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Tuuli Lähdesmäki/Viktorija L. A. Čeginskas/Sigrid Kaasik-Krogerus/Katja Mäkinen/Johanna Turunen

Creating and Governing Cultural Heritage in the European Union. The European Heritage Label

(Critical Heritages of Europe), London/New York 2020, Routledge, XIV, 284 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-0-367-14835-5


Rezensiert von Arnika Peselmann
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 07.09.2023

Die vorliegende Monografie von Tuuli Lähdesmäki, Viktorija L.A. Čeginskas, Sigrid Kaasik-Krogerus, Katja Mäkinen und Johanna Turunen ist das zentrale Ergebnis ihres vom European Research Council finanzierten und an der finnischen Universität Jyväskylä durchgeführten Forschungsprojektes „EUROHERIT – Legitimation of European Cultural Heritage and the Dynamics of Identity Politics in the EU“ (2015–2020). Folglich wird in ihrer Studie europäisches Kulturerbe mit der EU als Bezugsrahmen gedacht und die EU als Kulturerbeakteurin beforscht. Dabei verorten die Autorinnen ihre Untersuchung im Feld der Kritischen Kulturerbeforschung, die Kulturerbe als grundsätzlich politisches Phänomen beschreibt, das „unterschiedliche Ebenen und Ausdrucksweisen einschließt, die in einen sozialen, räumlichen, zeitlichen, diskursiven, narrativen und inkorporierten Prozess eingebunden sind“ (20). Die Forscherinnen interessiert daher, wie Kulturerbe unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren als Instrument zur Re-Imagination von Gemeinschaft, Identität aber auch von Grenzen dient und wie es Vorstellungen von Inklusion als auch Exklusion in Europa generiert. Dabei verstehen sie ihre Forschung sowohl als eine „ethnography of European cultural heritage“ als auch als eine „ethnography of Europeanization“, in dem sie sich nicht nur auf Erbestätten in beziehungsweise von Europa konzentrieren, sondern auch darauf, wie die Idee von Europa als fortlaufender Prozess und Narrativ bei unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren auf verschiedenen Ebenen ausgehandelt und gelenkt wird (15).

Dieses Erkenntnisziel verfolgen sie, in dem sie die Praktiken und Diskurse im Umgang mit dem European Heritage Label (EHL) untersuchen. Das Europäische Kulturerbesiegel wurde erstmalig 2013 an Stätten vergeben, die „aufgrund ihres symbolischen Wertes, ihrer Rolle in der europäischen Geschichte und ihrer Aktivitäten ausgewählt“ wurden und „die Europäische Union und ihre Bürgerinnen und Bürger einander näher [bringen]“ sollen (vgl. https://culture.ec.europa.eu/de/cultural-heritage/initiatives-and-success-stories/european-heritage-label). Neben ökonomischen und edukativen Zielstellungen beschreiben die Autorinnen eine Politik der Zugehörigkeit (politics of belonging) als das zentrale Anliegen der EHL-Initiative, wobei sie das Gefühl der Zugehörigkeit und Politiken der Zugehörigkeit als unvermeidlich miteinander verbunden betrachten (20).

Auf Basis ihrer Daten haben sie vier zentrale Themenfelder herausgearbeitet, die sich auch in der Gliederung des Buches widerspiegeln: „Governing Europe“, „Geo-graphing Europe“, „Engaging Europe“, „Embodying Europe“. Zur Analyse ihrer Daten nehmen sie in den insgesamt neun Unterkapiteln unter anderem Bezug auf Theorien und Konzepte einer Mehrebenen- und partizipativen Governance, des partizipativen Turns in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie auf Ansätze der Affekttheorie und den Gender Studies.

Das Datenmaterial wurde vor allem mittels ethnografischer Methoden erhoben beziehungsweise besteht aus einer umfangreichen Sammlung von EU-Dokumenten, die in erster Linie das EHL betreffen. Die Feldforschung fand in zehn europäischen Ländern innerhalb von sechs Monaten in den Jahren 2017/18 statt. Neben Interviews mit EU-Offiziellen in Brüssel wurde mit Menschen aus der Kulturerbepraxis sowie Besucherinnen und Besuchern von elf mit dem Europäischen Kulturerbesiegel ausgezeichneten Stätten gesprochen. Zu den Stätten gehörten unter anderem das Hambacher Schloss als Zeichen der Demokratiebewegung, das Geburtshaus des früheren italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi, einer der Gründungsväter der EU, sowie die Danziger Schiffswerft als Gründungsort der Gewerkschaft Solidarność. Als besonders relevant für den Forschungsprozess unterstreichen die Autorinnen die Zusammenarbeit innerhalb der interdisziplinären Projektgruppe mit Forschenden aus den Sozial- und Politikwissenschaften ebenso wie aus den Geisteswissenschaften.

Im ersten Teil zu „Governing Europe“ nehmen die Autorinnen den Umgang mit dem Europäischen Kulturerbesiegel mithilfe des Ansatzes einer partizipativen Mehrebenengovernance in den Blick. Anhand von Interviewmaterial können sie aufzeigen, dass auch in partizipativ angelegten top-down Prozessen eine „Selbst-Europäisierung“ stattfindet, bei der auf den offiziellen „EU-AHD“ Rekurs genommen wird. Der Terminus EU-AHD ist eine Spezifizierung des von Laurajane Smith geprägten Begriffs des „Authorized Heritage Discourse“ (AHD), der für ein hegemoniales, vor allem von Expertinnen und Experten bestimmtes Verständnis von Kulturerbe steht und betont, dass „European cultural heritage is a matter of substance – not of opinion or viewpoint“ (40).

Ihre geopolitische Analyse des Europäischen Kulturerbesiegels legen die Autorinnen im zweiten Teil des Buches „Geo-graphing Europe“ dar. Sie zeigen darin zum einen, auf welche räumlichen Imaginationen und Grenzziehungen – nationale und EU-Grenzen, aber auch EU-Gründungsstaaten in Abgrenzung zu jüngeren Mitgliedsstaaten – bei der narrativen Verortung einer EHL-Stätte Bezug genommen wird. Zum anderen formulieren sie drei, sich in der Praxis vermischende Subjektpositionen, mit denen sich der alltägliche Umgang von Praktikerinnen und Praktikern mit dem Europäischen Kulturerbesiegel erklären lässt: EHL participant, EHL observer, EHL creator (84). Diese Positionen reproduzieren skalare Hierarchien (lokal, national oder transnational), unterlaufen sie aber auch.

Die Versuche von EHL-Stätten, heterogene Gruppen an der Wissensproduktion und dem Umgang mit einer Stätte teilhaben zu lassen und so das Entstehen einer möglichst diversen Kulturerbe-Gemeinschaft (heritage community) zu befördern, wird im dritten Teil „Engaging Europe“ untersucht. Welche Kulturerbe-Gemeinschaften sich mit Bezug auf eine EHL-Stätte herausbilden beziehungsweise gestärkt werden, befragen die Autorinnen 1) mit Bezug auf die lokale Gemeinschaft, in der sich eine EHL-Stätte befindet, 2) in Bezug auf die Konstruktion einer europäischen Gemeinschaft und 3) in Bezug auf die Rolle von Affekten und Emotionen, die bei der Herausbildung von Gemeinschaften relevant sind. Sie führen dabei auch das Konzept des „poly-space“ (160) ein.

Dieses nutzen sie im vierten und letzten Teil „Embodying Europe“, um zu erklären, welche räumlichen, zeitlichen und affektiven Erfahrungen der physische Ort einer Kulturerbestätte bei Besucherinnen und Besuchern ebenso wie bei den Forscherinnen selbst hervorrufen. Mit einem Fokus auf das Empathieempfinden von Besuchenden fragen sie unter anderem, welches normative Verständnis von „Europäischsein“ die Körper-Darstellungen in EHL-Stätten transportieren. Schließlich legen sie mithilfe eines intersektionalen Ansatzes die Voreingenommenheit des EUropäischen Kulturerbediskurses in Bezug auf Gender, „ethnitcity“ und „race“ offen und beklagen eine noch unzureichende Geschlechtergerechtigkeit als auch die „Whiteness of EUropean Heritage“ (226).

Auf einer ausgesprochen dichten und vielfältigen Datenbasis haben die Autorinnen eine beeindruckende Studie zum Europäischen Kulturerbesiegel und zugleich zum Narrativ von EUropa vorgelegt. Dabei haben sie untersucht, wie europäisches Kulturerbe auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Akteurskonstellationen gemacht, gesteuert und kommuniziert, aber auch angeeignet und ausgehandelt wird. Mithilfe ihres machtsensiblen Ansatzes zeigen sie, wie Bemühungen um ein Aushebeln von Exklusionsmechanismen und eine Stärkung von Inklusion und Diversität durch die Beharrlichkeit dominanter Kulturerbediskurse und eingeübter top-down Prozesse immer wieder herausgefordert wird. Im Schlusskapitel „Conclusion. Narrating Europe“ werden in Bezug auf das EHL konkrete Forderungen formuliert: Anstatt kulturellen Abstammungslinien nachzuspüren, sollte durch eine transkulturelle Konzeption von europäischem Kulturerbe Sensibilität für koloniales Erbe, die historische und gegenwärtige Bedeutung muslimischer Einflüsse und soziale (Un)Gerechtigkeit geschaffen werden (250), um somit der Realität postmigrantischer Gesellschaften besser gerecht zu werden. Dazu hat das EHL in seiner bisherigen Anlage noch zu wenig beizutragen.

Neben seinen inhaltlichen Stärken ist auch die Lesefreundlichkeit des Buches positiv zu bewerten. Dazu tragen vor allem die über die Kapitel verteilten neun Informationsboxen bei, in denen die Autorinnen komprimiert Begriffe oder Sachverhalte wie „EHL logo and slogans“ (66) oder „Intercultural dialogue in the EHL“ (124) erläutern. In dem umfangreichen Anhang mit detailliertem Index wurden zudem die standardisierten Interviewfragen abgedruckt. Angesichts dieser Transparenz ist es jedoch ein wenig bedauerlich, dass die Autorinnen als individuelle Forscherinnenpersönlichkeiten mit unterschiedlichen disziplinären und biografischen Hintergründen in ihrem Wirken im Forschungsfeld unsichtbar bleiben. So werden zwar, im Sinne einer methodischen Reflexion, Momente etwa der Verwunderung oder Irritation im Feldforschungskontext offengelegt, diese werden aber lediglich unbenannten „project researchers“ (167) zugeschrieben. Zur besseren Einordnung des situativ gewonnen ethnografischen Datenmaterials als auch um die Besonderheiten der kollaborativen Forschung darzulegen, wäre es zu begrüßen gewesen, noch mehr über die konkreten Forschungssituationen und die Positionierung der Forscherinnen im Feld zu erfahren. Nichtsdestotrotz ist das Buch gleichermaßen einer wissenschaftlichen Leserschaft wie Praktikerinnen und Praktikern und nicht zuletzt Verantwortlichen auf EU-Ebene nachdrücklich zu empfehlen.