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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Lukas Fehr/Reinhard Johler (Hg.)

Bioökonomie(n). Ethnografische Forschungszugänge und Felder

(Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen 126), Tübingen 2021, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 175 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-947227-08-2


Rezensiert von Alexandra Hammer
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 07.09.2023

Im Sommer 2019 widmete sich das Institutskolloquium des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft unter dem Titel „Bioökonomie – Die große gesellschaftliche Transformation?“ einem stark normativ aufgeladenen Konzept, das in politischen Strategiepapieren als Weg zu nachhaltigem Wirtschaften verhandelt wird. Ein Konzept, das jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungen und Deutungen zusammenfasst: „Es gibt viele Auffassungen davon, was Bioökonomie eigentlich ist“, betont schon der Klappentext des hier rezensierten Bandes „Bioökonomie(n). Ethnografische Forschungszugänge und Felder“, der aus Beiträgen dieses Kolloquiums erwachsen ist.

Ähnlich wie der Klappentext verzichtet auch die die Beiträge rahmende Einleitung Lukas Fehrs darauf, das titelgebende Konzept und seine Verwendung in diesem Band zu definieren. Da die einzelnen Beiträge den Zugang zu Bioökonomie je unterschiedlich lösen, dienen der Leserin an dieser Stelle politische Definitionen als Hilfestellung, um eine Vorstellung davon zu erlangen, welche Bestrebungen Bioökonomie umfassen kann: Bioökonomie verspricht eine von technologischen Innovationen geprägte Zukunft, in welcher fossile durch nachwachsende Rohstoffe substituiert werden. Das Paradigma zielt auf die kapitalistische Vereinnahmung biologischer Ressourcen und verspricht (den Erhalt von) Wohlstand durch Wachstum. Somit hat es sich in seiner gegenwärtigen Verwendung von seinen ursprünglichen wachstumskritischen Implikationen gelöst. Nicht nur angesichts dieser Bedeutungswandlung stellt Bioökonomie ein „Konstrukt [dar], das durch Zuschreibungen diskursiv hergestellt wird“ (16).

Die im Band versammelten Beiträge widmen sich nun je unterschiedlichen bioökonomischen Phänomenen und Feldern. Gekonnt und überzeugend veranschaulichen sie die Stärken ethnografischer Forschungen aus Empirischer Kulturwissenschaft (/Kulturanthropologie/Europäischer Ethnologie), Soziologie, Politikwissenschaft und Ethnologie in der Auseinandersetzung in diesem technologisch und ökonomisch gerahmten Forschungsfeld. Neben dem einleitenden Beitrag Fehrs versammelt der Band sechs weitere Aufsätze, welche vielfältige und eindrückliche Einblicke in gegenwärtige Praktiken und Diskurse rund um Bioökonomie eröffnen. Um dies zu illustrieren, müssen an dieser Stelle Einblicke in drei der Beiträge genügen. Jedoch sollen die übrigen drei hier nicht unerwähnt bleiben: Lars Winterberg widmet sich Bioökonomien und Politiken im Umgang mit Fleisch, Franziska Sperling zeichnet Konflikte in der Energieproduktion durch Biomasse nach und Marie-Helene Wichmann analysiert Stadtimkerei und gesellschaftliche Transformationen der Bioökonomie aus einer Multispecies-Perspektive.

Auf Basis seiner Forschungen zur Saatgutindustrie illustriert Veit Brauns Beitrag „die ambivalente Natur von Innovationen in der Bioökonomie“ (68). Er analysiert, wie Innovation konzeptualisiert wird und welche Rolle sie in der Inwertsetzung von Biologie in seinem Feld spielt. Hierzu nimmt er Innovationsrhetoriken und -praktiken gleichermaßen in den Blick. Braun zeichnet die wirtschaftliche und rechtliche Neuausrichtung nach, die die Saatgutindustrie mit Einführung des Patentrechts durchlaufen hat. Dieses basiert auf der individualistischen Vorstellung eines/einer menschlichen Erfinders beziehungsweise Erfinderin im einsamen Kämmerlein – einer Illusion, die verschleiert, wie viele Akteurinnen und Akteure in der Praxis stets gemeinsam an Innovationen arbeiten. Gerade die Pflanzenzucht macht nun deutlich, dass Innovationen nicht nur aus der Kooperation einer Vielzahl menschlicher Akteure erwachsen. Um anwendbar zu sein, muss das Patentrecht jedoch all die „Kreativität der nicht menschlichen Organismen und Prozesse, die ständig neue Mutationen, Moleküle und Stoffwechselpfade hervorbringen, ausblenden und den menschlichen Beitrag überhöhen“ (65). Einerseits stellt Braun fest, dass Pflanzenzüchtung die Grundsätze der Bioökonomie mustergültig zu verkörpern scheint. Aber „gerade, weil die Pflanzenzüchtung sich biologische Prozesse aktiv zu eigen macht, läuft sie den impliziten Annahmen der Bioökonomie-Strategien zuwider“ (56). Brauns Analyse befragt gegenwärtige Innovationsrhetoriken kritisch auf die Ausschlüsse, die sie produziert. Oft werden hierunter nur bestimmte Arten technologischer Neuerungen verstanden. Allerdings stellen Neuerungen immer auch Errungenschaften zur Disposition, die mit ihnen inkompatibel sind, diese müssen deshalb jedoch nicht schlechter sein. Braun gelingt es nicht nur, die Widersprüchlichkeit dessen aufzuzeigen, was im politischen Diskurs unter dem Begriff der Bioökonomie zusammengefasst wird, er illustriert auch hervorragend die Notwendigkeit sozial- und kulturwissenschaftlicher qualitativ-empirischer Perspektiven auf biotechnologische Phänomene insgesamt.

Sarah May analysiert die politische Förderung und lokale Umsetzung von Bioökonomie am Beispiel des Bauens mit Holz in Baden-Württemberg. Ihren Zugang konzeptualisiert sie als kontextuelle Sachkulturforschung, welche sich durch den Fokus auf die Materialisierungen dieser Policies auszeichnet. Auf diese Weise geraten die Holzbauten in Beziehung zu ihren Nutzungs- und Deutungsformen in den Blick, ohne ihre Materialität zu vernachlässigen. In Mays Analyse fungieren mit (Hoch-)Häusern aus Holz „greifbare materielle Spuren im physischen Raum als Zugang zu unterschwelligen schwer fassbaren politischen Rationalitäten, Regierungslogiken und Machtrelationen“ (85). Unter Rückgriff auf die qualitative Dinganalyse gelingt es ihr, entlang der Kategorien Gestalt, Stoff, Kontext und Funktion von Holzbau(ten) die lokalen Handlungszusammenhänge und Aushandlungsprozesse sichtbar zu machen, in denen sich bioökonomische Bestrebungen entfalten. May entwirft eine Kulturanalyse der Bioökonomie als empirisch argumentierende Policy-Analyse: Diese setzt „politische Initiativen mit konkreten Inhalten und Begründungsmustern sowie Personen, Normen, Materialitäten und Infrastrukturen in Beziehung“ (81) und erfasst in diesen Feldern dominante Logiken, indem sie institutionelle und individuelle Deutungen dekonstruiert. Dieser Fokus auf Policies vermag aufzuzeigen, wie diese stets einige Zukunftskonzeptionen, Praktiken oder Materialitäten auf Kosten anderer favorisieren. Policies begründen (institutionelle) Zusammenschlüsse und Strukturen und „werden als Spuren im (öffentlichen) zu Raum sichtbar“ (100). Was May auf diese Weise jedoch auch aufzeigen kann, ist, dass bioökonomisches Bauen zwar politisch konzipiert wird, die Realisation aber primär innerhalb interaktiver Konstellationen stattfindet, nicht nur auf der Ebene elitärer Machtapparate. Ihre Analyse vermag „die Handlungsmacht von Personen, Materialien, Bauten, Kontexten und Programmen in dynamischen Deutungs- und Aushandlungsverfahren“ anschaulich nachzuzeichnen (101).

Ausgehend von der Feststellung, dass mit technologischen Innovationen verbundene gesellschaftliche Strukturen innerhalb der Vision bioökonomischer Energieerzeugung bislang kaum diskutiert werden, widmet sich Rosa Lehmann den Ein- und Ausschlüssen der Bioenergie-Förderpolitik. Ihre Perspektive auf Machtrelationen und Ungleichheiten interessiert sich für die Rolle der Interessen von Bürgerinnen und Bürgern und Nichtregierungsorganisationen innerhalb der Deutschen Bioökonomiestrategie. Lehmann konzipiert Energiesysteme als „socio-energy-systems“, „die nicht nur Technologie und Rohstoffe umfassen, sondern auch menschliche Arbeit, wirtschaftliche Investitionen, Institutionen, Normen, Narrative und Machtverhältnisse zwischen sozialen Gruppen“ (109). In erster Linie auf Basis ihrer Analyse grauer Literatur – Positionspapiere, Pressemitteilungen, Protokolle, Webseiten oder Strategiepapiere – zeichnet sie nach, wie und inwiefern Bioenergie in der Bioökonomiestrategie mit Wissensproduktion verbunden ist und wessen Wissen hier Unterstützung erfährt. Dieses Energiewissen rahmt sie theoretisch unter Bezugnahme auf „energy epistemics“, welche sie gemeinsam mit Energieinfrastrukturen und Energiegerechtigkeit in den Blick nimmt. Das Beispiel der Bioenergie verdeutlicht dann, wie gesellschaftliche Machtrelationen Forschungsprioritäten prägen und Wissensproduktion zunehmend auf dem Wissen und den Interessen privilegierter Gruppen basiert. So kann ihre Analyse zeigen, dass „Praktiker*innen aus dem Bioenergiesektor bestenfalls ein vages Verständnis der von der Bundesregierung vorangetriebenen Bioökonomie haben“ (122), während Wissen und Erfahrungen aus dezentralisierten, zivilgesellschaftlichen Bioenergiekooperativen oder Nichtregierungsorganisationen bisher kaum in die Bioökonomiestrategie einbezogen werden. Und das, obwohl sich hier Expertisen finden, die wegweisend sein können für eine Entwicklung hin zu dezentralisierten, demokratischen Energiesystemen.

Lehmanns Ziel ist es explizit, „die Perspektiven der sozialen Dimension der Bioenergie in zukünftigen socio-energy systems sowie der Bioökonomie zu bewerten“ (122). In ihrem Beitrag illustriert sie – wie dieser Band insgesamt – überzeugend das Potenzial einer gegenüber Phänomenen, Krisen und Fragen der Gegenwart Stellung beziehenden Empirischen Kulturwissenschaft – sei es in der Auseinandersetzung mit Fleischerzeugung, Patentrecht und Samenzucht, Holzbau, Bioenergie oder Imkerei. Die hier versammelten Beiträge verdeutlichen exemplarisch, wie eine gelungene Fusion von ergebnisoffener kultur- und sozialwissenschaftlicher Forschung mit bewusstem Position-Beziehen zu drängenden (gesellschaftlichen) Fragen aussehen kann. Dies tun sie in der Auseinandersetzung mit Phänomen der Bioökonomie, ein Konzept, das die Autorinnen und Autoren auch als analytische Kategorie schärfen, ohne dabei die politischen und gesellschaftlichen Implikationen und Probleme des Begriffs zu ignorieren.