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Maximilian Jablonowski

Imagine Drones. Kulturanalyse ziviler Drohnen

(Kaleidogramme 199), Berlin 2022, Kadmos Kulturverlag, 367 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-86599-518-6


Rezensiert von Anne Dippel
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2023

Das Zeitalter des Spektakels schenkt auch eine Blüte neuer Schöpfungsmythen. Jede technologische Entwicklung gebiert in ihm, einer Hydra gleich, neue Erzählungen, an denen Marketing- und Designabteilungen feilen, die mit dem Gadget frei Haus geliefert werden. Ein Produkt stellt nicht allein Gegenstand oder Ding dar. Es ist Ausdruck von Lebensstil. Es dient als Medium. Und manche Objekte leiten gar gleich eine neue Ära ein. Zum Beispiel die zivile Drohne: Ihren Bildwelten und Geschichten widmet Maximilian Jablonowski seine 2022 bei Kadmos erschienene Kulturanalyse.

Wer wissen möchte, wie sich Technik in „alltägliches Handeln und Denken, aber auch [...] Fühlen, [...] Träume und [...] Zukünfte“ hineinbegibt und was etwa Drohnen dort „machen“, „welche Gegenstände, Gedanken und Gefühle sie in Bewegung setzen oder zum Absturz bringen“ (18), hat mit diesem Buch die richtige Wahl getroffen. Gleich auf den ersten Seiten lernt die Leserin etwa, dass die Ursprungsmythen ziviler Drohnen in zwei Traumfabriken zu finden sind – beide gelegen am äußersten Rand des imaginierten Westens, in Kalifornien. In Drohnen kommen Moderne und das Digitale zusammen – sie sind gleichsam Medien, in denen sich Hollywood – gebaut auf dem Land der Ohlone – und das Silicon Valley – gelegen auf dem ehemaligen Territorium der Chumash – zu einem Dispositiv verfugen.

Drohnen stellen somit einen klaren Fall für die Erzählforschung dar. Und an dieser Tradition wirkt die Studie, zugleich eine Doktorarbeit an der Universität Zürich, mit. Findet hier Technik durch die Erzählungen von und über Drohnen Eingang in die Narratologie, öffnet sich in ihr immer zugleich auch komplementär der Raum der von den Science und Technology Studies besonders inspirierten kulturwissenschaftlichen Technikforschung für den reichen Schatz an Bildern, Wörtern, Tropen, wie sie nun einmal die Welt der Märchen und Sagen bereithält. Als Bindeglied zwischen diesen beiden weit voneinander entfernten Wissensgebieten des Vielnamensfachs wählt Jablonowski die Conjunctural Analysis. Dadurch wird in der vorliegenden Arbeit das Dispositiv Drohne zu einer materiell-semiotischen Verdichtung, die eine „Kulturanalyse des Gegenwärtigen“ (33–43) erlaubt.

Auf diesem Weg demonstriert der Autor daher nicht allein kulturanthropologische Wissenschaft auf höchstem Niveau – theoretisch gesättigt, empirisch fundiert und erzählerisch eingängig –, er versorgt gleich verschiedene Bereiche der weit ausgespannten Empirischen Kulturwissenschaft mit neuen Impulsen. Jablonowski entwickelt in „Imagine Drones“ einen genuin der ethnologischen Tradition in volkskundlicher Ausprägung verpflichteten Zugang, der die Crème de la Crème des fachlichen Wissensbestandes der vergangenen Jahrzehnte auf der Basis akribischer Forschung und einem dadurch harmonisch verwobenen Glossar von Handlungen, Empfindungen und Begriffen in Dialog bringt. Jablonowski ist dabei mehr als ein Moderator: Eine tiefe Belesenheit spricht aus jeder Zeile, gepaart mit dem Willen, Dingen eine Bühne zu geben und der Lust, kulturanalytisch erzählen zu wollen. Sie beeindruckt vom ersten bis zum letzten Satz des Buches.

Die vorliegende Arbeit füllt allerdings nicht bloß eine Lücke im Fach. Sie schlägt zugleich eine Brücke zu Medienwissenschaft und Techniksoziologie, denen das reiche Wissen der Erzählforschung ebenso wie der Sachkulturforschung in volkskundlicher Tradition abgeht, denen die kulturanthropologische Dimension fehlt, um tatsächlich zu verstehen, was Drohnen, als Inbegriff von „moving targets“ (Gisela Welz 1998, 32), „machen“. Sprachlich von analytischer Klarheit ebenso wie der Lust am metaphorischen Reichtum und einem harmonisch ausbalancierten Stil geprägt, stellt etwa das zweite Kapitel „Take Off“ aus der Sicht der Rezensentin eine der konzisesten Darstellungen der Methode der Conjunctural Analysis dar, die im deutschsprachigen Raum vorliegt; fußend auf der Grundlagenarbeit von insbesondere Moritz Ege. Dieses Kapitel etwa kann sich ausgekoppelt als nützlich für den Seminarkontext erweisen und sei jeder und jedem angeraten, die oder der nach einem geeigneten Instrumentarium sucht, um einer Kulturanalyse des Gegenwärtigen den passenden strukturellen Rahmen zu geben.

Nachdem das zweite Kapitel den Zugang der Conjunctures für die Kulturanalyse von Drohnen liefert, schließt sich eine Annäherung an den Gegenstand selbst an. Jablonowski erliegt dabei keinem positivistischen Erklärreflex. Er beschreibt neben der Frage, was genau eine zivile Drohne sei vor allem auch, welchen Dingen diese Drohnen „ähneln“ – getreu der postmodernen Erkenntnis, dass Gegenstände, sobald man sie kulturwissenschaftlich zu fassen versucht, sich im Prozess der „différance“ (Jacques Derrida) selbst entziehen.

Das vierte Kapitel nimmt die Frage in den Blick, was Kulturtechnik sei – wiederum in kunstvoll verschränkter Auseinandersetzung mit einem interdisziplinären Forschungsstand und empirisch analysierten Felddaten – und diskutiert dabei, wie „Mensch und technisches Objekt“ (99) verbunden sind. Neurobiologisches Wissen wird ebenso wie Wissensbestände der Aeronautik oder der Mechanik so vermittelt, dass sie einerseits Fach- und Feldfremden verständlich sind und andererseits als Teil eines technosozialen Erzählungsdispositivs erkennbar werden. Auch die nachfolgenden Kapitel beleuchten in gleicher überzeugender Weise Conjunctures oder Zusammenhänge, in die Drohnen als Dispositive hineinwirken und die sich wiederum auf Drohnen und ihre Existenz fundamental auswirken: „Innovation“ (123–182), „Kreativität“ (183–222), „Risiko“ (223–254), „Vertikalität“ (255–290) und nicht zuletzt „Zukünfte“ (291–316), die sich mit Drohnen verbinden. Die nanologische Kulturanalyse von Drohnen gibt somit große Narrative und Imaginäre digital geprägter Kulturen preis und Jablonowski will mit ihr auch einen dezidiert freud- und hoffnungsvollen „Blick über die Schulter nach vorne“ (316) werfen. In einem Feld, das stark von Technooptimismus oder ‑pessimismus geprägt ist, gelingt ihm zuletzt auch diese Gratwanderung.

Eine Kulturanalyse stellt – angesichts der Komplexität des jeweiligen Themas – immer eine große Herausforderung dar. Zumeist können die Ethnografin oder der Kulturwissenschaftler bloß den Anfang machen – im besten Fall neue Horizonte aufzeigen und den Lesenden selbst den Raum schenken, aus dem Dargelegten ganz eigene Fragen zu entwickeln. Der Rezensentin etwa schenkte die Lektüre von „Imagine Drones“ Fragen, die sie weg von Maximilian Jablonowski direkt in Roland Barthes „Die helle Kammer“ (Frankfurt am Main 1989) führten: Haben digitale Bilder von Drohnen ein „punctum“ und ein „studium“? Wie bildet sich mit Drohnenbildern Bedeutung und stiften Drohnen „jouissance“? Diese Fragen interessieren Jablonowski in „Imagine Drones“ zwar nicht, aber eben weil das Buch den Blick nach vorne richtet, sollen sie zum Abschluss dieser Rezension offen gestellt werden und stehen bleiben, als Dankesgabe an den Autor mitgegeben: Denn sie verweisen darauf, was Jablonowski durch sein erzähltheoretisches Durchdringen der Bricolage und Assemblage des Drohnenwesens, der Diskussion um Drohnen als Versprechen, der Analyse von Drohneningenieursarbeit ebenso wie Drohnenamateurfotografie aufzeigt: Dass sich in Drohnen der prometheische Traum vom Fliegen mit dem Traum der Vogelperspektive vereint und mit der Gabe des Bildes verbindet.

Durch Drohnen wächst das Imperium der Bilder ins Unermessliche. Dessen Medien und Agenten sind heute unzählbar. Auf Selfiesticks und in Händen, am Himmel und unter Wasser vervielfältigen sich die Bilder. Die mythopoiethische Kraft vervielfacht sich und zeichnet ein gestaltwandelndes Bild – berechenbar und unberechenbar zugleich. Vielleicht ist die Ära der Drohnen – auf deren schattigste Seite im Krieg dieses Buch kein einziges Schlaglicht wirft – auch die Zeit der totalen hellen Kammer, in denen das vektorisierte Bild durch sein Todesreich der Aufnahmen von Vergangenem in eine mediale Bedeutungslandschaft führt – die Erde, Leben, All ein neues Gesicht schenkt. Die Vektorisierung des Sichtbaren verwandelt unsere Beziehungen zum Imaginären und aus dem von Susan Sontag und Roland Barthes als Medium des Todes beschriebenen Moment der Fotografie entsteht durch die Konjunktur der Drohne, durch das Dispositiv der Drohne, ein neues Leben und neue Erzählungen.

Ein Buch, das zu solchen Gedankengängen verleitet, ist, um mit Gertrude Stein in bester gegenerzählerischer Tradition abzuschließen, ein gutes Buch, ist ein gutes Buch, ist ein gutes Buch.