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Aktuelle Rezensionen


Hendrikje Carius/Guido Fackler (Hg.)

Exponat – Raum – Interaktion. Perspektiven für das Kuratieren digitaler Ausstellungen

(DH & CS – Schriften des Netzwerkes für digitale Geisteswissenschaften und Citizen Science 2; Würzburger museumswissenschaftliche Studien 2), Göttingen 2022, V & R unipress, 277 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8471-1258-7


Rezensiert von Esther Gajek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 17.08.2023

Digitale (oder auch virtuelle) Ausstellungen – darunter versteht man eine heterogene Form „kuratierter Präsentation von Exponaten, Sammlungen und Themen“ im World Wide Web, die „durch die begriffliche Referenz an die museale Ausstellungstradition einen bestimmten Erwartungshorizont erzeugt“ (13). Sie treten nicht in Konkurrenz zu analogen Ausstellungen, sondern ergänzen diese, indem sie „dauerhaft orts- und zeitunabhängige, multiperspektivische Zugänge zu Objekten [gewährleisten], Kontextualisierungen und Informationsvisualisierungen sowie globale, inter- und transdisziplinäre Vernetzungen von Inhalten, digitalisierten Exponaten und Dokumenten. Methoden und Ansätze etwa der Digital Humanities, Mixed Reality, Storytelling, Citizen Science oder Gamification können diese Möglichkeiten je nach Vermittlungsziel themen- und zielgruppenspezifisch entscheidend erweitern.“ (108)

Herausforderung und Chance dieses neuen Mediums gaben Anlass für eine Tagung zu digitalen Ausstellungen, die von Hendrikje Carius, der stellvertretenden Direktorin der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt, organisiert wurde und 2017 an der Universität Gotha stattfand. Hier wurde der Bedarf nach weiterem und fachübergreifendem Wissensaustausch deutlich, so dass für die nachfolgende Veranstaltung 2018 die Professur für Museologie der Universität Würzburg, geleitet von Guido Fackler, einbezogen wurde. Der vorliegende Sammelband, der angesichts der Diskussion um die Notwendigkeit von digitalen Formaten in allen Bereichen seit der Corona-Pandemie eine besondere Brisanz erhält, vereinigt mit 20 Aufsätzen die theoretischen wie praxisbezogenen Beiträge beider Tagungen und ergänzt sie um weitere. Aus der Fülle seien einige besonders relevante hervorgehoben.

Im ersten Teil des Bandes wird der Spagat zwischen „Standardisierung und Experiment“ aus der Sicht der Museologie, der Digital Humanities und der Evaluation beleuchtet. Zunächst führen Carius und Fackler grundsätzlich in das Thema ein, indem sie sich auf zahlreiche Belege aus europäischen Museen beziehen. Im Zentrum stehen „Formen, Diskurse, Herausforderungen und Chancen“ (15) eines relativ jungen Formates, das sich zwischen gewissen Standards und Neuartigem bewegt. Hier lassen sich Varianten identifizieren, die physische Ausstellungen ergänzen oder solche, die nur im digitalen Raum stattfinden, wie auch Ausstellungen, die von Fachleuten konzipiert oder vor allem von Laien selbst entwickelt werden. In jedem Falle liegt ein Konzept, das heißt eine Kuratierung vor. Digital zugängliche Objekte haben den Vorteil, durch die vorhandenen technologischen Möglichkeiten, zum Beispiel Rundumsichten, Details, Schnitte und auch Verlinkungen, mehr noch als die analogen Originale Informationen bereit stellen zu können. Je nach Interesse kann buchstäblich sehr tief in Objekte eingedrungen werden, was im physischen Objekt nicht der Fall ist. Ebenso ist die Tatsache hervorzuheben, dass digitale Ausstellungen rund um die Uhr geöffnet sowie kostenlos zugänglich sind und noch lange nach Ende der Ausstellungsfrist angeschaut werden können. Damit besitzen sie, so die Herausgerberin und der Herausgeber, „demokratisches Potenzial“ (24), das auch als nachhaltig bezeichnet werden kann, weil Wissensbestände auf diesem Wege für jeden/jede dauerhaft verfügbar bleiben und – mit relativ geringem Aufwand – immer wieder aktualisiert werden können. Auch ein Austausch mit anderen ist bereits über Avatare oder (Video-)Chats möglich, und mit dem Einsatz von Elementen aus Computerspielen werden, so Bastian Schlang, „selbstgesteuerte Lern- und Forschungsprozesse“ (35) aktiviert. Somit bilden digitale Ausstellungen, wie Carius und Fackler ihren Beitrag zusammenfassen, eine gelungene Ergänzung und sogar Alternative zu herkömmlichen Präsentationsformen.

Der Berliner Kunsthistoriker Michael Müller setzt an diesem Punkt noch einmal grundsätzlicher an und fragt, ob sich das Ganze lohne: „Warum sollte man diesen Aufwand überhaupt erbringen und lässt sich ein Mehrwert realisieren? Könnte das, was die physische Ausstellung ausmacht, was sie gegenüber dem begleitenden Ausstellungskatalog auszeichnet, überhaupt ins Digitale übertragen werden?“ (40) Anhand mehrerer Beispiele führt er vor, wie digitale Ausstellungen völlig anders gedacht werden müssen, denn „Digitalität entfaltet immer dort ihre disruptive Dynamik, wo sie neue Möglichkeiten eröffnet, wo das Digitale mehr ist als die Übertragung von etwas Analogen“, zum Beispiel als „sehr viel dynamischere, stärker vom spontanen Erlebnisinteresse der Nutzerinnen und Nutzer aus konzipierte Konstellation“ (41). Diese beiden ersten, grundsätzlichen Beiträge werden durch praktische ergänzt. Die Fachreferentin für Digital Humanities an der Landesbibliothek Jena, Swantje Dogunke, zeigt mit Tabellen den grundsätzlichen Mehrwert digitaler Ausstellungen, führt die verschiedenen Ebenen von Expertisen im Zusammenhang des Entstehens auf und modelliert einen idealen Projektverlauf. Hier wird sehr deutlich, welchen Aufwandes es bedarf, in diesem Präsentationsfeld professionell zu agieren.

Der zweite Teil des Buches widmet sich den schon vorhandenen (inter-)nationalen wie regionalen technischen Infrastrukturen, mit denen digitale Ausstellungen geplant, programmiert und präsentiert werden. Meist sind es größere Institutionen oder Forschungsverbünde, die diese entwickelt haben und kostenlos zur Verfügung stellen. Die Aufsätze fassen Erfahrungen zusammen, die mit Google Arts & Culture entwickelt wurden (Bayerische Staatsbibliothek), WissKI (Germanisches Nationalmuseum) oder eigenen Portalen mit spezifischer Software (DDBstudio der Deutsche Digitalen Bibliothek, bavarikon oder Digitales Ausstellungsportal Gotha). Derart generierte Ausstellungen begleiten oder ergänzen vorhandene Präsentationen und halten damit Inhalte langfristig verfügbar; manche werden auch als Digital-Only-Ausstellung geplant, weil sie auf diese Weise erzählerischer, interaktiver oder spielerischer argumentieren können als analoge Formen.

Auch die Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, Stephanie Jacobs, kommt in ihrem Beitrag auf Grundsätzliches zu sprechen: den hohen Personal- und Budgetaufwand für die digitale Variante zur neuen Dauerausstellung ihres Hauses, aber vor allem den „Spagat zwischen der Besinnung auf das museale, oft unikale Erbe auf der einen Seite und der Nutzung neuer Kanäle“ (123). Um diese „Herkules-Aufgabe“ (ebd.) zu meistern, bedürfe es hybrider Lösungen, das heißt einer engen Verzahnung und Ergänzung von analoger Ausstellung und digitaler Variante. Letztere firmiere aber mit eigenem Narrativ, als „Netz mit zahllosen thematischen Knoten“ (126) und sei eigenständig zu nutzen. Das einem modernen Verständnis von Wissensaneignung inhärente Konzept der multioptionalen Zugänge – im Gegensatz zu einer linearen Abfolge der Themen – herrsche bei der neuen Leipziger Dauerausstellung in der analogen wie in der digitalen Ausstellung, so dass die Unterschiede gar nicht so groß seien.

Sebastian Fischer vom Deutschen Optischen Museum in Jena betont, wie wichtig es sei, von Beginn eines Museumskonzeptes an, eine digitale Infrastruktur von der Inventarisation, dem (digitalen, 360 Grad-)Fotografieren, zur Depotverwaltung bis zur (virtuellen) Ausstellung systematisch zu denken, zu planen und vorzuhalten. Schnittstellenkompatibilität und das Ausspielen von Inhalten in verschiedene Infrastrukturen sind weitere Stichworte die fallen, um die Objekt-Datenbank vollständig in vielerlei Weise nutzen zu können.

Der dritte Teil des Bandes beschäftigt sich erstens mit der Aura, der Konstruktion einer spezifischen Objektidentität, wie sie im analogen wie im digitalen Raum inszeniert wird und zweitens mit dem Online-Publikum. Zwei Beiträge widmen sich dieser Gruppe, die noch kaum erforscht ist. Eine entsprechende DIN 31640 („Digital Audience Measurement in Archiven, Bibliotheken und Museen – Anforderungen an Messverfahren des Normausschusses Information und Dokumentation“) sei erst im Entstehen. Werner Schweibenz vom Dokumentationsverband der Staatlichen Museen Baden-Württemberg schlägt angesichts der enormen Heterogenität der Userinnen und User eine Klassifizierung in „Experten“, „Hobbynutzer“ und „Laien“ vor, die sich zum Beispiel in der Verschlagwortung von Objekten und weiterführenden Informationen zum Objekt und Verlinkungen mit anderen Beständen niederschlagen müsse.

Das letzte thematische Großkapitel ist den „innovativen Strategien und Vermittlungskonzepten“ vorbehalten. Mehrere Best-Practice-Beispiele digitaler Ausstellungen mit spezifischen Interaktionstechniken werden vorgestellt: dynamisch angelegte oder solche mit partizipativem (Virtual Reality), erzählerischem (Storytelling) oder spielerischem (Gamification) Schwerpunkt.

Im Schlusskapitel mahnt Guido Fackler an, mehr an aktuellen Museumsdiskursen und -entwicklungen auf die digitalen Ausstellungen zu übertragen. Das Objektverständnis in den digitalen Ausstellungen, das er als eher herkömmlich empfindet, sollte mehr an den gängigen Standards musealer Präsentation orientiert sein, also multiperspektivischer und auch Brechungen enthaltend und inszeniert. Der generelle Anspruch, den Museen heute hätten und der sich im Selbstbild als Ort der Aushandlung gesellschaftlicher Diskurse niederschlage, mit einem großen partizipativen Impetus, müsse auch in den digitalen Ausstellungen zu finden sein. Gleiches gelte für Selbstreflexion und Offenheit.

Der vorliegende Band hält eine große Bandbreite von „Perspektiven zum Kuratieren digitaler Ausstellungen“ bereit, sei es in der grundsätzlichen Thematisierung und Reflexion, sei es in der praktischen Umsetzung, im Vorstellen von Software, Plattformen wie in der Benennung von Ansprechpartnerinnen und -partnern. Er beeindruckt durch seine Interdisziplinarität (u. a. Bibliotheks-, Museums- oder Informationswissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Informatik, Kulturwissenschaft, Anthropologie); überzeugend sind ebenfalls die vielfältigen Formen der digitalen Ausstellung, die vorgestellt werden. So ist ein Standardwerk entstanden, das trotz weiterer technischer Entwicklungen Bestand haben wird.

Spätestens beim zufälligen Ansammeln individualisierter Erinnerungen und vor allem bei der Gamifizierung stellt sich die Frage nach Aufwand und Nutzen wie auch der Sinnhaftigkeit. Ist der Einsatz (ohnehin knapper) personaler und finanzieller Ressourcen gerechtfertigt, noch dazu, wenn die Verweilzeit im digitalen Raum weit kürzer als im physischen ist, keine Eintrittsgelder erhoben werden können wie auch der Kontakt zu den Userinnen und Usern schwer herzustellen ist? Müssen Museen jeden digitalen Trend mitmachen? Wo sind die Handlungsspielräume digitaler Ausstellungen zwischen technischer „Standardisierung und kuratorischer Freiheit“ (85), und wie vollzieht sich eine adäquate Besucherforschung. Aber das sind Fragen für eine nächste Tagung und Publikation.