Luxus(fremd)körper in der ‚nivellierten Mittelstandsgesellschaft‘?“, aufgezeigt am Beispiel von Rosemarie Nitribitt in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre, sprich „Die Edelhure als Spiegel der Luxusdiskurse ihrer Zeit?“ (81), „Siegeszug des Weibchens? Theoretischer Hintergrund“ (83), „(K)eine Gesellschaft im Überfluß“ (86), „Das Mädchen Rosemarie“ (87), „Die SL-Leihdame. Rosemarie Nitribitt und der Luxus in den 1950er Jahren“ (89), „Schluss: Ehrenrettung der Industriekapitäne?“ (96).

Der Kopenhagener Privatdozent für klassische Archäologie Beritt Hildebrandt führt in den Bereich „Imitation und/oder Erfindung? Luxus der Anderen“ ein mit seinem Artikel „Vulgäre Imitatoren oder Trendsetter? Antike und moderne Diskurse um den Luxus der Freigelassenen“ (103), „Der Konsum des Trimalchio im Vergleich zum Konsum der traditionellen Elite“ (107), „Verkehrte Welt? Statusrepräsentation und Machtanspruch“ (114), „Die Freigelassenen und der Kaiser“ (119), „Freigelassene als Händler von kostbaren Gütern aus dem Osten“ (121), „Freigelassene als Trendsetter?“ (122). Der emeritierte Ausburger Anglist und Frühneuzeitforscher Wolfgang Wüst bestreitet aus der Fülle seiner Materialien ein bilderreiches Kapitel zu „Luxus macht erfinderisch. Ökonomische Zwänge und Repräsentationsverpflichtung unter Mindermächtigen im Alten Reich. Fallstudien aus Süddeutschland“. Er beginnt mit „fehlender Luxus“ (127), es folgen „Finanznöte, Improvisation und luxuriöse Träume: Hofmusik und Hoftheater im Hochstift Augsburg“ (135), „Exklusivität“ (140), „Ergebnisse“ (145). Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Alten Geschichte an der Universität Hannover Elisabetta Lupi beginnt die Sektion „Prestige und Karrierewege. Politik, Ökonomie und Luxus“ mit „Der Kleideraufwand des Alkibiades und der Vorwurf der Tyrannis. Ein Diskurs über die sozio-ökonomischen Kosten des Luxuskonsums in der demokratischen Polis Athen“ (153) mit den Unterkapiteln „Das Konsumverhalten des Alkibiades: Luxuriöse Verschwendung und tyrannische Haltung“ (156), „Konsum und Gerechtigkeit: Der Nutzen des Reichtums“ (162), „Der Kleiderluxus des Alkibiades und der ökonomische und ideologische Wert von Textilien“ (169), „Die ideale Schlichtheit der Athenischen Kleider“ (174), „Fazit: Luxus – Nur Protz und Prunk?“ (175). Die Althistorikerin und akademische Rätin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg Anabelle Thurn schreibt über „Luxus in der politischen Debatte des antiken Rom“, indem sie vom „Luxusvorwurf“ ausgeht (179), „Das Beispiel Piso: Grenzen des statusangemessenen Konsums“ (182), „Das Beispiel Catilina: Devianz beim Gastmahl“ (185), „Resümee“ (192) Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropa der Universität Oldenburg, Benedikt Tondera, handelt von der „Rolle des Luxus in Autobiographien hoher Beamter im späten Zarenreich“ und zwar unter dem Motto: „… und Sie erscheinen an der Türschwelle in all ihrer Herrlichkeit“, ausgehend vom Problem der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (197) geht es um, „Reiche Landschaften, bescheidene Menschen: (fehlender) Luxus in der Beschreibung von Regionen und gesellschaftlichen Gruppen“ (200), „Luxus als biographisches Element: Statusinszenierung und demonstrativer Konsum als Karrierestrategie“(206), „Fluchten aus dem Alltag: Eskapismus unter Beamten“ (210), „Fazit: Die narrativen Funktionen des Luxus in Beamtenautobiographien“ (213).

Der Professor für Alte Geschichte an der Universität Hannover Gunnar Seelentag nimmt in der Sektion „Austerität der Eliten. Luxus, (Selbst)Beschreibung und Distinktion“ in dem Blick: „Austerität als Ausdruck von Kartellbildung“, verstanden und am „Beispiel Kretas in archaisch-klassischer Zeit“ erläutert (223), „Der Befund der materiellen Kultur“ (224), „Kartellbildung: Die Institutionalisierung von Kooperation“ (226), „Ethische Homogenisierung durch Institutionen“ (229), „Kartellteilhaber und andere“ (233). Die Hannoveraner Professorin Michaela Hohkamp äußert sich in „Explorationen zu einem epochenübergreifenden Thema aus der Perspektive einer Frühneuzeithistorikerin“ unter der Überschrift: „Luxus – Dispositiv ‚im Spiel der Macht‘“ (241) über „Luxus im epochenübergreifenden Vergleich“ (242), „Heterogene Ensembles” (243), „Formation“ (244), „Diskurse“ (245), „Luxus begrenzen – Macht einhegen“ (246), „Notdurft und Hausnotdurft“ (250), „Epilog“ (253).

Nach einem derartigen Überblick zum „geschichtswissenschaftlichen Workshop“ wird Vieles der Veranstaltung sehr deutlich. Voran Althistoriker, die bekanntlich von England her schon im vorigen Jahrhundert explizite Kulturgeschichte betrieben haben, mischen das gewichtige Feld „Luxus“ auf und zwar vornehmlich anhand von Texten und Diskursen. Wer da von uns anderen mitreden möchte, vermag das höchstens in der lockeren Form meines langen extemporierten Vorspanns zu tun. Die angedeuteten Ausflüge in die Gegenwart dürften am meisten interessieren.