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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Thekla Weissengruber/Alfred Weidinger (Hg.)

Dirndl. Tradition goes Fashion. Katalog zur Ausstellung im Marmorschlössl in Bad Ischl vom 19. Juni 2021 bis 30. Oktober 2022

Linz 2021, Oberösterreichische Landeskultur GmbH, 335 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-85474-369-9


Rezensiert von Florian Schwemin
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2023

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um den Begleitband zu der gleichnamigen Ausstellung, die in den Jahren 2021 und 2022 im Marmorschlössl in Bad Ischl gezeigt wurde. Die Kuratorin der Ausstellung Thekla Weissengruber ist gleichzeitig die Herausgeberin des Buches und steuerte ein Vorwort und die meisten Beiträge bei. In der Publikation wird das Kleidungsstück Dirndl, wie der Titel schon andeutet, aus einem volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Blickwinkel und einem, der aus dem Bereich der Modepraxis kommt, betrachtet. Diese Perspektiven liegen vermeintlich recht weit auseinander, der eine eher historisch-kritisch, der andere mit einem starken Zug in die Zukunft. Doch die Öffnung des Blicks, dieser Austausch, tut beiden Seiten gut, wie man am Ende der Lektüre feststellen kann.

Besonders deutlich wird die Juxtaposition der Blickwinkel dann, wenn es um die Macherinnen und Macher der Dirndl geht. In der klassisch volkskundlichen Betrachtung steht Kleidung tendenziell eher als Medium des Ausdrucks von Zugehörigkeit beispielsweise zu einer Gruppe oder Region im Fokus, als Trägerin kollektiver Zeichen, während es im Bereich des Modedesigns um die Designerinnen und Designer als Individuen geht, die hier kreativ schaffend tätig sind, also um eine „Individualisierung“ des Dirndls. Das wird auch dadurch unterstrichen, dass die Ausstellung anlässlich des 80. Geburtstages von Vivienne Westwood gezeigt wurde und sich als „Tribut an Vivienne Westwood […], als Verneigung vor einem Kleidungsstück, das sich schon über 170 Jahre mit nur wenigen Veränderungen halten konnte, das ausnahmsweise von einfachen Damen auf dem Land entwickelt wurde und überlieferte Kleiderbegrenzungen aufsprengte, sich von politischen Umklammerungen befreite und letztlich für viele gerade im Sommer einfach nur fesch ist“ (6).

Das Buch selbst ist auch einfach fesch, hochwertig produziert und präsentiert sich in einem grün und hellblau bedruckten Leineneinband mit floralem Muster, der ganz sicher aus dem Regal heraussticht. Hochwertig ist aber auch der Inhalt. Reich aber sinnvoll bebildert befassen sich die ersten beiden Aufsätze von Thekla Weissengruber (Wann ist Dirndl?) und Simone Egger (Das Dirndl. Lebensgefühl und Kleid der Moderne) mit dem Gegenstand vor allem in seiner historischen und räumlichen Dimension, wobei der Fokus naturgemäß stark auf die Entwicklung in Österreich gelegt wird. Man merkt den Beiträgen an, dass hinter jedem angerissenen Aspekt von den produktionstechnischen Vorbedingungen der Rohstoffe zur Rezeptionsgeschichte im In- und Ausland noch Potential für seitenlange Ausführungen steht, das hier nicht weiter ausgebreitet werden kann. Gerade das macht sie aber zu hervorragenden Einführungsartikeln, die eine gute Balance zwischen breitgefächertem Überblick und punktuellen Tiefenbohrungen halten. Ein Kleinod steckt im Detail: So begibt sich Weissengruber im Kapitel „Wann ist Dirndl?“ im Abschnitt „Kuriosita“ auf Spurensuche nach dem Ursprung der allgegenwärtigen „Regeln“ zur Position des Schürzenknotens. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Simone Eggers Einschätzung, dass nicht jede Dirndlträgerin in ihrem Kleidungsstück eine moderne Ikone für die Vielheit der Lebenswelten und Entwürfe (38) sehen wird, kann nur zugestimmt werden, die angeführten Beispiele zeigen aber, dass Dirndl eben genau das auch sein kann.

Abschnitt zwei rückt den Begriff „Tradition“ ins Zentrum und geht ganz besonders auf die Frage des Verhältnisses von Tracht und Dirndl ein. Im Beitrag „Nach Recht und Gesetz. Uniforme Dirndl und Trachten“ zeichnet die Herausgeberin nachvollziehbar, sinnvoll reduziert und dicht belegt eine Geschichte der reglementierten Kleidung nach, von Kleiderordnungen über Nationaltrachten, von Trachtenvereinen bis zur Trachtenerneuerung, der mit Abstand der größte Raum gegeben wird. Sie definiert hier noch einmal ganz genau, was sie unter Trachten versteht. Diese hatten als regionalspezifische Kleiderformen (46) lediglich in einem kleinem geschichtlichen Zeitfenster nach dem Ende der Kleiderordnungen etwa von 1780 bis 1850 eine eigenständige Entwicklung, bevor sich die ländliche Kleidung der städtischen anglich. Zeitgleich aber entdeckten Romantiker und Nationalisten die Tracht und machten sie zum Vehikel ihrer Ideen und so entwickelte sich aus verschiedenen, meist politischen Motivationen heraus die Trachtenpflege, die eine Reihe von Reglementierungen mit sich brachte. Die provokante Frage, ob es Dirndlmode oder Tracht heute ohne diese Reglementierungen noch gäbe, ist berechtigt.

Ein Interview mit der Volkskundlerin Gexi Tostmann, die gleichzeitig Senior-Chefin des Familienunternehmens „Tostmann Trachten“ ist, das 1949 als Dirndlschneiderei begann, rundet das Kapitel ab. Ihre Einschätzungen über die Zukunft des Dirndls oder den Einfluss des Adels auf die Entwicklung und Wertschätzung der Tracht ist eine gut informierte „Plauderei“, die mit Gewinn gelesen werden kann, eigentlich aber noch einige Spalten mehr vertragen hätte, in denen die Interviewte die Gedanken zum Dirndl „als Attribut der Spaßgesellschaft […] im Einsatz für Klimaschutz, Konsumverweigerung und Nachhaltigkeit“ sowie Feminismus (70) noch weiter ausführen hätte können.

Der kurze Exkurs zu den Lanz-Dirndln fällt gegen den Rest der Publikation deutlich ab und wirkt beinahe wie ein Werbeblock. Ein kluger Einfall ist es, an die Schnittstelle zwischen die Kapitel Tradition und Fashion Friedrich Theodor Vischers Aufsatz „Mode und Cynismus“ aus dem Jahr 1879 zu stellen. Dadurch wird deutlich, dass die Tradition der Fashion im Fall des Dirndls nahezu so weit zurückreicht wie die der Tradition.

Der „Fashionblock“ startet mit einem unterhaltsam geschriebenen umfangreichen Aufsatz der Modejournalistin Brigitte R. Winkler, in dem sie den Umgang der Haute Couture mit Tracht im Allgemeinen und dem Dirndl im Speziellen schildert. Wer mit dieser Welt bisher wenig Berührungspunkte hatte, wird sich hier etwas schwertun, die offensichtlich vorhandene Dramatik nachzuvollziehen. Es fallen viele Namen, von denen einige – wie Wolfgang Joop – dem Laien vertraut sind, während andere wohl nur „bekennenden Fashionistas“ – so Brigitte Winklers Selbstbeschreibung auf ihrer Website – kennen dürften. Dennoch öffnet der großflächige Überblick vielfältige Ansatzpunkte für weitere Recherchen und zeigt, wie heterogen die Rezeption und Adaption des Dirndls in der Haute Couture verhandelt wird.

Die Kurztexte „Sister of Fashion“ von Susanne Bisovsky und „scheinTracht“ von Katharina Klaczak sind von zwei österreichischen Modedesignerinnen geschrieben, die ihren biografischen und beruflichen Zugang zu Tracht und Dirndl schildern. Die Herausgeberin selbst ordnet dazu zwei weitere Aspekte aktueller Beschäftigung mit Tracht und Dirndl (wie man merkt wird hier trotz aller Bemühungen nicht immer trennscharf agiert, das kann und muss auch gar nicht sein, spiegelt das doch die Interpretation und Praxis der Akteure wider) näher ein. So geht sie zum einen auf das Wirken Andreas Kronthalers, dem österreichischen Gatten von Vivienne Westwood, und dessen Herangehensweise an das Thema ein und zeigt  Beispiele für die Rezeption der Kaiserin Sisi (wie könnte es anders sein in Bad Ischl), die selbst wohl nachweislich weder Dirndl noch Tracht getragen hat, im Dirndldesign und der Werbung.

Dieser Abschnitt des Buches kann – zumindest für volkskundliche Forschende im Bereich regionaler vestimentärer Kulturen – als eine Form der Sondierung, des Fühlerausstreckens in neue Gefilde gesehen werden, in der kulturwissenschaftliche Forschung durchaus rezipiert wird, aber die Seite der Volkskunde im Zusammenhang mit Tracht relativ unterbelichtet bleibt. Der erste Impuls nach der ersten halben Seite der Texte war, die reich bebilderten Seiten eher kursorisch durchzublättern, da sie auf den ersten Blick nur wenig Anknüpfungspunkte – vom Vokabular bis zur Intention des Textes – zu bieten schienen. Es lohnt sich aber doch, die Beiträge in voller Länge zu erfassen, sind hier doch Prozesse abgebildet und teilweise von den Akteurinnen und Akteuren selbst über biografische Schnipsel eingeordnet, an denen sich schon beim Lesen Fragestellungen entspinnen, die man gerne weiterverfolgen würde.

Der Katalogteil selbst ist optisch mit ganzseitigen äußerst plastischen Fotografien von auf Gliederpuppen drapierten Kleidungsstücken vor schwarzem Hintergrund mehr als gelungen und zeigt etwa 40 Einzelaufnahmen sowie acht Totalen der Ausstellungsräume. Die abgebildeten Dirndl sind gruppiert nach den Themen „Frühe Dirndl“, „Fashion trifft Dirndl“ mit den Untergruppen „Susanne Bisovsky“, „Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood“ und „Lola Paltinger“. Die Themen „Das genormte Dirndl“, „Wirtschaftsfaktor Dirndl“, „Das modische Dirndl“ und „Dirndl selbstgemacht“, „Die künstlerische Auseinandersetzung“ und die „Entwicklungsstufen des Dirndls“ schließen diesen Teil ab.

Hervorzuheben ist außerdem, dass auf den Seiten 242–313 alle Aufsätze in voller Länge auf Englisch zu finden sind. Auch das Glossar ist vorbildlich, knapp aber präzise und dadurch hilfreich. Unterm Strich: Die bestmögliche Art, eine Sonderausstellung in einen Katalog zu gießen. Der Rezensent zumindest bereut es sehr, die Ausstellung nicht besucht zu haben, ist aber umso dankbarer für die Publikation, die einen guten Eindruck von der Ausstellung vermittelt und die Objekte sichtbar macht, viel wichtiger aber einen tiefen Einblick in die im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung angesammelte Expertise sowie Erhebungen und Ergebnisse gibt.