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Aktuelle Rezensionen


Stephanie Großmann (Hg.)

„O'zapft ist!“ Das Oktoberfest aus literatur- und mediensemiotischer Perspektive

(Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik 17), Marburg 2022, Schüren, 304 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7410-0376-9


Rezensiert von Simone Egger
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 17.08.2023

Mit „O’zapft is!“ hat die Passauer Literaturwissenschaftlerin Stephanie Großmann 2022 einen Sammelband vorgelegt, der „das größte Volksfest der Welt“ und seine Rezeption in Film, Fernsehen, Literatur und sozialen Medien aus kulturwissenschaftlicher Sicht thematisiert. Die Publikation „setzt es sich zum Ziel, eine große Bandbreite literarischer, filmischer und medialer Texte, die das Oktoberfest in ihren Mittelpunkt rücken, in Bezug auf ihre semantischen Tiefenstrukturen zu untersuchen und dabei die analysierten Gegenstände v. a. aus einer semiotisch ausgerichteten Perspektive zu beleuchten, was bedeutet, sie in ihrer Textualität, Medialität und Kulturalität ernst zu nehmen“ (18). Der dreiteilige Band fokussiert zunächst – so die jeweiligen Überschriften – auf literarische und filmische Konzeptionen, für die das Oktoberfest in mehr als 200 Jahren immer wieder Impulse geliefert hat und bis heute liefert, und schließt mit dem Kapitel „Internationale Perspektiven“. Die insgesamt zwölf Beiträge werden von Stefanie Großmann – analog zum Festgeschehen – mit der titelgebenden Parole „O’zapft is!“ eingeleitet und im Kontext aktueller Ereignisse und Debatten inhaltlich vorgestellt. Ein weiterer, vierzehnter Beitrag, der sich gleichsam durch den gesamten Band zieht, stammt von der Münchner Kulturwissenschaftlerin und Fotografin Barbara Donaubauer, die sich in ihrer Langzeitdokumentation „Zwischenraum // Oktoberfest“ bereits seit 2001 mit der Phase „vor dem Fest“ befasst und auch die „Dezentralisierte Wiesn 2020“ ins Bild gesetzt hat. Die Fotos kommentieren die gesamte Publikation auf eine repräsentative Weise, was für das Oktoberfest als inszenierter Schauraum von wesentlicher Bedeutung ist.

Die Relevanz des von ihr gewählten Forschungsgegenstands macht Stephanie Großmann an vier zeitgenössischen Diskursen fest. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte das größte Volksfest der Welt 2020 und 2021 zum einen nicht wie geplant auf der Theresienwiese stattfinden, etwas, das in der Geschichte des Oktoberfests wiederholt vorgekommen, in den letzten Jahrzehnten aber gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Ersatzweise wurde erstmals eine dezentrale „Wirtshaus-Wiesn“ in München veranstaltet, die Fahrgeschäfte sind auf Plätze in der Innenstadt verteilt worden. Zum zweiten jährte sich das Oktoberfest-Attentat, ein in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beispielloser, rechtsextrem motivierter Anschlag am 26. September 2020 zum vierzigsten Mal. Zum dritten nennt Großmann die Diskussion um das sogenannte „Donaulied“: Eine Passauer Studentin hatte eine Petition gegen Sexismus im Bierzelt gestartet. Ziel der Kampagne war es, dass das auch auf dem Oktoberfest beliebte Lied, in dem es um eine Vergewaltigung geht, aus den Repertoires der Festkapellen gestrichen wird. Zum vierten führt Stephanie Großmann die Serie „Oktoberfest 1900“ an. Während das Fest auf der Theresienwiese aufgrund der Pandemie gleich zweimal hintereinander nicht stattfinden konnte, liefen sechs Folgen des Historiendramas zunächst im nationalen TV und waren via Netflix anschließend auch international verfügbar. Alle vier Punkte machen deutlich, wie sehr das Festgeschehen als kulturelles und soziales Ereignis über die Abmessungen der Theresienwiese und die begrenzte zeitliche Dauer von zwei Wochen im September/Oktober hinausreicht und mit Diskursen der späten Moderne verbunden ist. In Anlehnung an Michel Foucault versteht Großmann das Oktoberfest als „Heterotopie“, als Gegenort im Lokalen. Die verschiedenen Beiträge zeigen, wie über das Spektakel als soziale Praxis und mediales Ereignis kontinuierlich Ordnung und Normalität hergestellt werden. Ausgehandelt wird zudem – und auch das lassen die Analysen nachvollziehen –, was in der Mehrheitsgesellschaft als „eigen“, „fremd“ oder „anders“ gilt.

Die Publikation beginnt mit dem Klassischen, mit der literarischen Bearbeitung des Oktoberfests, und eröffnet mit einem Beitrag von Thorsten Carstensen zur „Losgebundenheit der Lust“. Ausgehend von Jean-Jacques Rousseaus Einlassungen zum Volksfest zeichnet der Germanist die Genese des öffentlichen Volksfests in deutschsprachigen Ländern nach und fächert auf, wie „Volksfeste in der deutschsprachigen Literatur seit 1800“ thematisiert wurden. Seine Analyse setzt das Oktoberfest sowohl kulturhistorisch als auch literarisch über das Regionale hinaus in einen ideengeschichtlichen Zusammenhang. Die Literaturwissenschaftlerin Vera Bachmann konzentriert sich in „Drehmoment der Moderne. Karusselltexte im frühen 20. Jahrhundert“ auf das Motiv des Karussells, das unter anderem in Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ eine zentrale Rolle spielt und mit dem Moment des Kinos eng verbunden ist. „Das Bier mag der Treibstoff [des Oktoberfests] sein – der Motor der sozialen Umwälzungen, der emotionalen Gleichgewichtsstörungen und Schwindelgefühle ist das Karussell“ (51). Der Literaturwissenschaftler Günter Koch befasst sich mit der „Paradoxie als Strategie humoristischer Spannungserzeugung“ am Beispiel von „Karl Valentins Schriften zum Oktoberfest“. Selbst einmalig als Betreiber eines Fahrgeschäfts auf der Theresienwiese vertreten, hat sich Valentin als Künstler in Wort und Bild immer wieder mit der Skurrilität des Fests auseinandergesetzt. Wo, wenn nicht auf dem Oktoberfest, hätte er in dieser Dichte alltägliche „Abnormitäten“ und bizarre Szenerien beobachten können, um sie zu abstrahieren und in seinen Programmen – kritisch wie fasziniert, wie es im Artikel heißt – zur Schau zu stellen. Im darauffolgenden Kapitel schreibt der Literaturwissenschaftler Hans Krah über „Oktoberfestlyrik“ von 1835 bis 1993, beginnend mit dem Gedicht eines anonymen Verfassers bis hin zum Lied der Münchner Band FSK: „Wiesn-Texte sind geradezu eine Spielwiese für Textpoetik“ (109), es geht unter anderem um Individuation in Anbetracht einer allzu dominanten Homogenisierung, um Nobilitierung, Distanz und Pointierung. Lyrisch erscheint das Oktoberfest „eigen und anders, selten fremd“, wie es im Untertitel heißt. Zum Abschluss dieses literarischen Blocks widmet sich der Literaturwissenschaftler Martin Hennig dem populären Genre der Regionalkrimis, die das Oktoberfest als durchaus ambivalent zu verstehenden Identitätsraum aufmachen. „Mord mit Tradition“ lautet der Titel dieses Beitrags.

Der zweite Abschnitt des Bandes, die filmische Rezeption, beginnt ebenfalls mit einem Klassiker: „Mia san wer?“ lautet der Titel von Johanna und Magdalena Zorns Analyse zu „Herbert Achternbuschs filmischem Eingriff in das Oktoberfest“. Die Theater- und die Musikwissenschaftlerin kommen in der Untersuchung von Achternbuschs Film „Bierkampf“ von 1977 zu dem Schluss, dass die „dramatische Verdichtung des öffentlichen Lebens während des Oktoberfestes, das den Ausnahmezustand der Geselligkeit dramaturgisch verordnet, […] prädestiniert erscheint, um sie durch eine Dramaturgie der Störung künstlerisch zu demaskieren“ (148). Es folgt ein signifikanter Szenenwechsel: „Oktoberfest! Da kann man fest … Das Oktoberfest als Raum männlicher Machtkonsolidierung im Lederhosenfilm“ ist Gegenstand von Jan-Oliver Deckers Beitrag. Der Literatur- und Mediensemiotiker zeigt in seiner Filmanalyse, wie Geschlechterbilder und Stereotype des Stadt- und Landlebens in besagtem Erotikfilm von 1974 verhandelt werden. Die einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten queren mit dem Besuch auf dem Oktoberfest und in der Großstadt alteritäre und sogar alienitäre Durchgangsräume, um am Ende wieder in ihre Positionen zurückzukehren. Mit dem „Modell der rauschhaften Wiesn in (fernseh-)dokumentarischen Texten“ beschäftigt sich die Literaturwissenschaftlerin Miriam Frank. Wiederholt werden die „außerordentlichen“ Dimensionen des Fests filmisch in Szene gesetzt und damit hergestellt wie reproduziert. In ihrem Beitrag „Puking Fee und Happy Hour“ geht es ebenfalls um „die Verschränkung von Ordnung und Ekstase“, die sich „am Modell der rauschhaften Wiesn beispielhaft vorführen“ lässt (200). Im Fernsehkrimi ist „das größte Volksfest der Welt“ als Schauplatz und Thema ebenso präsent. In ihrem Artikel „Die Wiesn ist immer und überall. Zur Konstruktion des Oktoberfestes im Münchner Tatort“ stellen die Literatur- und Medienwissenschaftler Dennis Gräf und Thomas Stegmaier zwei Folgen des populären Formats vor, „die das Oktoberfest und die es umgebende Großstadt München defizitär und mit einem negativen Normen- und Wertekonzept, welches durchzogen ist von Kriminalität, Gewalt, Eifersucht und (sexueller) Gier“, inszenieren (220). Zusammen mit Jan-Oliver Decker analysiert die Herausgeberin Stephanie Großmann am Ende dieses zweiten Teils die 2020 erstmals im TV ausgestrahlte Serie „Oktoberfest 1900“. Unter der Regie von Hannu Salonen werden entlang einer fiktiven Familiengeschichte im Setting der Theresienwiese, so das Resümee der minutiösen Analyse, „antiquierte anthropologische Konzeptionen in einem ästhetisch aufwendigen und dramaturgisch mitreißenden, neuen Gewand – wie traditionsreiches, nach dem Reinheitsgebot von 1516 gebrautes Bier in neuen Flaschen“ (260) vermarktet.

Zwei Beiträge beschließen – und öffnen – den Band im dritten Teil unter der Überschrift „Internationale Perspektiven“. Der Medienwissenschaftler Hans J. Wulff schreibt über „Das globalisierte Oktoberfest oder Die Internationale der Feierenden? Von Bedeutungshorizonten gelebter Feste“ und spricht in seinem Beitrag etwas an, das „die Wiesn“ – um die das „Eigene“ markierende Bezeichnung aufzugreifen – von vielen anderen Veranstaltungen unterscheidet: Das Münchner Oktoberfest wird rund um den Globus exportiert. Dabei spielt der Umstand, dass grundsätzlich undefiniert bleibt, was das Feiern des Fests als Handlungskomplex zu beinhalten hat, eine ganz wesentliche Rolle. Hans J. Wulff kommt in seiner Analyse zu dem Schluss, dass das „Oktoberfest […] die äußerlichen Versatzstücke [liefert], die im jeweils besonderen Kontext neu zusammengesetzt werden“ (276).

Final schreiben Sophie Picard, Paula Wojcik und Sina Zarrieß über den Hashtag #oktoberfest und die „Twitterisierung einer kulturellen Ikone“. Transdisziplinär setzten sich die Literaturwissenschaftlerinnen und die Computerlinguistin mit einer wesentlichen Qualität des Oktoberfests und seiner schier grenzenlosen medialen Rezeption auseinander. Das ikonische Ereignis produziert einen Bedeutungsüberschuss, wie es im Artikel heißt, und dieser Überschuss lässt ambivalente Bilder und Emotionalisierung zu. An diesem Punkt können weitere Untersuchungen anknüpfen, liefert ein kultureller Komplex wie das Oktoberfest in der vielfach vernetzten Welt der Gegenwart doch kontinuierlich Texte und Bilder.

Außergewöhnlich ist zum einen, dass das Buch „ohne Anlass“ erschienenen ist. Zum anderen handelt es sich um eine genuin wissenschaftliche Publikation, von denen es im Verhältnis zur Bedeutung des Oktoberfests insgesamt eher wenige gibt. Zwar erscheinen regelmäßig Bände, dabei handelt es sich aber vorwiegend um Romane, Bilderbücher für Kinder oder populäre Sachbücher. Im Blickwinkel der interdisziplinären Forschung werden das Fest, seine Bedeutung für die Stadtgesellschaft und darüber hinaus reichende Effekte jenseits von Jahrestagen kaum tiefergehend thematisiert. Gleichzeitig ist das öffentliche Interesse über den akademischen Kontext hinaus anhaltend groß, verfolgt man etwa die internationale Medienberichterstattung zum Münchner Oktoberfest. Die Publikation von Stephanie Großmann trägt seit längerer Zeit wieder Substantielles zum Forschungsstand bei. Die letzten Bände sind fast ausnahmslos zur „Jubiläumswiesn 2010“ erschienen. In der Regel sind es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Kulturanthropologie und den Geschichtswissenschaften, die etwas dazu beitragen. Die im Band versammelten Autorinnen und Autoren kommen alle aus dem Bereich der Literatur- und Medienwissenschaft. Von den eingangs vorgestellten vier Referenzpunkten, die das Festgeschehen laut Herausgeberin in den Jahren 2020 bis 2022 geprägt haben, werden – wie ebenfalls eingeführt – insbesondere die Medialität und Textualität des Oktoberfests analytisch hinterfragt. Die einzelnen Aufsätze befassen sich aber nicht nur mit der Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit, sondern setzen in verschiedenen Epochen an, so dass die skizzierten Konstellationen die gewählten Beispiele nicht immer rahmen.

Stephanie Großmann diagnostiziert ihrerseits ein Forschungsdesiderat, nennt oder zitiert aber selbst weder die Kataloge, die zu den großen Jahrestagen erschienen sind, noch – in diesem Fall meine eigene – Forschung zur Wiesntracht oder eine andere Studie, die sich kulturwissenschaftlich oder historisch mit dem Geschehen vor Ort befasst. Zentral referenziert sie auf Gerda Möhlers Studie zur historischen Entwicklung des Festgeschehens. Um die zeitgenössischen Diskurse in ihrer Komplexität einfangen zu können, wäre es interessant gewesen, einige Autorinnen und Autoren aus anderen Disziplinen hinzuzugewinnen. Fruchtbar wäre sicherlich eine Kooperation mit der empirischen Kultur- oder Geschichtswissenschaft. Auf diese Weise hätte sich die Gleichzeitigkeit von medial wie textlich dominierenden Erscheinungsformen neben anderen Motiven noch prägnanter in das Buch einbinden lassen. Zur wiederholten Rede vom Oktoberfest als „Heterotopie“ und der analytischen Betonung von konstruierten Gegensätzen wie „eigen“ und „fremd“ würde eine kulturhistorische Einlassung zur Prozesshaftigkeit von Phänomenen stärker kontrastieren. Dass sich Diskurse verändern oder wie Werte und Normen diskursiv hergestellt werden, konnte man 2022 noch an zwei weiteren, ganz wesentlichen Debatten verfolgen, von denen aber nicht die Rede ist: Es geht um die Frage, ob der sexistische wie rassistische Nr. 1-Hit „Leyla“ gespielt werden muss, und den damit eng verknüpften Streit um die Kapelle Josef Menzel, die dem Festzelt „Zur Bräurosl“ zu mehr „Tradition“ verhelfen sollte und sich unter anderem geweigert hat, das genannte Lied zu spielen. Die Publikation ist insgesamt jedoch in vieler Hinsicht als gewichtiges Update in einem Forschungsfeld zu verstehen, das bis dato nicht durch wissenschaftliche Innovation aufgefallen ist. Insbesondere mit den letzten vier Beiträgen aber auch in Gänze wirft der Band zeitgenössische Schlaglichter auf Vergangenheit und Zukunft der musealen und/oder kulturwissenschaftlichen Analyse des Oktoberfests als „,besonderemʻ Kompensationsraum“, wie es auf dem Buchrücken heißt.